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Saly's Revolutionstage

Ulrich Hegner: Saly's Revolutionstage - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleSaly's Revolutionstage
authorUlrich Hegner
year1828
firstpub1814
publisherG. Reimer
addressBerlin
titleSaly's Revolutionstage
pages260
created20130527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Damit ich durch Anklopfen keinen Lärm machte, obgleich die Mühle allein lag, stand ein Wächter bereit, der mich in ein hinteres Gemach auf dem zweyten Stock führte. Ein Dutzend Männer aus der Nachbarschaft saßen da, und einige fremde, die aber in ein Nebenzimmer gingen, als ich ankam.

Unter den Anwesenden kannte ich etliche als vernünftige Leute, mehrere als dumme, listige und langweilige Geschöpfe, die aber jetzt die wichtigsten Gesichter machten. Sie hießen mich zu sich sitzen und Bescheid thun, es war Wein auf dem Tische; Briefe und Zeitungen lagen zerstreut umher.

Einer, den ich schon lange für einen gescheidten aber unruhigen Kopf angesehen, nahm das Wort: Saly, wir wissen, daß du es gerne hast, wenn man offen mit dir spricht; höre also. Du wirst aus unsrer 9 Zusammenkunft und der Zeit derselben wohl abnehmen, daß unser Vorhaben ein Geheimniß und keine Kleinigkeit sey; wir haben dazu einen vertrauten Mann nöthig, der uns Briefe und mündliche Berichte herumtrage; willst du der seyn, so sollst du einen guten Lohn haben! Auch wissen wir, daß du oft in der Stadt arbeitest, und viel mit den Einwohnern plauderst, da sollst du einige Worte, worüber wir dich unterrichten wollen, fallen lassen. Aber zweierley mußt du uns gleichsam an Eidesstatt versprechen: einstweilen nach unserm Geheimnisse weiter nicht zu forschen, als wir selbst dir davon bekannt machen, und das tiefste Stillschweigen über alles, was du siehest und hörest zu beobachten. Trink unterdessen so viel du magst!

Ein Zweiter, ein alter freudenloser Schleicher, der mir schon lange verhaßt war, wollte nun auch anfangen zu reden, wie das so dieser Leute Weise ist, nie einen allein sprechen zu lassen, sondern mit andern Worten das Gleiche zu sagen. Er fing an: Wir wissen, daß du Geld nöthig hast, Saly . . . Ich unterbrach ihn aber; schon der Antrag des Erstern, für den ich sonst einige Achtung hegte, hatte mich beleidigt, weil ich glaubte, ich wäre zu etwas Besserm gut.

Behaltet euer Geld und euern Wein, so wie euer Geheimniß, sagte ich; ich mag von allem nichts! Ich soll euer Briefträger sein, nun das ginge noch an, wenn es am hellen Tage geschehen kann; aber Worte fallen zu lassen, deren Sinn und Zweck ich nicht weiß, 10 und damit Geld zu verdienen, das sey fern von mir! Wollt ihr mich brauchen, so müßt ihr mir nicht nur sagen, wozu, sondern auch, warum, sonst geh ich heim in's Bett. Ihr wißt, sagt ihr, daß es mir lieb sey, wenn man offen mit mir spricht, das thut ihr aber nicht! ich hingegen spreche wirklich gerne so, und sage euch rund heraus: Arm bin ich zwar, aber Geld verdienen mag ich keines auf Schleichwegen.

Der mich zuerst angeredt hatte, lächelte, und sprach zu den übrigen: habe ich's nicht gesagt?

Der Zweite aber, ein Mann im Amte, und von solchen herstammend, mithin vom Bauernadel, dessen Hochmuth den städtischen, so viel ich davon weiß, merklich übertrifft, wurde über meine Rede ungehalten, und fing mit unterdrücktem Zorn und drohendem Finger an: Salomon! Salomon! – als sich die Thüre des Nebenzimmers öffnete, einer der Fremden heraustrat, mich bey der Hand ergriff, und freundlich ihm folgen hieß. Nun habe ich die Schwachheit, wofern es eine ist, wenn mich einer durch böses oder plumpes Betragen aufgebracht hat, und es kömmt ein andrer, der artig und klug ist, so kann dieser mit mir machen was er will. Daher folgte ich auch dem Unbekannten willig.

Es waren noch drey andre in dem Nebenzimmer, die ich der Kleidung nach für Bewohner einer andern Landesgegend erkannte, stattliche Leute.

Mein Führer, ein Mann von ernstem Aussehen, 11 setzte sich vertraulich neben mich. Wir haben, sprach er, auch schon von Euch gehört, Salomon, und jetzt Euer Benehmen beobachtet, und es hat uns gefallen; so ein Mann, wie Ihr seyd, verdient alles zu wissen, und mehr als die meisten da draußen. Wir haben Zutrauen zu Euch gefaßt, und wünschten, daß Ihr uns kenntet, so würdet Ihr auch Zutrauen zu uns haben. Unser Vorhaben ist wichtig, ist von vielen geprüft und von bedeutendem Orte her als gerecht anerkannt worden. Wir brauchen aber Hülfe, und zwar sowohl von Guten und Verständigen, die aus eigner Kraft handeln, als von solchen, die bloß äußere Güter besitzen, Ansehen und Geld, womit man wirken kann. Zu den Ersten zählen wir Euch.

Er fing nun an, mir die Beschreibung von einer Menge drückender Mißbräuche zu machen, die allmählich zum Nachtheil der vaterländischen Freiheit eingeschlichen seyen, wovon mich zwar in meinem engen Kreise die wenigsten gedrückt hatten, wie ich ihm auch zu verstehen gab; deren Einfluß aber auf's Ganze, an welches ich bisher wenig gedacht, er mir so fühlbar zu machen wußte, daß sie in diesem Augenblicke wie eine ungewohnte Last sich auf meine jugendlichen Schultern zu lagern schienen.

Dann sprach er noch von einem Versuche, der vor einigen Jahren gemacht worden sey, dem Uebel abzuhelfen, und diesen Mißbräuchen durch Vorstellungen an Behörden zu steuern. Er entwickelte den 12 unglücklichen Erfolg der damaligen Unternehmung, und das traurige Schicksal, das sich die besten ihrer Freunde dadurch zugezogen; die doch, wie er behauptete, nichts als Remedur, und zwar auf keinem ungesetzlichen Wege verlangt hätten. Ein auffallender Unwille, der mir nachher wie verhaltener Grimm vorkam, bemächtigte sich seiner während dieser Erzählung so, daß ihm Thränen über die Backen liefen.

Da fing ein andrer an, und sprach von dem zwiefachen Entschlusse, den sie nun von neuem auf das feyerlichste unter sich gefaßt, sowohl die verlornen Freyheiten des Vaterlandes wieder herzustellen, als auch ihre unglücklichen Brüder zu befreyen. Vor ähnlichen Verfolgungen seyen sie gesichert – er sagte mir aber nicht wie – und zum Gelingen brauchen sie weiter nichts als die meisten Stimmen im Lande.

Ich hörte ihnen nicht ohne Bewegung zu, denn das alles war mir ganz neu, und so hatte ich Landleute noch nie sprechen hören. Ihre Wohlredenheit, ihre wenigstens scheinbare Empfindung, ihr Zutrauen kamen mir wie Wahrheit vor, und raubten mir die eigne ruhige Ueberlegung, die uns leider eben bey überraschenden Vorfällen am geschwindesten verläßt. Meine Antwort war kurz, und, wie ich damahls glaubte, gut: sie sprechen wie Männer, und wie ich es selten höre; was von mir mit gutem Gewissen für sie und ihre Sache geschehen könne, das wolle ich aus allen meinen Kräften thun, und ihnen heilig versprechen, daß 13 sie sich in allen gerechten Dingen auf mich und mein Stillschweigen verlassen können.

Wir trauen Euch wie uns selbst, erwiederten sie, und bedürfen keines Gelübdes Eurer Verschwiegenheit. Gebt uns die Hand, und seyd unser Bruder!

Hierauf erklärten sie mir noch einiges, und sagten endlich: Man schlug Euch uns vor, um einen Brief sicher an Ort und Stelle zu bringen, dafür aber seyd Ihr zu gut. Indessen ist es jetzt unser inniger Wunsch, daß Ihr bald mit den Bessern der Bundesbrüder in unsrer Gegend bekannt werdet, und dazu ist kein schicklicheres Mittel, da wir selbst noch nicht nach Hause reisen können, als daß Ihr unter dem Vorwand eines Briefes dahin geht; dadurch könnt Ihr auch bey den hiesigen Freunden Eure genauere Verbindung mit uns noch geheim halten; welches, wie Ihr selbst einsehet, um einiger derselben willen nöthig ist.

Ich war zu allem willig.

Sie hießen mich noch einen Augenblick in der großen Stube warten, bis sie mir den Brief übergeben könnten. – Was und wie viel Ihr draußen zu eröffnen habt, brauchen wir Euch nicht zu sagen, fügten sie hinzu; Ihr kennt sie besser als wir.

Der mich hereingeführt, brachte mich auch hinaus. Salomon ist unser Freund! sagte er. Sogleich standen sie alle auf, und gaben mir die Hände; auch der adelstolze Beamte, der es schon nicht mehr wagte, mich zu duzen, obgleich diese Herren sonst bey uns das 14 Vorrecht strenge ausüben, gemeine Leute mit Du anzureden, das aber diese ja nicht erwiedern dürfen. Ich setzte mich in ihren Tabakrauch. Ihr habt lange drinnen zu thun gehabt, sagten sie – Gelt! die können reden! Ihr werdet nun ohne Zweifel unserm Verlangen entsprechen? – Ich antwortete wenig, denn ihre Reden und Manieren kühlten mich wieder gewaltig ab.

Endlich kam der Brief, und ich nahm meinen Abschied.


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