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Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921 - Kapitel 11
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band 1: 1911 - 1921
publisherRowohlt
seriesCarl von Ossietzky - ämtliche Schriften
volumeBand 1: 1911 - 1921
isbn3498050192
editorMathias Bertram, Ute Maack, Christoph Schottes
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firstpub1911 - 1921
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11

Adjutantenritte

Irgendwo in Borussien lebt ein Herr Kurd von Strantz, Regierungsrat a.D. Ein herber Schmerz muß es für diesen Herrn sein, daß die beiden fatalen Buchstaben »a.D.« seine Aktivität in engen Grenzen halten. Ein weit herberer, daß er keine Gelegenheit hat, seine Stirn mit kriegerischem Lorbeer zu umkränzen. Die neudeutsche Diplomatie ist traurig stümperhaft: sie findet und findet keinen Anlaß, über das frivole Gallien oder das perfide Albion herzufallen. Darum muß der Regierungsrat a.D. tatenlos zu Hause sitzen. Ein unfreundliches Schicksal für einen Mann, der (wie er unlängst den neugierig lauschenden Zeitgenossen im Hamburger »Allgemeinen Beobachter« mitteilte) in gerader Linie von einem Adjutanten Blüchers abstammt. Da kein Schwert an seiner Linken dem blutigen Tage heiter mordlustig entgegenblinkt, so muß sich der arme Mann, der ob seines Tatendrangs schier zu ersticken droht, irgendwie anders Luft machen. So sattelt er sein Streitroß, taucht die Feder tief in blauschwarze Tinte und reitet ins unromantische Land der Publizistik. Verwegene Adjutantenritte! Bald geht es gegen den äußeren Feind, bald gegen den inneren; bald gegen den Verfasser des »Menschenschlachthauses«, bald gegen die Hamburger Lehrer überhaupt; bald gegen die Wahrheit, bald gegen die Logik. Der tapfere Amateurkrieger hat in einer Broschüre »Französisch-Lothringen und noch mehr« gefordert und sich, als dieser Vorschlag nicht die nötige Gegenliebe fand, echt alldeutsch-bescheiden mit der Annektion des Kongostaates begnügt.

Jetzt hat sich Herr Kurd von Strantz Mambrins Helm aufgesetzt, und mutig faßt er seine Tartsche zu einer neuen Attacke in dem vorher genannten Hamburger Blatte. (Ein merkwürdiges Blatt, dieser »Allgemeine Beobachter«, der Rassenhygiene auf sein Banner geschrieben hat und in etwas anfechtbarer Konsequenz seine politische Rubrik fast ausschließlich Reaktionären und Antisozialpolitikern zur Verfügung stellt.)

Diesmal geht es gegen Norman Angell und sein schnell bekannt gewordenes Buch »Die falsche Rechnung«. Vita Deutsches Verlagshaus G.m.b.H., Berlin-Charlottenburg; Preis 1,25 Mark.

Das Buch ist von der deutschen Jingopresse nicht gerade freundlich begrüßt worden. Am gnädigsten waren noch die, die den Autor als heillosen Utopisten verlachten. Eine ganz besondere, geradezu verblüffende Auffassung aber blieb dem scharfsinnigen Herrn Kurd von Strantz vorbehalten. Nach ihm ist dieser Norman Angell die gefährlichste Kreatur, die Albions Verschlagenheit jemals gegen den arglosen deutschen Michel losgelassen hat. Deutschland soll nur beruhigt, soll ganz sanft in den Schlaf gelullt werden, damit England ohne jede Konkurrenz dasteht. Dann entwirft der alldeutsche Kämpe ein grandioses Bild von Englands Schwäche. Im Kriegsfalle würden sich die Kolonien sofort selbständig machen: »Wenn wir und unsere Bundesgenossen den sicher sofort in Indien und Ägypten ausbrechenden Aufruhr geschickt schüren und leiten, dann ist die Weltmacht England verloren.«

Das weiß Albion. Deshalb wird der heuchlerische Geier Norman Angell als Friedenstaube, den Ölzweig im Schnabel, zum frommen Michel geschickt, um plötzlich über ihn herzufallen und ihm die Krallen ins Fleisch zu schlagen. Norman Angell ist ein Agent des »gerissenen und smarten, um kein Täuschungsmittel verlegenen Albions«, der in die Herzen der Zuhörer »weltbürgerliches Gift« träufelt.

So und nicht anders denkt sich ein Alldeutscher die Motive eines Friedensfreundes!

Der Artikel führt den Titel »Bewußte englische Irreführung«. Daß er reich ist an Kraftausdrücken, ist nach den obigen Zitaten selbstverständlich. Einen besonderen Nasenstüber bekommt noch der deutsche Botschafter in London für seine »gehaltlose Versöhnungsrede«. (Vermutlich soll er von der »sprichwörtlichen Verlogenheit der englischen Politik« reden.) Natürlich wird für weitere Rüstungen Stimmung gemacht, da das deutsche Volk nach einer »tatkräftigen Machtpolitik« schreie. Zum Schlusse heißt es großartig:

»... das Lügengewebe ist zerrissen, eine Verständigung kaum in den schwächsten Anfängen.«

Auch die Industrie wird als Eideshelferin für eine »tatkräftige Machtpolitik« herangeschleppt:

»Zu meiner freudigen Genugtuung regt sich der Zorn gerade in den Kreisen der Ausfuhrindustrie. Sie wünschen ein vom deutschen Aar gedecktes Absatzgebiet.«

Es ist erstaunlich, wieviel Wohlwollen die Herren bei solchen Gelegenheiten derselben Industrie entgegenbringen, der sie mit einer ungerechten, klassen-egoistischen Zollpolitik das Leben schwer machen.

Es ist ja ein Glück, daß über Krieg und Frieden noch nicht die alldeutschen Schreier zu entscheiden haben. Aber die Zeiten sind doch vorüber, da man sie ohne ernste Beachtung durchschlüpfen ließ. Eine lange, schwere Arbeit liegt vor uns: die Mauern des Mißtrauens und der Gehässigkeit niederzureißen, die von den Nationalisten aller Länder aufgerichtet worden sind. Wohl von allen Kulturvölkern ist der Exzeß von Nancy als grelle Warnung aufgefaßt worden, welche Früchte die Aussaat von Aufreizungen und Verdächtigungen endlich bringen muß.

Gewiß wünscht die überwiegende Mehrheit des deutschen Volkes eine tatkräftige Machtpolitik. Aber nicht im Sinne der Alldeutschen! Das deutsche Volk will den Sturz der herrschenden Mächte, die heute unser Vaterland schwarz überschatten.

Wir wissen, daß dem Geschrei der Alldeutschen der Erzklang der Überzeugung fehlt. Es ist nicht mehr als Spiegelfechterei, wenn immer gegen das Ausland scharf gemacht wird. Der Zweck ist klar. Das Volk soll nicht zu Atem kommen; es soll abgelenkt werden von den ihm weit näher liegenden innerpolitischen Verhältnissen, damit die Kaste am Ruder bleibt, zu der auch Sie sich doch rechnen, Herr Adjutantenenkel, und deren politisches Übergewicht Ihnen wahrscheinlich als unumstößlicher Glaubenssatz gilt?

Das freie Volk, 12. Juli 1913

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