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Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921 - Kapitel 245
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band 1: 1911 - 1921
publisherRowohlt
seriesCarl von Ossietzky - ämtliche Schriften
volumeBand 1: 1911 - 1921
isbn3498050192
editorMathias Bertram, Ute Maack, Christoph Schottes
year
firstpub1911 - 1921
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245

Die Sphinx

Dr. Julius Bab, der bekannte Theaterkritiker und ausgezeichnete dramaturgische Schriftsteller, ist das bedauernswerte Opfer eines neudeutschen Unglücksfalles geworden: man hat ihn nämlich mit seinem gesamten Haushalt aufs Pflaster gesetzt. Nun klagt der Arme in einer Zuschrift an die Presse sein Leid und stellt fest, daß das schöne Wort »Mieterschutz« nicht mehr sei als eine Chimäre, denn er wohnte in diesem Hause volle elf Jahre, und das sollte eigentlich genügen, um ein Anrecht auf die eigene Wohnung, wenigstens einigermaßen, zu sichern.

Wäre der Charakter des Herrn Dr. Bab nicht durch eine jahrelange Tätigkeit über allen Zweifel erhaben, dieser Fall hier wäre eine Feuerprobe. Denn ein Mensch, dem dergleichen heute noch passieren kann, muß von einer Anständigkeit sein, wie sie nicht leicht zu überbieten ist.

Solche Menschen sind die geeigneten Objekte für die administrativen Fähigkeiten der Wohnungsämter. Es fliegt eben nur hinaus, wer hilflos ist oder Gewissensbedenken trägt, seine Waffen zu gebrauchen. Über den Fall des Dr. Bab wird erst dann das letzte Wort zu sprechen sein, wenn man weiß, wer eigentlich die Nachfolge antreten wird. So wenig in diesem Augenblick darüber Vermutungen am Platze sind, so gewiß kann man doch sagen, daß es keine siebenköpfige Arbeiterfamilie sein wird, ebensowenig ein armer Intellektueller, der bisher jahrelang seinen geistigen Arbeiten entweder in unmittelbarer Nähe des Dachfirstes oder im Verlies unterhalb der Portierloge nachging.

Die Wege der Wohnungsämter sind dunkel wie die Lehrsätze des großen Heraklit. Und wer sich glücklich durch die labyrinthischen Windungen hindurchgeschlängelt hat, der steht am Ende allemal nebst Familie und Haushalt – auf der Straße ...

Das wenigste, was ein Mensch fordern kann, ist eigentlich eine Adresse; das gehört zum Existenzminimum. Daß dieses Gefühl nicht ungebührlich überhand nimmt, dafür sorgen die Wohnungsämter in mustergültiger Weise. Sie werfen Rätselfragen unter die Leute, lenken damit den Geist ab und tragen zur Hebung des allgemeinen Niveaus bei. Denn es ist des wahren Weisen unwürdig, sich mit einer Bagatelle herumzuschlagen, wie es schließlich das Dach überm Kopf ist. Tagore hat doch Schule gemacht, wo es am wenigsten zu erwarten war – bei der Bureaukratie.

Berliner Volks-Zeitung. 25. August 1921

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