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Saly's Revolutionstage

Ulrich Hegner: Saly's Revolutionstage - Kapitel 47
Quellenangabe
typefiction
booktitleSaly's Revolutionstage
authorUlrich Hegner
year1828
firstpub1814
publisherG. Reimer
addressBerlin
titleSaly's Revolutionstage
pages260
created20130527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Schon lange schienen die Sterne, als wir in Arau eintrafen; Klare war müde und hing an meinem Arme, Stoffel, nachdem er uns in den Gasthof begleitet, wollte nun sein Nachtlager suchen, aber das Mädchen konnte nicht zugeben, daß jemand ihrentwegen in einem Schafstalle übernachte, und hieß ihn da bleiben.

184 Die Wirthin setzte sich zu uns auf eine Bank, und da sie von dem dummen Stoffel, der doch alle unsre Gespräche unterwegs hören konnte, weiter nichts erfahren hatte, als wir wären Eheleute, so fing sie jetzt an zu fragen, woher wir kämen? Kaum hatte sie aber vernommen, daß wir von Basel kommen, so vergaß sie alle übrigen Fragen, und erkundigte sich angelegentlichst nach dem gestrigen Brande und den abscheulichen Mordthaten, so dabey verübt worden.

An einem andern Tische saßen fünf oder sechs Männer, die zum Gefolge der hier anwesenden Gesandtschaften gehörten, sogenannte Standesreuter und Landwaibel, ein trotziges Geschlecht, das man vormahls bey allen Tagsatzungen und Auftritten kennen lernen konnte; diese hörten die Fragen der Wirthin und wurden auch aufmerksam.

Meine Antwort war, daß zwey landvögtliche Schlößer abgebrannt worden, mir aber keine Mordthaten bekannt seyen, ob ich gleich ziemlich nahe dabey gewesen.

Das wäre zu wünschen, sagte die Wirthin mit Achselzucken; man will aber hier sichere Nachricht haben, daß der Landvogt zu F. von den Bauern in sein Audienzzimmer eingesperrt und verbrannt worden sey.

Gott bewahre! antwortete ich; es ist gewiß Niemand Leid geschehen, als daß die Gebäude abgebrannt wurden, welches ja schon schlimm genug ist.

Ist denn das auch nicht wahr, guter Freund, rief 185 einer der Reuter, daß des Landvogts Tochter von den Weibern so übel mißhandelt worden, daß sie dabey um ein Auge gekommen?

Nein, so viel ich weiß, sagte ich ganz kalt.

Das mag wohl auch einer von der Brüderschaft seyn, bemerkte ein andrer.

Ich sag ihm aber, erwiederte der erste, es ist beydes nur zu wahr; wir müssen es wohl besser wissen als Er!

Nun, wer es besser weiß, der braucht mich nicht zu fragen.

Der Standesreuter sah mich verächtlich an von oben bis unten, und besann sich auf Gegenantwort. Die Wirthin aber, vermuthlich um mir einen Wink zum Schweigen zu geben, fiel geschwinde ein: Diese Herren haben ihre Nachricht von den Herren Ehrengesandten.

Vielleicht sind diese Herren Ehrengesandten falsch berichtet worden, gab ich zur Antwort.

Da fuhren sie alle vom Tisch auf, und machten großes Wesen daraus, und behaupteten zuletzt, ich hätte gesagt, die Gesandten haben sie, die Waibel, falsch berichtet, und folglich diese Nachricht ersonnen.

Ihro Gnaden und Weisheit wird kein Lügner seyn wollen! rief der Eine. – Mein Schwager, der Landamman, auch nicht! drohte der Andre.

Ich konnte mich nicht rechtfertigen, denn sie ließen mich nicht zu Worten kommen, schimpften und 186 tobten; man müsse mich festmachen, schrien sie, ich gehöre auch zu den Rebellen, es sey gut, daß man einmahl einen habe.

Klare und die Wirthin standen vor mich hin, sonst hätten sie mich gleich gepackt; wer weiß aber, wie es mir ungeachtet dieses weiblichen Schutzes noch ergangen wäre, wenn sich nicht plötzlich eine Stimme erhoben hätte: Nur nicht so wild, ihr Leute, ihr thut dem Manne Unrecht!

Es war ein französischer Husar vom Gefolge des Geschäftsträgers, der mit einem andern beym Ofen gesessen hatte, und sich nun zudrängte. Er sprach deutsch; ich bin unparteyisch, fuhr er fort, und habe gehört was der Mann da gesagt hat. Er wiederhohlte nun meine Rede, und fügte hinzu: Er hat Recht, eure Herrschaften sind falsch berichtet, und es ist wahrhaftig nicht das erste Mahl, daß sie es sind.

Der, welcher sich der Ehre seines gnädigen Herrn so laut angenommen, setzte sich wieder an den Tisch; die andern aber murrten noch, und man las in ihren Augen den Wunsch, den Husaren in ihrem Lande zu haben, und ihm ihre Unfehlbarkeit begreiflich zu machen. Er achtete aber nicht darauf, nahte sich ganz höflich der Klare, neben welcher ein Licht stand, und steckte »mit ihrer Erlaubniß« ruhig seine Pfeife an.

Um mich seines Beystandes nicht unwürdig zu zeigen, und zu versuchen, ob Q. in Basel Recht gehabt, daß mich der Brief an den französischen 187 Minister zu einer unverletzlichen Person mache, zog ich solchen (ich hatte die Hand schon vorhin darnach in die Tasche gesteckt) hervor, und bath den Husaren, mir Anleitung zu geben, wie ich ihn seinem Herrn am beßten überreichen könnte? Er sahe die Umstehenden an; und diese, wie Kinder, wenn der Schulmeister erscheint, zogen sich still auf ihre Plätze zurück, als wenn nichts vorgefallen wäre. Dann wollte er mich sogleich zum Bürger Minister hinführen, in der Hoffnung, wie er sagte, diese Herren da werden mir nichts in den Weg legen. Ich bath mir aber Zeit bis morgen aus.

Er rief nun seinem Kameraden, sie setzten sich mit ihrem Weine zu uns hin, und wir mußten mittrinken. Auch die Wirthin blieb bey uns sitzen, und ich erzählte ihnen jetzt, was ich von den gestrigen Auftritten wußte, mit Vorsicht jedoch und ohne ihnen Beyfall zu geben, wenn sie diese Auftritte billigen wollten. Ihr seyd Kriegsleute, sagte ich, und manches dünkt Euch lustig, was uns andern Schrecken einjagt.

Auch dieß, hoffte ich, sollte meine Widersacher am andern Tische zur Versöhnlichkeit stimmen.

Es war das erste Mahl, daß wir Husaren um uns hatten, und wir konnten, wiewohl sie manierlich waren, nicht ganz unbefangen mit ihnen seyn; wir wagten es daher nicht, ihnen den Irrthum zu benehmen, wenn sie Klare für meine Frau hielten; ich besorgte, sie würden zu frey werden, wenn sie unser 188 wahres Verhältniß erführen, und dieß mochte wohl auch sie befürchten. Besonders fiel mir aber auf, daß sie das Mädchen von Zeit zu Zeit sehr aufmerksam ansahen, und dann französisch zusammen sprachen, (der Eine konnte ohnehin nicht viel deutsch) worüber Klare verlegen wurde, aber nicht merken ließ, daß sie es verstände.

Endlich sagte der Deutsche, wir möchten es nicht übel nehmen, daß sie heimlich mit einander gesprochen; sie haben einen Kameraden beym Regimente, welcher der Madam hier so auffallend ähnlich sey, daß ihr nichts als die Kleidung fehle, um für ihn gehalten zu werden. Auf nähere Erkundigung kam es nun bald heraus, daß dieser Kamerad der Bruder von Klare sey, der, wie ich oben erwähnt, Dienste genommen. Nun war die Freude der Husaren groß, und die Seitenblicke auf den Tisch der Standesreuter und Waibel so scharf, daß diese für gut fanden, nach und nach das Feld zu räumen; welches den Kriegsmännern mehr Spaß machte, als mir selbst, weil sich dadurch bey jenen nur wieder neuer Groll gegen mich erzeugen mußte.

Wiewohl ich noch niemahls mit Husaren Umgang gehabt, so bildete ich mir doch ein, in diesen Zweyen die ganze Gesammtschaft kennen zu lernen. Nicht nur die Manier, Großthaten zu erzählen, wie sie uns von der Klare Bruder auftischten; nicht nur der ernste Feindesblick auf widerwärtige Landwaibel schnell mit 189 Artigthuerey gegen hübsche Mädchen abwechselnd; nicht nur der Anstand in der Stellung, den ihnen die knappe Kleidung gibt, oder das stolz empfundene Gewicht des Säbels, und dergleichen Oberflächlichkeiten müssen den Meisten gemein seyn; sondern ich glaubte auch im innern Gange der Denkungsart selbst Spuren und Einwirkungen der äußern Umgebungen zu bemerken; und gleichwie die Ideen des Schneiders spitz und leicht sind, wie seine Nadel, und die des Schusters zähe wie sein Pech, so däuchte es mir, in dem Ideengange der Husaren etwas klirrendes und rasselndes zu finden, wie ihr Zeug ist.

Nachdem sie uns verlassen hatten, setzten wir uns an des Wirths Tisch zum Nachtessen, und wurden auch da wieder als Eheleute behandelt, und zwar mir solcher Zweifellosigkeit, daß wir aus falscher Scham es nunmehr für zu spät hielten, die Wahrheit zu sagen; und uns sogar scheuten, einander anzureden, um das Geheimniß nicht zu verrathen. Dieß hatte aber zur Folge, was ich anfing voraus zu sehen; denn als wir vom Tisch aufstanden, leuchtete uns die Magd in eine Kammer, wo sich ein einziges großes Bett befand, und verließ uns gleich wieder.


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