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Saly's Revolutionstage

Ulrich Hegner: Saly's Revolutionstage - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleSaly's Revolutionstage
authorUlrich Hegner
year1828
firstpub1814
publisherG. Reimer
addressBerlin
titleSaly's Revolutionstage
pages260
created20130527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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In Zürich suchte ich sogleich das Haus meines Zinsherrn auf, und erwartete mit hungriger Hoffnung hier, wie es bey uns üblich ist, ein Glas Wein und einen Bissen Brot zu bekommen. An der Hausthüre begegnete ich einem Herrn in der Rathskleidung, dem ich folgte und oben mein Geld einhändigen wollte; er wies mich aber mit freundlichen Worten ein Stockwerk höher, weil er nicht mein Gläubiger sey. Dort trat eben ein Mädchen mit rothen Backen, sauber halb städtisch und halb ländlich gekleidet aus dem Zimmer, und hieß mich warten, bis der Herr komme, welches nicht mehr lange währen würde. Ich fragte, ob ich nicht in der warmen Stube warten könnte, da es haußen so kalt sey?

Laß den Bauer nicht herein, hörte ich eine weibliche Stimme von innen rufen.

Warum nicht? wünschte ich zu wissen. – Ehe sie aber meine etwas ungeduldig vorgebrachte Frage beantworten konnte, kam der Herr selbst mit einem Jagdhunde die Treppe heran gestiegen. – Ich grüßte ihn.

21 Was will der da? sagte er zu dem Mädchen, ohne mich anzusehen; und als er hörte ich wolle einen Zins bringen: so warte nur hier, sprach er.

Ich erneuerte meine Bitte, mich in das Zimmer hinein zu lassen, bis es ihm gelegen sey, das Geld abzunehmen, da ich mehrere Stunden weit herkomme und friere.

Hier ist noch niemand erfroren, war seine gebietende Antwort, gieb nur der Jungfer das Geld! – und so ging er hinein; der Hund mit ihm.

Wir sahen einander an, diese Jungfer und ich. Sie in Erwartung der Zahlung, ich voll Verwunderung über ihres Herrn Hochmuth. – Wenn man bey uns Geld bringt, so ist man willkommen, sagte ich.

Will er mir jetzt den Zins geben? fragte sie endlich bescheiden.

Hier nicht, mein Kind, aber im Zimmer; und lieber Ihr als ihrem Herrn.

Sie erschrak und bath mich leise zu sprechen. Thu er's doch hier!

Es friert mich an die Hände, sagte ich; ich kann kein Geld zählen.

Der Herr kam unter die Thür und rief: Jungfer, der Mensch ist acht Gulden schuldig; Hurtig!

Er will mir nichts geben.

Da trat er, noch den Stock in der Hand, heraus. Was ist das? warum nicht? – Er hatte die Frage an das Mädchen gethan, so wollte ich nicht 22 antworten; allein ihre Verlegenheit that mir leid, ich sagte: Mich friert, ich möchte den Zins gern in der warmen Stube abstoßen.

Daraus wird nichts, fuhr er mich an, hier ist Platz genug; die Stube ist nicht für Deinesgleichen.

Ich hätte geglaubt, erwiederte ich gelassen, wenn ein Hund hinein darf, sollte es einem Menschen wohl auch erlaubt seyn.

Das ist unverschämt! rief er; weißt du, wen du vor dir hast?

Das sehe ich nur zu gut, versetzte ich.

Da wurde er grimmig; er fing an zu toben, und zu fluchen, daß es im ganzen Haus erschallte; sprach von Gesindel, unruhigen Lumpenkerlen, die man wohl kenne, und dergleichen; und als ich das nicht hören mochte, und weggehen wollte, rief er: gieb das Geld her, Bursche! und drohete mir mit seinem Stocke.

Ich machte eine kleine Bewegung mit dem meinigen, ungefähr, wie man das Gewehr präsentirt. – Das schien ihn zu besänftigen; er ließ den Heldenarm sinken, und befahl dem Mädchen den Hans zu rufen; die aber nicht gehorchte, sondern in's Zimmer ging, weil man drinnen geklingelt hatte.

Euern Hans brauche ich nicht! sagte ich. Ich wollte Euch einen Zins bringen, der erst auf Lichtmesse verfällt, habe heute schon einen Weg von fünf Stunden gemacht, bin kalt und müde, und Ihr begegnet einem Hunde besser als mir! da verdient Ihr 23 wahrhaftig noch eine Zeitlang auf euer Geld zu warten. – Damit ging ich die Treppe hinab; und er in die Stube. – Man wird dich schon finden! rief er mir nach.

Wenn dieß die Art ist, wie man hier mit den Landleuten umgeht, so haben die Bundesbrüder eben nicht Unrecht, dachte ich.

Der Herr, der mich vorher im Rathskleide so freundlich hinaufgewiesen, stand jetzt unten im Schlafrocke. Er hatte vermuthlich den Lärm gehört. Er nahm mich stillschweigend beym Arm, und zog mich in die warme Stube; ich folgte ihm willig. Seine Frau und zwey Töchter saßen da an der Arbeit.

Nachdem ich beym Ofen hatte Platz nehmen müssen, sagte er: Ich begehre nichts von Euerm Streite mit dem Herrn da oben zu wissen, das geht mich nichts an; aber ihr friert und hungert, lieber Mann, und habt nicht einmahl ein gutes Wort bekommen! So unerwärmt und mißvergnügt kann ich euch nicht weglassen; das Haus ist mein, und mir liegt daran, daß ihm niemand fluche.

O Gott! rief ich gerührt aus, wenn in Einem Hause so verschiedene Menschen wohnen, wer darf sich wundern, wenn er in der weiten Welt auf Gute und Böse stößt!

Er hieß seine Tochter Wein und Brod holen, und diese that noch ein Stück Käse dazu. – Aber der 24 Hans, sagte sie erschrocken, stehe unten im Hofe, er warte gewiß auf mich; ob ich mich fürchte?

Man muß sich nicht gleich fürchten, war meine Antwort. Ich schaute durch's Fenster, und erkannte in ihm einen muntern Jäger aus unsrer Gegend, den ich früher oft im Walde angetroffen. – Ich komme bald, Hans, rief ich.

Ey! bist du es, Saly? Ja mit dir mag ich keine Händel haben, sagte er lachend, und ging seiner Wege.

Mutter und Tochter freuten sich, aber der gute Mann seufzte: Ach so machen sie's, diese Herren des Landes, wie sie sich zu seyn wähnen, die doch ohne die Landschaft nichts wären; und tragen richtig auch ihren Antheil Oehl zum Feuer, das uns zu verzehren droht! Gott sey Dank, daß wir auch noch Männer von alter Sitte haben!

Er fragte sonst mehr als er redte, und schien das nicht zu seyn, was wir Landleute mit so viel Beyfall einen gesprächigen Herrn nennen. Was er aber sagte, war sanft und gefällig. Meines Vorfalls oben im Hause erwähnte er mit keinem Worte mehr, erkundigte sich auch weiter nicht über meine Reise, weil er meinte, ich sey nur des Zinses wegen hieher gekommen, welches mir sehr lieb war, denn wie hätte ich einem so edeln Manne die Wahrheit verhehlen können!

Er erkundigte sich, ob viele Leute aus meiner Nachbarschaft auf die bevorstehende Bundeserneuerung gehen, und als ich nichts davon wußte, lächelte er und 25 sagte, ich müsse meine Bekannten dazu einladen; es sey die goldne Hochzeit zwischen der alten Kraft und der neuen Klugheit.

Die Töchter fingen an Anstalt zum Mittagessen zu machen, daher brach ich auf, und schied mit dankerfülltem Herzen aus der gastfreyen Wohnung.

Wenn aber diese Menschenfreundlichkeit hier überwiegend ist, fuhr ich in meiner Selbstbetrachtung fort, so haben die Bundesbrüder abscheuliches Unrecht.


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