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Saly's Revolutionstage

Ulrich Hegner: Saly's Revolutionstage - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
booktitleSaly's Revolutionstage
authorUlrich Hegner
year1828
firstpub1814
publisherG. Reimer
addressBerlin
titleSaly's Revolutionstage
pages260
created20130527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Wir hätten nun gehen können, wenn ich nicht noch die versprochenen Briefschaften bey Q. hätte abhohlen müssen. Ich ging nicht mehr gern in die verwirrte Stadt hinein, so lieb mir sonst Q. geworden; es war mir, als wenn ich von einem sonnebeschienenen Berge in den Nebel hinuntersteigen müßte.

Q. war noch im Bette. Das befremdete mich; um acht Uhr noch im Bette liegen, wenn »das Vaterland in Gefahr« ist, kam mir von einem, der es retten will, bedenklich vor. Ich wußte damahls noch nicht, daß Geschäftsmänner das thun, um die Leute warten zu lassen, weil das Warten, wenn die Ungeduld nichts hilft, nachgiebig macht. Landesväter und Vaterlandsfreunde, glaubte ich, müssen spät zu Bette und frühe wieder auf seyn.

Ein Schreiben von der Eintrachtsgesellschaft hier, an die Freunde der Freyheit dort, lag schon fertig auf dem Tische. Q. stand auf, um noch einige Zeilen zu schreiben; zerriß aber das Geschriebene wieder und sagte: es hilft doch nichts mehr! Von der Freundschaft mit diesen Freunden ist nur noch der Schein da, der Geist ist verflogen; sie hassen alle Städter, also auch uns, und sähen lieber, wenn das Landvolk ohne uns zu Werke ginge; der ehrliche Freund ist noch das einzige Band, daß sie an uns schließt. So gehts nicht gut, wenn die, welche die Eintracht bewirken sollen, selbst uneins sind! Ich weiß was wir wollen; 144 aber was sie wollen, weiß ich nicht mehr, sagte er, und warf das Zerrissene in den Ofen.

Was sie wollen? rief ich: Erstlich Kokarden, Freyheitsbäume, Toasts . . . .

Er unterbrach mich. Die Kerle sind wie die Kinder Israels, sie hinken nur fremden Götzen nach; man geräth oft in Versuchung, ihnen wie Moses die neuen Gesetzestafeln an die Köpfe zu schmeißen! – Hier, mein Freund, indem er mir das Schreiben der Gesellschaft übergab, ist die Antwort, die Ihr zu überbringen habt. Ihr müßt Euch aber in Acht nehmen, so unverdächtig Ihr auch thun könnt, es sind schon Briefe und Briefträger aufgefangen worden! Doch, fiel er plötzlich ein und griff nach seinem Schreibtische, wenn Ihr mit einem kleinen Umwege ganz sicher reisen wollt, so beladet Euch mit diesem Schreiben an den französischen Geschäftsträger in Arau, dann seyd Ihr eine geheiligte Person, an der sich niemand vergreifen darf, und erspart uns zugleich den Bothenlohn.

Das war mir ganz recht, ich wäre ohne dieß gern über Arau gegangen; aber ich äußerte meine Besorgniß, eine Rückantwort zu bekommen.

Seyd ohne Sorgen, antwortete Q., das ist eine von den Zuschriften, worauf er gar nicht antwortet. Er beschuldigte gestern die Stadt, sie sehe sich unter der Hand nach Hülfstruppen von Bern und Solothurn um; und wir erwiedern: Dieses fälschliche Vorgeben könne nur aus dem Kopfe eines Bösewichts kommen.

145 Diese Antwort soll ich ihm überbringen? dafür dank ich.

Er lachte: Seyd ohne Sorgen! sage ich; wenn man ihm so schreibt, so wird er gut wie ein Kind; man darf diesen Leuten alles sagen, wenn man ihnen nur nicht gebiethet oder droht.

Ich übernahm die Bothschaft, weil ich jenes gute Kind doch auch gerne sehen wollte. Noch sagte ich Q., daß ich mit einer Tochter des Wiedertäufers reise, und ergriff dabey den Anlaß, ihm die Angelegenheit der beyden Liebenden zu empfehlen; worauf er mir eine vortheilhafte Schilderung von seinem Schwager und dessen ehrlichen Absichten auf das Mädchen, aber wenig Hoffnung machte, daß ein Rathsglied von Basel seinem Sohne ein Wiedertäufermädchen zur Frau geben werde; es sey denn, die Revoluzion bewirke solche Wunder, welches nicht ihr kleinstes Verdienst wäre.

Beym Abschied nahm Q. meinen alten Stecken von Weißdorn, und gab mir einen hübschen dicken Knotenstock dagegen; gute Freunde, sagte er, müssen einander auch sinnliche Merkmahle ihres Andenkens zurücklassen.

Nachdem ich zu dem Wiedertäufer zurückgeeilt, und daselbst von den Schwestern noch einige kleine Geschenke für meine Frau empfangen, machte ich mich mit meiner neuen Gefährtin auf den Weg; der Vater kam auch, um noch einige Stunden mit uns zu 146 gehen. Ich trug das Reisegeräthe der Klare auf meinem Rücken, die, wiewohl ihr anfänglich der kalte Wintermorgen und der schneeige Boden empfindlich zu fallen schien, sich bald erhohlte, und leicht und freudig vorausschritt.

Auf einer Anhöhe, wo wir die Stadt zum letzten Mahle sahen, kam mir ins Gedächtniß, daß einst ein gelehrter und frommer Mann, der sich Jahre lang hier aufgehalten, beym Abschiede noch von Ferne der anmuthigen Wohnung zugewinkt, und, wie die Chronik sagt, etliche Verslein schießen lassen, des Inhalts, daß sie vor schlimmern Gästen als er war, bewahrt seyn möchte. In froher Erinnerung meiner ehmaligen Lesereyen rief ich diese Verslein auch aus; woran der Wiedertäufer ein Wohlgefallen hatte, und, wie ich erwartete, den Wunsch auf die bewaffneten Bauern anwandte, die morgen in die Stadt einrücken sollten.

Sie wissen nicht, was sie thun, sagte er; ein Bauer, der den Pflug verläßt um öffentlicher Angelegenheiten willen, die er nicht versteht, und sich von zweydeutiger Hand leiten lassen muß, ist wie ein Herr, der sich nach Anweisung eines Buches hinter den Pflug stellt, und zu Acker fahren will. Wo das Wissen der Erfahrung mangelt, da mangelt auch die Kunst, und ohne Kunst giebts schlechte Arbeit.

Sie sind nur Werkzeuge, deren die Künstler in der Stadt sich zu bedienen gezwungen sind, bemerkte ich.

147 Gefährliche Werkzeuge, erwiederte er, die sich dem Künstler selbst aufdringen!

Aber ohne Gleichniß zu reden, lieber Vater, sagte ich, was haltet Ihr von den neuen Bewegungen in der Schweiz? Ich würde mir Vorwürfe machen, Euch verlassen zu haben, ohne Eure Gedanken darüber zu hören.

Klare sahe sich mit einiger Empfindlichkeit gegen mich um, und wollte etwas anders zu reden anfangen; es war aber schon zu spät. Er antwortete mit großem Ernst: Wenn ein Gewitter über mein Haus und Feld steht – verzeiht mir, daß ich schon wieder mit einem Gleichniß antworte – so ist mir bange, weil der Strahl zünden, die Fluth überschwemmen und der Hagel verheeren kann.

Es kann aber auch ohne Schaden vorübergehen.

Dann muß man Gott danken, fuhr er fort. Ich sah aber diesem Wetter schon lange zu, wie es sich in der Nähe sammelte, und von den Sümpfen unsrer Ungerechtigkeit angezogen wurde, um bald über unsre schuldigen Scheitel loszubrechen.

Sind wir denn so schlimm?

Schon das ist schlimm, antwortete er, daß wir uns für besser halten als wir sind, uns in sittlichen Hochmuth wiegen, und mit Verachtung auf die Gebrechen des Auslandes hinabsehen; daß wir den Wahn nähren, wir stehen unter dem Wohlgefallen und unmittelbaren Schutze eines eignen Gottes, den wir wie 148 die Juden den Gott unsrer Väter nennen, und daß diese gottselige Prahlerey noch von oben herab absichtlich unterhalten wird. Worin sind wir denn besser, als unsre Nachbarn vor ihrem Unglücke waren? Wir sind nur kleiner; unsre Fertigkeit zum Bösen hat nur geringern Spielraum, und eben deßwegen vielleicht noch mehr Innerlichkeit. Wächst unter dem Volke nicht täglich Selbstsucht, Betrug und Sklavensinn, und unter den höhern Ständen Stolz, Ueppigkeit und Unglaube – oder eine kaufmännische Gewinnsucht, ein Krämergeist, der nur Sinn fürs Geld hat, und alles Edle und Schöne neben sich verachtet! Wer kann das läugnen?

Ich nicht.

Von dem Lehrstande, fuhr er fort, will ich nichts sagen, ich könnte parteyisch scheinen, weil man mich zu einer Sekte zählt.

Vielleicht macht Euch eben das zum unbefangenen Zuschauer, sagte ich.

Auch um die Häupter des Staats, sprach er weiter, steht es nicht mehr wie es sollte. Der Blick ins Weite hat sich verengt, sie spielen thatenlos am heimischen Herde, sind neidisch unter einander über Kleinigkeiten, und mißgünstig über Vorzüge. Sich brüstend, wie alle schwachen Kinder, mit dem Nahmen großer Ahnen, nennen sie sich jetzt Landesherren, wo jene Landesväter hießen, wohl wissend, daß neue Wörter nach und nach neue Verhältnisse bilden. – Wird 149 auch die Gerechtigkeit hier und da musterhaft verwaltet, so stehet sie anderswo den Meistbietenden feil, und die Bessern müssen dem abscheulichen Markte unthätig zusehen. Ach! so manches Gebrechen ist eingerissen, das laut schreyt. Allerdings mag noch Redlichkeit und Gottesfurcht bey vielen Einzelnen herrschen, aber als Privattugenden, die das Gericht Gottes über öffentliche Sünden nicht hindern werden.

Ihr sehet also das, was uns bevorsteht, für eine Strafe des Himmels an? fragte ich.

Für ein Gericht Gottes sage ich; bey einem Gerichte aber kann auch Gnade statt finden, war seine Antwort. Ich nenne es niemahls eine Strafe von Gott, wenn die Schlossen meine oder meines Nachbars Felder zerschlagen; so wenig als ich einen solchen oder ähnlichen schlimmen Zufall, dessen wohlthätige Folgen ich nicht bestimmt voraussehe, heuchlerisch eine Gnade heißen möchte. Ich glaube am menschlichsten zu reden, wenn ich es ein Unglück nenne, und am sichersten zu gehen, wenn ich mich im Unglücke vor Gott demüthige, im Vertrauen er wolle mich dadurch der Vollkommenheit näher führen.

Von dieser Demuth sah ich bisher noch wenig Spuren, sagte ich, indessen ist das Gewitter auch noch nicht losgebrochen. Haltet Ihr aber nichts von den neuen Vortheilen, die uns Freyheit und Gleichheit gewähren sollen?

Er erwiederte: Der Stand der Gleichheit sollte 150 der wahre natürliche Zustand des Menschen seyn, und wird es auch noch werden; wollte Gott, wir wären schon alle darin! aber mit so wilden Sprüngen, wie man jetzt macht, gelangt man nicht dazu; und geschähe es auch, so sind unsre Sitten zu gekünstelt, um ohne Schuld darin verharren zu können. Kurz, der Same mag seyn wie er will, so ist mir der Sämann, der ihn ausstreut, verdächtig, und der Boden, worauf er fällt, taugt nichts; daher erwarte ich viel Unkraut.

Und gar keine Früchte?

In den schlechtesten Menschen, versetzte er, ist noch etwas Gutes, und so auch in ihren Handlungen; daran sollen wir uns halten. Weiß Gott das Böse gut zu machen, warum sollte er nicht auch das kleinste Samenkorn des Guten zur Frucht gedeihen lassen? Sollte aus einer so großen und weitverbreiteten Veränderung nichts Gutes hervorgehen, warum ließe sie die Vorsehung zu? Da uns aber die Geschichte lehrt, daß jeder für das menschliche Geschlecht wichtige Zeitpunkt mit schauderlichen Ereignissen anhob, wie die Geburt des Erlösers mit dem Tode unschuldiger Kinder, so werden wir uns auch die aus- und einheimischen Ruthen, die zur Züchtigung bereit sind, müssen gefallen lassen. Der Herr verkürze die Zeit! –

So strenge nahm der bilderreiche Wiedertäufer die Sache, als die Folge unsrer Sünden, daß ich hätte wünschen mögen, dieß Gespräch nicht angefangen zu haben. Freylich wieder eine neue Ansicht der Dinge, 151 dachte ich, welches ist die wahre? Diese war aber von dem sonst milden Manne so scharf gefaßt, daß ich mich überzeugt hielt, es müsse noch etwas von dem alten Sauerteig der Sekte in dem guten Herzen zurückgeblieben seyn. Niedergeschlagen machte es mich übrigens, alle verständigen Leute nur mit Achselzucken von der Hauptsache sprechen zu hören.


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