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Saly's Revolutionstage

Ulrich Hegner: Saly's Revolutionstage - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
booktitleSaly's Revolutionstage
authorUlrich Hegner
year1828
firstpub1814
publisherG. Reimer
addressBerlin
titleSaly's Revolutionstage
pages260
created20130527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Froh dem alten Paare das Leben leichter gemacht zu haben, kehrte ich jetzt zum Pfarrhause zurück. Die bösen Geister waren bereits ausgefahren; die Frau Pfarrerin beschäftigte sich, ihren hinterlassenen Geruch mit Räuchwerk zu vertreiben, und eine alte Magd reinigte den Tisch von den Seen, Flüssen und Bächen des ausgegossenen Weines.

Alle eilten mir mit freudiger Geberde entgegen, und wußten des Dankes kein Ende zu finden, daß ich sie so befreyt hätte. Ach! was für ein Tag war dieß! seufzte getrost die alte Frau; wir fürchteten nicht nur die, so bey uns waren, sondern noch mehr die Herumstreifenden; wir glaubten es sey um uns geschehen, und sahen keine Hülfe.

Sie drohten und verspotteten uns, sagte der Greis, und faltete seine Hände; aber wir haben erfahren, daß Gott sich der Schwachen erbarmet!

Mein Vater pflegt zu sagen, that Klare hinzu: Je reiner die Demuth, desto näher die Kraft Gottes.

Nach einigen kurzen Reden dieser Art setzten wir uns, wie alte Freunde, zu dem für die abgezogene 165 Besatzung bereiteten Mahle, welches für eine ganze Korporalschaft hingereicht hätte. Es war niemand im Hause als die alten Eheleute, die keine Kinder hatten, und die alte Magd, die sich auch zu uns setzte.

Die Ursache, warum dem ehrlichen Pfarrer so hart mitgespielt wurde, waren seine Predigten, worin er schon lange auf das Unwesen in Frankreich angespielt hatte; und da er nun auch seit den unruhigen Bewegungen hier zu Lande es für seine Pflicht und Schuldigkeit gehalten, von der Kanzel herunter für das Ansehen der rechtmäßigen Obrigkeit zu fechten, und sie Wohlthäter des Landes geheißen, so wurden seinen geistlichen Waffen weltliche entgegengesetzt, und er für sein Lob mit Schmach bezahlt. Ich sahe wohl, daß es ihm an Weltkenntniß und Klugheit fehlte, um in diesen Händeln heilsam mitzuwirken; aber ich war nicht der Mann dazu, es ihm zu sagen. Wer will alte Pfarrer in Sachen ihres Amtes belehren, und wie will ein Landmann damit zu Stande kommen! Sonst war er ein herzguter und frommer Mann, der absichtlich keinen Wurm zertrat, und den zu beleidigen es entweder Schurken oder selbstbetrogene Schwärmer brauchte.

Wiewohl nun diese guten Leute von den leidigen Gästen befreyt waren, so kam die Furcht doch wieder, denn man hatte ihnen schreckliche Dinge von den bevorstehenden Auftritten dieser Nacht erzählt; und in 166 der Zukunft erblickte der fromme Pfarrer anders nichts mehr, als das einbrechende Ende der Welt.

Wir waren eben daran, ihnen die Lage der Umstände deutlich zu machen, als jemand sachte an der Hausthüre klopfte. Es war der Küster, der mit einem zagenden Gesichte hereintrat, und zitternd erzählte, man sehe eine schreckliche Feuersbrunst auf der Höhe. Wir begaben uns in ein anderes Gemach, wo wir nach der Gegend hinsehen konnten; es war ein gewaltiges Feuer, das immer noch überhand nahm; die Flammen stiegen hoch empor.

Wir hatten dieser Erscheinung noch nicht lange mit stiller Bangigkeit zugesehen, so kam die alte Magd heraufgekeucht und meldete, daß man auch von einer andern Seite her Feuer sehe. Auch auf die andre Seite eilten wir, fanden es viel näher als das vorige, und es wurde von Pfarrer und Küster bald ausgemacht, daß es die benachbarte Burg des Landvogtes seyn müßte.

Es war keine Kurzweile, sondern eine Stunde des Entsetzens; vor und hinter sich Feuer, ringsum Aufruhr, und in der Seele zagendes Erwarten! – Bald zeigte sich der verschiedene Eindruck, den diese schaudervollen Umstände zu meiner Verwunderung auf die beyden alten Leute machte. Die Pfarrerin, welche von Natur munter, und bey dem Nachtessen wegen Entfernung der Wache fröhlich gewesen war schlug nun die Hände über den Kopf zusammen, und 167 wehklagte wie verloren; er hingegen, der vorher wenig gesprochen, und sich einem trostlosen Nachdenken über Gegenwart und Zukunft schwermüthig überlassen hatte, fing jetzt an, seine Frau zu trösten, und sammelte dadurch seine Gedanken zur Hoffnung und zur Ergebung in den göttlichen Willen. Biblische Stellen, die ihm beyfielen, vermehrten seine wachsende Zuversicht; er erwachte von seinem Trübsinne wie von einem Schlaf, und gerieth in einen Zustand christlicher Freudigkeit, der dem alten grauen Kopf vortrefflich anstand, weil dabey nichts gekünsteltes war. Er pries die leidende Unschuld selig und die stille Geduld, die mit einer Thräne im Auge ihrem Feind entgegen lächelt.

Es war ein herzerhebendes Schauspiel! je höher Feuer und Rauch sich empor wälzten, desto edler wurden seine Gedanken und kräftiger seine Worte. Und wenn uns auch rechts und links Flammen umgeben, sprach er, wir wollen die ewige Ordnung verehren, ohne deren Willen kein Haar unsers Hauptes gekrümmt werden kann; und wenn alles in Zerstörung überginge, es geschähe nach den Gesetzen der allmächtigen Liebe, nach welchen den wahren Gottesverehrern alles zum Beßten dienen muß! Das ist das Wohlgefallen des himmlischen Vaters, daß wir ruhig seinen Willen, der in unsre Brust geschrieben ist, befolgen, und uns weder vom guten noch bösen Schicksale irre machen lassen; nur auf diesem Wege des kindlichen Glaubens nähert man sich seiner Erkenntniß und der 168 seligen Ueberzeugung, daß am Ende alles gut geht. Nichts möge uns also scheiden von seiner Liebe, weder Trübsal noch Angst, noch Verfolgung, die nur den Leib tödten kann, noch Feuer und Flamme! Rein und stille wollen wir uns vor der Sünde hüthen, damit wir an keinem Unglück Schuld seyen, und dann rufen: Ist Gott für uns, wer will wider uns seyn!

Mit solchen Reden begeisterte die fromme Seele sich und uns; denn es waren nicht bloß die trägen Worte einer kalten Predigt, sondern Ausdrücke des innigsten Gefühls unsrer Abhängigkeit von einer höchsten Gnade, ausgesprochen zwischen Flammen der Empörung; Ausdrücke, die um so viel ehrwürdiger waren, da sie von einem Greise kamen, der sich unglücklich fühlte, und den Trost in sich selbst suchte und fand, den ihm die äußern Umstände versagten.

Alle waren nun so gestärkt und voll gläubigen Muthes, daß sie selbst die abgezogenen Wächter, und noch mehrere dazu, freywillig wieder aufgenommen und unerschrocken beherbergt hätten.

Nachdem wir noch eine Weile ruhig dem Feuer zugesehen, und uns verwundert hatten, nicht mehr Getümmel auf der Straße zu hören, entfernten sich die alte Frau und Klare.


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