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Saly's Revolutionstage

Ulrich Hegner: Saly's Revolutionstage - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
booktitleSaly's Revolutionstage
authorUlrich Hegner
year1828
firstpub1814
publisherG. Reimer
addressBerlin
titleSaly's Revolutionstage
pages260
created20130527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Wir gingen jetzt still neben einander hin, als Klare, die vorausgeeilt war, um unsre Unterredung nicht zu hören – indem ich, wie sie nachher sagte, die einzige Saite, die bey ihrem Vater noch einen Mißklang gebe, berührt habe – stille stand, und uns auf einen Trupp Leute aufmerksam machte, die in fröhlichem Zuge von einer fernen Waldung herunterkamen. Es waren Männer, Weiber und Kinder, die eine lange Tanne hinter sich her schleppten, und nach dem Orte zueilten, wo auch wir über Mittag bleiben wollten.

Hätten wir nicht von selbst gemerkt, was dieß geben müßte, so würden wir es jetzt vernommen haben, aus den Aeußerungen und dem freudigen Hindeuten der Vorübereilenden, deren wir heute schon eine Menge, ohne zu wissen warum, von der Stadt aus angetroffen. Eine allgemeine Neubegierde ist ansteckend; wie verdoppelten nun auch unwillkührlich unsre Schritte, als ob wir was Großes versäumten.

In dem kleinen Städtchen fanden wir schon alles 152 in Saus und Braus. Die Tische im Wirthshause waren schon gedeckt; die Feuer krachten in der Küche; die Geiger stimmten ihre Instrumente; die Mägde wollten sich putzen und die Wirthin jagte sie scheltend zur Arbeit; ein paar durstige Brüder saßen schon da im Vorgeschmack; und alles wartete auf das goldene Kalb, das man nun bald anbethen wollte.

Der Wiedertäufer fand den Lärm hier zu groß, und beschloß, zu einem Bekannten hinzugehen, der uns eine Suppe wohl nicht versagen würde. Diesen trafen wir ebenfalls im Feyerkleide an, und nicht wenig verwundert, daß auch wir auf dieses Fest kämen. Indessen lud er uns freundschaftlich zu seinem Mittagessen ein, und erzählte mit händereibender Zufriedenheit, daß der Freyheitsbaum gerade vor seinen Fenstern aufgerichtet würde, wir müßten daher nicht übel nehmen, wenn es heute ein wenig laut in seinem Hause zugehe. Wirklich waren schon eine Menge Kinder, als die Vorläufer jedes öffentlichen Schauspiels, auf dem Platze versammelt, und trieben sich um die Grube herum, wo die Tanne zu stehen kommen sollte. Seine Leute zeigten uns ganze Körbe voll Bänder, die zum Schmucke des Baumes bestimmt waren, und Kokarden, die unter die Zuschauer ausgetheilt werden sollten, wovon sie uns auch anbothen. Der Wiedertäufer nahm aber keine, und ich steckte die meinige in die Tasche, um des Versprechens willen, das ich meinem Reisegefährten gethan hatte.

153 Es währte nicht lange, so wurde der Gegenstand der Verehrung unter großem Jubel, und mit Trommeln und Pfeifen herbeygeführt. Eine Schaar bewaffneter Männer mit einer kleinen Kanone stellte sich gravitätisch in zwey Glieder; Knaben in alter Schweizertracht und weißgekleidete Mädchen, die von zwey ohrenzerreißenden Waldhornbläsern angeführt wurden, reihten sich gegenüber; indessen die Vorsteher der Gemeinde, oder solche, die sich auszeichnen wollten, beschäftigt waren, einen blechernen Hut an des Baumes Wipfel, und Fahnen und flatternde Bänder an seinen Stamm zu befestigen.

Als es endlich langsam emporstieg, dieses Sinnbild der Freyheit ohne wärmende Rinde und nährende Wurzel, mit dem Hute ohne Kopf, erschallte ein allgemeines Gelächter der Freude und des Erstaunens unter dem Volke.

Dann trat ein ehrbarer Schulmeister hervor, welcher in Ermangelung des Pfarrers, der sich dazu nicht hatte wollen brauchen lassen, eine lange Rede, die ich nicht verstand, und darauf ein kurzes Gebeth hielt, und am Ende, um die heilige Handlung wie es der Brauch ist zu beschließen, unter Begleitung der ganzen Versammlung den Lobwasserischen Psalm anstimmte: Du hast Herr mit den Deinen Fried gemacht &c.; wobey er sich so wohl gefiel, daß er gar nicht mehr aufhören wollte, bis endlich die Kriegsmänner, die schon lange ungeduldig warteten, daß die 154 Reihe auch an sie käme, Anstalten machten, ihre Kanone loszubrennen; worauf die Sänger aus einander stoben, und der Schulmeister aufhören mußte; gleichwohl nahm er noch, ehe er wegging, um seine Repräsentation noch einen Augenblick zu verlängern, den Hut vor das Gesicht, wie man es macht, wenn man aus der Kirche gehen will, welches ihm aber niemand nachthat, weil kein Mensch mehr seiner achtete.

Nun wurde ein dreyfaches Salve gegeben, und dann tanzten die Mädchen um den Baum herum.

Zuletzt erhub sich ein allgemeines Geschrey und wildes Getümmel. Man brachte Wein; Kokarden wurden ausgeworfen; die Spielleute kamen, und alles wirbelte in Kreisen herum, Alte und Junge, Reiche und Arme, unter dem Rufen: Es lebe die Freyheit! und im Entzücken über diese neue handgreifliche Gleichheit.

Sie glaubten, es wäre nun alles richtig.

Wir ergetzten uns an diesen Auftritten, ohne eben Rücksicht auf ihre Beweggründe zu nehmen; denn jede große Volksmenge, die sich aus freyen Stücken zu einer ungewohnten Handlung vereinigt, hat schon an sich viel anziehende Kraft, die noch vergrößert wird, wenn eine allgemeine Fröhlichkeit sich über die Leute ergießet. Als sie uns aber endlich auch hinunter riefen, um mitzutanzen, waren wir genöthigt, uns vom Fenster zurückzuziehen.

Unser Wirth, der dem Wiedertäufer einige 155 Verbindlichkeit zu haben schien, wollte uns bereden, hier zu bleiben, um so viel mehr, da er Klare und mich für Verlobte ansah; der Vater benahm ihm aber seinen Irrthum, und drang auf baldige Abreise, indem unser Beysammenseyn doch nichts vertrauliches mehr haben könnte. Sobald wir also zu Mittag gegessen, nahmen wir Abschied von dem liebenden und geliebten Vater, und machten uns allein auf den Weg.


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