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Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921 - Kapitel 18
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band 1: 1911 - 1921
publisherRowohlt
seriesCarl von Ossietzky - ämtliche Schriften
volumeBand 1: 1911 - 1921
isbn3498050192
editorMathias Bertram, Ute Maack, Christoph Schottes
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firstpub1911 - 1921
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18

Mexiko

Der Konflikt der Union mit Mexiko hat die ersten Blutopfer gekostet. Ist das Treffen vor Veracruz ein Auftakt zu einem blutigen Ringen in einem Lande riesiger Gebirge und giftiger Fiebersümpfe? Wird es zu einem regelrechten Feldzuge kommen oder zu einem Guerillakriege, unerhört reich an schreckensvollen Einzelheiten? Über diese Fragen kann man sich zur Stunde noch kein Urteil bilden; auch liegen ja Vermittlungsvorschläge südamerikanischer Staaten vor. Natürlich werden wir solche Aktionen nicht allzu hoch bewerten können, nachdem wir im Balkankriege erlebt haben, daß nach monatelangen »Friedenskonferenzen« die Feindseligkeiten heftiger als vorher entbrannten.

Eins aber steht fest: die Vereinigten Staaten und ihr Präsident haben der Arbeit der Friedensfreunde einen schlimmen Schlag versetzt. Nach den ersten Äußerungen des Wilson-Regimes, nach der Friedensbotschaft Bryans hätte man von den demokratischen Leitern der Republik eine etwas gediegenere Lösung als die mit dem Schwert erwartet. Das hätte Rußland auch können! Dabei scheint man sich in Washington schon heute recht unbehaglich zu fühlen. Der Ausgang des Abenteuers ist ungewiß. Den Kampf um die Hafenstädte werden natürlich die schweren Schiffsgeschütze der Amerikaner schnell entscheiden; aber wie wird es weiter werden? – – Möglich, daß man nur einen Bluff beabsichtigte; die schlechte Vorbereitung spricht dafür. Erwartete man, daß beim ersten Schuß das Piedestal, auf dem Huertas Präsidentenherrlichkeit ruht, zusammenfallen würde? Auf jeden Fall hat man den Charakter der mexikanischen Nation und ihres führenden Mannes unterschätzt. Dieses innerlich zerrüttete Volk befindet sich in einem Übergang von der patriarchalisch-agrarischen zur kapitalistischen Produktionsweise. Noch ist das Volk in seiner Mehrheit unkapitalistisch. Man fürchtet den Kapitalismus wie den bösen Feind; man sieht in der Union, dem großkapitalistischen Nachbarn, geradezu die Inkarnation des Satans. Das wenig betriebsame mexikanische Volk fürchtet das industrielle Joch; es zittert vor der großen kapitalistischen Tretmühle. Die heiße Sonne hat diesem Volke seit Jahrhunderten die zähe Arbeitskraft ausgebrannt; die Vermischung mit den aussterbenden, degenerierten Indianern hat auch zur allgemeinen Erschlaffung beigetragen. Nur unter solchen Menschen konnte Huerta, der sich den Weg zur Macht mit kalter, zielbewußter Grausamkeit – an seinen Händen klebt das Blut Maderos und seiner Brüder – gebahnt hat, zum populärsten Manne Mexikos werden. Halb Kondottiere, halb Bauer, ein geschworener Feind des Mammonismus, so verkörpert er in seiner Person die ganze Vergangenheit seines Landes. Die Union hatte nach dem ersten Kanonenschuß einen Zusammenbruch seiner Diktatur erwartet. Statt dessen treibt dieser erste Gewaltakt das zerrüttete, zersplitterte Volk zusammen; die Gefahr einer kapitalistischen Invasion läßt es unter Huertas Führung zu einer gewissen Einigung kommen. Die Rebellen beherrschen nur einen kleinen Teil des riesigen Landes, nämlich die Provinzen am Rio Grande. Sie werden kaum ins Herz Mexikos dringen können; höchstens kann ihnen die Absplitterung zweier Provinzen zu einer neuen Republik gelingen. Übrigens ist die Haltung der beiden Rebellenführer Carranza und Villa bis jetzt recht abwartend. Carranza hat sich in sehr diplomatischer Weise für den Präsidentenposten in Empfehlung gebracht. Aber die Rebellenführer scheinen doch davor zurückzuschrecken, mit der Union offen Halbpart zu machen; ein solcher Streich könnte ihnen vielleicht ihre Anhänger kosten.

Gewiß werden die Bürgerkriege, die Mexiko seit mehreren Jahren zerfleischen, von Männern angezettelt, deren Aktien am besten stehen, wenn das nationale Elend durch Zersplitterung des Volkes in Parteien und Cliquen den höchsten Grad erreicht hat. Aber letzten Endes sind diese Kämpfe doch Klassenkämpfe; es handelt sich darum, ob dieses Land, das reich an ungehobenen Bodenschätzen ist, in dem sich der Kapitalismus in seinem ersten planlosen Stadium befindet, von nun an einer systematischen Ausbeutung unterworfen sein soll. Und diese Macht, die gewaltig und unabweisbar an die Tore pocht, verkörpert die Union. In diesem Sinne müssen wir ihren Schritt deuten.

Gewiß, als Wilson seinerzeit die Anerkennung Huertas verweigerte, war das, an dem würdelosen Verhalten anderer Staaten gemessen, die jeden beglückwünschen, der die Macht hat, einerlei, wie er dazu gekommen ist, eine Tat. Aber Wilson hat sich weitertreiben lassen: anstatt Herrn Huerta, dem man vor der Öffentlichkeit den Gruß verweigerte, zu ignorieren, kümmerte man sich mit komischer Sorgfalt um jeden seiner Schritte, um endlich die Affäre mit der Salutkomödie traurig zu krönen. Mag Wilsons erste Handlung aus dem Empfinden eines anständigen Mannes geflossen sein, im weiteren Verlauf der Angelegenheit schlichen sich andere – politische und wirtschaftliche – Motive ein. Alle Hochachtung vor den Vereinigten Staaten und ihrem Präsidenten; aber wir finden nicht, daß sich ihre auswärtige Politik bisher dauernd an der Moralität orientiert hat. Die Geschichte des mexikanischen Konflikts kann uns davon auch nicht überzeugen. Die Maßnahmen der Union liefen darauf hinaus, die Regierung Mexikos zu provozieren und den Rebellen den Rücken zu stärken. Das wären zum mindesten törichte und gefährliche Handlungen; denn neben einem gemeinen, erpresserischen Kerl wie dem General Villa verkörpert Huerta geradezu die Ordnung. Es ist die Schuld der Union, wenn Banditen, deren Wirkungskreis sich früher auf den Straßengraben beschränkte, sich nun die Diktatur über mehrere Provinzen angemaßt haben und für jeden Fremden ständige Bedrohungen sind.

Eins ist charakteristisch: die Regierung in Washington spricht immer von einer »Aktion« gegen Huerta und vermeidet geflissentlich das Wort » Krieg«. Ist das nun Heuchelei, oder ist dieses Wort für einen modernen Staat allzu sehr in Mißkredit gekommen?

Wie der Ausgang sein wird? Ob sich ein langer Kampf entwickeln wird oder nicht, ob Mexiko sich seine Unabhängigkeit bewahren oder ob über seinen Städten das Sternenbanner wehen wird, mit oder ohne Annexion – der wirkliche Sieger wird der Dollar sein. Der Großkapitalismus wird seinen Einzug halten; Huerta wird diesen Prozeß im günstigsten Falle um ein paar Jahre verschieben, ihn aber nicht aufhalten können. Eine neue Epoche wird für Mexiko anbrechen. Die Kondottieri werden dann nichts mehr sein als ein Schatten der Vergangenheit. An ihre Stelle werden die brutalen Magnaten des Kapitals treten. Überall im Lande werden Schlote dampfen; die Bevölkerung wird trotz ihres Abscheus in die kapitalistische und industrielle Fron müssen. Aber wie der Kapitalismus Zerstörer ist, ist er zugleich Erwecker: »Bastard von Knechtschaft und Freiheit«, wie Franz Oppenheimer sagt. Aus langen erbitterten Klassenkämpfen wird auch die Republik Mexiko zu einer neuen, besseren Freiheit erwachen.

Das freie Volk, 2. Mai 1914

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