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Saly's Revolutionstage

Ulrich Hegner: Saly's Revolutionstage - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
booktitleSaly's Revolutionstage
authorUlrich Hegner
year1828
firstpub1814
publisherG. Reimer
addressBerlin
titleSaly's Revolutionstage
pages260
created20130527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vielleicht hätten wir besser gethan, heute nicht weiter zu gehen, denn die Erfahrungen dieses Abends waren schauderlich und böse; doch ist nunmehr auch die Erinnerung der überstandenen Gefahr angenehm.

Zum Orte hinaus ging es noch ganz gut, ausgenommen daß uns hier und da durch die Fenster von jungen Freyheitssöhnen mit glühenden Köpfen einige freye Worte zugerufen wurden. Je weiter wir aber auf der Landstraße fortrückten, desto häufiger begegneten uns Bothen und Reiter, und zuletzt einzelne Haufen bewaffneter Leute, die sich verschiedentlich an uns machten, und uns mit Fragen belästigten, mit Fragen, in deren Ton schon der Befehl einer Antwort lag. Es waren Betrunkene unter ihnen, und eingebildete junge Bauernkerle, die wenig heilsames und verständiges im Sinne zu haben schienen.

Wir zogen uns jedoch noch gut heraus, und ich mußte mehrmahls die kluge Unbefangenheit 156 bewundern, womit Klare manche Unhöflichkeit beantwortete; auch wußte sie, da sie die Mundart des Landes hatte und also freyer sprechen konnte als ich, indem sie sich stellte von allem unterrichtet zu seyn, nach und nach so viel herauszubringen, daß es diese Nacht auf etwas wichtiges abgesehen sey.

Es soll dem Landvogt warm werden, sagten etwa Vorbeygehende; kamen dann andre, die eine Weile mit uns gingen, so fragte Klare in einem muntern Tone: Ihr werdet auch wollen dem Landvogt warm machen? – Wir wollen ihm nur die Audienzstube heizen, war dann die Antwort, deren sie sich nachher wieder zu einer neuen Frage bediente.

So kamen wir durch; es war mir aber doch nicht wohl zu Muthe, da ich nicht bloß für mich allein, sondern auch für meine Freundin zu sorgen hatte. Uns mitten unter diesen drohenden aufrührerischen Haufen zu befinden, ohne Kenntniß des Landes und der Leute, da es schon anfing zu dämmern, machte uns für die Nacht bange. Treten wir in einem Wirthshaus ab, so kommen wir gerade in die Trink- und Lärmgelage hinein; könnten wir nur bey einem ehrlichen Bauer Herberge finden!

Als wir endlich, es war schon dunkel, uns einem Dorfe näherten, trafen wir unweit davon wieder auf eine Anzahl Bewaffneter. Wer da! schrie uns der Anführer an, als wir schon fast vorbey waren, und forderte meinen Paß; und da ich keinen hatte, sagte 157 er, ich sey verdächtig. Das wollte ich nicht seyn und behauptete, daß Landleute bey uns keinen Paß nöthig hätten, um ihren Geschäften nachzugehen; allein er antwortete trotzig, das gelte nun nicht mehr, wer ohne Paß reise sey ein Spion.

Er ist ein Spion, riefen nun alle; führt ihn zum Hauptmann.

Alte Soldaten mögen wissen, was der Brauch ist, aber vor neuen soll einen der Himmel bewahren! Um ihren unreifen Diensteifer zu zeigen, wurden wir beynahe wie Missethäter behandelt. Zum Glück waren wir bald im Dorfe, sonst, glaube ich, hätten sie uns noch gar gebunden; ungeschliffen genug waren sie noch überdieß. Einen der's zu grob machte, schlug Klare auf die Nase, daß er blutete, welches aber gegen mein Erwarten gar keine schlimmen Folgen hatte, denn die andern lachten den Geschlagnen nur aus, und sie hatte Ruhe.

Der Bürger-Hauptmann, wie sie ihn nannten, einige hießen ihn auch Seckelmeister, war ein Bauer aus dieser Gegend. Er empfing uns in der vollen Wirthsstube, und da alle Augen auf ihn und uns geheftet waren, so nahm er einen feyerlichen Ton an, und geboth Stillschweigen, indem er zu einem Verhör schreiten wolle. Vorher aber fand er noch für gut, mich aussuchen zu lassen, ob ich nichts verdächtiges bey mir hätte; welches mir gerade recht gewesen wäre, denn sie hätten gefunden was sie nicht erwarteten. Allein es kam eine junge 158 Mannsperson in ausländischer Tracht aus dem Nebenzimmer hervor und legte sich in's Mittel: hat der Mann niemand beleidigt, so lasse man ihn gehen, auf einen bloßen Argwohn hin muß man keinen aufhalten; unsre Geschäfte sollen nicht seyn, unschuldige Reisende zu necken, sie sind von ernsthafterer Natur; weder Euren Obern noch meinem Herrn wäre so was angenehm!

Nun so mag er gehen, sagte der Hauptmann.

Allein ich wandte mich an den Fremden, und stellte ihm vor, daß wir heute wegen Müdigkeit und Unsicherheit der Straße nicht weiter gehen könnten. Er zuckte die Achseln und sahe den Wirth an; dieser aber versicherte, nirgends keine Schlafstelle mehr zu haben. Besorgt für Klare wollte ich eine Zuflucht für sie im Pfarrhause suchen, aber der Pfarrer sey selbst bewacht, schrien sie.

Desto sicherer werde sie dann seyn, meinte Klare. Es half aber nichts; die Leute lachten uns aus, und der junge Mann antwortete nichts mehr, schnallte einen großen Säbel um, und ging weg.

Da ich schlechterdings nicht weiter gehen wollte, so eilte ich ihm nach, wies ihm den Brief an den französischen Geschäftsträger vor, und bath ihn, uns noch einmahl Schutz zu verschaffen, da er jetzt überzeugt seyn müsse, daß wir nicht als Landstreicher reisen. Er betrachtete das Schreiben einen Augenblick, 159 reichte es mir dann wieder hin: Warum habt Ihr das nicht eher gesagt?

Weil man so was nicht gleich sagen muß, antwortete ich.

Recht so! erwiederte er, und führte mich bey der Hand in das Zimmer zurück; der Brief ist an meinen Herrn, kommt nur, ich will sehen, daß Ihr wo Platz findet.

Es ward nun bald richtig, daß wir, oder wenigstens Klare, ein Nachtlager bey dem Pfarrer haben sollten, und man gab uns einen Mann mit, ihm solches auf Befehl der Volksrepräsentanten, wie der Bürger-Hauptmann sagte, anzuzeigen.


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