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Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921 - Kapitel 255
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band 1: 1911 - 1921
publisherRowohlt
seriesCarl von Ossietzky - ämtliche Schriften
volumeBand 1: 1911 - 1921
isbn3498050192
editorMathias Bertram, Ute Maack, Christoph Schottes
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firstpub1911 - 1921
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255

Franken und die bayerische Krise
Die Wahrheit über die Separationsbestrebungen

(Von unserem Sonderberichterstatter)
Nürnberg, 23. September.

Der endgültige Verzicht des Herrn v. Kahr und der Austritt der Bayerischen Mittelpartei (Gemengsel von Deutschnationalen und Deutscher Volkspartei) aus der regierenden Koalition wird von den entschieden republikanischen Kreisen Frankens als wesentliche Entspannung angesehen. Ich hatte Gelegenheit, mit führenden Persönlichkeiten der Linksparteien zu sprechen und brachte insbesondere die Rede auf die sogenannten » Separationsbestrebungen« in Franken. Die Verurteilung des unabhängigen Abgeordneten Fischer wird allgemein mißbilligt, da der § 18 der Reichsverfassung solche Bestrebungen, wenn sie eben den gesetzlichen Weg innehalten, durchaus legalisiert. Und der Abgeordnete Fischer hat jedenfalls nicht für Methoden plädiert, die außerhalb der Verfassung liegen.

Von demokratischer Seite wurde das Urteil als eine Justizschande und als Abgangseffekt des Regimes Roth bezeichnet.

Es ist ein Irrtum, wenn in Berlin häufig in der Presse behauptet wurde, es hätten einzelne radikalsozialistische Agitatoren mit dem Separationsgedanken gespielt. Richtig ist, daß die Sozialdemokraten beider Richtungen erklärt haben, daß die Republik Franken als politisches Problem akut werde, wenn nicht endlich der südbayerische Kahr-Kurs, in dem nicht nur reaktionäre, sondern auch offensichtlich reichsfeindliche Elemente enthalten waren, ein Ende nähme. Eine Abtrennung Frankens von Gesamtbayern hält jedermann für einen folgenschweren und an sich nicht begrüßenswerten Schritt, aber als eine im Notfalle unbedingt erforderliche Abwehraktion. Nicht nur bei den Sozialisten, sondern, wie ich mich persönlich überzeugen konnte, auch in weitesten bürgerlichen Kreisen, bei den Demokraten, der Bayerischen Volkspartei und selbst der Deutschen Volkspartei teilt man die Überzeugung, daß man auf verfassungsmäßigem Wege zu einem selbständigen Franken kommen müsse, in dem Augenblick, wo eine Münchener Regierung die Reichseinheit gefährde. Die Reichstreue ist das eine alles beherrschende Gefühl bei den Links- und Mittelparteien Frankens, und selbst die konservativeren Elemente der letzteren sind im Falle der Not zu einer radikalen Lossagung von Bayern entschlossen.

– Im übrigen sieht man in diesem Augenblick die Gefahr als behoben an.

Man erwartet eine neue und liberalere Richtung in München und hält die Absägung des Herrn Pöhner für selbstverständlich.

Auch die Sozialdemokratie ist zurzeit für gedämpftere Tonart. Sie verkennt nicht die ungewöhnlich schwierige Lage der Bayerischen Volkspartei, die durch ihr Abrücken von Kahr etliches von ihren Mannschaftsbeständen an die Mittelpartei abgeben mußte und deshalb eine gewisse Schonzeit braucht zur Beruhigung der Aufgeregten in ihren Reihen. Die Demokraten Frankens haben das Trifolium Kahr-Roth-Pöhner unerbittlich bekämpft und im allgemeinen eine weit schärfere Tonart geführt als ihre Parteigenossen in Südbayern. Sie führen es darauf zurück, daß auf den gesamten Linksparteien in München der Druck eines ungeheuerlichen Terrors lagerte, der freie politische Betätigung und freies Reden einfach unmöglich machte. Mit Bitterkeit wird allerdings davon gesprochen, daß einzelne demokratische Persönlichkeiten in München allerdings mit Bewußtheit reaktionär orientiert waren und dadurch die Situation oft genug erschwert haben. So waren die freiheitlichen und entschieden republikanischen Elemente der Partei oft genug eingekeilt zwischen den nationalistischen Treibereien der Rechten und den unzuverlässigen Elementen der eigenen Partei, in ihrer Bewegungsfreiheit also stark behindert, mehr auf Diplomatie angewiesen als auf Aktion und verurteilt zu einer diffizilen Vermittlerrolle, die von keiner Seite Dank einbrachte und die Partei als Ganzes einer oft schiefen Beurteilung aussetzte.

Berliner Volks-Zeitung, 23. September 1921

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