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Saly's Revolutionstage

Ulrich Hegner: Saly's Revolutionstage - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleSaly's Revolutionstage
authorUlrich Hegner
year1828
firstpub1814
publisherG. Reimer
addressBerlin
titleSaly's Revolutionstage
pages260
created20130527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Es war da wieder eine nächtliche Versammlung, wie gestern in der Mühle, nur anständiger. Wein und Toback stand noch in einer Ecke des Zimmers, und auf dem Tische, um welchen zehen Männer herumsaßen, lag ein großes Buch und ein Schreibzeug. Sie waren alle unbeweglich und mausestille, bis ein junger Mensch, der mich eingeführt und mir einen Stuhl gegeben hatte, wieder weg war. Das kam mir fast zu feyerlich vor für Landleute; sie müssen es wo abgesehen haben, dachte ich.

Endlich hob einer an: Lieber Freund, daß nicht sowohl das Ueberbringen eines Briefs die Ursache Euers Hierseyns sey, als der Wunsch einiger unsrer Brüder, Euch mit uns bekannt zu machen, und auch Euer Wunsch, mit uns bekannt zu werden, das ist berichtet worden, wie auch, daß Eure Grundsätze über die traurige Gefangenschaft einiger der trefflichsten Männer des Landes und über die verlorne Freyheit gänzlich mit den unsrigen übereinstimmen; darum 31 machen wir es uns zur Pflicht, Euerm Wunsche zu entsprechen, und unser Vorhaben ganz vor Euch aufzudecken.

Verzeiht, ihr Herren, eilte ich zu sagen, wenn ich jetzt schon reden muß; ich möchte nicht, daß Ihr mir mehr Zutrauen schenktet als ich verdiene, und mehr von mir erwartetet, als ich leisten kann; denn Euer Unternehmen ist von der höchsten Wichtigkeit für Euch, und ihr müßt genau wissen, mit wem Ihr zu thun habt. Es ist zwar erst von gestern her, seitdem ich etwas davon weiß, allein ich habe schon genug erfahren, um vor dem weiten Umfange desselben beynahe zu erschrecken. Eure Brüder haben mich freylich durch ihre Freymüthigkeit und ihr Zutrauen eingenommen, ich mochte auch nichts gegen das Recht ihrer Beschwerden einwenden, weil diese mir größtentheils neu waren; aber weder mein Schicksal noch meine Denkungsart gebiethen mir den gleichen Eifer der Theilnahme – und das ist es, was Ihr wissen müßt, damit Ihr Euch nicht an mir irret. Ich bin nur ein gemeiner Tagelöhner, meine Umstände fordern mich zur Genügsamkeit auf, und ich fühle mich nie leichter und zufriedener, als wenn ich mich über wenig in der Welt beschwere und um das Heil des Ganzen nicht bekümmere; daher geht mein Dichten und Trachten mehr nach einer innern Freyheit, welche mir die äußere entbehrlich mache. Indessen verlange ich keineswegs, daß andre sich so beschränken sollen, wie ich, und werde 32 auch die nicht tadeln, welche bürgerliche Freyheit für andre, mit Gefahr ihre eigne zu verlieren, suchen, sondern lobe sie vielmehr, wenn ihre Absichten, wie ich von Euch glauben muß, rein sind, und habe deßwegen auch den Handschlag, welchen ich Euern Brüdern gab, noch nicht bereut; nur möchte ich eben so wenig als unbedingter Gehülfe, wie als bloßes Werkzeug angesehen seyn. Ich bitte also mir von Euern Geheimnißen, wenn Ihr solche habt, mehr nicht zu vertrauen, als Ihr mit meinen Gesinnungen verträglich findet.

Sie hatten mir mit Aufmerksamkeit und stiller Befremdung zugehört, weil sie wohl merken mußten, daß ich nach der feyerlichen Verbrüderung nicht so begierig sey, wie sie erwarteten; denn wer Grundsätze auskramt statt der Antwort auf ein dringendes Ansinnen, der sucht Ausflüchte.

Einer der den äußern Anstrich von Frömmigkeit hatte, und mir der Feinste schien, antwortete: Unsre Brüder hatten Recht, Eure mannhafte Denkungsart zu loben, und Euch als einen Liebhaber der wahren Freyheit zu schildern, das beweist Eure Freymüthigkeit; wollte Gott es gäbe viel solche Leute im Lande, so wären wir bald recht frey! Unser Vorhaben ist sehr einfach, wir wollen nichts als die Freyheit unsrer unschuldigen Gefangenen und unsre verlornen Rechte, die Ihr hier beschrieben findet (indem er mir ein kleines Heft Schriften übergab). Der einfachste Zweck braucht aber oft verwickelte Mittel, und dieß ist leider hier 33 auch der Fall. Durch öffentliches Handeln ist nichts auszurichten, wie die traurigste Erfahrung uns sattsam belehrt hat; es bleibt uns also nichts anders übrig, als mit Vorsicht und Gottes Hülfe uns unter der Hand und auf mancherley Weise einen großen Anhang zu verschaffen, der die Gegenpartey überwiege, und damit gleichsam zu erzwingen, was durch gütliches Betreiben nicht zu erhalten ist; daß dieß aber allerhand Leute und Hülfsmittel bedürfe, ist leicht einzusehen. Freylich ist das Anwerben Eure Sache nicht, wir wissen es, und fern sey es von uns, Euch dazu überreden zu wollen. Ja wir werden Euch auch, so gerne wir es sonst gethan hätten, von unsern Hülfsmitteln, die der edle Zweck heiligen muß und wird, weiter kein Wort sagen, weil Ihr es nicht haben wollt. Aber das hoffen wir nach Euern Aeußerungen mit Zuversicht, Ihr werdet uns, so lange Ihr uns gerecht erfindet, Euern Beystand nicht versagen, und wenigstens die Verbündeten in Eurer Gegend mit gutem Rath unterstützen.

Ich wiederhohle es, erwiederte ich, daß es mir Ernst ist, wenn ich Eurer Unternehmung einen gemeinnützigen Ausgang wünsche; aber erlaubt mir noch die Frage: Fürchtet Ihr nicht, wenn Ihr so die ungeschlachte Menge in Bewegung setzt, daß Ihr derselben keinen Stillstand mehr werdet gebiethen können, und daß sie, wie ein angeschwollenes Waldwasser Freund und Feind mit sich fortreiße, und alles zerstöre? Und was für einen Beystand erwartet Ihr jetzt von mir?

34 Sie betheuerten, daß sie himmelweit davon entfernt seyen, eine Empörung im Sinne zu haben, sondern wenn sie freylich auch zu drohenden Maßregeln schreiten müsten, werden sie es nicht thun, bis sie ihrer Uebermacht so sicher seyen, daß der erschrockene Gegner an keinen Widerstand mehr denken dürfe. Die Volksmasse aber sey wohl zu lenken, wenn sie wohlgesinnte Führer aus ihrer Mitte habe. Sollte ich mir dessen ungeachtet nicht gefallen lassen, Leute für ihre gute Sache zu überreden, so wünschten sie jetzt nur, von mir sagen zu können: Wer nicht wider uns ist, der ist für uns; und weiter in gutem Vernehmen mit einander zu stehen.

Damit gaben sie mir den Abschied, denn sie standen auf; das große Buch und das Schreibezeug wurden weggenommen, und Wein und Toback dafür hingestellt. Sie fingen an von gleichgültigen Dingen zu sprechen; zwar noch in einem freundschaftlichen Tone, jedoch mit merklicher Zurückhaltung und Abnahme der anfänglichen Zutraulichkeit; und beym ersten Worte, das ich vom Weggehen sagte, wiesen sie mir bereitwillig im Wirthshause mein Nachtlager an.


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