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Saly's Revolutionstage

Ulrich Hegner: Saly's Revolutionstage - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
booktitleSaly's Revolutionstage
authorUlrich Hegner
year1828
firstpub1814
publisherG. Reimer
addressBerlin
titleSaly's Revolutionstage
pages260
created20130527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Des Morgens glaubten die ehrlichen Leute, sie hätten uns noch zu danken, und wir hatten Mühe, ihre Geschenke auszuschlagen. Eine Predigt, die der fromme Pfarrer während der Theurung in den siebziger Jahren hatte drucken lassen, und mir jetzt zum Andenken mitgab, nahm ich mit Achtung von ihm an; der Mann war mir in seiner Niedrigkeit groß erschienen.

Wir konnten nun sicher reisen; es begegneten uns wenig Menschen, und alle waren ruhig und stille.

173 Auch in den Dörfern, wo wir durchkamen, bemerkten wir nichts mehr von dem gestrigen Ungestüm; keine unruhigen Haufen zogen umher, und keine rothen Köpfe guckten zu den Wirthshausfenstern heraus. Auffallend war, wie der Fremde sich schon gestern beklagte, die entgegengesetzte Wirkung, die man von dieser Feuerprobe erwartet hatte, deren Folgen von dem Geschäftsträger mehr nach der feurigen Naturart seiner Landsleute, als nach der sanftern der Schweizer berechnet waren. Gerade jetzt wäre ein günstiger Zeitpunkt gewesen, wenn ihn die Regierung schnell zu benutzen verstanden hätte, die abgekühlten und noch erschrockenen Gemüther wieder auf den Weg des Gehorsams zu bringen; aber außerdem, daß die Regierung noch mehr erschrocken gewesen seyn mag, als das Volk, so ist schnelle Ergreifung des Augenblicks selten ein Vorzug alter republikanischer Obrigkeiten; während der Zeit, da sie sich bedenken, und feyerlich einander ihre Bedenken eröffnen, und sich über das angehörte Bedenken wieder bedenken, ist die Gelegenheit schon über alle Berge.

Den ganzen Vormittag trafen wir keine zehen Personen an; es ist ohnehin eine einsame Straße, und jetzt hielt auch noch Kälte und Schnee die Leute zurück. Ohne die Gesellschaft der Klare wäre es eine langweilige Wanderung gewesen.

Als wir endlich um Mittag in einem Hause am Fuß des Berges Schafmatt, über den wir heute noch 174 zu gehen hatten, eintraten, war das Erste, was ich erblickte, der welsche Spion, der hinter einem Tische saß. Er erschien wie der Wolf in der Fabel, denn ich hatte so eben der Klare seine Geschichte mit meinem Reisegefährten erzählt, und jetzt kaum Zeit ihr zu sagen, das sey er selbst.

Der wird sehen müssen, was unter der gestrigen Asche glimmt, bemerkte sie.

Er machte ein wunderliches Gesicht, als er mich sah, und schien sich zu besinnen, ob er mich kennen wolle oder nicht; doch bald entschloß er sich, kam auf mich zu, und grüßte mich als einen alten Bekannten. Als er erfuhr, wo ich übernachtet, that er noch freundlicher, weil er glauben mußte, ich habe auch Theil an den nächtlichen Vorfällen genommen, wovon er jetzt die genauern Umstände durch mich erfahren könnte; er suchte daher auf alle Weise mir beyzukommen, und fragte allen Patrioten in Basel als seinen besten Freunden nach, um mich vertraut zu machen. Ich gab ihm aber lauter einfältige Antworten, woraus er nicht klug werden konnte, und da er sich an Klare wandte, hatte diese mein Betragen gegen ihn schon gemerkt; und ihr Bescheid war wie der meinige.

Es machte mir Vergnügen, diesen Kauz zu plagen; wie er aber unsre verstellte Einfalt merkte, verwandelte sich seine Zudringlichkeit nach und nach in stolze Kälte, welche bey einem solchen Menschen immer geheimen Zorn verräth. Ich sahe, daß er den Wirth, 175 der wie die meisten Wirthe ein eifriger Anhänger des Volks war, auf die Seite nahm, und heimlich mit ihm sprach, worauf dieser uns mit argwöhnischen Augen ansah, und mit trockenen Worten begegnete.

Der schielende Kerl könnte uns doch einen Streich spielen, meinte Klare, wäre es auch nur uns eine doppelte Zeche zahlen zu machen. Mir schien es jetzt auch so, und ich sann über dem Mittagessen darauf, ihn wieder gut zu machen; er wollte es aber nicht mehr seyn, und gab mir kaum noch Antwort. So muß der Mensch doch wissen, daß ich ihn kenne, dachte ich, und fragte, ob er nicht mit wolle über den Berg?

Die Straße ist unsicher, antwortete er.

Vor Spitzbuben ist mir nicht bange, erwiederte ich; aber da ich, vor wohlgesinnten Republikanern darf ich es wohl sagen, Briefschaften bey mir habe, so hat man mich vor Kundschaftern der Regierung gewarnt, und deßhalb möchte ich gern in guter Gesellschaft seyn.

Der Wirth sahe mir scharf in's Auge, als wenn er mich selbst für einen solchen hielt; und der Welsche sagte noch nichts.

Besonders fuhr ich fort, hat man mir einen gewissen Ch. bezeichnet, (hier nannte ich seinen ursprünglichen Nahmen, wie ich ihn von dem alten Herrn in Bremgarten erfahren, den er aber nicht mehr führt) welcher als Volksfreund herumziehe, um Volksfreunde zu fangen.

Nun war in seiner Miene eine klägliche 176 Verlegenheit zu lesen; er hatte aber doch noch so viel Macht über sich, stille zu schweigen, welches in jeder Art von Verwirrung das Beßte, aber auch das Schwerste ist.

Den kenne ich nicht, sagte der Wirth, der eben abgerufen wurde, im Hinausgehn, und ließ uns allein.

Aber der Spion machte auch Anstalten, ihm nachzufolgen; es thue ihm leid, sagte er mit gefälligem Lächeln, uns nicht begleiten und die Bekanntschaft fortsetzen zu können, er komme aber nächstens in die Gegend von Zürich, und werde mich besuchen, insofern ich ihm meinen Namen mittheilen wolle.

Warum nicht? versetzte ich; ich habe nur Einen Nahmen, und der ist kein Geheimniß als für die Neugierde.

Er wollte gehen. – Nicht so! rief ich, und nannte ihn bey einem seiner neuen Nahmen, die ich in Bremgarten aufgeschrieben; wir können so nicht scheiden! Ich müßte Euch für meinen Feind ansehen, wenn Ihr so kurz abbrächet. Laßt uns erst ein Glas Wein auf gute Bekanntschaft trinken – ich hielt ihm mein Glas entgegen und füllte das Seinige – und seyd versichert, daß wenn Ihr nicht feindlich gesinnt von mir weggeht, Ihr auch keinen Widersacher an mir haben sollt; wir müssen einander nur nicht in den Weg stehen, so ist die Welt groß genug für beyde! Aber trauen sollt Ihr mir, fügte ich hinzu, denn er sah mich noch immer mißtrauisch an.

177 Der Mann hatte kein böses Herz, es war nur durch sein Gewerbe etwas verpfuscht. Ja! ich traue Euch, sagte er entschlossen, und setzte sich zu mir. – Zwar noch neugieriger als vorher, aber seine Begierde war jetzt nicht mehr amtsgebührlich und verrätherisch, sie war natürliche Neigung, die zu befriedigen ich weniger Bedenken trug. Nur entdeckte ich ihm nicht, woher ich ihn so genau kennte, weil ich gelernt habe, daß man der Neugier nie alles sagen muß, wenn man noch etwas gelten will.

Die Freundschaft – eine saubere! – ward nun bald gemacht; er sagte nichts mehr vom Fortgehen, sondern hohlte noch eine Flasche Wein, und nöthigte uns auf die verbindlichste Art mitzutrinken. Er lud uns auf das große Fest, wie er die Bundesbeschwörung in Arau nannte, ein, wo er uns alles zu sehen behülflich seyn wolle. Es werde viel Volk auf diesen Tag zusammen kommen, man lasse es allenthalben bekannt machen, und die Eidgenößischen Gesandten sähen es gerne, wenn eine große Anzahl theilnehmender Zuschauer vorhanden wäre. Er beschrieb dann der Klare eine Mahlzeit, die vor einigen Wochen unter den hohen Ehrengesandschaften statt gehabt, und wollte uns auch die Gesundheiten, die dabey aufgebracht wurden, erzählen; ich bath ihn aber inständig, uns damit zu verschonen; es ist ein freudenleeres Gepränge mit diesen politischen Gesundheiten, sagte ich, ich glaube, daß man dabey kaum noch den Geschmack des 178 Weines habe, welchen man trinkt. Er gab mir Recht, weil er mir jetzt in allem Recht gab, und erzählte von einem angesehenen Manne, der unlängst bey einem ähnlichen Ehrenwunsch, den er bey einem öffentlichen Mahle angebracht, so außer Fassung gekommen, daß er die Hälfte vom Glas ausgegossen.

Die Absicht des Spions war wirklich gewesen, sich in die Gegend der Brandstätte zu begeben, da er aber bereits von mir genug von den nähern Umständen vernommen hatte, so schlug er jetzt einen andern Weg zu einer andern geheimen Verrichtung ein, und verließ uns. Auch wir hatten hohe Zeit, bey Tage noch über den Berg zu kommen.

Als ich den Wirth um unsre Rechnung fragte, hieß es, sie sey schon berichtigt, der Herr, welcher uns so eben verlassen, habe bezahlt, mit dem Beyfügen, da er mich für einen andern angesehen und mir dabey Unrecht gethan, so wolle er es auf diese Weise wieder gut machen; auch habe er einen Mann bestellt, der uns den Weg bis auf die Höhe des Berges, der etwas irrig sey, weisen soll.


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