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Saly's Revolutionstage

Ulrich Hegner: Saly's Revolutionstage - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleSaly's Revolutionstage
authorUlrich Hegner
year1828
firstpub1814
publisherG. Reimer
addressBerlin
titleSaly's Revolutionstage
pages260
created20130527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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So söhnt uns immer ein Mensch mit dem andern wieder aus, und ein Zufall mit dem andern. Ohne den bösen Mann hätte ich den guten nicht kennen gelernt. Das ist der Weltlauf, was ich hier in Einem Hause sah, Gutes und Böses, und so wird es auch der Stadtlauf seyn.

Ohne also weiter noch etwas zu fragen, ging ich zum Thore hinaus, und hatte da meine Freude an der auch im Winter schönen Natur; und bekümmerte mich wenig um die Leute. Als ich eine Zeitlang so gegangen war, fiel mir ein kleiner unansehnlicher Handwerksbursche auf, der einen Ranzen trug, und ein geschwollenes mit Lumpen umwickeltes Bein mühsam nachschleppte, und dabey sang. – Lustig, Bruder! rief ich ihm zu. – Ja, sagte er, sie haben mir da Wein gegeben, wie ich lange keinen bekommen. – Er hinkte nun mit mir, so daß ich seinetwegen langsamer gehen 26 mußte, und fing an zu erzählen, wie es ihm in Zürich nicht gut gegangen; man habe ihm vorher gesagt, die Schweizer lieben die Fremden nicht. Doch müste er seine Behandlung hier im Spital, wo er sieben Wochen krank gelegen, rühmen.

Wenn nur zuletzt noch das Gute kömmt, tröstete ich ihn, so ist alles gut.

Ich habe es aber nicht immer so gehabt, sagte er; ich war auch im Zuchthaus.

Ich blickte ihn an; er sah ehrlich aber einfältig aus.

Hat Er nicht eine gewisse Schrift gelesen? fuhr er fort.

Es gibt vielerley Schriften, antwortete ich lachend.

Ueber eine gewisse Geschichte, meine ich; ich will es Ihm erzählen. Als ich einmahl an einem Markttage allein in der Werkstätte arbeitete – ich bin ein Buchbinder – kam ein Landmann herein, der beynahe wie Er aussah. Er that erst allerley Fragen an mich, und zog endlich ein Pack gedruckter Schriften hervor. Guter Freund, sagte er, will Er ein Stück Geld verdienen? Und als ich mich dazu willig bezeigte – so muß Er diese Schriften heimlich unter seine Bekannten austheilen, und unter Bauersleute, die geistliche Bücher bey Ihm kaufen; aber sein Meister muß bey Leibe nichts davon wissen! Zugleich nahm er einen Laubthaler heraus, den er mir in die Hand drückte, mit dem Beyfügen, er wolle in einigen Wochen 27 wieder kommen, und wenn ich meine Sache gut gemacht, solle ich noch mehr Geld haben. Das gefiel mir wohl, ich that wie er mich geheißen; aber kaum hatte ich es ein Paar Tage getrieben, so kam früh am Morgen ein Häscher, der mich in's Zuchthaus abführte, wo man mir das Büchlein vorlegte, und mich, als ich nicht sagen konnte, wer es mir gegeben, abprügeln ließ, und hernach auf Wasser und Brot in's Gefängniß warf, ob ich gleich betheuerte, daß ich unschuldig wäre, weil ich die Schrift mit Fleiß nie gelesen. Hier blieb ich zehen Tage, bis mich die Angst und der Verhaft krank machte, und mein alter Schaden am Fuß wieder aufging; worauf ich in das Spital gebracht, und daselbst liebreich verpflegt wurde. Gott vergelte es ihnen, es wohnen gute Leute da! Aber der Fuß war bös zu heilen; da kam es endlich so weit, daß ich wieder darauf gehen konnte, und man mich laufen ließ. Wenn ich jetzt nur wüßte, wer mir das Büchlein gegeben, damit ich erzählen könnte, was ich seinetwegen gelitten; vielleicht kriegte ich einen Ersatz.

Ich rieth ihm nach Hause zu gehen, sein Handwerk ehrlich zu treiben, und mit dergleichen geheimen Artikeln sich nicht mehr abzugeben, dafür sey er zu einfältig! Letzteres sagte ich ihm absichtlich rund heraus, weil ich weiß, daß es oft gute Wirkung thut, wenn man den Leuten ohne Umstände sagt: Ihr taugt nicht hiezu! So wissen sie auch, daß es ihnen gesagt ist, und kehren mit einer leichten Wunde zur 28 Ueberlegung zurück; da hingegen die feinen Pfeile verdeckter Warnung hundert Mahl an dem Schilde der Eigenliebe abprellen.

Da er nicht gleichen Schritt mit mir halten konnte, so nahm ich Abschied, und er fing seinen Gesang wieder an.

Nimm dich in Acht, sagte ich zu mir selbst, das könnte unter fremdem Nahmen deine eigne Geschichte seyn. Der einfältige Buchbinder läßt sich durch Geld und gute Worte (von einem Manne, der aussah wie ich, sagte er, welches mir die Erzählung widrig machte) verleiten, sich mit etwas Geheimem abzugeben, das außer seinem Berufe lag, und wurde dafür von der Obrigkeit als ein Ruhestörer mit Schlägen und vom Verhängniß mit einem bösen Fuß als ein Sünder bestraft, denn jede Einmischung in ein fremdes Geschäft ist Untreu gegen sich selbst, und das ist die Sünde! Um Geld ist es mir zwar nicht zu thun, aber man muß nicht nur dem Gelde, man muß auch guten Worten widerstehen können! – Noch sind keine vier uns zwanzig Stunden verflossen, seitdem ich in der Mühle den ersten Wink erhielt, und jetzt begegne ich schon allenthalben Spuren einer furchtbaren Gährung; vorher hörte ich freylich auch dieß und jenes sagen, aber ich dachte an keinen Zusammenhang, den ich nun auf's deutlichste wahrnehme. Ein gefährlicher Weg, den ich gehe!

Solche Betrachtungen störten mich, und meine 29 Freude an der schönen Gegend verschwand; es war mir, als ob Schlangen hinter den Hecken lauerten, und Ungeheuer aus dem Wasser hervorguckten. Sogar das Singen des Handwerksburschen ärgerte mich; er singt im Gefühle seiner wiedererlangten Freyheit, und ich bin im Begriff die meinige zu verlieren! Soll ich zurückkehren, dachte ich oft; und ging unterdessen immer vorwärts.

Wie hat sich doch seit Jahren hier alles verschönert! sagte ich zu einem Mann, der mit mir aus einem Dorfe kam, und mich eine Strecke begleitete. Das macht die Handlung, antwortete er, die ist seitdem stark in Schwung gekommen.

Die Handlung, rief ich, die ist ja verbothen.

Freylich, aber man treibt doch so unter der Hand manches. Ja, fügte er nach einer Pause hinzu, wenn wir nicht so gedrückt, und die Menschenrechte uns nicht geraubt wären, wir hätten es noch viel besser.

Welche Menschenrechte? fragte ich.

Er lächelte mir geheimnißvoll seine Unwissenheit entgegen. Ich merkte, daß dieß eines der Worte sey, die man nach den Verhaltungsregeln aus der Thal-Mühle zuweilen müsse fallen lassen. – Einem gedrückten Lande, sagte ich, sieht eure Gegend doch nicht ähnlich.

Abends bey guter Zeit kam ich nach Meilen, und gab meinen Brief in dem bestimmten Hause ab. Man empfing mich gut, aber kalt; der Brief wurde nicht 30 gelesen, sondern gleichsam als unbedeutend in ein Nebenzimmer gelegt, bis es ganz dunkel geworden. Da sah ich nach einander verschiedene Männer von gutem Ansehen ankommen, die einen Augenblick in die Wohnstube, wo ich war, hereintraten, dann wieder hinaus, und eine Stiege höher gingen. Das währte ungefähr eine Stunde; endlich wurde auch ich gerufen.


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