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Saly's Revolutionstage

Ulrich Hegner: Saly's Revolutionstage - Kapitel 63
Quellenangabe
typefiction
booktitleSaly's Revolutionstage
authorUlrich Hegner
year1828
firstpub1814
publisherG. Reimer
addressBerlin
titleSaly's Revolutionstage
pages260
created20130527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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249 Als wir endlich bey dem Haus auf dem Berge anlangten, trafen wir ein großes Gastmahl von Männern und Weibern aus der umliegenden Gegend an, die theils von der Bundesbeschwörung aus Arau zurückkamen, theils die Rückkehrenden abhohlten; darunter war auch der dicke Mezger, der in Lenzburg auf dem Tisch geschlafen hatte, er schien uns aber nicht mehr zu kennen.

Wir wurden nicht gerne gesehen, weil wir als Fremde die Vertraulichkeit störten. Der Wirth war darüber in Verlegenheit; endlich ließ er uns doch an einem entfernten Tische niedersitzen, und bediente uns geschwinde, in der Hoffnung, daß wir desto zeitiger wieder abziehen würden; wir haben noch weit, bemerkte er, ob er gleich nicht wußte, wohin wir gingen. Seine Verlegenheit war aber auch nicht ohne Grund, denn der Wein hatte schon so weit auf seine Gäste gewirkt, daß sie ihre Herzensangelegenheiten unserthalben nicht lange zurückhalten konnten, und uns bald ein muthwilliges, oft böses Geschwätz hören ließen.

Wir hielten uns sehr stille, denn wir merkten bald, wes Geistes Kinder sie seyen, besonders da sie einen gedruckten allgemeinen Schutzbrief für die Freunde der Freyheit vom französischen Geschäftsträger, dergleichen ich schon in Bremgarten gesehen, mit einem solchen freudigen Glauben unter sich herumgehen ließen, daß ich nur meinen noch bessern Adelsbrief hätte 250 hervorziehen dürfen, um an ihrem Mahle obenan gesetzt, und als ein bedeutender Vaterlandsfreund mit vollen Gläsern begrüßt zu werden. Einige von ihnen hatten unter den mehrjährigen Staatsgefangenen in der Hauptstadt nahe Verwandte, und jubelten jetzt über ihre bevorstehende Erlösung, die sie für gewiß annahmen; das mochte ich ihnen auch wohl gönnen, aber ein Geist der Rache tönte aus ihren Reden hervor, der mich erschreckte, und ein Spott über geistliche und weltliche Obrigkeit, der, wenn er auch verdient gewesen wäre, im Munde dieser groben Gesellen höchst widrig war, und wenig Gutes von einer Regierungsveränderung erwarten ließ, die von solchen Verächtern des Heiligen betrieben ward.

Ueber das Leichenmahl in Arau, wie sie das Bundesfest nannten, waren sie grimmig zu sprechen, weil so viel Volk aufrichtigen Antheil daran genommen, und die Sache wirklich viel Feyerlichkeit gehabt haben muß. Die Sonne fing an zu scheinen, erzählte einer, gerade als die Gesandten auf die Bühne traten, aber sie zog sich augenblicklich zurück, als sie das politische Blendwerk sahe. – So, dachte ich, werden hingegen andre eine günstige Vorbedeutung darin finden, daß die Sonne gerade im schönsten Momente ihre Strahlen auf die Feyerlichkeit warf. Obgleich sie weder das eine noch das andre mag im Sinne gehabt haben, so höre ich es doch lieber, wenn man die Natur Freude als wenn man sie Leid am Menschen haben läßt.

251 Aus ihren Reden entnahm ich, daß bey den Deputatschaften an die Gemeinden des Landes zur Wiederherstellung der Eintracht allerhand störrige Auftritte vorgefallen seyen, und überhaupt Unordnung und Ungehorsam schrecklich überhand genommen haben, so daß nunmehr laut ausgesprochen werde, was man bey meiner Abreise nur noch durch Winke zu verbreiten suchte. Darum zeigten auch diese Gäste jetzt so wenig Zurückhaltung mehr.

Als endlich der Lärm allzugroß wurde, fingen die Weibspersonen an zu singen; das war uns lieb, denn nichts ist peinlicher, als dem unvorsichtigen Geschwätz einer tobenden Gesellschaft zuhören und sich stellen zu müssen, als merke man nichts. Sie fanden aber nicht lange Geschmack an den Schweizerliedern, denn es befand sich ein kleiner Liebetraut aus Deutschland unter ihnen, der den Poeten machte, und war wie Quecksilber, der las den Mädchen mit schwülstiger Geberde seine eigenen Freyheitslieder vor, die sie nach bekannten Weisen unter dem Beyfall der Männer absangen; wobey er, nach dem Verlangen eines Mannes von Geschmack aus der Gesellschaft, sie zugleich in der deutschen Aussprache derselben üben mußte.

Also auch bey dieser Partey wieder Lieder von so fader Begeisterung, sagte ich zu Klare: ich glaube es werden in keinem Lande mehr gemacht als bey uns. Und doch, behauptete sie gehört zu haben, finde sich kein wahrer Dichter in der ganzen Schweiz.

252 Die weibliche Neugier trieb einige Mädchen, sich der Klare zu nähern, deren fremde feine Landestracht ihnen auffiel; sie standen aber nur um unsern Tisch herum, und begafften sie ohne ein Wort zu ihr zu sagen, und wußten nicht einmahl zu antworten, als diese ihren Gesang rühmte.

Mir näherte sich ein junger Mensch mit rothen Haaren, der neben dem Mezger gesessen hatte; er führte einen großen Hund am Halsbande, und fragte mich in einem ungeschliffenen Tone, wo ich her sey.

Ich komme von Basel, war meine Antwort.

Seyd Ihr ein Spion?

Wenn ich auch einer wäre, würde ich sagen, Nein!

Seyd Ihr ein ehrlicher Mann?

Ja, und Ihr?

Diese Antwort beleidigte ihn, der ohnedieß Händel suchte, wie ich wohl sah. Er fing an zu schimpfen, und wollte den Hund auf mich hetzen; ich faßte aber stillschweigend mein spitzes Tischmesser in die Hand, welches ihn zurückhielt. Ueber seinem wilden Geschrey hatte sich ein Theil der Gesellschaft um uns versammelt, und es wäre mir Böses widerfahren, hätte nicht zuerst mein Messer mir Achtung verschafft, und dann der Poet sich gutmüthig auf das Flehen der Klare und der Mädchen in's Mittel gelegt, und den rothhaarigen Burschen hinweggestoßen.

253 Nun blieb mir aber nichts anders übrig, um mit heiler Haut aus dieser gefährlichen Gesellschaft wegzukommen, die nun erst zu bereuen schien, mit so wenig Rückhalt vor uns gesprochen haben, als mit meinem französischen Talismann herauszurücken, von dem ich jetzt weit früher als ich dachte Gebrauch machen mußte, und zwar auf eine Art, die nicht in seiner Bestimmung lag. Ich überreichte ihn dem kleinen Poeten; in der Hoffnung, sagte ich, dieser Paß werde die Herren am beßten von meiner Unschuld überzeugen. Er that auch seine schnelle Wirkung, wie alles was mit dem Siegel eines triumphierendes Zeitgeistes gestempelt ist; der Poet wies ihn noch ein paar Männern, die neben ihm standen, und der plumpe Zorn ihrer Mienen verwandelte sich zusehends, so wie sie die Schrift halblaut lasen, in Sanftmuth, und diese Veränderung gewann auch bald die übrige Gesellschaft. Man nannte mich einen Freund und Bruder, entschuldigte sich, machte dem jungen Menschen Vorwürfe, und zwang uns, Versöhnung zu trinken; er machte aber immer noch ein böses Gesicht. Der dicke Mezger sagte kein Wort, aber die Mädchen sprachen jetzt mit Klare.

Um jedoch weiterer Vertraulichkeit zu entgehen, nahmen wir bald Abschied, obschon einige, die auch einen Theil unsers Weges zu machen hatten, uns ihr Geleit anbothen, wenn wir noch ein wenig säumen wollten; wir dankten aber Gott, als wir wieder unter 254 freyem Himmel waren. Der alte Klaus hat Recht gehabt, sagte Klare, daß es unterwegs unsicher sey.

Er sagte zwar jenseit des Berges, erwiederte ich, indessen liegt das Haus wirklich schon am Abhange; vermuthlich wußte er, der allenthalben herumkömmt und alles erfährt, etwas von diesem Schmause, und den Gesinnungen der Gäste.

Und von deinem Trotz, that Klare hinzu.


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