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Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921 - Kapitel 233
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band 1: 1911 - 1921
publisherRowohlt
seriesCarl von Ossietzky - ämtliche Schriften
volumeBand 1: 1911 - 1921
isbn3498050192
editorMathias Bertram, Ute Maack, Christoph Schottes
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firstpub1911 - 1921
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233

Harding und wir

Auch wir Pazifisten hören die Botschaft des neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten, und – ich sage es ganz frei heraus – uns fehlt ein wenig der Glaube. Nicht daß darin eine grundsätzliche Ablehnung des ganzen Unterfangens liegt oder ein Mißtrauen gegen den Präsidenten Harding. Wir begrüßen jeden Schritt, der geschieht entweder zur Abrüstung oder zur Vermeidung blutiger Konflikte zwischen den Nationen. Ebenso wissen wir, daß die Abrüstungsidee im amerikanischen Volke ziemlich stark verwurzelt ist und daß die Ideen Wilsons, mag dessen Person auch an einer Situation zerschellt sein, deren Gefährlichkeit er verkannte, von der Katastrophe nicht betroffen wurden, sondern zukunftsträchtig genug sind, um nicht abseits zu verkümmern. Aber was uns an Hardings Unternehmen mit Skepsis erfüllt, ist, daß unbezweifelbar dessen Aktionsradius nicht bis an die Kernfragen der Zeit heranreicht.

Das spezifisch amerikanische Interesse ist daran größer als das Weltinteresse. Obgleich auch europäische Nationen zur Konferenz geladen sind, läßt es sich doch ohne Schwierigkeit feststellen, daß nur zwei Partner dabei sein werden, die es wirklich angeht, nämlich die Union und Japan. Für beide handelt es sich um den Stillen Ozean und China. Indem auf diese Weise die Grenzen gesteckt sind, läßt sich auch der Charakter des Hardingschen Appells nicht mehr verkennen: das ist kein Pazifismus, sondern ein Imperialismus, der gern mit friedlichen Mitteln arbeiten möchte, weil ihm vor seinen eigenen Konsequenzen die Haut zu schaudern beginnt. Ein Imperialismus, geschmeidiger und weniger brutal als der alte europäische, aber immerhin ein Imperialismus. Es braucht nicht unterstrichen zu werden, daß wir Pazifisten auch das schon als einen Schritt zur Vernunft begrüßen, daß wir Amerikas Vorgehen in jeder Weise unterstützen werden. Verschweigen können wir jedoch [nicht], daß Sicherung der Beute, abwechselungshalber einmal ohne Dreadnoughts und Torpedoboote, für uns noch immer nicht Pazifismus bedeutet. So fest wir auch überzeugt sind, daß die Entwicklung eine lange und schwierige sein wird, daß uns nicht ein Marsch über den Paradeplatz bevorsteht, sondern eine beschwerliche Bergwanderung, so dürfen wir doch keinen Augenblick die erreichte Etappe für das Ziel nehmen und müssen an dem Prinzip festhalten, das uns die Entwaffnung der Welt gebietet, die Ausrottung aller Kriegsmöglichkeiten und die Bekämpfung aller Methoden im sozialen Leben, die dem Geiste des Krieges wesensverwandt sind. Der Pazifismus bleibt gelegentliches Mittel oder gar nur Attrappe, wenn nicht die verschiedenen nationalen Wirtschaften sich rechtzeitig so umstellen, daß das imperialistische Element, die Urzelle der Völkerkriege, ausgeschieden wird.

Der französische Ministerpräsident hat auf Hardings Botschaft mit den bekannten schönen Phrasen geantwortet, die einem routinierten Politiker stets zu Gebote stehen. Herr Briand hat sich mit tugendhaftem Augenaufschlag bereit erklärt, mitzuarbeiten an der Aufgabe, »die Rüstungen zu beschränken und die schreckliche Last zu erleichtern, die die Völker drückt«. Das wäre recht schön ohne den Nachsatz: » wohlverstanden jedoch unter Wahrung aller Vorbedingungen für die nationale Sicherheit.« Wir kennen das. Wir kennen das noch von den Haager Konferenzen her. Nur daß damals die deutschen Staatslenker sich in so profunden Weisheitssprüchen ergingen. Es ist das alte Lied: Rüsten Sie ab, verehrter Freund, meine Sicherheit gebietet das gerade Gegenteil! Ein bedenklicher Irrtum, fürwahr, anzunehmen, die Politiker hätten durch den Krieg etwas gelernt.

Wie sieht die Welt nach diesem Kriege aus? Überall Unbefriedigung und tiefste seelische Erschütterung. Der deutsche und der russische Wirtschaftskomplex kurzerhand ausgeschlossen. In Mitteleuropa neue Staaten, denen man ihre neue Freiheit herzlich gern gönnt, deren territorialer Appetit jedoch leider noch in einem krassen Gegensatze steht zu ihrer kulturellen und ökonomischen Leistungsfähigkeit. Und, in Schlesien beginnend, sich hinziehend durch den ganzen europäischen Osten, durch Vorderasien bis an die Grenzen Indiens, eine unheimliche Kette von Brandherden. Von Oppeln bis nach Kabul, ein einziges Empörungsgebiet. Alldeutsches Narrentum mag sich daran ergötzen, daß nicht Ruhe einziehen will in die Welt. Wir wissen, daß zur Beschwörung dieser furchtbaren Dämonen nur die stärkste und kühnste Formel zu gebrauchen ist. Wir überlassen den Staatsmännern gern die Betrachtung darüber, wie es am ehesten möglich ist, daß sich die vielen unbequemen Nationen und Natiönchen gegenseitig den Hals abschneiden – –, wir wenden uns an die Völker selbst, auf deren Rücken und mit deren Knochen solche Konflikte immer ausgetragen zu werden pflegen. Die Völker allein können ihr Veto einlegen. Was ist der Pazifismus heute? Eine Addition von Gruppen und Vereinen. Was muß er werden? Der Wille von Millionen, sich nicht zum Schlachtvieh degradieren zu lassen. Keine Landesfahne, keine Parteifarbe darf dagegen hemmend ausgespielt werden. Der Pazifismus ist kein politisches Schlagwort und keine graue Theorie: er ist das selbstverständlichste Interesse eines jeden, der nicht auf dem Schlachtfelde verröcheln will, der nicht als Krüppel und siecher Mann zeitlebens aus seinem gewohnten Lebenskreise gestoßen sein möchte.

Und deshalb nochmals: wir unterstützen jedes Unternehmen wie das Amerikas, wenn es geeignet ist, kommende Kriege zu unterbinden. Aber wir sehen darin nur ein Teilproblem, nur einen Ausgangspunkt. Gemeinsam ist allen Ländern heute das Elend, gemeinsam auch das Heilmittel. Und deshalb fordern wir den Völkerbund, der nicht, wie der heutige, eine Interessenvertretung einiger Siegergroßmächte ist, sondern die Gesellschaft der Nationen. Völkerbund bedeutet Gemeinschaft, und Gemeinschaft bedeutet nicht »Wahrung aller Vorbedingungen für die nationale Sicherheit«, sondern Entsagung. Wir alle haben das Völkerbundsprojekt des Grafen Keßler freudig aufgenommen, das gerade in dem einen wichtigen Punkte Wandel schafft, als es nicht den akademischen Begriff Staat, sondern den Einzelmenschen zum Ausgangspunkte wählt. Der alte Völkerbund von Versailles nahm den Staat als etwas Gegebenes hin, der neue Völkerbund, den wir ersehnen, gleichsam der soziale Völkerbund, hat die demokratisierte Wirtschaft zum Untergrund und stabilisiert endgültig den internationalen Charakter aller geistigen und ökonomischen Strömungen der Gegenwart. Wird sich dieser Gedanke einmal wirklich durchsetzen, dann ist die Zeit der nationalen Politiken endgültig abgelaufen, und wie ein toller Wahn wird es in Zukunft erscheinen, daß man einmal das Vaterland anderer zertrümmerte, nur um das eigene zu schützen.

Nie wieder Krieg, 1. August 1921

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