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Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921 - Kapitel 127
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band 1: 1911 - 1921
publisherRowohlt
seriesCarl von Ossietzky - ämtliche Schriften
volumeBand 1: 1911 - 1921
isbn3498050192
editorMathias Bertram, Ute Maack, Christoph Schottes
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firstpub1911 - 1921
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127

Unsere neuen Arbeitsthesen: 4. Weltfrieden

Wir bekämpfen in der Politik das einseitig-engherzige, übertriebene Nationalitätenprinzip, das nur Trennung und Haß zwischen die Völker getragen hat und der tiefere Grund für die immer wieder ausbrechenden Völkerkriege gewesen ist. Wir verurteilen überhaupt den Krieg als ein Überbleibsel früherer tierischer Entwicklungsphasen unseres Geschlechts und fordern daher die Unterstützung aller Bestrebungen, die auf seine endgültige Ausmerzung aus dem Völkerleben gerichtet sind. Wir bekennen uns zum wissenschaftlichen Pazifismus und zum Internationalismus und treten ein für einen Völkerbund, der alle Nationen zu einer gleichberechtigten Kulturgemeinschaft zusammenschließt. Wir bekämpfen in der inneren Politik jeden Terror, komme er von rechts oder links.

Die These 4 enthält ein Bekenntnis des Monistenbundes zum Pazifismus. Ein Bekenntnis, das zu begrüßen ist, obgleich es spät kommt. Aber noch nicht zu spät, denn noch immer droht die rote Wolke. Das Thema Pazifismus hat leider noch nicht aufgehört, aktuell zu sein.

Die Formulierung der These ist glücklich. Es wird ein Prinzip festgelegt und Polemisches vermieden. Erstaunlich ist nur, daß diese Sätze überhaupt Widerspruch finden konnten. Vielleicht ist die Opposition besorgt, es könnte der Bund damit auf das politische Parkett gelockt werden. Ich verweise darauf, was Dosenheimer sagt in seiner Glossierung der These 5 (Heft 11/12). Im übrigen: das Politischwerden liegt schon längst nicht mehr im Bereich des Wollens, sondern ist ganz einfach Schicksal. Niemand kann sich heute dem entziehen, weder das Individuum noch irgendeine Gemeinschaft. Das hat mit Parteipolitik nicht das geringste zu tun und bedeutet auch nicht Politik in der Zwickmühle zwischen den Parteien, sondern Politik jenseits der Parteien. Und solche Politik müssen alle geistigen Bünde machen und werden es in immer größerem Maße tun, je mehr die alten Parteigebäude zerfallen. Daß in gleicher Weise die Parlamente an Kredit verlieren und die großen wirtschaftlichen Körperschaften überall bei der neuen Verteilung der Macht den Löwenanteil davontragen, spricht lebhaft genug gegen eine Selbstausschaltung der geistigen Körperschaften, die doch in dem langsam werdenden Gesellschaftsgefüge nicht nur, wie in der alten Ordnung, ein Plätzchen am Freitisch erhaschen möchten. Je mehr sich aber das politische Leben den Daumenschrauben der Parteigedanken entwindet, desto mehr müssen die Vertreter geistigen Seins auf der Hut sein, daß nicht die stärksten ökonomischen Gebilde einfach alles überschlucken, was ihnen im Wege steht. Eine neue Ordnung kann nur werden, wenn sie ein wohlverstandener politischer Pragmatismus beherrscht, wenn der Wille zur Synthese lebendig ist. Das ist unsere Brücke zur Politik und auch zum Pazifismus. Trotz Versailles sind wir in ein neues Zeitalter des Internationalismus getreten. Nicht diplomatische Remonstrationsnoten noch disharmonisch bedruckte Zeitungspapiere dürfen uns daran irremachen. Das gegenseitige Sichabsperren der Kriegszeit hat katastrophal gewirkt. Gewaltig ist das Verlangen der verschiedenen nationalen Wirtschaften nach gemeinsamer Arbeit; denn Isoliertheit mordet Handel und Wandel. Und während der hilflose Völkerbund sich mit Quisquilien verzettelt und mehr Hemmschuh bedeutet als Hilfe, überfliegen die ökonomischen Notwendigkeiten die papierenen Barrieren des Pariser Statuts. Für uns handelt es sich darum, diesen Prozeß zu fördern, indem monistische Wissenschaft und Ethik ihre ganze Kraft aufbieten müssen zur geistigen Fundierung dieses neuen Internationalismus, der kein Internationalismus der tönenden Worte und der jährlichen Kongresse mehr ist, sondern ein Internationalismus der Realitäten. Es ist nicht das Ziel, heute bestehende Staatsverbände aufzulösen oder gar einen Völkerbrei zusammenzurühren. Aber der Staat soll in den bescheidenen Raum verwiesen werden, der ihm gebührt, und alle sogenannten »patriotischen« Notwendigkeiten, um die Blut in Strömen vergossen wurde, wiegen nicht so schwer wie Leben und Gesundheit eines einzigen Menschen. Kein Volk bedeutet die Grenze der Menschheit und menschlicher Interessen, und wenn jemals, so ist heute, allen chauvinistischen Rodomontaden zum Trotz, die Sehnsucht mächtig nach Kooperation aller Individuen und Gemeinschaften, die miteinander verbunden sind durch wirtschaftliche, geistige, sittliche, religiöse, künstlerische Bedürfnisse. Eine Form für diesen Gedanken sucht das Völkerbundsprojekt des Grafen Harry Kessler, das heute viel besprochen wird und öffentlich übrigens zuerst auf einem Vortragsabend unserer Berliner Ortsgruppe behandelt wurde, vor etwa anderthalb Jahren. Der Kesslersche Vorschlag geht, in wenigen Worten gesagt, dahin, daß, um ein Überwuchern der staatspolitischen Elemente zu verhindern, die großen wirtschaftlichen, geistigen und sonstigen Verbände als gleichberechtigte Mitglieder in den Völkerbund eintreten sollen. Ich hebe nochmals hervor, daß ich den heutigen Völkerbund für einen Versager halte, daß aber die Grundidee davon nicht betroffen wird, sondern daß aus Ansätzen, Keimen und Möglichkeiten schon heute auf künftige Entwicklungstendenzen geschlossen werden kann.

Wohl keine andere geistige Bewegung unserer Zeit hat so bewußt wie der moderne Monismus die Entwicklungsidee in den Mittelpunkt gestellt. Darin liegt eine sehr große Verpflichtung, nämlich: diese Idee nicht auf das Naturerkennen zu beschränken, sondern praktisch auszuwerten für die Gestaltung des Lebens ... der Einzelmenschen wie der Völker. Es hieße die ganze Lebensarbeit eines Müller-Lyer zu negieren, wollte man das leugnen. Es hieße aber ebensogut Müller-Lyer negieren, würde man nicht über ihn hinausgehen und Tat werden lassen, was durch den allzufrühen Tod des Rastlosen lediglich Gedankengut blieb und Rohmaterial für uns Überlebende. Gerade weil wir überzeugt sind von der Phasentheorie, deshalb erscheint uns der Krieg als etwas absolut anachronistisches, als etwas, das vernunftwidrig geworden ist in der gegenwärtigen Kulturform, die, wie unser ganzes soziales Sein überhaupt, hinausgewachsen ist über Ausdrucksmittel, die vielleicht der Zeit des Dschingis-Khan angemessen waren. Vielleicht war während der Kriegsjahre nichts peinigender als dieses Gefühl der nutzlosen Kraftvergeudung, der Zeitwidrigkeit. Und ebenso anachronistisch ist die künstliche Aufrechterhaltung des Nationalitätenprinzips mit seinem unvermeidbaren Gefolge von nationaler Überhebung und nationalem Haß in einer Zeit, in der Technik, Wirtschaft und Wissenschaft spielend die Grenzen überwinden. Die Politik zu einer Angelegenheit des geistigen Lebens der Gegenwart zu machen ist also die Aufgabe. Hebt die Politik auf die Höhe der Technik, und der Krieg ist ein Schatten der Vergangenheit.

Was wir aber in den vier Jahren und nachher erlebten, das spricht mit furchtbarer Deutlichkeit. Nicht nur zu uns, nein, zu jedem, einerlei wie die politische, religiöse und geistige Struktur. Der Krieg hat den Leib der Menschheit zerfetzt, seine Überwindung ist Menschheitssache. Wer heute noch den Krieg als ernsthaftes Mittel betrachten kann, der ist weder um seinen Verstand noch um sein Gewissen zu beneiden. Indem wir Monisten den Pazifismus bejahen, bekämpfen wir den ungeheuerlichsten Frevel, der an uns Lebenden verübt werden kann. Wenn man heute jemand überzeugen will, muß man eine sorgfältige Trennung machen zwischen dem Vernünftigen und dem Allgemein-Menschlichen. Wir wollen uns dafür einsetzen, daß das Menschliche ganz einfach das Vernünftige wird.

Monistische Monatshefte, 1. März 1921

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