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Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921 - Kapitel 179
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band 1: 1911 - 1921
publisherRowohlt
seriesCarl von Ossietzky - ämtliche Schriften
volumeBand 1: 1911 - 1921
isbn3498050192
editorMathias Bertram, Ute Maack, Christoph Schottes
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firstpub1911 - 1921
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179

Ausverkauf der Illusionen

Wie wir kürzlich an dieser Stelle hervorhoben, hat der Internationale Gewerkschaftsbund auf seiner Amsterdamer Konferenz mit aller Schärfe kritisiert, daß man das Reparationsproblem ausschließlich als ein rein finanzielles betrachte. Diese Überzeugung gewinnt erfreulicherweise bei allen Völkern immer mehr Raum nur schließen sich leider die geschätzten Regierungen mit der ihnen eigenen vorsichtigen Zurückhaltung ungewohnten Gedankengängen gegenüber aus. Wie um zu beweisen, daß eine Dummheit, bis zum Ende durchgeführt, wenigstens für den Mut der Konsequenz Zeugnis ablegt, wenn sie schon sonst nichts weiter einbringt, verfolgt Frankreich die von Clemenceau vorgezeichnete Bahn, einerlei, wie der jeweilige Leiter der Politik heißt. Und in das Tränklein, das die Minister brauen, mischt ihrerseits die liebe Presse, um das Elixier pikanter zu machen, ein Tröpfchen Fegefeuer. So, wenn der bekannte Pertinax des »Echo de Paris« in seinem Blatte auffordert, über deutsche Angebote nicht vor dem 1. Mai zu verhandeln, damit auch ja die Vertragsverletzung Deutschlands Tatsache werde. Es ist zwecklos, sich mit diesem naiven Zynismus auseinanderzusetzen, es wäre schade, daran moralisches Pathos zu vergeuden. Auch das getäuschte, mit Phrasen und Verheißungen regalierte französische Volk wird einmal erwachen und erkennen, daß man weder mit der Anwendung von »Sanktionen« noch mit den Resten deutschen Goldes seine tiefe und schmerzliche Wunde zu heilen vermag. Aber das sind Dinge, die sicherlich einmal kommen werden, im gegenwärtigen Augenblick aber nicht weiterhelfen, will man nicht in jene betrübliche Gepflogenheit der Kriegszeit verfallen, für den Notfall immer wieder den großen Kladderadatsch bei den anderen in Rechnung zu stellen. Die Situation ist leider so: daß drüben der Gewaltwille mächtig ist und daß vor etwaigen neuen Verhandlungen, wenn sie irgendwie fruchtbar sein sollen, der Beratungsstoff gleichsam immunisiert werden muß gegen nationalistische Ansteckungsstoffe. Diese Aufgabe könnte Amerika erfüllen.

Es ist vielleicht das Betrübendste an dem gegenwärtigen Zustand europäischer Zerklüftung, daß es von den Tagen der Waffenstillstandsverhandlungen an nicht einen Tag an warnenden Stimmen gefehlt hat. Mit vollem Recht konnte im Jahre 1919 der Pazifist Alfred H. Fried eine Sammlung solcher Äußerungen des Unmutes und des Widerspruches den »Weltprotest gegen Versailles« nennen. Wie wenig aber hat diese an und für sich sehr beträchtliche Diaspora von Protestlern den Gang der Ereignisse hindern können. Die leitenden Staatsmänner denken nicht weltwirtschaftlich, sondern machtpolitisch; sie stützen sich auf Parlamentsmehrheiten, aus Wahlen hervorgegangen, die ganz unter dem Banne der Kriegsmentalität standen, und müssen nun wahr machen, was sie immer betont haben: sie müssen zur Zwangseinkassierung schreiten, wenn sie sich nicht vor aller Öffentlichkeit als durch die Realitäten widerlegt bekennen wollen. Aus einer Zwangslage, durch eigene Kurzsichtigkeit und Redefreudigkeit entstanden. müssen sie versuchen, die Weltkrise zu »strecken«, ganz so wie man Mehl und Butter streckte. Der Kriegsgewinnler Loucheur tritt in die erste Reihe, der maßvolle Seydoux, durch Sachverstand hinreichend verdächtig, wird wie ein unnützes Requisit beiseite geschoben, und die hohe Generalität wird mobil gemacht, um durch ihre Aktivität zu verdecken, daß das Latein der Regierenden zu Ende ist. Was wir jetzt erleben, mögen die Gesten noch so heldenhaft sein, mögen die Worte noch so furchtbar drohend klingen, es ist letzten Endes nur ein großer Ausverkauf der Illusionen, die sich an den Versailler Frieden und dessen Durchführbarkeit knüpfen. Weil Clemenceau gegen Wilson Recht behalten wollte, weil Millerand und nicht der einsichtige Nitti den ewig lavierenden Lloyd George schließlich festzuhalten verstand, deshalb muß der Marschall Foch heute marschieren. Deshalb muß am ersten Mai der Knoten durchhauen werden, den eine zweijährige grundverkehrte Politik überhaupt erst geknüpft hat. Es ist so. als hätte man zwei Jahre hindurch regiert, nur um Herrn Keynes und seine Gesinnungsfreunde nicht ins Unrecht zu setzen. Der erste Mai wird Zahltag sein – aber nicht allein für Deutschland. Und wenn in den nächsten Wochen schon etwas unter den Hammer kommen wird: es wird nicht allein die deutsche Industrie sein und die deutsche Finanz – es wird nicht in letzter Linie eine verblasene Ideologie sein, die in dem Besitz der Völker an Land und Gut nicht mehr sieht als ein Stück Zeug, das man mit der Elle abmessen kann. Und so wenig wir von der Zukunft wissen – das eine ist uns heute schon nicht verschleiert, daß man für diese Ideologie verteufelt wenig bieten wird!

Wenn wir indessen die Schuld der Entente an der heutigen Zuspitzung der Dinge mit solcher Rücksichtslosigkeit darlegen, können wir auch nicht umhin, den deutschen Anteil daran mit aller Deutlichkeit zu umreißen. Vieles spricht zur Entlastung Deutschlands: die wirtschaftlichen Hemmungen, der latente Bürgerkrieg, die überlaute Sprache der Entente, die immer wieder depossedierte Vaterlandsparteiler zur Konkurrenz anreizt. Aber damit ist nicht alles erklärt. Wenn wir auf die verschiedenen außenpolitischen Phasen der letzten zwei Jahre zurückblicken, müssen wir einigermaßen verwundert sein, wie wenig tragisch man zunächst immer die Drohungen der Alliierten aufnahm, wie man bei jedem Konfliktsfalle immer wieder annahm, diesmal noch mit dem blauen Auge davonzukommen. Es schien geradezu die Meinung verbreitet zu sein, es sei ein Staat ohne in die Wagschale fallende Wehrmacht außerstande, eine aktive Außenpolitik zu machen. Man zitierte zwar mit Behagen, wie Engländer und Italiener den Versailler Frieden in Grund und Boden kritisierten, aber man tat nichts, um wirklich lebendige Fühlungnahme zu gewinnen mit den Politikern, die Gerechtigkeit höher einschätzen als das sogenannte vaterländische Interesse, das bekanntlich gebietet, jeden Wahnsinn widerspruchslos zu schlucken. Hätte die Politik der Republik eine ungebrochene demokratische Linie aufweisen können, so hätte das die Opposition in den ehemals feindlichen Ländern wesentlich gekräftigt. Durch die verhetzende, alle Fundamente staatlicher Ordnung untergrabende Agitation reaktionärer Elemente konnte im Ausland jene für Deutschland so unheilvolle Fiktion entstehen, die Republik wäre nur eine neue Fassade des alten Regimes. Die Außenpolitik ist nur die andere Seite der Innenpolitik; wäre diese etwas zielbewußter, etwas disziplinierter gewesen, unsere Außenminister hätten nicht immer auf so undankbarem Posten gestanden. Auch in Deutschland hat man von Illusionen gezehrt, hat man im geheimen gehofft, mit einer »starken« Sprache Eindruck zu machen. Auch wir können ohne Bedenken manches, wovon sich viele von uns bedeutende Erfolge versprachen, zum Gerümpel werfen – müssen es, wenn wir als Nation die nächste Zeit überdauern wollen. Wenn die Entente heute bei einer Desperadopolitik angekommen ist, so trägt die Schuld daran jener Irrwahn, nach Beendigung des Krieges noch weiter Kriegspolitik zu machen. Daß man sich außerstande zeigte, veralteten Methoden den Laufpaß zu geben, das ist auch der deutschen Politik zum Verhängnis geworden und hat ihr manche Sympathien verscherzt, die ihr bei etwas mehr demokratischer Rückenfestigkeit ohne Zweifel zugefallen wären. Das aber muß das Ziel der deutschen Politik sein, daß wir trotzalledem Anschluß finden an die überall vorhandene Opposition der Vernünftigen, insbesondere an die internationale Arbeiterschaft, die sich soeben ein wirklich positives Reparationsprogramm gegeben hat.

Wir haben gegen Herrn Briand nur die Waffen der Logik – aber diese müssen wir gebrauchen! Will die französische Regierung unsere neuen Vorstellungen mit frostiger Handbewegung abtun und ihre Drohungen in die Tat umsetzen – wir werden es nicht hindern können, wir werden es ertragen müssen. Aber wie wir es ertragen werden, das wird in hohem Maße bestimmend sein für die Bildung einer neuen Weltbewegung gegen den Versailler Frieden und für vernunftgemäße Lösung aller Probleme auf einer wirklich weltwirtschaftlichen Grundlage. Je selbstkritischer und phrasenloser Deutschland in seine dunkle Zukunft hineingeht, desto eher wird das geschliffene Schwert, das ein nach gefahrlosen Heldentaten hungernder Militarismus über seinem Haupte schwingt, zum alten Eisen wandern!

Berliner Volks-Zeitung, 24. April 1921

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