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Saly's Revolutionstage

Ulrich Hegner: Saly's Revolutionstage - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleSaly's Revolutionstage
authorUlrich Hegner
year1828
firstpub1814
publisherG. Reimer
addressBerlin
titleSaly's Revolutionstage
pages260
created20130527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Noch ehe der Morgen durch die gefrornen Fensterscheiben graute, stand ich reisefertig in meinem Sonntagskleide da. Ich steckte acht zusammengesparte 18 Gulden in die Tasche, um damit einen Lichtmeßzins in Zürich zu bezahlen, den ich sonst durch den Bothen zu überschicken pflegte, in der Hoffnung dagegen etwas Zehrung zu erhalten, und so das Wirthshaus nicht zu bedürfen. Nach drey Tagen versprach ich zurück zu kommen.

Wir schieden ungern. Ach! eine so lange Trennung hatten wir in unserm Ehestande nur Einmahl erfahren, als sie für acht Tage ins Bad ging, und schon am dritten aus Heimweh wieder nach Hause kam!

Es war ein frischer klarer Wintermorgen, an dem es sich trefflich wandern ließ. Eine solche Wanderschaft ist für den Arbeitsmann festliche Erhohlung, auch mir war sie es; das Gefühl der Heiterkeit, welches ich so oft den Bergleuten anträumte, wenn ich sie Sonntagmorgens von ihren Höhen herunter ruhig und frey zur Kirche ziehen sah, ward jetzt, so wie ich einmahl recht von Hause weg war das meinige, und es behagte mir, nun tagelang unabhängig und einsam meinen Gedanken nachhängen, und mit dieser Empfindung die schöne Gegend wieder besuchen zu können, wo ich in meiner Kindheit einige Monate bey einem alten Geistlichen in sorgelosem Glück verlebt hatte.

In dem benachbarten Städtchen war schon alles aus den Federn; die Handwerker arbeiteten, und die aufgemachten Krämerläden warteten auf Käufer. Es ist ein betriebsames Völklein; wer aber wenig sieht und hört, ist neugierig auf Kleinigkeiten, daher wollte 19 jeder, der mich in meinem Sonntagsrocke sah, wissen, wo ich hinginge. In solchen Fällen antwortet man mit Halbwahrheiten, die ungefähr das sind, was Lügen; man nennt sie aber unschuldig.

Bald kam mir eine Kutsche nachgefahren, worin einer meiner städtischen Gönner saß, der mir freundlich einen Platz neben sich anboth. Er fuhr auf B., ein Dorf, wo das Landgericht besammelt war; er hatte daselbst einen Rechtshandel zu betreiben, der mir, ungeachtet seiner weitläuftigen Erzählung, nicht des Kutschenlohns werth schien. Allein je unwichtiger der Streit, desto stärker ist oft der Eifer, das wußte ich schon lange, und wunderte mich daher nicht. Da aber der Herr nicht aufhören wollte, davon zu sprechen, und auf der Welt nichts langweiliger ist, als ohne Beruf sich einen Proceß, auch selbst von einem Biedermanne, erzählen lassen zu müssen, anbey das ungewohnte Stillesitzen mich frieren machte, so stieg ich bald wieder aus, dankte dem Gönner, und ging zu Fuß.

Unter Weges traf ich noch mehrere Landleute an, die an den Gerichtstag eingeladen waren. Ich gesellte mich zu verschiedenen, und hörte von einigen Worte, die mir auffielen, und mich merken ließen, daß das, was ich gestern Nachts erfahren, schon weiter verbreitet sey, als ich dachte. Dergleichen Aeußerungen sind aber selten nach meinem Geschmacke; nichts hörte ich zwar lieber, als wenn vernünftige Personen über wichtige Dinge reden, und mag es auch wohl leiden, wenn 20 ein ernsthafter, kraftvoller Mann geheimnißvolle Worte fallen läßt; aber wenn Leute von gemeinem Verstand und zweydeutigem Willen bedeutende Anspielungen machen, wovon man gleich merkt, daß sie nicht aus ihrem eignen Vorrathe hergenommen sind, so ziehe ich mich schnell zurück, und bin froh, wie ich jetzt war, wieder allein zu seyn.


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