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Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921 - Kapitel 22
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band 1: 1911 - 1921
publisherRowohlt
seriesCarl von Ossietzky - ämtliche Schriften
volumeBand 1: 1911 - 1921
isbn3498050192
editorMathias Bertram, Ute Maack, Christoph Schottes
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firstpub1911 - 1921
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22

Lichtenberg

Deutschland scheint so viele gute Schriftsteller zu haben, daß es seine besten vergessen darf. Und zu diesen haben die erlesensten Geister den alten Lichtenberg immer gerechnet. Nietzsche, der Unzugängliche, pries ihn, und Schopenhauer zählte ihn zu den wenigen wahrhaft originellen Denkern – eine Ehre, die er selbst einem Herder nicht zubilligte. Nun bietet der Insel-Verlag in einem der ansprechenden 50-Pfennig-Bändchen eine gute Auswahl seiner Aphorismen. Diesem Büchlein dürfte es hoffentlich beschieden sein, Lichtenberg den Genußfähigen näher zu bringen. Die zünftige Literarhistorik trägt die Schuld, daß man diesen glänzenden Kopf eigentlich immer nur für den mißgestalteten Thersites zwischen den Kraftgenies der Sturm- und Drangepoche gehalten hat.

Nein, er war kein neidischer Kläffer. Gewiß hat er einen schonungslosen Witz besessen, dessen Stachel bald die eine, bald die andre Menschenart spüren mußte. Aber er nahm sich selbst nicht aus. Die Krankheit hat als grausam-beständige Wächterin sein Leben in allzu engen Grenzen gehalten. Doch mit untrüglich scharfen Blicken verfolgte er das Treiben der großen und der kleinen Welt; an sein Göttinger Krankenstübchen gefesselt, sezierte er endlich mit unbestechlicher Gewissenhaftigkeit seine eigne Psyche.

Als er 1799 im Alter von 57 Jahren in Göttingen starb, hatte er dort dreißig Jahre als Professor der Physik und Astronomie gewirkt. Er litt an einer Rückgratsverkrümmung, der Folge eines Unfalls in der Kinderzeit; und während sein Körper mehr und mehr zu einer Beute peinvoller Krankheiten wurde, hatte seine Seele hart mit hypochondrischen Anwandlungen zu ringen. Es ist kein Wunder, daß der kleine verwachsene Mann, abgesehn von zwei Reisen nach England, wenig aus Göttingen herausgekommen ist. Die wissenschaftliche Arbeit nahm den größten Teil seiner Zeit in Anspruch, und die wenigen Freistunden, die er für seine geliebte Schriftstellerei ausnutzen konnte, vergällte ihm sein Leiden. So war es ihm, dem wahren Humoristen – eben weil er durch unzählige Übel hindurch mußte – nicht vergönnt, der Welt einen Roman oder ein Lustspiel zu schenken. Er ist nicht über das Aphoristische und Essayistische hinausgekommen. Wir haben von ihm nur Ansätze, Bruchstücke, »Bemerkungen vermischten Inhalts«. Glänzende Verheißungen, die uns wie das Material zu einer Comedie humaine anmuten. Er kritisierte die Menschen unbarmherzig, aber nie war sein Maßstab kleinlich. Er sah über Göttingen hinaus, er sah immer die Welt. Die Reise in das freiere England hat ihn vielleicht vor dem Schicksal manches Zeitgenossen bewahrt, in der Spießbürgerlichkeit seiner Umgebung unterzugehn oder ein Witzbold von lokaler Bedeutung zu werden, wie etwa Rabener.

Die Krankheit war die Macht, mit der er sich zeitlebens auseinanderzusetzen hatte. Voll persönlichen Reizes sind die Randglossen, mit denen er die Geschichte seines eignen Lebens versehn hat. Oft namenlos bitter, aber nie verzweifelnd, wehrt er die Umklammerungen der Hypochondrie von sich ab und bringt es häufig genug fertig, ganz krankheitserfüllte Stimmungen humoristisch aufzulösen. So meint er z.B. über seinen verkrüppelten Körper, daß ihn ein schlechter Zeichner im Dunkeln besser zeichnen würde und wünscht manchen Teilen »weniger Relief«.

Lichtenberg hatte einen glänzenden Witz. Er schuf geradezu Musterbeispiele absoluter Komik. Am liebsten rieb er sich allerdings an ihm verhaßten Tendenzen. Die Kraftmeierei des Sturmes und Dranges mußte das Urteil dieses stillen, unerbittlichen Richters ebenso spüren wie die gelehrte Pedanterie. Eine Bemerkung wie »sie hatten ein Oktavbändchen nach Göttingen geschickt und an Leib und Seele einen Quartanten wiederbekommen« könnte ganz gut von dem späteren Göttinger Musensohn Heine herstammen.

Sein geistiges Gebiet scheint unbegrenzt zu sein. Er durfte es wagen, über alles zu denken und zu schreiben. Seine Vielseitigkeit war unglaublich. Ihm gegenüber versagen die kritischen Metermaße. Er sprengt jede Rubrik. Wohin gehört er? Zu den Pessimisten? Er hat das Leben nicht verneint. Er hat ein Weib gesucht und gefunden. Er war fähig. Liebe zu geben und zu empfangen. – Zu den Skeptikern? Sein messerscharfer Verstand konnte die schulfuchsische Theologie seiner Zeit nicht ungeschoren lassen, aber ein verborgenes, dennoch reiches Gefühlsleben trennte ihn von dem nüchternen Nicolai-Rationalismus. Tiefreligiöse Stimmungen waren ihm nicht fremd, ebenso überraschen metaphysische Untertöne. Er versenkt sich in den Gedanken des Todes. Er sieht darin das Nichts, aus dem er gekommen, in das er zurückkehren muß, in dem er schlummerte, da auf Erden große Dinge geschahen, große Menschen lebten, herrliche Gedanken gedacht wurden. Hiermit hat er das Nichts gleichsam beseelt und sich einen eigenartig starken Trost in seinen Leiden geschaffen. Denn er war auch kein Stoiker, der sich über alle Übel des Leibes hinwegsetzen kann. Im Gegenteil, das Elend seines Körpers beschäftigt ihn unausgesetzt.

Am ehesten war er ein großer Lebenskünstler, den überall ein brutales Sein angrinste, und der sich in das schmale Seitengäßchen rettete, wo die ironischen Zuschauer hausen. Gesunden Leibes wäre er vielleicht am Leben zerbrochen. – Aber seine Krankheit nötigte ihm eine gewisse Passivität auf, und sein an den exakten Wissenschaften geschulter Geist lehrte ihn die Grenzen erkennen, zwischen denen sein Leben sich abzuspielen hatte. Trotz seiner Resignation hatte er sich doch genug Reizsamkeit erhalten, um nicht dem Erlebnis auszuweichen, dessen Wurzeln er mit der psychologischen Scharfäugigkeit eines Stendhal nachspürte. Während seiner letzten Lebensjahre, als er sein Zimmer nur noch selten verlassen durfte, spann er sich tief in das Geheimnis der Traumwelt ein. Wie in unsern Tagen Friedrich Huch, zeichnete er Träume mit fast beängstigender Gegenständlichkeit auf und untersuchte sie voll sorgfältiger Liebe. Diese Analysen zeigen deutlich zwei Seiten des Menschen Lichtenberg: den nachdenklichen Beschauer und den rücksichtslosen Forscher nach seelischem Neuland.

Schwer faßbar, vielgestaltig steht der alte Lichtenberg vor uns. Die ganze Welt malte sich in seinem Kopfe. Und wenn er nicht eine Kreatur Gottes gewesen wäre, so hätte er dem Brodeltopfe Jean-Paul'scher Phantasie entstiegen sein können.

LA Berlin, N Madrasch-Groschopp, Rep.200, Acc. 4288. Nr.22

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