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Saly's Revolutionstage

Ulrich Hegner: Saly's Revolutionstage - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
booktitleSaly's Revolutionstage
authorUlrich Hegner
year1828
firstpub1814
publisherG. Reimer
addressBerlin
titleSaly's Revolutionstage
pages260
created20130527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ich ließ den Pfarrer bey dem Küster, um ein wenig auf die Straße hinauszugehen und zu sehen, 169 wie es die Leute treiben, und was sie nun weiter vorhaben; da aber in der Nähe alles mausestill war, so ging ich langsam nach der Gegend des nähern Brandes hin.

Statt aber allenthalben, wie ich erwartete, Gruppen von Menschen zu finden, die über das Unheil frohlockten, oder herumschweifende Betrunkene, die auf neues sännen, traf ich kaum hier und da ein altes Männchen vor seiner Hütte an, das jammerte, oder ein paar Nachbaren, die stillschweigend den rothen Himmel betrachteten. Es war gerade das Gegentheil von dem Tumulte dieses Abends; Einsamkeit und Schweigen. Je weiter ich ging, desto größer wurde diese schauderhafte Stille, so daß es mir endlich selbst anfing bange zu werden, weil es ganz meiner Erwartung widersprach, und mir das einsame Hinwandern mitten in der Nacht zwischen zwey himmelansteigenden Feuersbrünsten zuletzt wie eine Zaubergeschichte vorkam.

Voll unruhiger Gedanken über diese anscheinende Ruhe kehrte ich nach dem Dorfe zurück. Was wird wohl diese Revoluzion aus mir und andern machen. – Noch nie war sie mir so bedenklich vorgekommen, denn die Flammen dieser Nacht warfen ein blutrothes Licht darauf.

Der Rückweg führte mich am Wirthshause vorbey, wo ich laut und heftig sprechen hörte; ich ging hinein. Es war der junge Fremde, der Abgeordnete 170 Mengauds, der mich heute von der Haft befreyt hatte. Er machte den Volksmännern bittere Vorwürfe, daß diese Nacht alles so ruhig und friedlich zugegangen, und die Leute statt das Abbrennen der Schlösser als ein Freudenfeuer anzusehen, und als das erste Merkmahl ihrer Befreyung zu feyern, sich zerstreut haben, wie erschrockene Schafe!

Sie mochten immerhin antworten, daran seyen sie nicht Schuld, er habe ja selbst den Auftrag von seinem Herrn gehabt zu wachen, daß niemand kein Leid widerfahre; er stampfte und fluchte: Das Schweizervolk sey der Freyheit nicht werth! Heute Abends beym Weine haben alle noch so groß gethan, und jetzt verkriechen sie sich vor ein paar brennenden Häusern, als wenn der jüngste Tag vorhanden wäre! Der ganze Zweck sey verfehlt. Wenn die Berner und übrigen Aristokraten der Schweiz erfahren, daß gerade das, was sie hätte schrecken sollen, eine so widersinnige Wirkung auf das Volk gemacht habe, so werden sie in die Faust lachen, und gern ihre Schlösser Preis geben. Wenn die, so Volksführer seyn wollen, ihre Sache nicht besser verstehen, so werde Frankreich seinen unterstützenden Arm von ihnen wegziehen, und dann mögen sie sehen, was aus ihnen werde!

Was sie denn hätten machen sollen? fragten die Erschrockenen.

Wenigstens nicht die Ersten seyn, nach Hause zu laufen! –

171 Du bist ja auch gelaufen, murmelte einer halblaut; und die andern sagten, ob er denn nicht gehört, wie laut viele gemurrt haben, als das Feuer angegangen?

Eben da hätten sie sich als Männer zeigen sollen, erwiederte er; solch ein unvernünftiges Murren sey durch kühnen Widerstand gleich gedämpft, hingegen bey dem geringsten Merkmahle von Furcht nehme es überhand. Es habe niemand Ursache zur Unzufriedenheit; die Landvögte haben die Wohnungen schon seit mehrern Tagen geräumt, und für die allgemeine Sicherheit seyen die beßten Anstalten getroffen gewesen. Man hätte daher den Unzufriedenen mit dem ähnlichen Schicksal ihrer eignen Häuser drohen, das Volk zur lauten Freude stimmen, den Brand abwarten, und dann auf diesen ersten Trümmern des Despotismus eine Lobrede der Freyheit halten sollen! Das würde Muth und Feuer in die Herzen gegossen und sie von Neuem entschlossen gemacht haben, alles für dieses köstlichste Gut der Menschen zu wagen.

Der hat seine Aufgabe gut gelernt, dachte ich, und sahe die Vorsteher an, was sie dazu sagen wollten; aber auf ihren Mienen stand geschrieben: Wir sind arme Sünder, wir haben uns dem Teufel ergeben, und vermögen nun nichts mehr ohne ihn!

Sie entschuldigten sich endlich, so gut sie konnten, und bathen ihn, sie nicht zu verlassen; ich aber entfernte mich, aus Furcht, er möchte sich 172 noch an mich wenden und fragen, ob er nicht Recht habe?

An der Thüre des Pfarrhauses fand ich eine Spottschrift angeheftet, welche im heiligen Nahmen des Volkes (wie sie selbst sich rühmte) abgefaßt und gegen Regierung und Geistlichkeit gerichtet war: Statt an unsrer wahren Aufklärung zu arbeiten, wie es eure Pflicht gewesen wäre, seyd ihr derselben vielmehr im Wege gestanden; diese Nacht klären wir jetzt euch auf. u. s. w.: dieß war der Inhalt. Ich riß den Wisch ab, und freute mich, daß der Pfarrer nichts davon erfahren sollte.

Ich fand ihn auf seinem Lehnstuhl eingeschlafen; der gute Mann hatte auf mich gewartet. Der Küster war auch noch da, und las der alten Köchin das Gebeth bey gefährlichen Zeitläuften vor.


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