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Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921 - Kapitel 12
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band 1: 1911 - 1921
publisherRowohlt
seriesCarl von Ossietzky - ämtliche Schriften
volumeBand 1: 1911 - 1921
isbn3498050192
editorMathias Bertram, Ute Maack, Christoph Schottes
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firstpub1911 - 1921
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12

Ein getreuer Eckart

Für unsere »Patrioten« ist es ein harter Schlag, daß Elsaß-Lothringen ihrem Machtbereich entrückt ist. Da ihren Gelüsten durch die Reichsgesetzgebung ein Riegel vorgeschoben worden ist, wählt man, um doch wenigstens etwas zu tun, den von »völkischen« Elementen so gern betretenen Weg der Schikane. Anders läßt sich wohl auch das Verhalten des Generals v. Deimling, der schon wiederholt die Öffentlichkeit beschäftigte, nicht deuten. Seine berühmte Straßburger Mittagsparade und die Maßnahmen gegen Zeitungen, die sich eine Kritik daran erlaubten, sind ja hinreichend bekannt. Auch durch übel angebrachte Reden mit scharfen Spitzen gegen das benachbarte Frankreich ist der General wiederholt als gelehriger Schüler des Goliaths von Januschau aufgefallen.

Nun berichtet die Straßburger »Bürgerzeitung« über eine neue Rede, die Herr v. Deimling an elsässische Reservisten gerichtet hat: die alten Erbfeinde warteten nur darauf, über uns herzufallen. Dann gelte es gegen die Rothosen in gleicher Bravour loszugehen wie heute beim Sturm auf die roten Fahnen.

Nach den früheren Erfahrungen ist kaum zu zweifeln, daß der Bericht über diese Rede den Tatsachen entspricht. Unerhört wäre es aber, wenn der Kommandeur der Grenztruppen eine solche Tonart gegen den Nachbarstaat noch weiter anschlagen dürfte. Die Regierung hat die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, dem General einen gründlichen Dämpfer aufzusetzen. Will sie es denn ruhig mit ansehen, wie hier ein hoher Offizier der französischen Revanche-Presse Stoff für neue Hetzereien liefert? Oder »vinkuliert« sie sich auch in dieser Frage nicht?

Wir überschätzen – bei allem Bedauern, daß Herr von Deimling nicht schon aus Gründen des guten Geschmackes wegwerfende Äußerungen über das französische Volk unterläßt, – seine Rede nicht. Sie entspringt dem starken Hasse, den nun einmal unsere Reaktionäre gegen die Verfassung Elsaß-Lothringens hegen. Diese Grenzländer haben einen gewissen französischen Einschlag, der nicht wegzudenken und nicht fortzudisputieren ist. Der Kultur des lebhaften Völkchens voll Intelligenz und Unabhängigkeitssinn hat die Verschmelzung deutschen und gallischen Geistes nur zum Segen gereicht. Sehr zum Ärger unserer Patentpatrioten, die nun ihrem Zorn nicht anders Luft machen können als dadurch, daß sie den französischen Nachbarn herabsetzen. Die große Mehrheit des deutschen Volkes allerdings verwirft diese Art, für das Deutschtum zu wirken, ganz entschieden und verlangt von Personen in führenden Stellungen, daß sie sich in Worten und Werken eine kluge Mäßigung auferlegen.

Der Geist der Versöhnung muß der Anwalt des Deutschtums sein. Und deshalb wäre es wünschenswert, daß sich der preußische Militarismus auf der Straßburger Grenzwacht nicht mehr allzu lange durch Herrn v. Deimling vertreten ließe. Wir wünschen der Karriere des grrroßen Generals alles gute. Aber an seinen jetzigen Posten gehört ein Mann, der die Bedeutung des gesprochenen Wortes besser einzuschätzen weiß als Herr v. Deimling.

Das freie Volk. 8. November 1913

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