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Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921 - Kapitel 156
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band 1: 1911 - 1921
publisherRowohlt
seriesCarl von Ossietzky - ämtliche Schriften
volumeBand 1: 1911 - 1921
isbn3498050192
editorMathias Bertram, Ute Maack, Christoph Schottes
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firstpub1911 - 1921
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156

Politische Situation

Oben brennt es im Dach und unten rauchen die Minen,
aber mitten im Haus schlägt man sich um den Besitz.

Hebbel

Als Dr. Simons nach Eintritt der Sanktionen von London abreiste und es entschieden zurückwies, unter solchen Umständen die Verhandlungen fortzusetzen, wurde diese Haltung von der gesamten deutschen Öffentlichkeit gebilligt. Man sah darin mit Recht mehr einen Akt der Notwendigkeit als eine bloß nach außen wirkende Demonstration. Inzwischen aber sind sowohl in England als auch in den neutralen Ländern die Stimmen nicht verstummt, die die Wiederaufnahme der Verhandlungen forderten. Dieser Wunsch dürfte auch durchaus den Wünschen der englischen Staatsmänner entsprechen, denen der Verhandlungstisch sympathischer ist als der Tisch mit den Karten und Plänen der Generalstäbler. Aber noch beeinflussen die Franzosen die englische Marschroute, und Lloyd George, seinem politischen Temperament nach sicherlich kein Stubenhocker, ist auch nicht der Mann des Siebenmeilenstiefels. Obgleich die Schlußsitzung der Londoner Konferenz einen schwarzen Tag bedeutete für alle Freunde der Völkerverständigung, ist damit natürlich die Konferenzidee nicht eingesargt. Es wäre zu wünschen, daß Deutschland, obzwar es seine letzten und weitgehendsten Angebote annulliert hat, dennoch den Anfang machte mit einer neuen Proposition, die sich streng dem Rahmen der politischen und ökonomischen Tatsachen einfügt. Umsomehr, da Oberschlesien für Deutschland votiert hat und die Entscheidung bei den Alliierten liegt. Klar und übersichtlich muß herausgearbeitet werden, was Deutschland zu leisten imstande ist, unter besonderer Berücksichtigung Oberschlesiens. Sehr wahrscheinlich, daß solcher Vorschlag zunächst Leuten, die sich noch immer aus dem Fonds der langsam schal werdenden Hoffnung speisen, daß »der Boche alles zahlen wird«, herzlich mager erscheinen wird. Aber ein deutscher Appell, der ganz gewiß nicht den Wolfshunger der Imperialisten befriedigen würde, dürfte doch mit deutlicher Sprache den Vernünftigen etwas sagen, jenen, die ein erreichbares Ziel im Auge haben und nicht von einem Wolkenkuckucksheim träumen. Die chauvinistische Presse hat es leicht, Deutschland störrisch zu nennen, ihm »chronischen Vertragsbruch« zu unterstellen und »Felonie«. Aufgeregte Publizisten zu überzeugen, ist natürlich ein Unding. Aber es kommt darauf an, jenen tapfern Minoritäten in England und Frankreich, die gleich uns das Unrecht dieses »Friedens« bekämpfen, tatkräftig unter die Arme zu greifen, ihnen etwas Positives zu geben, daß sie ihren Volksgenossen sagen können: seht, das will Deutschland! Die deutsche Außenpolitik, die gewiß unter unendlich schwierigen Verhältnissen zu leiden hat, trägt zu sehr das Stigma der Gelegenheitsmacherei, trägt bald ein etwas krampfhaft energisches und bald ein sentimentales Gesicht. Hier ist ein Weg, um unsere auswärtige Politik wieder aktiv zu machen. Nicht mit Anklagen wird den Northcliffe-Blättern das papierene Schwert entwunden. Nur wenn Deutschland das seine tut, um die besonnenen Elemente unter den Alliierten zu kräftigen, ist es möglich, jenen großen übernationalen Block zu bilden für die Revision der Friedensverträge, für die Wiederherstellung Europas! Allzusehr hat sich Deutschland an die Rolle des Leidenden gewöhnt oder des Leidvoll-Stolzen, der stumm in seiner Ecke Drangsalierungen erträgt, und auf »seine« Stunde wartet, jene Stunde, die niemals schlägt, wenn er sich nicht rührt. Auch ohne starke Wehrmacht kann man tatkräftige Außenpolitik machen. Ein Land von Deutschlands wirtschaftlicher Bedeutung – trotz gegenwärtigen Tiefstandes – soll reden und muß reden und darf nicht warten, bis man ihm jedesmal mit Gewalt die Zunge löst.

In Oberschlesien ist jetzt, nach der Abstimmung, das eingetreten, was wir an dieser Stelle wiederholt vorausgesagt haben: Das Land ist bis ans Mark von Parteiwut zerfressen, alle wüsten Leidenschaften sind entfesselt. Was der Oberste Rat auch beschließen mag: es wird schwer sein, das Land zu pazifizieren. Für Jahre ist die gedeihliche Entwicklung unterbrochen. Wird aber die Entente, durch Frankreichs Einfluß, sich zu einer Teilung entschließen, so läßt sich angesichts des Polenterrors schon heute sagen, daß in Zukunft Europa um einen irredentistischen Hexenkessel reicher sein wird. Obgleich in der alliierten Presse die Diskussion verhältnismäßig gedämpft geführt wird, läßt sich doch erkennen, daß tiefgehende Meinungsverschiedenheiten bestehen. Besonders in England und Italien sympathisiert man mit dem Gedanken des deutschen ungeteilten Oberschlesiens. Auch der polnische Ministerpräsident Witos hat sich unlängst für die Einheit ausgesprochen. Oberschlesien ist ein Land einheitlichen Charakters. Eine zusammeneroberte und zusammengeheiratete Monarchie kann man ohne besondern Schaden in beliebige Teile tranchieren, ohne daß andere Gefühle verletzt werden als dynastische. Aber Oberschlesien ist ein Industriegebiet mit agrarischem Hinterland; letzteres abtrennen, hieße die Ernährung des Kohlenreviers unrettbar gefährden und einen in langsamem Wachstum gewordenen Organismus vernichten. Zudem liegt Polen weit mehr an dem Industriegebiet, in dem es schlechter abgeschnitten hat. als an den vorwiegend agrarischen Landstrichen, in denen es die Majorität erzielt hat. Die Landmesser der Entente werden sich unter diesen Umständen totarbeiten können, ohne ein Arrangement zu finden, das der Vernunft und der Gerechtigkeit entspricht. Der oberschlesische Bundesstaat als Glied des Deutschen Reiches ist die einzig mögliche Lösung, die den Bürgern des Landes in der Zukunft widerwärtige Komplikationen erspart. Man kann dem entgegenhalten, daß das einer Verachtung der sehr stattlichen polnischen Minorität gleichkäme. Gewiß soll man sich über ein solches Votum nicht hinwegsetzen. Aber unseres Erachtens liegt die Hauptsache nicht darin, daß man eine neue Grenzlinie zieht, sondern daß man einen Ausgleich der beiden Nationalitäten herbeiführt. Denn Oberschlesien hört auf, Provinz zu sein, wird Bundesstaat, wichtigster, industriereicher Bundesstaat, Grenzland, Abschluß zugleich und Übergang. In seinem Willen liegt die Gestaltung seines Antlitzes. Nicht das Deutschtum war verhaßt, sondern das Preußentum vom Schlage Hansemann-Kennemann-Tiedemann. Das fällt fort. Und damit das gefährlichste Agitationsobjekt der Korfanty-Leute. Verbannt die nationale Phrase, gönnt diesen Menschen endlich die ruhige Entwickelung, und es wird dort unten ein neues Volk heranwachsen, den Rassefanatikern beider Nationalitäten ein Greuel – aber eine Gewähr des Friedens! Das muß der Entente immer wieder vorgehalten werden, zur Unterstützung jener, die sich einer Zerreißung widersetzen. Sollten wirklich die Verfechter des Divide et impera obsiegen, ihre späten Enkel noch würden ihr Unheilswerk verfluchen.

*

Die Tragödie wäre unvollständig, entbehrte sie des Satyrspiels. In dem ungarischen Grenzort Steinamanger hat die Sonne ein verspätetes Osterei ausgebrütet, dem Karl von Habsburgs geheiligte Person entkroch. Es wäre dieses Ereignisses hier nicht Erwähnung geschehen, wären nicht dadurch die ungarischen Machthaber in die seltsamste Beleuchtung gerückt worden. Denn die Herren sind glühende Monarchisten, wie bekannt. Im letzten halben Jahre schien des Habsburgers Wiederkehr zuweilen nur noch eine Frage des zu verabredenden Termines zu sein. Und nun kommt der hohe Herr aus seinem Exil ... und die Horthy und Teleki weisen ihm die kalte Schulter. Ein politischer Hans Naivus mag darüber erstaunt sein, wer das Wesen der modernen Legitimisten ein wenig kennt, wird sich nicht weiter darüber wundern. Denn diese Herren erstreben zwar die Monarchie, aber nicht den Monarchen, dessen Person ihnen immerhin manchmal die Kreise stören könnte. »Und der König absolut, wenn er unsern Willen tut«, so ließ Chamisso vor hundert Jahren die Junker sagen. Das hat sich geändert. Der Reichsverweser Horthy trägt die Standarte der Monarchie und läßt das Reich für irgend jemanden verwesen – aber kommt dieser nun, den alle Welt für den erfolgreichsten Anwärter hält, so wird ihm ergebenst anheimgegeben, auch weiterhin in der Schweiz in Ruhe seinen Neigungen zu leben. Früher brauchte der Junker den König als Puppe, heute braucht er nur den Glauben des Volkes an diese Institution, dann ist der König selber gar nicht mehr nötig. Es wird sich schon ein Horthy finden, der mit energischer Hand die Geschäfte der »Ritter« führt. Ungarn ist kein Einzelfall. Ihr deutschen Bürger, die ihr noch immer hinter den großsprecherischen Kaiseristen herlauft, die euch weismachen, sie trügen in den Falten ihrer Toga das Himmelreich ... lernt, lernt, lernt!

Berliner Volks-Zeitung, 1. April 1921

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