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Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921 - Kapitel 199
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band 1: 1911 - 1921
publisherRowohlt
seriesCarl von Ossietzky - ämtliche Schriften
volumeBand 1: 1911 - 1921
isbn3498050192
editorMathias Bertram, Ute Maack, Christoph Schottes
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firstpub1911 - 1921
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199

Deutschland und Österreich
Ein Kapitel über Organisation

Die Deutsch-Österreicher sind die liebenswürdigsten Leute der Welt. Ganz im Gegensatz zu ihren slawischen Nachbarn sind sie im habsburgischen Völkerkäfig nicht knurrig und bissig geworden, sondern die denkbar freundlichsten und verträglichsten Geschöpfe, die neidlos die Welt außerhalb der Gitterstäbe an sich vorüberziehen ließen.

Nun ist der Käfig zerschlagen, und die guten Deutsch-Österreicher laufen mit einem wehmütigen Zug um den Mund herum, als fühlten sie sich in der neuen Freiheit etwas malplaciert.

»Was sollen wir anfangen«, so rufen sie, »uns fehlt der Sinn für Zucht und Ordnung: wir sind nu mal ein bissel Schlamperei gewöhnt – an eurer Organisationsgabe allein können wir uns aufrichten!«

Das hört man so oft aus österreichischem Munde, und es gibt mir jedesmal einen Stich.

Verehrte Freunde aus der ehemaligen Kaiserstadt, seid vorsichtig! Obgleich ihr lange genug unsere Waffenbrüder wart, macht ihr euch über die deutsche Organisation doch noch Illusionen.

Denn die vielberufene deutsche Organisation war ein Wesen aus der Retorte. Drill, Schema, Polizeiverordnung. Etwas dem Volkscharakter Aufgepfropftes, wie etwa das Puritanertum in England.

Der Mensch fühlt sich hienieden nicht immer als Zweck, von höheren Mächten gelenkt. Zum Menschsein gehören ebensogut Stunden des Träumens, Tage göttlicher Zwecklosigkeit. Irgendwo in der geschäftigen Welt dräuen kategorische Imperative. Du aber liegst auf dem grünen Rasen, der Warnungstafel ostentativ die verletzende Seite zugekehrt, und blinzelst den weißen Lämmerwölkchen zu. Oder lehnst in deiner Stube am Fenster und zählst die Regentropfen da draußen. Das ist so himmlisch zwecklos und doch dein gutes Recht, willst du nicht noch weniger sein als der Ackergaul, der, die Schnauze im Häcksel vergraben, von unermeßlichen Weiten träumt, die kein zweibeiniges Geschöpf mit seinem dunklen Betätigungsdrange verunziert.

Das Zusammenarbeiten der Menschen beruht auf Gemeinschaftsgefühl. Nur wo Gemeinschaft ist, fühlt der einzelne Verantwortung. Die deutsche Organisation preußischer Prägung ist militaristisch und deshalb ungesellig. Kein lebendiger Strom flutet da, wo sie nebeneinander (nicht miteinander!) werken. Eher scheint die üble Laune das ganze Gefüge zusammenzuhalten, das angenehme Bewußtsein, daß jeglicher das Recht hat, dem andern in die Suppe zu spucken.

»Sie müssen aus den Kerlen herausholen, was herauszuholen ist!« so hieß es beim Militär. Das war die große Formel: man muß herausholen! Und alles muß »klappen«. Die Hauptsache, daß es klappte – oder wenigstens so aussah. Niemandem fiel es ein, hinter die Draperie zu gucken. Und unbedingte Unterordnung! Beschweren konnte man sich nachher. Irgend einer Order vom Divisionsstabe wegen, deren Verrücktheit jeder Grabenunteroffizier durchschaute, wurden in Minuten ganze Massengräber zusammenorganisiert, und weil wir auf die Unübertrefflichkeit unserer Organisation eingeschworen waren, deshalb konnten wir die klaffenden Lücken nicht sehen. Deshalb haben sich indessen Abertausende auf Kosten des Volkes die Tasche vollorganisiert, und deshalb haben wir uns zu einem kläglichen Tributärstaat hinunterorganisiert ...

Liebe Freunde aus Österreich! Wenn ihr also etwas freundliches sagen wollt – nicht das! Und wenn ihr etwas von uns haben wollt – verlangt nicht das, was am sterblichsten ist.

Einmal, wenn die papierenen Wände gefallen sind, die uns heute noch trennen, dann soll euer beschwingteres Temperament den Hochmutsteufel uns austreiben helfen, der uns noch immer in den allzu lange von Korporalshänden behandelten Knochen steckt. Was ihr uns geben könnt, das ist: die Toleranz und das kostbare Wissen, daß man menschlichen Schwächen besser mit einem Lächeln begegnet als mit dem heißen Eisen.

Berliner Volks-Zeitung, 20. Mai 1921

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