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Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921 - Kapitel 224
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band 1: 1911 - 1921
publisherRowohlt
seriesCarl von Ossietzky - ämtliche Schriften
volumeBand 1: 1911 - 1921
isbn3498050192
editorMathias Bertram, Ute Maack, Christoph Schottes
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firstpub1911 - 1921
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224

Briand und Wirth

Das deutsch-französische Verhältnis ist nach einigen erträglichen Wochen von neuem in ein Stadium häßlicher und lästiger Spannungen gerückt. Wieder kräht der gallische Hahn kampflustig, und mit wildem Schlachtgeheul antwortete der deutsche Michel, dessen Stahlhelm übrigens nicht imstande ist, die traditionelle Zipfelmütze ganz zu verdecken. Der Hauptzorn der Pariser Presse richtet sich nicht in erster Linie gegen die Leipziger Lärmmacher, was allenfalls zu verstehen wäre, auch nicht gegen das Reichsgericht, sondern tatsächlich gegen das Ministerium Wirth, dem man klägliches Versagen vorwirft. Das ist die Ouvertüre, die der jetzt kommenden Aktion zur Aufrechterhaltung der Sanktionen vorangeht. Herr Briand hat sich bisher durchaus moderat verhalten, überhaupt noch nichts bindendes ausgesprochen. Aber die Vertreter des »aggressiven Patriotismus« haben ihn umkreist, und er wird nicht lange mehr bei Allgemeinheiten verweilen dürfen.

Herrn Briands Position ist nicht angenehm. Denn Herr Briand ist durch und durch Taktiker und nicht so scharfmacherisch, wie er sich zuweilen geben muß. Sicherlich würde er den Posaunenchor des nationalen Blocks lieber vor Jericho oder sonstwo wissen als in Paris. Unmittelbar nach der Unterzeichnung des Ultimatums, als die neue deutsche Regierung auch eine andere Tonart gefunden hatte, war er der Erste, der den guten Willen Wirths und seiner Helfer anerkannte. Nun liegen neue Konflikte in der Luft. Herr Poincaré und seine Trabanten wetzen die Schwerter, und Briand wird vorwärts getrieben zu Maßnahmen, die dem Bestand der gegenwärtigen deutschen Regierung äußerst gefährlich werden können. Eine Entwicklung, gleich tragisch für beide Teile, denn durch den Zwang der Verhältnisse sind Briand und Wirth mit unsichtbarer Kette fest aneinander geschlossen.

Wir brauchen hier nicht auszuführen, mit welchen innerpolitischen Schwierigkeiten der deutsche Reichskanzler zu kämpfen hat. Er ist der von der Reaktion am ärgsten gehaßte Politiker. Von allen Politikern des neuen Deutschland hat er die kraftvollsten und männlichsten Worte für die demokratische Republik gefunden und ist nicht bei den Worten stehen geblieben. Kein sozialdemokratisches Mitglied der früheren Kabinette hat so entschieden einer neuen Gesinnung Ausdruck gegeben wie Dr. Wirth, der Nichtsozialist, der »Bürgerliche«.

Wer die reaktionäre Opposition kennt, der weiß, mit welchen Mitteln sie gegen den Verhaßten arbeiten wird. Zu den parteipolitischen Schwierigkeiten kommen die anderen wirtschaftlicher Natur. Eine große Steuerkampagne steht bevor. Es hieße den Kopf in den Sand stecken, wollte man verkennen oder verschweigen, daß diese durchaus die Möglichkeit einer Reichstagsauflösung in sich birgt. Die Rechtsparteien wünschen eine Reichstagsauflösung, aber um alles in der Welt nicht wegen Steuerfragen; sie wissen, daß sie in diesem Falle sehr leicht eine katastrophale Niederlage erleiden können. Was die Rechtsparteien brauchen, ist ein Wahlkampf mit nationalem Rummel; sie werden versuchen in der Frage der Sanktionen oder in der Oberschlesienfrage dem Kabinett Wirth ein Bein zu stellen. Und gerade in diesen beiden Schicksalsfragen für das »Kabinett der Erfüllung« zeigt Frankreich sich nicht nur unnachgiebig, sondern geradezu scharfmacherisch.

Herr Briand scheint es eingesehen zu haben, wie prekär Wirths Stellung ist, und was für Frankreich von einer ehrlich demokratischen deutschen Regierung abhängt. Aber weder Kammer noch Presse haben sich zu dieser Erkenntnis durchgerungen und fordern weiter das System der Repressalien. Doch die Erkenntnis wird kommen. Wird sicherlich kommen an dem Tage, wo Wirth abtreten muß, weil Frankreichs Politik der deutschen Demokratie und dem deutschen Pazifismus die Kehle zudrückte. Die Erkenntnis wird kommen, wenn ein reaktionäres Ministerium die Erbschaft Wirths mit Füßen tritt. Und dann werden die gleichen Größen des Nationalblocks, die nicht heftig genug Briand zur Aktion gegen Deutschland hetzen konnten, dem Ministerpräsidenten den Vorwurf machen, daß er nichts getan habe, um die deutsche Demokratie zu stützen, und auf den Sturz Wirths wird ganz automatisch der Sturz Briands folgen. Es wäre durchaus im wohlverstandenen Interesse Frankreichs, wenn es versuchen wollte, der gegenwärtigen deutschen Regierung die Wege zu ebnen. Diese Regierung bedeutet äußerste Anstrengung zur Abtragung der Zahlungsverpflichtungen, bedeutet Friedenswillen, bedeutet europäische Zukunft. Ein reaktionäres Kabinett würde in allem und jedem das strikte Gegenteil darstellen. Fürwahr, wenn es kein Kabinett Wirth gäbe – ein kluges Frankreich müßte es erfinden.

Berliner Volks-Zeitung. 11. Juli 1921

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