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Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921 - Kapitel 170
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band 1: 1911 - 1921
publisherRowohlt
seriesCarl von Ossietzky - ämtliche Schriften
volumeBand 1: 1911 - 1921
isbn3498050192
editorMathias Bertram, Ute Maack, Christoph Schottes
year
firstpub1911 - 1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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170

Instruktion

Ich verlasse am Dönhoffplatz die Straßenbahn. Eine fürchterliche Stimme: »Mann, Mann ... Sie dürfen nicht durch die Vordertür gehen! Was fällt Ihnen ein? Das wäre noch schöner, wenn jeder einen Ausgang extra wollte!«

Gottseidank, ich bin nicht gemeint. Ich habe den Anhängewagen am vorschriftsmäßigen Ende verlassen. Aber da vorne zwängt sich jemand durch jene Tür, die nur »im Falle der Gefahr« geöffnet werden darf. Ein armer Teufel mit zwei Krückstöcken, das eine Bein gelähmt, das andere auch nicht ganz intakt. Der Weg durch den langen Wagen wird ihm wohl sauer geworden sein, und deshalb ist er, das Verfahren abkürzend, durch die erstbeste Tür entschlüpft. So gut wie man halt mit einem gelähmten und einem nicht ganz intakten Bein entschlüpfen kann.

Aber der Schaffner, der weiß, daß das Überhandnehmen des »Erlaubt ist, was gefällt!«, noch weit früher als Herr Spengler prophezeite, unweigerlich zum Untergang des Kontinents führen muß, ahndet diesen Akt von gemeinschädlichem Egoismus mit einem gut dosierten rhetorischen Trommelfeuer. Wird er dem Frevler nicht befehlen, wieder einzusteigen und den Wagen nochmals, aber durch den richtigen Ausgang zu verlassen? Sein Gesicht verrät die Absicht, aber da kommt der Vorderwagen schon ins Rollen.

Mich ärgert diese Behandlung eines Krüppels; ich lasse einige Aufrichtigkeiten laut werden. Da knarrt es hinter mir: »Was wollen Sie eigentlich? Der Mann hat doch nur seine Instruktion befolgt!«

Ich ging zerknittert weiter, ohne mich umzudrehen. Was lag daran, wie der Kerl aussah. Aus dieser sterblichen Hülle hatte niemand anders gesprochen als der preußische Genius selbst, der seit hundert Jahren Deutschland regiert.

Was ist der Mensch? Ein Nichts, ein Dreck. Ein dunkles, unreines, zielloses Wollen, das sich selbst nicht überlassen bleiben darf, dem durch die Instruktion erst sein Anteil an der Weltseele eingeblasen wird. Und deshalb zerfällt das deutsche Volk ganz folgerichtig in zwei Gruppen: in Befehlserteiler und Befehlsempfänger. Der Kniff ist aber nun, daß jeder beides ist und keines ganz, daß also ein jeder auf Grund zu Recht bestehender Verordnungen nicht nur schikanieren darf, sondern auch solches erdulden muß. Das beweist bündig, daß bei uns niemals eine bestimmte Kaste regiert hat, überhaupt, daß wir ein modernes Kulturvolk sind und keine orientalische Despotie. Und das hat uns auch in allen Nöten so fest zusammenstehen lassen, hat uns, mit Verlust zwar, aber doch erfreulicherweise innerlich unverändert den Krieg überdauern lassen. Das verhindert, daß wir überflüssigerweise den Blick ins Weite richten oder einmal uns selbst beschauen. Und deshalb sind wir Volk der meisten Instruktionen das am wenigsten instruierte Volk der Welt.

Berliner Volks-Zeitung. 14. April 1921

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