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Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921 - Kapitel 128
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band 1: 1911 - 1921
publisherRowohlt
seriesCarl von Ossietzky - ämtliche Schriften
volumeBand 1: 1911 - 1921
isbn3498050192
editorMathias Bertram, Ute Maack, Christoph Schottes
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firstpub1911 - 1921
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128

Katholizismus in Deutschland

Unsere Zeit gehört den sozialen Kämpfen. Das Ringen der Weltanschauungen ist in den Hintergrund getreten. Von diesem Zustande profitiert eine Macht, die heute nicht mehr wie einst mit heller Fanfarenstimme wirbt, sondern, weit gedämpfter, am liebsten in der Atmosphäre der Halbheit und Indifferenz arbeitet. Das ist die katholische Kirche.

Mir ist ein niederrheinisches Zentrumsblatt zugeflogen mit dem Aufsatz eines Pfarrers über das Thema »Christentum, Monismus und Krieg«. Es hieße diesem Sammelsurium von Anmaßlichkeit und Albernheit zuviel Ehre antun, wollte man die kritische Sonde anwenden. Da wird geweimert über den »materialistisch-monistischen Diesseitsgeist« mit seinen dämonischen Kräften, die die Zivilisation des Abendlandes an den Abgrund gebracht haben. Haeckel wird zum intellektuellen Urheber der Kieler Matrosenrevolte ernannt, da gerade die blauen Jungen die »Welträtsel« eifrig studiert hätten; auch wären durch seine persönliche Korrespondenz viele davon zum Kirchenaustritt veranlaßt worden. Ich erwähne dieses Gefasel nur, weil dergleichen nicht Einzelfall ist, sondern typisch für das Niveau unserer gesamten katholischen Presse, angefangen bei dem großen journalistischen Devotionalienladen der Firma Bachem zu Köln bis hinunter zum kleinsten Käseblatt.

Man muß es einmal offen aussprechen: der deutsche Katholizismus ist eine hoffnungslose Spießerangelegenheit, die leider mit deutscher Gründlichkeit betrieben wird. In Italien ist der Katholizismus ein integrierender Teil des kulturellen Seins; er steht dem urwüchsigen Heidentum der breiten Masse nicht im Wege – trägt ihm, im Gegenteil, klug Rechnung; er befriedigt die naive Volkssinnlichkeit und ist nicht einmal sozial ein Hemmschuh. In Frankreich ist der Katholizismus Patina, durch die Gewohnheit geheiligt; man ist im Grunde des Herzens rationalistisch. Voltaire hat nicht umsonst gespottet.

Deutschland hat keinen Voltaire gehabt. Deutschland hat gelehrte Aufklärer gehabt, deren schwere intellektuelle Befruchtung volkstümliche Wirkungen verhinderte. Deutschland hat auch kleine protestantische Pfaffen gehabt, die den »widerchristlichen Götzendienst« ihrer katholischen Volksgenossen mit konsistorialrätlichem Anathema belegten und die Katholiken in eine verbissene Opposition hineintrieben. Und in diesem jahrhundertelangen Ringen ist eine seltsame Auswechselung der beiderseitigen üblen Eigenschaften erfolgt: während jeder inferiore Superintendent sich bald unfehlbarer dünkte, als es wohl der siebente Gregor tat, bemächtigte sich der katholischen Klerisei die trostlose Verstandesenge und die graue Muckerei der Luther- und Calvin-Epigonen.

Katholisch, was bedeutete das einst – und wie banausisch klingt das heute!

Wo sind die Zeiten, da Kirchenfürsten am Rhein und Main die Schlösser, Kirchen und Klöster mit Kunstwerken schmücken ließen, ausgeführt von den besten Meistern Welschlands? Ihre Nachfolger speien Verwünschungen gegen transparente Damenstrümpfe und empfehlen die stärksten prononziert religiösen Dichter der Neuzeit für den Index. Käme heute ein Grünewald, welche Kirchenbehörde würde wohl seine gräßlich-pathetische Kreuzigung annehmen? Die Lieder der gläubigen Katholiken Eichendorff und Brentano werden nach »anstößigen Stellen« durchschnuppert und für den Gebrauch der gläubigen Schafe verballhornt. In früheren Zeiten war die Assimilationskraft des Katholizismus gar gewaltig; an Lehren, gestern noch als Häresien verdammt, verjüngte sich die Kirche beständig. Ist diese Kraft heute noch vorhanden? Wird die Kirche Fühlung nehmen können mit der modernen Wissenschaft und Kunst, mit dem Sozialismus?

Wir wollen die Möglichkeit einer christkatholischen Renaissance weder bejahen noch verneinen. Die gegenwärtige europäische Witterung verlockt nicht zu Prognosen. Der soziale Kampf verdunkelt das Tageslicht. Kein Zweifel, die Kirche heimst im Dunklen ein. Einmal wird es wieder heller Tag werden. Und dann wird es sich erweisen, ob noch immer das gnadenreiche Antlitz der Mutter Kirche das gleiche ist wie heute – eine erstarrte Maske.

Monistische Monatshefte. 1. März 1921

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