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Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921 - Kapitel 140
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band 1: 1911 - 1921
publisherRowohlt
seriesCarl von Ossietzky - ämtliche Schriften
volumeBand 1: 1911 - 1921
isbn3498050192
editorMathias Bertram, Ute Maack, Christoph Schottes
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firstpub1911 - 1921
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140

Europas Totengräber

Es war wie auf dem Theater. In die letzte Aussprache auf der Konferenz mischten sich die Hornsignale der Truppen, die gegen den Rhein marschierten. Die Völker hielten den Atem an und fragten: was wird kommen? Aber Aristide Briand wies mit Wallenstein-Geste auf Herrn Foch: »Der Feldmarschall hier weiß um meinen Willen!« Ein wirkungsvoller Aktschluß, in der Tat.

Ein neuer Aktschluß in der Nachkriegstragödie. Der wievielte, und wieviele werden uns noch bevorstehen? Sind wir erst in der Exposition, oder schliddern wir bereits mitten durch die Katastrophe? Wir wissen es nicht. Wir wissen nur das eine: daß die gesamteuropäische Situation kaum jemals trüber war als in diesen Tagen. Mitten im Kriege brannte die Lampe unserer Hoffnung heller als heute. Mitten im grauenvollsten Wüten wußten wir, daß überall Menschen dachten wie wir. Daß in den Ländern Clemenceaus und Northcliffes trotz alledem Menschen wohnten, gepanzert gegen engstirnige Vaterländerei, bereit, den Mitmenschen im Lande Ludendorffs die Hand zu reichen. Der Krieg hat das unsichtbare Band gemeinsamen europäischen Denkens und Fühlens nicht zerstören können; der »Friede« ist auf dem besten Wege, es in Fetzen zu reißen. Der Krieg mit seiner täglichen Unsumme von Dummheit und Verbrechen wirkt maßlos aufreizend, wird aber empfunden als Ausnahmezustand und als von eigenen Gesetzen regiert – aber der Friede mit der Mentalität und den Mitteln des Krieges, das ist ein Widerspruch in sich selbst, das kann nicht ertragen werden, das reibt auf und zermürbt. Ultimaten, Repressalien, Drohungen, in der Atmosphäre des Krieges sinngemäß und logisch, wenn auch grausam, verlieren, im Frieden angewandt, den Sinn – oder sie rauben dem Frieden den Sinn!

Die Verhandlung ist ein friedliches Mittel. Sie hat die Aufgabe, die Gewalt entweder zu verhindern, oder sie zu beenden. Die Verhandlung wird zur Farce, wenn dem einen Teil von vornherein die Grenzlinie bestimmt ist und der andere Teil sich vollste Bewegungsfreiheit für sich selbst vorbehält und sich darüber hinaus nicht nur als Urteilsverkünder, sondern auch als Urteilsvollstrecker geriert. Auf der Brüsseler Konferenz dominierten die wirtschaftlichen Sachverständigen, das eigentliche Politikerelement fehlte. Deshalb verliefen die Besprechungen in loyalen Formen, und auch die Resultate waren durchweg recht passabel. In Spaa und London gaben die Politiker den Ausschlag. Und in beiden Fällen spielte die Aussprache eine geringfügige Rolle, war sie nicht viel mehr als ein Ornament des bereits fertigen Diktats.

Man hat in Deutschland bereits während der Konferenz die Debatte eröffnet, ob das Vorgehen der deutschen Delegation taktisch richtig gewesen, ob insbesondere die Form der deutschen Vorschläge nicht von Grund aus verfehlt gewesen sei. Wir verkennen nicht, daß ein Teil dieser Kritiken manches Berechtigte in sich schließt, können aber doch nicht verhehlen, daß eine Auseinandersetzung über das Vorgehen unseres Außenministers und seiner Berater einen rettungslos akademischen Charakter tragen muß, da die diplomatische Strategie nichts ändern konnte an dem Gesamtbild, das feststand, seit die Alliierten ihr Festhalten an den Pariser Beschlüssen deklariert hatten. Es mag richtig sein, daß aus Simons' erstem Angebot die Höhe des deutschen Opfers nicht ohne Schwierigkeiten ersichtlich war – auch Keynes, das verkörperte Gewissen Englands, hebt hervor, daß die deutschen Vorschläge irregingen –, wenn es also auch zu wünschen gewesen wäre, man hätte die deutschen Vorschläge so formuliert, daß die Pariser Presse nicht Gelegenheit gehabt hätte, »Camouflage« zu rufen, so lag doch bei den Vertretern der Entente die Pflicht, diese Propositionen ernsthaft zu prüfen, ehe man sie mit der flachen Hand vom Tische schob. Eine schwere Schuld lastet auch diesmal auf der englischen Regierungspolitik, daß sie wider ihr eigenes tieferes Erkennen vor der französischen Politik die Segel strich. Es liegt viel schlechtes Gewissen in der von Lloyd George im Parlament gebrauchten Wendung, daß man »leider« Gewalt anwenden müsse, und ebenso in dem englischen Wunsche trotz des Inkrafttretens der Sanktionen weiter zu verhandeln. Die liberalen »Daily News« konstatieren mit Bitterkeit, daß der englische Premierminister vor Briand kapituliert habe und die französische Rachepolitik triumphiere. Die Anwendung der Gewalt sei nicht zu verteidigen, der Vormarsch Die Anwendung der Gewalt sei nicht zu verteidigen, der Vormarsch Fochs könne sich als ein Marsch zur Vernichtung erweisen. – So äußert sich das vornehmste Organ des englischen Liberalismus. In Paris verliert sich die Presse – die sozialistische ausgenommen – in Paroxysmen der vaterländischen Begeisterung; nur im »Echo de Paris« wird in einem lichten Augenblick unterstrichen, daß die Sanktionen nicht zu einer Erweiterung des militärischen Dienstes führen dürften; denn die öffentliche Meinung würde sich sträuben gegen Maßnahmen, die die Einberufung von drei oder vier Jahrgängen mit sich führen müßten. Hier ist leise angedeutet, was für Konflikte sich in Zukunft für Frankreichs Innenpolitik ergeben können, als Konsequenz einer Außenpolitik, die es verschmäht, das Mögliche zur Grundlage zu nehmen.

Aber was auch bevorstehen mag: zu beklagen ist, daß die immer wieder frisch entfachten Nationalismen den Begriff des europäischen Kulturkreises sprengen, der trotz Krieg im Aufstieg begriffen war, und daß anstatt eines Geistes, der für die Bürger der europäischen Staaten die allmähliche Überwindung der Grenzen bedeutet, nun auf lange hinaus der allerkleinlichste partikularistische Dünkel triumphieren darf, dessen heiligstes Symbol die bunten Grenzpfähle sind. Die Völker wollten zueinander, auch die hitzigsten Gemüter kühlten ab; die Staatsmänner von Paris und London können das traurige Verdienst in Anspruch nehmen, diesen Willen zur Annäherung unterbunden und einer neuen Ära des ungehemmten Chauvinismus die Taufe erteilt zu haben. Vielleicht war es ihre Absicht nicht, das Resultat ihrer Politik ist es gewiß.

Die nächste Zukunft, in den Einzelheiten uns verborgen, ist in den Grundzügen ziemlich klar. Was sich seit dem Tage im Walde von Compiègne ständig wiederholt hat, es wird sich auch weiterhin wiederholen. Aus Paris kommt Drohung, Drohung, Drohung! Und aus Berlin Protest, Protest, Protest! So wird der Wahnsinn, der bisher auf eigene Faust irrlichterte, schließlich stabil gemacht, gleichsam zur gesetzmäßigen Einrichtung erhoben. Der Chauvin des einen Landes wird dem des anderen in die Hand arbeiten. Der »Matin« wird zu immer neuen Gewaltakten aufreizen, und die »Deutsche Zeitung« wird an ein Schwert schlagen, das wir gar nicht mehr besitzen. Und so wird durch rüstige Arbeit hüben und drüben dem letzten Rest europäischen Fühlens das Grab geschaufelt.

Nun braucht man nicht zu so trüben Prognosen zu neigen wie jener Professor, der gleich das ganze Abendland untergehen lassen will, nur weil der deutsche Militarismus im Kriege nicht sein Ziel erreicht hat. Unser Kontinent hat genug Lebenskraft, um diese und noch etliche andere Krisen zu überdauern – aber unsere gegenwärtige Generation geht darüber zugrunde. Bernard Shaw hat vor einigen Tagen mit jener Rücksichtslosigkeit vor offiziellen Formulierungen, die ihn auszeichnet, einem dänischen Interviewer erklärt, warum man immer von »Kriegsentschädigungen« rede, man sollte ganz ehrlich von der »Beute der Sieger« sprechen. Die Londoner Konferenz bedeutet ganz gewiß eine tragische Szene des europäischen Dramas, aber sie kann in ihren Folgen nützlich werden, indem sie der Welt demonstriert, daß die Reparationsfrage nicht eine Angelegenheit ist, die durch die Nominierung von Gläubigern und Schuldnern erledigt wird, sondern eine Angelegenheit aller, die am Kriege beteiligt waren. In letzter Stunde noch hat Dr. Simons feierlich vor dem Forum der Entente erklärt, daß Deutschland seine Pflicht zur Wiedergutmachung bis zu den Grenzen seiner Leistungsfähigkeit anerkenne, und alle Deutschen, die unter dem Krieg gelitten und deshalb eine Ahnung haben von den Leiden der zerstörten Gebiete, stimmen ihm darin zu. Aber daß Deutschland fähig wird, diese seine Pflicht zu erfüllen, das liegt nicht allein in seiner Hand. Man kann nicht von Deutschland Arbeit verlangen und ihm gleichzeitig die Kehle zudrücken. Helfen kann nur ein europäischer Gemeinschaftsgeist! Regt sich erst ein solches Fühlen wieder, dann ist die Stunde des Wiederaufbaues da, und die kleinen Totengräber sinken in das Grab, das sie selbst geschaufelt haben!

Berliner Volks-Zeitung. 12. März 1921

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