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Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921 - Kapitel 225
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band 1: 1911 - 1921
publisherRowohlt
seriesCarl von Ossietzky - ämtliche Schriften
volumeBand 1: 1911 - 1921
isbn3498050192
editorMathias Bertram, Ute Maack, Christoph Schottes
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firstpub1911 - 1921
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225

John Bulls andere Insel

Erin, da liegt sie auf den Knien,
Die Blumen wirr im Haare,
Und streut des Shamrocks welkend Grün
Zitternd auf ihrer Kinder Bahre ...

Freiligrath

In diesen Tagen sitzen in London Lloyd George und de Valera an einem Verhandlungstisch zusammen. Von dem Resultat dieser Konferenz hängt es ab, ob der jahrelang und von beiden Seiten mit größter Erbarmungslosigkeit geführte Heckenkrieg in Irland jetzt endlich ein Ende nehmen soll. Daß diese Besprechung überhaupt ins Werk gesetzt werden konnte angesichts des irischen Fanatismus und der englischen »Pazifizierungsaktionen«, ist an und für sich schon ein großer Triumph der staatsmännischen Kunst des englischen Premiers. Man kann einigermaßen die Gefühle der englischen Konservativen verstehen, für die Irland immer nur ein Objekt geringster Art bedeutete, zum Malträtieren eben noch gut genug; man kann begreifen, daß dem Engländer alter Schule eine Gänsehaut kommt bei dem Gedanken, daß dort mit Rebellen offiziell verhandelt wird. Die Freunde einer Aussöhnung mit Irland aber rühmen mit Recht die kluge Vermittlung des Generals Smuts, der schließlich die starrköpfigen Irländer zu dieser Aussprache bewogen hat.

Damit steht auch zum erstenmale ein Mann im vollen Tageslicht, dessen Name in den letzten Jahren zwar viel genannt wurde, dessen Person aber fast ganz von den Nebeln der Legende verschleiert war: Eammon de Valera. Kürzlich hat die »Auslandspost« dessen Bild nach einer englischen Zeitschrift gebracht. Ein glattrasiertes längliches Gesicht; hart und knochig. Das Antlitz eines Fanatikers, das Antlitz eines Inquisitors; Schwärmerei und Willensstärke sind in gleichem Maße darin enthalten. De Valera hat bisher die Begabung eines zähen, unermüdlichen Konspirators bewiesen; seine wiederholten Triumphzüge durch Amerika, wo er von seinen Landsleuten als »Präsident der irischen Republik« gefeiert wurde, haben zudem gezeigt, daß er in reichem Maße über Redegewalt verfügt und daß von seiner Person ein Fluidum ausgeht, stark genug, um die längst verzagten Seelen seiner irischen Brüder von neuem lichterloh brennen zu lassen. Nun wird an de Valera die Reihe sein, über den Konspirator und Agitator hinaus zu wachsen und zu beweisen, ob er der Staatsmann Irlands ist. Seine Aufgabe ist schwer; er steht den geschmeidigsten Politikerpersönlichkeiten Alt-Englands gegenüber. Und nicht minder groß ist seine Verantwortung. Denn von seiner Besonnenheit wird es letzten Endes abhängen, ob eine Übereinkunft auf der Basis des gegenseitigen Entgegenkommens erzielt werden kann, oder ob das sinnlose Morden weitergehen soll.

Man kann den Haß und die Erbitterung der Iren verstehen. Seit Jahrhunderten wird von England ein Feldzug gegen die Nachbarinsel geführt, der zu Zeiten ganz unverblümt die Form eines systematischen Ausrottungskrieges annahm. Bereits in den Tagen der großen Elisabeth machten sich die königlichen Truppen unerhörter Grausamkeiten schuldig. Wenige Jahrzehnte später durchzogen die Rundköpfe Cromwells, das Mordgewehr in der einen Hand, die Bibel in der anderen, sengend und brennend das unglückliche Land; bis heute noch hat es die Folgen dieses sinnlosen Wütens nicht überstanden. Nicht die großen modernen Handelsstädte an der Ostküste sind Irland; das proletarisierte Binnenland mit seinen elenden, verfallenen Behausungen und den ebenso elenden, verfallenen Bewohnern, das ist das eigentliche Irland. Und dabei wird »Erin, die grüne Insel«, von ihren Kindern fanatisch geliebt, und diese Liebe führte zu wilden Eruptionen. Die Geschichte Irlands ist eine Geschichte von Verschwörungen und Aufständen. Von jähem Aufflammen ungezügelter Leidenschaften und von blutiger Unterdrückung durch die Sieger. Die deutsche Freiheitsbewegung vor hundert Jahren hat in Irland eine leidende Schwester gesehen; mit unerbittlicher Schärfe hat Heine die englischen Folterknechte gegeißelt, und Freiligrath hat der »Niobe der Nationen« eines seiner schönsten Gedichte gewidmet.

Der Engländer ist kühl und berechnend. Der Irländer ist leidenschaftlich, unbesonnen, ein flackerndes Temperament; seine Religiosität ein schwärmerischer Katholizismus. So hat dieses seltsamste Annex des britischen Imperialismus den Herren zu London immer Rätsel aufgegeben. Und da deren Amt niemals das Rätsellösen war, so nahmen sie zu Bajonett und Galgen ihre Zuflucht. Selbst in den letzten Jahrzehnten, wo der englische Liberalismus es verstanden hatte, in den Kolonien ganz andere und weit humanere Methoden zur Geltung zu bringen, hielt in der unmittelbaren Nachbarschaft sich ein veraltetes, grausames System. Lange Zeit hat im Parlament eine starke irische Opposition bestanden, oft schien »Homerule« (die Eigenregierung) Irlands Tatsache zu werden. Aber immer verstanden es die Unionisten im letzten Augenblick, Steine in den Weg zu werfen. Bis schließlich das erbitterte Volk über die Parlamentsopposition und die Homeruleforderung hinausging und jene Bewegung entstand, die heute de Valera repräsentiert und die die unabhängige irische Republik auf ihre Fahnen geschrieben hat.

Wird bei solchen Gegensätzen eine Einigung möglich sein? Lloyd George und seine engeren Freunde scheinen den Willen zu weitem Entgegenkommen zu haben. Und selbst die hochehrwürdige »Times« geruhte unlängst den Wunsch auszusprechen, es möge endlich Friede einziehen in Irland. England scheint mürbe geworden zu sein. Die Hauptschwierigkeit liegt heute bei den namentlich in der Provinz Ulster wohnenden Engländern, die, in einer ähnlichen Mentalität befangen wie unsere ostmärkischen Hakatisten unseligen Angedenkens, es mit höchster Erbitterung ablehnen, jemals die Irländer zu Herren ihres Landes werden zu lassen; ein Recht, dessen sich heute Südafrika, Kanada, Australien widerspruchslos erfreuen, ohne daß dadurch der Bestand des Imperiums gefährdet würde. Deshalb läßt sich auch nicht andeutungsweise sagen, wie die Londoner Verhandlungen endigen werden. Jedenfalls aber haben zum erstenmale Engländer und Irländer als gleichberechtigte Verhandlungspartner an einem Tisch gesessen. Diese Tatsache läßt sich nicht wegwischen. Von nun an hat »John Bulls andere Insel«, wie Bernard Shaw einst sein Vaterland nannte, aufgehört, ein Stiefkind, ein Anhängsel Englands zu sein.

Berliner Volks-Zeitung. 15. Juli 1921

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