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Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921 - Kapitel 146
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band 1: 1911 - 1921
publisherRowohlt
seriesCarl von Ossietzky - ämtliche Schriften
volumeBand 1: 1911 - 1921
isbn3498050192
editorMathias Bertram, Ute Maack, Christoph Schottes
year
firstpub1911 - 1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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146

»Die höhere Welt«

Die bekannte Schriftstellerin Grete Meisel-Heß hat jüngst an das Publikum eine offene Warnung gerichtet vor Teilnahme an spiritistischen und mediumistischen Séancen.

Diese Warnung eines Opfers modernen »okkultistischen« Pfuschertums sollte dringend beachtet werden. In einer Zeit schweren persönlichen Leides war Frau Meisel-Heß in Kreise geraten, die sich mit »Geheimwissenschaften« befaßten. Leider verflüchtigte sich ihr anfänglicher Skeptizismus immer mehr, sie wurde zur ständigen Besucherin von allerhand Sitzungen ... und dieser Sphäre des Geheimnisvollen mit den ständigen Erregungen und Spannungen war die ohnehin körperlich und seelisch arg mitgenommene Frau nicht gewachsen. Ein vollkommener Nervenzusammenbruch war die Folge. Sie wird seitdem von Angstvorstellungen gepeinigt; auf Schritt und Tritt verfolgt sie das Summen und das seltsame ferne Sausen, das immer solche Experimente begleitet. Ihre Schilderung erinnert fast an den »Horla«, jene verzweifelt echte Wahnsinnsnovelle Maupassants.

Die Sucht nach Offenbarungen einer »höheren Welt« ist heute zu einer Volksseuche geworden. Es wimmelt von Geisterbeschwörern, dilettantischen Hypnotiseuren, Astrologen, Chiromanten und Gesundbetern. In jeder Aufmachung und Preislage und für jeden Geschmack. Geht es so weiter, so wird bald der Rosenkreuzer im Bouillonkeller zur ständigen Erscheinung werden. Wenn ein gewisses Publikum, das die Bars und Dielen bevölkert, nach Magenschluß das Bedürfnis fühlt, durch Vermittelung eines geschäftstüchtigen »Magiers« mit dem Geiste Napoleons Zwiesprache zu pflegen, so ist das Unglück allerdings nicht groß. Sintemalen diese angenehme Menschensorte bei der völligen Abwesenheit eines Gemütslebens nicht imstande ist, etwas anderes zu fühlen als den angenehmen Kitzel der Sensation. Verhängnisvoll wird es erst, wenn vereinsamte und vergrämte Frauen, die ihre Männer und Söhne im Kriege verloren haben, den Lockungen schlechter Charlatane und betrogener Betrüger folgen. Wenn eine durch und durch intellektuelle Frau wie die Meisel-Heß einen kurzen Rundgang durch die Reviere des Okkultismus so teuer bezahlen mußte, wie mag dann erst das Schicksal der armen, leidenden Menschenkinder werden, die frei sind von jeder kritischen Stellungnahme zu den »Phänomenen«, und nichts anderes mitbringen als ihre Sehnsucht und ihre Gläubigkeit?!

Mit aller Schärfe muß es ausgesprochen werden: die Beschäftigung mit den Problemen des Okkultismus ist eine Angelegenheit der Wissenschaft, und nur der Wissenschaft! Nur wer im Besitze aller notwendigen physiologischen Kenntnisse ist, darf an solche Dinge rühren. Die andern ... sollten ihre Nerven schonen ...

Und warum auch diese krankhafte Sucht, mit dem Schattenreich näher bekannt zu werden? Warum Geister zitieren, wo weit ärgerer Spuk, als er jemals dem Hades entsteigen könnte, sich täglich auf offenem Markte breit macht? Daß nach diesem Kriege der Glaube an die brutale Gewalt lärmender triumphieren darf als je so zuvor, daß eigentlich nichts von dem. was zur Weltkatastrophe führte, wirklich erledigt ist, daß in Ost und West verstümmelte Menschenleiber zu Hunderttausenden verscharrt sind, und daß trotz alledem die Symbole dieser schrecklichen Zeit mit Freude und Stolz hochgehalten werden, das entzieht sich unserer menschlichen Faßbarkeit so sehr, das sind Vorgänge von so unerhört okkulter Kraft, daß daneben unsere modernen Cagliostros kläglich versagen müssen!

Berliner Volks-Zeitung. 17. März 1921

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