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Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921 - Kapitel 153
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band 1: 1911 - 1921
publisherRowohlt
seriesCarl von Ossietzky - ämtliche Schriften
volumeBand 1: 1911 - 1921
isbn3498050192
editorMathias Bertram, Ute Maack, Christoph Schottes
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firstpub1911 - 1921
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153

Der Bürgerkrieger

Zum Menschentöten gehört eine ganz eigene Seelentemperatur. Aufruhr im Lande ist dem viel förderlicher als der Krieg der Staaten, der auf Massensuggestion beruht und eiserner Disziplin. Der Mobilmachungsbefehl kommt wie ein unabwendbares Schicksal, wie Geborenwerden und Sterben. Es weiß jeder: weigerst du dich, so wirst du an die Wand gestellt!

Doch schnell verpufft das bißchen krampfige Begeisterung. Und zurück bleibt nur das Gefühl für die Ungeheuerlichkeit des Opfers, das dem Individuum zugemutet wird. Mit Ekel wird der tägliche Dienst getan, mit Gleichgültigkeit das Gewehr abgedrückt. Selten wird mit Bewußtsein der »Feind« aufs Korn genommen. Die eigentliche Blutarbeit wird von den monströsen Tötungsmaschinen besorgt. Denn Herr Meyer, Manufakturist vom Gesundbrunnen, empfindet auch nicht das leiseste Bedürfnis, Herrn Dubois, Berufsgenossen vom Boulevard Voltaire, als Zielscheibe zu wählen. Der moderne Krieg lebt von der systematisch durchgeführten Ausschaltung des Einzelwillens, doch gerade dadurch entsteht in dem gräßlichen Organismus ein Vakuum, das im Interesse der Menschheit sehr zu begrüßen ist.

Der Bürgerkrieg kennt diesen umständlichen Organismus nicht – aber leider auch nicht das Vakuum. Er wächst aus keinem sichtbaren Zwang, kennt keinen Mobilmachungsbefehl und nicht den verhaßten roten Zettel. Er kommt elementar und muß deshalb viel grausamer sein. Nur einem höheren Gebote fühlt der Mensch sich gehorsam. (Die Hyänen des Schlachtfeldes, die Banditen und Klaubrüder gehören nicht in den Rahmen dieser Betrachtung; so etwas gibt es im sozusagen legalen Kriege auch.) Was draußen im Felde niemals gefühlt wurde – außer in den Redaktionen der Armeezeitungen – wird hier tatsächlich Erlebnis: »Und setzet ihr nicht euer Leben ein, nie wird euch das Leben gewonnen sein!«

Der Fanatismus als treibende Kraft steigert die Unerbittlichkeit ins Maßlose. Der Gegner ist etwas, was schlechterdings ausgerottet werden muß. Er ist anders – das ist sein Verbrechen –, und dieses Anderssein muß ihm mit allen Mitteln der Gewalt ausgetrieben werden. Der einzelne ist zwar gemeiner Soldat, aber ausgestattet mit dem Herrenbewußtsein des Offiziers. Er will nicht nur die Mühen des Soldaten auskosten, sondern auch das Wonnegefühl, andere treten zu dürfen ... das Privileg des Vorgesetzten.

Es wird berichtet, daß die Terroristen von Eisleben und Mansfeld an verschiedenen Orten zwangsweise Aushebungen vorgenommen haben. Das ist nicht einfach ein Akt der Verzweiflung oder gar sadistischer Laune, sondern charakteristisch für das unmäßig aufgetriebene Souveränitätsbewußtsein des Bürgerkriegers. Er fühlt sich beileibe nicht als Rebell. Er fühlt sich als Träger der Idee des Herrenstaates, nimmt mit aller Selbstverständlichkeit dessen höchstes und niederträchtigstes Recht für sich in Anspruch: das Leben des Menschen wie einen Fonds zu behandeln, über dessen Verwaltung man keine Rechenschaft schuldig ist.

Seit hundert Jahren war es erhabenstes preußisch-deutsches Ziel, das Volk in allen seinen Gliedern wehrfähig zu machen. Du hast's erreicht, Octavio! Das Volk ist vollkommen wehrfähig; diese Tatsache ist heute über allem Zweifel erhaben – es wird sogar ohne Generalstab fertig. Das letzte Heil, das höchste, liegt im Schwerte! So hat man es uns in der Schule gelernt. So haben es alle Militaristen, vom großen General Clausewitz bis zu den kleinen Wehrvereinshäuptlingen, den Deutschen eingehämmert.

Der Bürgerkrieg von 1921 ist aber offenbar noch immer nicht der letzte Ausläufer dieser unseligen Tradition.

Berliner Volks-Zeitung, 31. März 1921

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