Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ulrich Hegner >

Saly's Revolutionstage

Ulrich Hegner: Saly's Revolutionstage - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
booktitleSaly's Revolutionstage
authorUlrich Hegner
year1828
firstpub1814
publisherG. Reimer
addressBerlin
titleSaly's Revolutionstage
pages260
created20130527
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Wir begaben uns also zum Pfarrhaus. Unser Führer klopfte an, als wenn er selbst ein Volksrepräsentant wäre, welches mir schon für die Leute drinnen leid that; aber nie werde ich den rührenden und empörenden Anblick vergessen, den wir beym Eintritte in das Wohnzimmer hatten. Vier rohe Gesellen in alten Soldatenröcken, die Hüte auf, und mit rostigen Schwertern an der Seite, saßen an einem Tische, rauchten Taback, und hatten eine abscheuliche Menge Wein vor sich; bey ihnen saß der gebeugte siebzigjährige Pfarrer in einem Lehnstuhl, und suchte durch freundliche Blicke und Worte ihren Grobheiten zu entgehen; seine Unglücksgefährtin wartete ihnen ängstlich auf.

160 Ach Gott und Vater! rief sie, was gibt es denn jetzt schon wieder?

Sey getrost, Marthe! lächelte ihr der Greis entgegen.

Hier diese zwey Personen sollt Ihr gut beherbergen! schrie unser Führer.

Ha! bist du's Michel? rief einer der Wächter, komm sauf eins! Es ist Zehnten-Wein; wir haben ihn gegeben, wir dürfen ihn auch trinken. Es lebe Freyheit und Gleichheit!

Der verlassene Alte stand auf, und kam uns mit einer demüthigen Gefälligkeit entgegen, die mich gegen einen Todfeind entwaffnet hätte. Wir wollen thun, was in unserm Vermögen steht, sagte er, wenn Sie nur Geduld mit uns haben. Marthe gib doch Stühle her!

Klare stellte geschwind ein paar Stühle zum Ofen hin, und setzte sich vertraulich neben die alte Mutter.

Noch ein Glas, Frau Pfarrerin, für den Michel! riefen die Wächter.

Es hat keine Eile, sagte ich, und hielt die gute Frau, die sogleich gehorchen wollte, zurück.

Nehmt nur das meine, antwortete der Pfarrer.

Michel winkte den Männern, und sie schwiegen.

Seyd ruhig, lieber alter Herr! redete ich ihn freundlich an; wir kommen nicht, Eure Beschwerlichkeiten zu vergrößern. Ich begehre nur ein Nachtlager 161 und einen Bissen Brot für diese junge Person, die im Wirthshause keinen Platz mehr gefunden hat; ich werde sie dann morgen wieder abhohlen.

Es sollte uns aber recht lieb seyn, erwiederte sogleich die Frau Pfarrerin, wenn der Herr auch bey uns bleiben wollte.

Bleiben Sie doch, mein Herr! sagte der Pfarrer, und drückte mir die Hand.

Meine Kleider und mein Bündel hier beweisen, daß ich kein Herr bin, versetzte ich, sondern ein Bauer; Bauern aber, fügte ich hinzu und sahe die Wächter an, sollten nicht die Herren spielen wollen! Hier sind Leute genug, ich werde einen andern Platz suchen.

Laßt ihn machen, sagte Klare, die meine Absicht merkte; nur soll er uns versprechen, diesen Abend noch einmahl zu kommen.

Das that ich, und eilte alsobald nach dem Wirthshause, in der Hoffnung, den Fremden noch anzutreffen, und ihn zu bitten, die Wächter im Pfarrhause fortzujagen. Er war aber schon weg. Ich begehrte also mit den Volksrepräsentanten zu sprechen, und wurde auf ein Zimmer geführt, wo drey solche Männer waren.

Man muß sich nie einen Ton vornehmen, wenn man mit Unbekannten sprechen soll; dieser wird gewöhnlich am beßten von dem persönlichen Eindrucke bestimmt, den sie auf uns machen. Hier waren es Landleute wie ich, die gegenwärtig von Ihresgleichen 162 sich mehr sagen ließen als von Städtern, und überdieß etwas im Sinne haben mußten, wobey ihnen selbst nicht wohl zu Muthe war, denn es schien eine ängstliche Verlegenheit sie zu umgeben. Ich komme ihnen zu danken, sagte ich, für den Dienst, so sie mir erweisen wollen, könne ihn aber nicht annehmen, weil ich schon vier Männer im Pfarrhaus angetroffen, welche den Bewohnern durch ihre Aufführung äußerst beschwerlich fallen. Ich äußerte zugleich meine Verwunderung, daß man diesen alten Leuten eine so starke Wache zugegeben hätte. Man gab mir zur Antwort, die Denkungsart des Pfarrers, und das Vorhaben dieser Nacht machten solche Maßregeln nothwendig.

Ich ließ mich dadurch nicht abhalten, ihnen noch weiter vorzustellen, daß, was auch immer die Gesinnungen des Pfarrers seyen, ein einziger Mann schon mehr als hinreichend wäre, sich dieses schwachen Greises zu versichern; eine stärkere Wache beweise nur, daß man ihn absichtlich plagen wolle; absichtliche Plage aber und Ungerechtigkeit seyen eins, und davor sollte man sich im Ausbruch einer Revoluzion gerade am meisten hüthen, damit die Werke nicht den Worten widersprechen, und dadurch die Sache Gott und Menschen mißfällig werde.

Sie winkten mir, nicht so laut zu sprechen, und antworteten, es sey der Wille des Volkes, und die in der untern Stube würden es ungerne sehen, wenn man die Wache zurückzöge,

163 Der Wille des Volks – Ein neuer Herr, von dem ich hier zum ersten Mahl hörte, der aber, wie ich sah, nicht minder Gewaltthätigkeiten im Gefolge haben könne, als der Wille eines Einzigen.

Welches Volkes? sagte ich; kein Volk darf etwas Ungerechtes wollen, so wenig als ein einzelner Mann; und wenn es geschieht, sollen sich seine Führer widersetzen, wenn sie etwas mehr als blinde Vollzieher der Leidenschaften des Pöbels seyn wollen!

Für grobe Ohren gehören derbe Wahrheiten; ich merkte aber wohl, daß ich unruhige Gewissen vor mir hatte, und daß sie mich für einen verkappten Freyheitsapostel ansahen, auf den man hören müsse. Kurz, verderben konnte ich nichts und gutmachen gelang mir; denn durch mein Zureden und einige geheimnißvolle Winke über meine Sendung bewirkte ich, daß die Wache des Pfarrers aufgehoben wurde, wogegen ich es übernahm, diese Nacht für ihn gut zu stehen.

Ich verweilte noch einige Zeit bey diesen Männern, bis ich glaubte, die Wache sey abgezogen; und erfuhr nun von ihnen vollständig, was ich schon muthmaßte, daß heute einige landvögtliche Schlösser sollten abgebrannt werden, um den Stadtbürgern zu zeigen, daß es Ernst gelte, indem man bestimmt wisse, daß sie nach Bern und Solothurn um Hülfe geschrieben haben, während sie Nachgiebigkeit heuchelten; der wohlmeinende Geschäftsträger habe dieß entdeckt, und auf sein Anstiften gehe die Sache jetzt vor sich. Es seyen 164 aber die schärfsten Maßregeln genommen, daß Niemand an seiner persönlichen Sicherheit gekränkt werde. Jener Mann habe auch deßwegen seinen Schreiber, den ich hier angetroffen, abgeordnet, um durch seine Aufsicht alles weitere Unheil zu verhüthen.


 << Kapitel 40  Kapitel 42 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.