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Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921 - Kapitel 129
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band 1: 1911 - 1921
publisherRowohlt
seriesCarl von Ossietzky - ämtliche Schriften
volumeBand 1: 1911 - 1921
isbn3498050192
editorMathias Bertram, Ute Maack, Christoph Schottes
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firstpub1911 - 1921
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129

Die Sünde der Republik

Daß auf eine Revolution eine Gegenbewegung folgt, ist, wie die Geschichte lehrt, nicht absonderlich, sondern normal. Aber daß der Revolution gleichsam von ihrem ersten Tage an die Gegenrevolution auf den Fersen ist, das ist ein Vorgang von typischer Deutschheit und deshalb einzig dastehend. Die große Englische Revolution wurde von dem neu erstehenden Königtum verschlungen, die Französische Revolution verröchelte unter den Stiefeln von Bonapartes Garden. Aber zerschlagen wurden in beiden Fällen nur revolutionäre Formen. Von dem Geist, der diese großen Volksbewegungen erfüllte, ist bis auf den heutigen Tag in beiden Ländern manches übriggeblieben, und jeder Fremde wird es fühlen, daß diese Völker einmal ihrem König den Kopf vor die Füße gelegt haben. In Deutschland hat heute der Gedanke fast etwas Mystisches, daß vor etwa zwei Jahren dieses Land von Nord bis Süd in Aufruhr stand. Gerettet ist zwar die neue Staatsform: die Republik – sie lebt, kein Zweifel, aber wie?

Das Kaiserreich ist an dem Militarismus zugrunde gegangen, den es selbst gezüchtet. Das Kaiserreich ist zugrunde gegangen an der militärischen Ideologie, die es so fleißig ausgestreut. Die erste Tat der Republik hätte es sein müssen: ein unzweideutiges Abrücken von dem Bannkreis jener Gedanken. Das ist nicht geschehen. Schlimm genug war es, daß man alte Formationen mit ihren reaktionären Führern geschlossen übernahm – schlimmer war es, daß man sich nicht frei machen konnte von der Vorstellung, ein moderner Staat brauche, um die Achtung der Welt zu genießen, eine starke Wehrmacht. Deshalb hat man, bis zu dem traurigen Erwachen von Spaa, die wirtschaftliche Seite des Friedensvertrages und seine Konsequenzen vernachlässigt und mit einem Feuereifer, der bizarr erscheinen könnte, wenn er nicht gar so traurig wäre, um jeden Kanonenlauf gekämpft, und deshalb wirft man heute für den Bau eines kleinen Kreuzers, der das Gespött der Welt sein wird, hundertfünfundzwanzig Millionen ins Wasser und ruft in die Welt hinaus, daß unsere Kinder hungern.

Die Republik hätte sich zu einem neuen Geist bekennen müssen. Sie hat es versäumt, als es Zeit war. Sie hätte einen Strich machen müssen unters Vergangene – und sie zog einen dicken, weithin sichtbaren Bindestrich. Ist es ein Wunder, daß Herr Escherich trotzt? Äußerlich wird sein Tun von den Staatsmännern mißbilligt, innerlich aber freuen sich viele daran, daß wir einen so tüchtigen Kerl haben. Der imponiert der Entente doch, Kreuzdonnerwetter! Imponieren wollen, ganz wie zu den Tagen, da Wilhelm glorreich mit dem Flederwisch fuchtelte, das steckt in den Führern, das steckt in Dreiviertel des Volkes. Das ist die Quelle unseres Unglücks. Daß man nicht dem neuen Geist vertraute, der damals im November mit unseren Truppen ins Land kam, daß man den Blick nicht abwenden konnte von den Trümmern des Imperiums: das ist die Schwäche des neuen Systems, und davon lebt die monarchistische Reaktion. Deshalb wandelt heute die Republik schwankend auf schmalem Grat, und deshalb stehen ihr noch zwanzig bittere Jahre bevor.

Nie wieder Krieg. März 1921

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