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Saly's Revolutionstage

Ulrich Hegner: Saly's Revolutionstage - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleSaly's Revolutionstage
authorUlrich Hegner
year1828
firstpub1814
publisherG. Reimer
addressBerlin
titleSaly's Revolutionstage
pages260
created20130527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Als ich an die freye Luft und unter den Sternhimmel kam, war es als ob mir jemand zuriefe: So fängt man die Mäuse! – Je weiter ich ging, langsam oder geschwind, desto enger schlangen sich jetzt Bedenklichkeiten und Zweifel um meine Seele, so leicht mir noch so eben in dem kleinen Zimmer unter den freyheitdürstenden Männern alles geschienen hatte. Sonst machte die weite Natur gerade die entgegengesetzte Wirkung auf mein Gemüth. Ganz anders sah ich jetzt die Sterne an, als im Hingehen nach der Mühle; damahls als das unendliche Vaterland meiner Sehnsucht, jetzt wie eine alltägliche Erscheinung; damahls war ich müde am Körper, aber im Geiste leicht wie ein Reh, und muthig wie ein junges Roß; jetzt hingegen schien sich ein Berg auf mein Herz zu wälzen. Ich suchte mich jedoch zu sammeln, und meine neue Verbindung in den Gesichtspunkt eines bloßen Auftrags, den ich um Lohn übernommen, zu stellen. Es 15 war mir aber alles nicht recht, und ich sahe nur zu deutlich, wie sehr ich aus meinem Gleichmuth herausgehoben sey.

Das soll aber nicht seyn, rief ich, das taugt nichts! und setzte mich, der Kälte ungeachtet, auf einen Stein, halbweg zwischen unserm Dorf und der Mühle, und strengte alle Kraft der Vernunft an, mich zu ermannen, und der Unruhe los zu werden. Zuerst suchte ich das, was mir die fremden Männer von ihrem Vorhaben geoffenbaret, in das möglichst helle Licht zu setzen. Ueber das Recht ihrer Klagen wußte ich wenig einzuwenden, weil ich die Gründe der Gegner nicht kannte; die Schilderung von dem harten Schicksale ihrer Freunde schien mir, wiewohl Leidenschaft durchblickte, empörend, und die Keckheit ihres Entschlusses hatte für mich was Anziehendes. – Aber wer gibt dem Volke das Recht, sich selbst zu helfen? fragte ich schon in der Mühle; und ihre Antwort: Der, so ihm Unrecht thut, wollte mir jetzt nicht mehr einleuchten. Und daß diese Selbsthülfe nicht ohne Verwirrung im Lande geschehen könne, empfand ich wohl; wenn man einen Sumpf aufrührt, wird das Wasser trübe.

Alles dieses gab mir aber, die Wahrheit zu gestehen, weniger zu schaffen, als die Rechtlichkeit und die Folge des Antheils, den ich selbst schon an der Sache genommen. Man wird mit sich selbst immer zu geschwind oder zu spät fertig. Die, welche Lehrer seyn wollen, rathen uns zwar, dergleichen Selbstprüfungen 16 über den sittlichen Werth unsrer Handlungen nach festen Grundsätzen vorzunehmen; allein ich bin nie weit damit gekommen. Nicht nur ist es langweilig, so seinen eignen Schritten und Tritten nachzugehen, sondern es hält auch schwerer als man glaubt, Auge und Spiegel und Gegenstand in dem eignen Selbst zu vereinigen. Und wenn man sich auch schon Grundsätze gesammelt hat, womit man sich im Alltagsleben ziemlich ehrenhaft behilft, so leistet doch ihr todter Buchstabe in außerordentlicher Lage wenig geistige Hülfe.

So ging es mir jetzt. Das sah ich wohl ein, daß ich mich in eine Verbindung eingelassen, worin ich ohne Nachtheil meiner Ruhe kaum bleiben, wovon ich mich aber auch nicht sogleich wieder losmachen könne; in eine Verbindung, die, wie ich schon jetzt erfahren, nicht nur aus Klugen und Tüchtigen, sondern auch aus Eiteln und Albernen bestehe, mit denen man wohl zerstören, aber nicht aufbauen kann. Ich sahe, daß dieß alles mein glückliches einfaches Leben unterbrechen werde, und das that mir wirklich wehe. Auf der andern Seite aber lockte mich manche neue Lage, in die zu kommen ich voraussah, und wozu ich mehr Kraft und Muth als Unlust fühlte.

So saß ich lange auf dem kalten Steine, und überlegte hin und her, was für einen Entschluß ich nehmen sollte, als mir endlich einfiel, ich solle und könne gar keinen mehr nehmen, denn ich habe bereits schon gewählt, als ich den fremden Männern den 17 Handschlag gab; mir bleibe also nichts anders zu thun übrig, als mein Versprechen zu halten, den Brief zu besorgen, mich den unbekannten Bundesbrüdern zu zeigen, und muthig zu erwarten, wohin mich das Schicksal weiter führen wolle.

Ich stand auf, und wollte nun im Gehen noch auf den Abschied von meiner Frau sinnen, als ich Stimmen hinter mir hörte, die mich zwangen zu eilen. Der Nachtwächter rief eben zwey Uhr, als ich in mein Haus trat. Ich stieg sachte hinauf, um mich noch ein Paar Stunden niederzulegen, denn ich fühlte erst jetzt, daß ich jämmerlich erfroren war. Marie, meinte ich, sollte meiner nicht inne werden. Aber sie wachte; armer Saly, sagte sie, wie frierst du! warum kömmst du so spät?

Ja leider wohl spät, gab ich zur Antwort; ich mußte noch auf einen Brief warten, den ich morgen über Feld tragen soll für einen Fremden; sag' aber niemand nichts davon! und jetzt laß mich noch eine Weile schlafen. – Nun Gott Lob! daß ich dich wieder habe, und daß du morgen nicht arbeiten mußt, du würdest gar zu müde: sprach sie halbschlafend, und ließ es dabey bewenden. – Ich schlief auch bald ein.


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