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Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921 - Kapitel 240
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band 1: 1911 - 1921
publisherRowohlt
seriesCarl von Ossietzky - ämtliche Schriften
volumeBand 1: 1911 - 1921
isbn3498050192
editorMathias Bertram, Ute Maack, Christoph Schottes
year
firstpub1911 - 1921
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240

Dokumente brüderlichen Geistes
Stimmen des jungen Frankreich

Henri Barbusse: »Auf zur Wahrheit!«, Paul Colin: »Fluch dem Siege!« erschienen unter den Manifesten des brüderlichen Geistes im Erich Reiß-Verlag (Berlin).

Es wird die reizvolle Aufgabe einer späteren Zeit sein, eine Geschichte der Opposition während des Krieges zu schreiben. Wir heute stecken alle noch mehr oder minder in der alten Zeit und können leider noch nicht sagen, uns wären die mannigfaltigen Exzesse der Kriegsperiode bereits Historie geworden. Es ist unglücklicherweise noch alles Realität. Wer damals, als Ludendorff hüben, Clemenceau drüben regierte, sich zornig aufbäumte, ist auch heute noch nicht Offizier in der Armee der vernünftigen Leute, sondern erst dabei, ein paar Korporale zusammenzutrommeln. Und die Armee selbst ist noch imaginär. Der patriotische Schreier enthusiasmiert die Marktweiber beiderlei Geschlechts. Mitten in babylonischer Verwirrung spricht Henri Barbusse leidvoll:

»Ich weine, weil man so allein ist. Man kann nicht aus sich heraus ... man ist allein ... es gibt nicht zwei Wesen in der Welt, die dieselbe Sprache sprechen ...«

Und Paul Colin:

»Menschen leben, ohne Ruhm und Bahn, entblößt im schaurigen Dunkel, aber sie widerstehen mit Stolz dem Ansturm der entwicklungsfeindlichen Kräfte ... Heute wollen wir uns damit begnügen, die Hände schweigend zu drücken denen, die uns suchen, ohne uns zu kennen, wie auch wir sie suchen mit bebenden Schritten. Wir wollen sie nicht bloßstellen, die sich unsere Brüder nennen, denn es sind vielleicht einige unter ihnen, die nicht wagen würden, sich zu uns zu bekennen im vollen Licht der Öffentlichkeit.«

Nichts ist ärger mißhandelt worden in den vier Kriegsjahren als der Geist. Vernunft wurde Unsinn und Lüge höchste Pflicht. Der Geist mußte der erste Rebell werden. Und das geschah; zunächst schüchtern, dann lauter und vehementer. In Deutschland protestierten Friedrich Wilhelm Foerster, der Pädagoge, und der Arzt Nicolai. In Frankreich erhebt seine Stimme, vom Gebrüll der Kriegspropaganda umtobt, Romain Rolland, der feine und gütige Kopf. Dann leuchtet die rote Fackel Barbusse. Im »Feuer«, da wird der Krieg abkonterfeit, so wie ihn Millionen erlebten, ohne »gloire«, als Leben im Kot und Tod im Kot. In England macht der reisige CD. Morel aus der »Union of Democratic Control« ein Instrument gegen den Imperialismus; der große Satiriker Bernard Shaw stellt seine tapfere und bissige Feder in den Dienst der Sache. Und nun rührt es sich überall. In Deutschland sammelt Kurt Hiller in den Ziel-Jahrbüchern eine Elite pazifistischer Frondeure, und in Frankreich gesellt sich der ehrwürdige Anatole France zu den Jungen.

Waffenstillstand und Friedensschluß lassen zwar die Kanonen verstummen, aber der wirkliche Friede bleibt in weiter Ferne. Der Kriegsjargon behauptet sich als einziges Ausdrucksmittel. Doch die Opposition wird bewegter, lebhafter die Überredung, stürmischer das Liebeswerben. Das jüngste Frankreich formiert sich in der »Clarté«, richtet glutvolle Beschwörungen an alle, die eine Internationale des Geistes ersehnen, gemeinsame Sache zu machen, und es erfolgen Antworten an alle Zungen.

Eine Reihe solcher Appelle, Bekenntnisse, Manifeste und Programme hat Max Krell gesammelt unter dem Titel »Manifeste des brüderlichen Geistes« und mit verbindendem Text versehen. Material für zukünftige Historiker. Was bisher in Zeitungen und Zeitschriften verstreut war, ist nunmehr in einem wohlfeilen Bändchen vereinigt. Doch fehlt auch manches. Nur ungern vermisse ich in solchem Zusammenhange Proben von Kurt Hillers höchstgespannter geistpolitischer Pamphletistik oder von Stefan Zweigs kultiviertem Kosmopolitentum. Indessen muß man es Krell günstig anrechnen, daß er als Herausgeber dieser leidenschaftlichen Dokumente Besonnenheit bewahrt und insbesondere den Blick nicht verloren hat für die Kehrseite – die internationale Reaktion.

*

Barbusse in seiner Schrift (von Lucy von Jacobi würdig verdeutscht) gibt sich weicher und weniger anklägerisch, als man ihn sonst kennt. Er scheint um Selbstbesinnung zu ringen; seiner Polemik geht Aufgeregtheit ab; und die Gedanken sind klar und schlicht formuliert:

»Die Idee des Vaterlandes ist keine falsche Idee, aber es ist eine kleine Idee, und sie soll klein bleiben ... Wir stehen an einem großen Weltenabend. Werden wir morgen erwachen? Darum handelt es sich. Wir haben nur eine Gewähr dafür: wir wissen, o wir wissen um das Wesen dieser Nacht.«

Neben solcher Melancholie erscheint Paul Colin wie ein echter, rechter Raufdegen. Schnell läßt er die von Traurigkeit überschatteten Eingangsworte hinter sich und wirft sich wohlgemut ins Getümmel. Bald Feuerwerk, bald Florett, bald Knotenstock und manchmal auch Schlagring. Seine Offenheit ist hinreißend. Er beklagt, daß der Ausgang des Krieges denen recht gab, die den Kampf »jusqu'au bout« (bis zum Ziele) forderten. Er verwünscht den überwältigenden Sieg der einen Partei und erblickt darin eine furchtbare Katastrophe und Ausbruch neuen weltverwüstenden Wahnsinns.

»Ja, wir sind Defaitisten, wenn Defaitismus heißt: Treu bleiben der Idee, für die Soldaten und Völker alles erduldet haben, um zu einem gerechten und versöhnenden Frieden zu kommen ... Wir sind Defaitisten, wenn Defaitismus heißt: Verachtung für diejenigen, die einen entwaffneten und des Siegers Gnade überlassenen Feind beschimpfen, die selbst seine trauernden Frauen und seine Toten nicht verschonen ... Wir sind Defaitisten, wenn Defaitismus heißt: Abwägung der Kriegsergebnisse (als da sind: sittliche Verwilderung, Zerstörung, Krankheit, Trauer, Vernichtung zahlloser schöpferischer Hirne und herrlicher Werke, Schmutzflut, in der alles erstickt, Bereicherung des Auswurfs und Erdrückung des Verdienstes ) gegen viereinhalbjähriges unnennbares Leiden der ganzen Menschheit ...«

Das war vor fast zwei Jahren, als Colin als Sendbote der Clarté zu uns sprach, und, indem wir seine heißen Worte lesen, sehen wir ihn leibhaftig wieder, so wie er damals auf der Rednertribüne des gottlob seeligen Herrenhauses vor uns stand: ein junger, schmächtiger Mensch mit scharfen Brillengläsern, die Arme eng an die Hüften gepreßt (mehr ein deutscher Kandidat der Theologie als ein Agitator romanischen Blutes), und wie er nach einleitenden Floskeln in gutgemeintem Deutsch plötzlich den Kopf in die Höhe warf und in seiner Muttersprache zu einer Suade ausholte, so prasselnd und sprühend, daß die durch die konservative Tradition des Hauses stark beeinträchtigte Akustik sich entsetzt aufbäumte, aber, von dem Temperament dieses jungen Wirbelwindes bezwungen, schließlich klein beigab.

Viele Tausende haben ihm damals zugejubelt. Aber das Echo in der Presse am folgenden Tage war nicht erfreulich. Ja, wenn er so geredet hätte: – eure Tüchtigkeit, eure U-Boote, eure Diesel, eure Leutnants, die macht euch die ganze Welt nicht nach! – ja dann ... Aber er kam als Bruder und warb um Brüder ... Das wäre ja noch schöner, so'n Franzos, dachte Piefke.

Wir aber grüßen Paul Colin und alle, die mit ihm verschworen sind gegen den Nebelriesen der Dummheit!

Berliner Volks-Zeitung. 12. August 1921

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