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Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921 - Kapitel 23
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band 1: 1911 - 1921
publisherRowohlt
seriesCarl von Ossietzky - ämtliche Schriften
volumeBand 1: 1911 - 1921
isbn3498050192
editorMathias Bertram, Ute Maack, Christoph Schottes
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firstpub1911 - 1921
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1917

23

Monismus u[nd] Pazifismus

In den Monatsblättern der Hamburger monistischen Gruppe findet zur Zeit eine lebhafte Diskussion statt über die Zukunftsaufgaben des deutschen Monistenbundes. Im Brennpunkte steht die Frage: ob man sich auf ein rein wissenschaftl[iches] Streben nach Erkenntnis zu beschränken habe oder ob man auch zu aktuellen Problemen Stellung nehmen solle. Die Meinungen der führenden Persönlichkeiten des Bundes sind sehr geteilt aber auch sehr zurückhaltend. Im allgemeinen fühlt man das Bestreben heraus, sich weder nach der einen oder nach der andern Seite zu verpflichten. Lebhaft bekämpft wird nur eine Politisierung des Bundes; und das ist einigermaßen erstaunlich, denn eine solche Forderung ist in Wahrheit von keiner Seite erhoben worden. Wie aber ist diese Sorge entstanden, der Bund könnte aus seiner bisherigen neutralen Haltung gedrängt u[nd] in die polit[ische] Arena hinabgezerrt werden? Kleine aber rührige Gruppen im Bunde haben die Frage akut gemacht, ob der Monism[us] nicht ein Bekenntnis zum Pazifism[us] in sich trage, u[nd] ob in diesem Falle nicht ein Wirken für die Schaffung einer neuen Weltorganisation die logische Folge sei. Die wenigsten der Herren allerdings, die um ihre Meinung gebeten wurden, äußern sich ganz unzweideutig über diesen Punkt u[nd] beschränken sich nur auf ganz allgemeine Warnungen vor einer Politisierung. Wer aber ein wenig feinhörig ist, dem wird nicht verborgen bleiben, was unter dieser »Politisierung« verstanden wird, nämlich ein Eintreten für pazifistische Ideen. Schon vor dem Kriege ist das Thema Monismus u[nd] Politik wiederholt Gegenstand lebhafter Erörterungen gewesen, ohne daß mehr zu Tage gefördert wurde als graue Theorie. Dazu kam noch, daß die Stellungnahme zur deutschen Gegenwart erschwert wurde durch die nicht immer einwandfreie Behandlung, wie sie Monisten, Freireligiöse u[nd] Dissidenten im Reiche erfahren. Die mannigfachen Chikanen u[nd] Zurücksetzungen mußten naturgemäß verbitternd wirken u[nd] die Stellung zum Staate in einseitiger Weise bestimmen. So schuf sich die Regierung eine Opposition, die sich nicht aus parteipolit[ischen] Motiven zusammenfand, sondern nur Gewissensfreiheit für sich verlangte u[nd] freie, ungehinderte Betätigung ihrer Gesinnung, so wie sie den Organisationen ohne weiteres gewährt wird, die auf kirchlich-konfessioneller Grundlage stehen.

So war vor dem Kriege für den deutschen Monisten das kulturpolit[ische] Moment das wesentliche, und seine Sympathie mußte sich den Parteien zuwenden, die in u[nd] außerhalb der Volksvertretungen das Recht auf Freiheit des Gewissens verfochten. Hier konnte es sich aber nur um die Parteien der Linken handeln, die andern fanden zwar salbungsvolle Worte für Toleranz u[nd] freie Gesinnungsbetätigung aller Staatsbürger, sie kamen aber nicht über Worte hinaus, im Gegenteil, sie stellten allen freiheitlichen Bestrebungen, wo es nur irgend anging, ein Bein. So ist es begreiflich, daß die Monisten unter diesen Umständen sich enger den wenigen Parteien anschlossen, von denen sie wirklich positives erwarten durften, und daß sie sich in die Phraseologie dieser Parteien einfühlten u[nd] unbesehen manches hinnahmen, was sie bei unbefangener Betrachtung nach ihrer ganzen sonstigen Art zu denken u[nd] zu fühlen einfach abgelehnt hätten. Allein der Staat, der einer intellektuellen Gruppe von Bürgern die Anerkennung versagte, formte sich hier künstlich eine Opposition, die der radikalen Demokratie nun unbedenklich ihre Schlagworte entlehnte u[nd] die Einrichtungen des Gegenwartsstaates scharf befehdete u[nd] sich endlich allen Bestrebungen zuwandte, die den Regierenden nicht sonderlich angenehm waren. So gingen damals viele Monisten mehr aus Oppositionsdrang denn aus innerer Überzeugung in die pazifist[ischen] Vereine hinein.

Daneben aber befaßten sich einzelne Führer sehr ernsthaft damit, ihre mon[istische] Gesinnung in tieferer Weise für die Politik fruchtbar zu machen, u[nd] über die Parteipolitik hinaus für das polit[ische] Erkennen eine neue wissenschaftl[iche] Grundlage zu schaffen. Ostwald, der Positivist, wollte in einem großen aber im einzelnen leider nicht sonderlich klaren Betätigungsdrange nicht nur die Geisteswissenschaften reformieren, sondern auch das erlösende Schema für eine neue Weltorganisation finden. Er, für den Energievergeudung die größte Sünde war, konnte im Kriege nicht ein frohgesinntes Waffenspiel erblicken, sondern nur eine heillose Verwirtschaftung von Energien, die zum Wohle der Menschheit viel besser verwendet werden könnten. Müller-Lyer schuf sein System einer phaseologischen Betrachtungsweise der kulturellen Entwicklung, u[nd] auch er sah in dem Waffenkrieg einen Rückfall in längst überwundene Kultur- oder Unkulturstufen. Goldscheid endlich rührte mit seiner Lehre von der Menschenökonomie an das tiefste u[nd] aufreizendste Problem, das unsere Zeit kennt.

Dann kam der 4. August 1914 mit seinen nationalen Ekstasen. Der Militär-, der Polizei-, der Konfessionsstaat schien plötzlich in der Versenkung verschwunden zu sein. Die Bahn schien frei für den Volksstaat, für den die Achtundvierziger geblutet hatten, u[nd] den die Generation der Reichsgründung nicht hatte schaffen können. Und wie die Mehrzahl der Demokraten u[nd] Sozialisten die phrygische Mütze mit der nationalen Kokarde schmückte, so legten auch die Monisten die Heckerhüte u[nd] die Wasserstiefel ab, u[nd] bekannten sich glühend zum Staate, der nun keine Parteien mehr kannte u[nd] jedem Bürger Freiheit des Denkens u[nd] Glaubens versprach. Man sah eine große u[nd] schöne Zeit der freien Entwicklung des Deutschtums vor sich u[nd] träumte wie die großen Historiker der siebziger Jahre von einer pädagogischen Weltmission deutschen Wesens. Wenn nun auch nicht alle Blütenträume reiften, u[nd] die Regierung sich nicht gerade bemühte, den Fortschritt in Siebenmeilenstiefeln laufen zu lassen, so tröstete man sich damit, daß der Staat, nach dem er nun ein Jahrhundert lang Hüh gesagt habe, nun nicht plötzlich Hott sagen könne u[nd] suchte sich, so gut es ging, einen harmlosen Optimismus zu conservieren. Daneben beteiligte man sich fleißig an der allgemeinen Weltschulmeisterei, die das Deutschtum von 1914/15 characterisiert, u[nd] die so wenig der Deutschheit Schillers u[nd] Fichtes, der Väter des deutschen Idealismus, entspricht. Einflußreiche Führer lieferten dieser Vergottung die nötige pseudowissenschaftliche Grundlage. Ostwald legte seiner neuen Weltorganisation nicht mehr die Vernunft, sondern das deutsche Waffenglück zu Grunde u[nd] erging sich im übrigen in pangermanischen Phantastereien, die bei den andern Beteiligten, namentlich in Skandinavien, eine alles andere als begeisterte Aufnahme fanden. Maurenbrecher, der glänzendste Agitationsredner des Bundes, stellte seine große, massenbeherrschende Wortkunst in den Dienst einer überhitzten nationalen Idee, die sich von der eines Sombart oder Chamberlain nicht besonders unterschied. Der greise Haeckel, der allerdings nie mit dem Radikalismus geliebäugelt hat, verfaßte Haßgesänge wider Albion, die sich von Lissauers Elaboraten einzig durch die Prosafassung vorteilhaft unterschieden, u[nd] unterzeichnete die wildesten alldeutschen Aufrufe. Müller-Lyer u[nd] Goldscheid dagegen hielten an ihrer alten Überzeugung fest, u[nd] überhoben sich der Mühe nur umzulernen, um später wieder zurücklernen zu müssen. Aber in den meisten Ortsgruppen des Bundes rechnete man noch nicht mit dieser Eventualität u[nd] warf unbedenklich in die Rumpelkammer, was man jahrelang als Überzeugung verfochten hatte, oder man versuchte wie die besonders Schlauen in der Sozialdemokratie nachzuweisen, daß man sich keineswegs im Gegensatz zu frühern Anschauungen befände. Die meisten aber meinten mit mitleidigem Lächeln, es wäre nicht an der Zeit sich in schönen Redensarten von Völkerverbrüderung zu ergehen u[nd] taten sich nicht wenig auf diese »realpolitische« Einsicht zu gute.

Seit der Zeit hat sich nun die Situation wesentlich geändert. Der furchtbare Aderlaß des Krieges hat dem Pazifismus eine Aktualität wie nie zuvor verliehen. Das Gespött über die Versöhnungsapostel ist ebenso verstummt wie die Deklamationen von der Mission des deutschen Schwertes. Was in der ersten Kriegszeit nur von den wenigen schmerzhaft empfunden wurde: die Zerstörung eines bewußten über die Landesgrenzen hinausreichenden Kulturwillens, das bewegt heute jedes Herz, das sich nicht seines lebendigen Fühlens entledigt hat. Aus dieser Grundstimmung heraus werden dem Pazifism[us] neue Anhänger aus allen Lagern zuströmen, um dem Hause des Friedens ein neues und besseres Fundament zu geben. Und wie wird sich der deutsche Monisten-Bund zu dieser Strömung verhalten? Derselbe M[onisten-]B[und], der der Sache des Friedens früher die besten Denker gestellt hat? Wird er in seiner jetzigen Stellung verharren, es jedem einzelnen seiner Anhänger zu überlassen, wie er sich mit diesem aufrüttelndsten Zeitproblem abzufinden hat, oder wird er wie in kulturpolit[ischen] Angelegenheiten, wie in der Frage der Gewissensfreiheit u[nd] der weltlichen Schule, auch hier nach einer geschlossenen Front streben? Wird er die Kraft aufbringen, alles was während des Krieges in seinen Reihen über den Paz[ifismus] geredet u[nd] geschrieben wurde, einer gründlichen kritischen Revision zu unterziehen?

Wer, wie Schreiber dieser Zeilen, in mon[istischen] Kreisen eine Reihe von Debatten über dieses Thema tätig miterlebt hat, weiß, daß man zur Stunde der Forderung nach einer solchen klärenden Auseinandersetzung noch immer mit dem Einwand begegnet, man müsse sich eben mit der Wirklichkeit abfinden, es hieße sich ins Nebelland der Utopie verlieren, wollte man sich jetzt schon in Zukunftsfragen versenken, während noch die Waffen ihre grausame Sprache führen. Es soll hier nicht untersucht werden, ob dieser Opportunismus empfehlenswert ist oder nicht, aber auf keinen Fall darf mit dem Argument der größern Zweckmäßigkeit eine reinigende Aussprache verhindert werden. Die Frage ist an u[nd] für sich ebenso einfach wie schicksalsvoll: trägt die mon[istische] Weltanschauung eine Verpflichtung zum Paz[ifismus] in sich? Mag man innerhalb des M[onisten-]B[undes] über Einzelheiten der Lehre noch so sehr uneinig sein, mag man Haeckels naturphilosoph[ischen] Pantheismus vor der Ostwaldschen Energetik den Vorzug geben, oder mag mit dem Hartmannschüler Drews den Einfluß des Metaphysischen stärker betonen, über das eine ist man sich über alle Meinungsverschiedenheiten hinaus im Reinen: daß nämlich der Monism[us] auf der Entwicklungstheorie basiere. Darüber gibt es keine Diskussion mehr. Das ist das Bindende, das die in manchen Stücken auseinanderstrebenden Elemente zusammenhält. Nun hat die Entwicklungslehre seit den Tagen Darwins eine gewaltige Ausgestaltung erfahren; manches was vor 20, 30 Jahren wie ewige Wahrheit feststand, ist heute schon von intensiver Forscherarbeit zum alten Eisen geworfen. Aber auch hier das gleiche Bild wie immer bei solchen Ausscheidungsprozessen: was von den einen als Ballast abgeworfen wird, das nehmen andere auf u[nd] prägen es in billige, allzu billige Münze um. So hat der Wagen der modernen Naturwissenschaft ein fünftes Rad, das sich allen Abschüttelungsversuchen zum Trotz mit Zähigkeit erhält: einen gewissen Popular-Darwinismus, der von allen Theorien des Meisters gerade die alleranfechtbarste aufgeschnappt hat – – nämlich das große, leere Wort vom Kampf ums Dasein. Wer das erste Jahr des Krieges in Deutschland miterlebt hat, der weiß, was für ein verwüstender Unfug mit dieser Phrase getrieben wurde. Erbarmungslos wurde jedes Fünkchen Vernunft u[nd] Selbsteinkehr erstickt mit diesem unseligsten aller Darwin-Worte, das an Beliebtheit höchstens noch durch den Ausspruch des alten Heraklit überboten wurde, daß der Kampf der Vater aller Dinge sei. Was an Grausigem um uns geschah, mit dem Prinzip des Kampfes wurde alles erklärt u[nd] gerechtfertigt. Die Welt ist ja nur ein Tummelplatz kriegerischer Leidenschaften. Das ist Naturgesetz für das letzte Insekt wie für das höchste Lebewesen, den Menschen. Dem Starken gehört die Welt; darum wehe dem, der nicht stark u[nd] wehrhaft bleibt! Das wurde von Menschen herausgeplappert – u[nd] leider nicht nur von Laien! – die sich daraufhin weiß Gott wie viel klares u[nd] reales Denken zumuteten u[nd] verachtungsvoll auf die Phantasten herabblickten, die da meinten, eine solche Anschauung unterbinde jedes feinere menschliche Fühlen u[nd] Streben, mache alle Kulturreden zur lächerlichen Farce u[nd] führe zum ethischen Nihilismus.

Nun ist aber von der ernsten Forschung keine Darwin-Erbschaft stärker revidiert u[nd] ergänzt worden als die Lehre vom Kampfe ums Dasein. Ja, schärfer ausgedrückt, seit man das Prinzip der gegenseitigen Hilfe gelten läßt, ist die alte Darwin-Theorie einfach überholt. Wer aber auf dem Boden eines in dieser Weise ausgestalteten Darwinismus steht, der kann sich nicht zufrieden mit der Erforschung dunkler Urzeiten, der kann sich nicht beschränken auf Abstammungslehre oder Embryologie, der wird darüber hinaus, Entwicklungslinien ziehen müssen, die bis in unsere Tage reichen. Und diese Arbeit leistete Müller-Lyer mit seiner Kulturbetrachtung nach bestimmten fest umgrenzten Abschnitten. Und setzte Goldscheid fort mit seiner Darlegung des Wertes einer vernünftigen Menschenökonomie. So gebiert die naturwissenschaftliche Forschung aus sich heraus die soziologische. Und daß man sich mit soziolog[ischen] Fragen nicht zu befassen habe, das hat bisher noch kein Monist behauptet, im Gegenteil hat jeder bisher die Soziologie als ein natürliches Ergebnis der modernen Naturwissenschaft angesehen. Aber vom Soziolog[ischen] zum Politischen ist kein weiter Weg. Nicht zum Partei-Politischen wohl aber zum Menschheits-Politischen. So wurzelt der Pazifism[us] tief im Monism[us] Wer in der Natur eine Entwicklung in aufsteigender Linie erkennt, wer bewundernd die Entwicklung von der kleinsten Zelle zum kompliciertesten Organismus verfolgen kann, der muß das Prinzip der Entwicklung, der Höherentwicklung auch für die menschliche Gesellschaft gelten lassen. Wer das Prinzip der gegenseitigen Hilfe in der Natur nicht bestreitet, der kann auch nicht dulden, daß unser Leben, das individuelle wie das Leben der Völker, anarchisch verläuft, der wird nicht dulden können, daß die Aufgaben unserer Kulturphase durch rohe Waffenkriege unterbrochen werden können, die uns ins Dunkel toter Zeiten zurückwerfen, der wird die Hand hilfreich reichen zum Wiederaufbau der zerstörten Welt u[nd] zur Errichtung einer Schutzmauer, die uns in kommenden Zeiten vor einem erneuten Rückfall ins Barbarentum sichert. Und wer Goldscheid Recht gibt, daß der Mensch kein Material ist, das verschwendet werden darf sondern sorgsam gehegt werden muß zu neuer Aufzucht, der kann nicht dulden, daß dieses wertvollste Material heute u[nd] in Zukunft vergeudet wird als wäre es Kot. Und wer Ostwalds Formel zustimmt: das größte Glück der größten Zahl, der wird nicht zugeben können, daß Glück u[nd] Lebensmöglichkeit von Millionen brutal niedergetreten u[nd] das leidvolle Antlitz der Mutter Erde von ihren Kindern noch mehr mißhandelt wird. Der Monist wird sich selber untreu, der aus seinem Denkkreis den Paz[ifismus] ausmerzen oder die Erwägungen einer Zeit überlassen möchte, in der kein Belagerungszustand die Beschäftigung mit diesen Dingen heikel macht. Natürlich wird kein Mensch daran denken, den Mon[isten-]Bund zum polit[ischen] Club zu machen, aber sehr wohl kann er zur Sammelstelle für Anhänger freiheitl[icher] Parteien werden. Er durchsetzt sie mit seiner Weltanschauung, u[nd] sie gehen nachher in ihre Parteikreise zurück, u[nd] ihre Profile heben sich scharf ab von denen ihrer Genossen, die reine Fachmenschen sind u[nd] in Statistiken u[nd] Programmen wurzeln. Denn die deutsche Demokratie braucht Persönlichkeiten, wenn sie ihren gewaltigen Aufgaben gerecht werden will. Wir haben genug von den Parteischablonen der alten Schule. Ohne Zweifel wird dem Monismus an dieser Durchsäuerung der Demokratie ein wichtiger Anteil zufallen. Und deshalb wäre es zu wünschen, daß über die noch schwebenden Fragen, nicht zum wenigsten über die pazifistische, bald eine Verständigung erfolgen möge. Zu bedauern ist das Fehlen Jodls, dieser wunderbaren, ethisch glühenden Persönlichkeit. Er in seiner weisheitsvollen Milde wäre dem Bunde in dieser schwierigen Zeit des Suchens der gegebene Führer gewesen.

Der M[onisten-]B[und] ist die einzige freigeistige Organisation, der man eine große Zukunft prophezeien möchte. Er ist solider fundiert als das romanische Freidenkertum, das sich nur zu oft in pfaffenfresserische Phrasen verliert u[ nd] des rechten wissenschaftlichen u[nd] ethischen Unterbaues entbehrt. Er ist tiefer u[nd] vielseitiger als der englische Rationalismus u[nd] bietet einer schöpferischen Entwicklung ganz andere Möglichkeiten. Wenn er jedoch von einer Vereinigung kluger Wissenschaftler u[nd] suchender Persönlichkeiten zu einer großen Gemeinde werden will, die denen ein Heim bieten soll, die sich in den altgewordenen Kirchen nicht mehr heimisch fühlen, dann wird er nicht an der Furcht aller Kirchen leiden dürfen, nämlich an der Angst vor den Consequenzen der eigenen Lehre. Die Organisation der Welt, das ist die Aufgabe, vor der die Generation steht, die das Völkerringen überlebt. Soll die Gemeinschaft, die den Glauben an die Möglichkeit einer solchen Organisation wie eine reife Frucht in sich trägt, in diesem Kampfe abseits stehen? Sich mit den engern naturwissenschaftl[ichen] u[nd] philosoph[ischen] Problemen zu befassen, das ist naturgemäß die erste Betätigung einer derartigen Vereinigung. Aber die schönste u[nd] reinste Weltanschauung wird in der Studierstube u[nd] im Diskussionszirkel blutleer u[nd] verliert ihre werbende Kraft ohne ihre letzte Auswirkung, ohne die Tat.

OA/N, JB 4003-1

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