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Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921 - Kapitel 13
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band 1: 1911 - 1921
publisherRowohlt
seriesCarl von Ossietzky - ämtliche Schriften
volumeBand 1: 1911 - 1921
isbn3498050192
editorMathias Bertram, Ute Maack, Christoph Schottes
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firstpub1911 - 1921
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13

Der deutsche Wetterwinkel

Als wir vor einigen Wochen an dieser Stelle die rhetorischen Leistungen des Generals von Deimling glossierten, waren wir keinen Augenblick im Zweifel darüber, daß seine an den Kaffern erprobten Erziehungsmethoden bei den ihm untergeordneten Organen bereitwilligst Eingang finden würden. Aber die Demonstration in Zabern kam wirklich überraschend. Wir sind es in Deutschland nicht gewöhnt, daß dem militärischen Dünkel die Zähne gezeigt werden, und blicken mit einem gelinden Gruseln nach der »wilden« französischen Ecke, wo es Menschen gibt, denen eine Leutnantsuniform nicht imponiert.

Der Versuch, über die neue Verfassung hinweg den alten Ausnahmezustand in Elsaß-Lothringen zu erhalten, hat unverhofften Widerstand gefunden. Die »Wackes«-Affäre an sich ist geringfügig. Auch im übrigen Deutschland hat die Phraseologie der Kaserne wenig mit dem guten Ton zu schaffen. Aber die Bevölkerung sah in der Provokation eines kleinen Leutnants das Glied einer großen, fortlaufenden Kette. Das Maß war voll. Um den Zorn der Massen zu einer Entladung zu bringen, bedurfte es nur eines verhältnismäßig kleinen Anlasses. Die »hohen« Persönlichkeiten umkleidet der Mantel einer traditionellen Autorität; doch bei den Übergriffen der Subalternen mischt sich in den Unwillen ein gesundes Gelächter; denn der Volkswitz erkennt die mißlungene Kopie bald und sieht, daß sich in der Haut des Löwen häufig ein weniger respektierter Vierfüßler wichtig macht.

Die Politik des Reichskanzlers wird von keiner Partei als besonders glücklich angesehen. Will er den Ruf seiner einzigen verdienstlichen Tat – denn dafür halten weite Volkskreise die Einführung der elsaß-lothringischen Verfassung – dadurch gefährden, daß er das Aufkommen einer militärischen Nebenregierung gestattet, die die günstigen Wirkungen des Gesetzes illusorisch macht?

Es gibt nur ein Mittel: der General von Deimling muß fort! Wozu die Glieder schelten, da das Ärgernis von oben kommt! Das Haupt der Nebenregierung muß beseitigt werden; sonst wäre es ein zweckloses Beginnen, einen Wackes-Leutnant auf ein paar Tage ins Loch zu schicken oder ihn nach Jakschewo zu versetzen!

Die Regierung hat die Pflicht, für eine umfassende Untersuchung der ganzen Affäre zu sorgen. Was wir bis jetzt davon gehört haben, war nur eine Farce, die auf die Elsaß-Lothringer wie eine neue Provokation wirken muß. Bei Nacht und Nebel hat man die Soldaten aus den Betten geholt und ihnen einen Revers zur Unterschrift vorgelegt, den sie nicht einmal lesen konnten. Ob man die Leute auch noch mit anderen Mitteln »bereitwillig« gemacht hat, ist nicht bekannt. Vermutlich waren die armen Teufel froh, als man ihnen die Versicherung gab, daß das Schriftstück, das sie zu unterschreiben hatten, nicht ihr Todesurteil war. Wenn sich die letzten Nachrichten bewahrheiten, sucht man bereits abzulenken. Nicht der Leutnant von Forstner soll wirklich bestraft, sondern die Bösewichter, die die Geheimnisse der »Instruktions«stunden ausgeplaudert haben, sollen verantwortlich gemacht werden. Auch die Beschimpfungen der französischen Flagge harren noch immer der Aufklärung. Hat der Reichskanzler kein Interesse daran, Licht in die Sache zu bringen? Oder gedenkt er, vor Herrn von Deimling bedingungslos zu kapitulieren?

Wenn wir nicht in Deutschland lebten, würden wir sagen, es ist die Pflicht des Parlaments hier einzugreifen und diesen Winkel gründlich zu durchleuchten. – Du lieber Himmel, Tatkraft vom Reichstag zu verlangen, der bei der Frage der Kruppkommission erst wieder gezeigt hat, wie leicht er einzuseifen ist! Er wird die Regierung weder mit kurzen Anfragen noch mit langen Reden aus der Gemütsruhe bringen. Deimling aber, der durch papierene Resolutionen nicht zu erschüttern ist, wird seinen Eleven hohnlachend erzählen, wie er die Kerle angebrüllt hat.

Die Elsaß-Lothringer werden den Kampf mit den Militärbehörden wohl allein auszufechten haben. Aber ihre von den Alldeutschen so gehaßte gallische Blutmischung hat sie zum Glück vor der trübseligsten Eigenschaft deutscher Staatsbürger bewahrt: der Schafsgeduld. Wir danken ihnen von Herzen, daß sie den Geßler-Hut des preußischen Militarismus so beherzt von der Stange geholt haben.

Das freie Volk, 29. November 1913

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