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Saly's Revolutionstage

Ulrich Hegner: Saly's Revolutionstage - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
booktitleSaly's Revolutionstage
authorUlrich Hegner
year1828
firstpub1814
publisherG. Reimer
addressBerlin
titleSaly's Revolutionstage
pages260
created20130527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Unter dichtem Schneegestöber eilte ich nun mit leichtem Herzen zum Thore hinaus, zu meinem Wiedertäufer, wo ich die ganze Haushaltung beysammen antraf. Der Vater saß am Tische und schnitzelte an einem Rade zu einer hölzernen Stubenuhr, dergleichen er zu verfertigen wußte, und die Kinder arbeiteten. Ich setzte mich in ihren schönen häuslichen Kreis, und nahm ein Glas Wein mit Dank an; denn, sagte ich, ich sey vom Reden und Hören heute müder geworden, als zu Hause von der Arbeit im Walde.

Ein sauberes Tagewerk, versetzte die Tochter Klare, das saurer als Holzhackerarbeit ist!

Wenn er nach Verhältniß seiner Müdigkeit Gutes gethan hat, antwortete der Vater, so kann er zufrieden seyn.

134 Meine Absicht war wenigstens eben so lauter und unschädlich, als unter dem Dache der Eichen.

Das ist hinreichend, sagte der Vater.

Und auch so weit aussehend? fragte die Tochter.

Nicht weiter, war meine Antwort; ich kann nicht helfen; wer keinen Geschmack an Projekten findet, muß in den Tag hinein leben.

Der Vater klopfte mir auf die Schulter: Wenn das Leben in den Tag hinein nicht bloßer Leichtsinn, sondern ehrliches Abthun der vorliegenden Geschäfte ohne Sorgen für ihre Folgen ist, so ist es ein eben so rechtschaffenes als glückliches Leben; auf die Wichtigkeit der Geschäfte kömmt es eben nicht an.

Freylich kann man sich bei allem dem doch des Wunsches nach einem höhern Wirkungskreise zuweilen nicht enthalten, bemerkte ich.

Die Wünsche der Menschen haben unermüdliche Flügel, erwiederte er; aber die wahre Zufriedenheit wohnt einzig bey dem, der sich seinen Wirkungskreis nicht selber macht, sondern ihn vom Schicksal bestimmen läßt, und sich mit Muth und Gehorsam darin bewegt; er wird schon genug zu thun finden. Ohne Treue im Kleinen gelingt keine bleibende Wirkung.

Klare zeigte auf ein altes Buch, das vor dem Vater lag: Hier habe ich heute gelesen, der Mensch habe nur die Eine Pflicht, das in Ordnung zu erhalten, was ihn umgibt, weiter dürfe er sich um nichts 135 bekümmern; sey er zu großen Dingen geboren, so werden ihn die Thaten schon finden.

Jeder hat seine Bestimmung; gibt es aber auch eine Grundregel für alle? fragte ich.

Ein alter Prophet hat sie ausgesprochen, antwortete der ruhige, ernsthafte Täufer: Thun was Recht ist, die Gutthätigkeit lieben, und demüthig wandeln vor unserm Gott. –

Bey dergleichen Unterhaltungen that mir der Gedanke, morgen schon diese liebevollen Menschen verlassen zu müssen, wehe. Auch ihnen, schien es, würde mein längerer Aufenthalt nicht zuwider seyn, jedoch widersetzten sie sich meinen Gründen nicht lange; der Vater aber erschreckte mich beynahe, als er ziemlich trocken sagte, wenn die Abreise wirklich beschlossen sey, so müssen wir noch vorher abrechnen.

Ich Elender fing an zu glauben, er wolle mir eine Zeche machen. – Statt dessen erzählte er, daß vor einigen Jahren ein alter Glaubens- und Geschlechtsverwandter von uns in der Pfalz gestorben, der ihn über sein kleines Vermögen zum Erben eingesetzt, mit dem Anhange, er möchte den übrigen Verwandten von ihrem Antheile zukommen lassen, was er nach Maßgabe ihrer Gesinnungen für gut finde. Da er aber nicht Richter über die Gesinnungen andrer Menschen seyn möge, am wenigsten in einem solchen Falle, so habe er so viele Theile daraus gemacht, als natürliche Erben vorhanden gewesen, jedem das 136 Seinige zugesandt, meinen Antheil aber aufbewahrt, weil er lange nicht gewußt, wo ich mich aufhalte; sobald er dieß erfahren, habe er mir geschrieben, aus meinem Stillschweigen aber geschlossen, ich müsse den Brief nicht erhalten haben, und daher nur auf Gelegenheit gewartet, mir das Geld auf eine sichere Weise übermachen zu können. Hier, fuhr er fort, indem er Schriften aus einem Schranke hervorzog, sind die schriftlichen Belege dazu, und hier seht Ihr mich als Euern Schuldner eingeschrieben, indem er mir sein Rechnungsbuch wies. Und hier, er legte eine Geldrolle vor mich hin, ist meine Schuld selbst; es sind fünf und zwanzig Dublonen nebst zwey Jahrzinsen.

Die Mädchen sahen mich neugierig an, was ich machen würde; und ich sah sie an, ob es Scherz oder Ernst sey. Ich konnte aber wohl denken, daß der fromme Mann keinen solchen Scherz treiben würde.

Das wäre nun alles mein, fragte ich mit Verwunderung, ohne daß jemand dadurch Unrecht geschähe?

Keinem Menschen, antwortete er; es ist Euer rechtmäßiges Eigenthum.

Was wirst du sagen, liebe Marie! rief ich aus; wir sind jetzt just noch einmahl so reich, als wir anfangs unsrer Ehe waren.

Es gehört ihr auch ein Ersatz für Eure Abwesenheit, sagte Klare. – Und die älteste Tochter: Ich 137 möchte wohl zusehen, wenn sie bey Eurer Ankunft das Geld erblickt.

Nein! versetzte ich, unser erstes Wiedersehen soll durch kein Geld verunreinigt werden! Die gute Seele würde es auch, vor Freuden mich selbst wieder zu haben, nicht einmahl ansehen.

Klare klatschte in die Hände: Bey diesem Wiedersehen möchte ich zugegen seyn!

Erst wenn ich ihr genug von dem unvergeßlichen Hause in Basel werde erzählt haben, will ich sagen: Siehe, dieß hat mir noch unser guter Vetter mit auf die Reise gegeben.

Er hat nur eine alte Schuld bezahlt, erwiederte er. Gott bewahre Euch und mich, daß Ihr mir nicht noch danket! – Aber sagt mir im Ernst, mein Sohn, seyd Ihr denn wirklich nicht reicher, als Ihr vorhin zu verstehen gabt?

Wenn genug haben Reichthum ist, so bin ich reich; und wenn wenig in Vergleichung mit andern haben Armuth ist, so bin ich arm. Meine Frau brachte mir gerade die Summe zu, die da vor mir liegt, und ich, ich hatte so viel wie nichts; allein durch Arbeit gelang es uns, immer Brot und guten Muth übrig zu haben. Wir werden jetzt kaum wissen, was wir mit dem vielen Geld anfangen sollen.

Wißt Ihr was? unterbrach mich Klare, ich will mitkommen, und es Euch verzehren helfen.

138 Merket Ihr nicht Vater, sagte die Jüngste, daß sie immer mit ihm ziehen will?

Es könnte dir vielleicht auch nicht schaden, wenn du mitgingest, antwortete er. – Das Kind wurde feuerroth, und wollte beynahe weinen; ich sahe wohl, daß sie keine Lust dazu hätte. – Er schüttelte den Kopf und stand auf.

Klare leuchtete mir auf mein Zimmer. Kaum waren wir oben, so fing sie ernstlich von dem Wunsche mich zu begleiten an; und ob ich ihr gleich die ungünstige Jahreszeit, das Reisen zu Fuß, den engen Platz im Hause und die Verlegenheit meiner Frau vorstellte, so half es nichts, sie hatte für alles eine Antwort in Bereitschaft: sie sey gesund für Sommer und Winter, brauche nicht viel Raum, und wenn meine Frau blöde thue, so stelle sie sich auch so, und gewinne sie damit.

Aber gestern Nachts habe ich etwas gehört, sagte ich lächelnd, das, wenn es Klare anging, mich sollte glauben machen, sie hätte nähere Angelegenheiten als diese Reise?

Habt Ihr wirklich was gehört? sagte sie ein wenig betroffen. Nun denn, wenn Ihr schon etwas wißt, so will ich Euch alles sagen; ein halbes Geheimniß gleicht einer Beleidigung. Diese Sache geht meine Schwester an, nicht mich.

So erfuhr ich nun von ihr, was ich zum Theil schon von Q. gehört hatte, die ganze Liebesgeschichte.

139 Ein Jüngling von dem beßten Hause in Basel und von untadelhaften Sitten, faßte zu dem Wiedertäufermädchen, dessen Schönheit in der ganzen Gegend gepriesen ist, eine heftige Liebe, und begehrte sie zur Ehe; seine Aeltern widersetzten sich aber mit begreiflichem Eifer; der Vater machte dem Wiedertäufer beleidigende Vorwürfe, als wenn Er Schuld wäre, der doch nicht einmahl etwas davon wußte. Dieser sagte aber hinwiederum dem Herrn mit christlicher Gelassenheit so offen seine Meinung, daß er erschrak, und die ganze mächtige Sippschaft sich dadurch für beleidigt hielt, und anfing den ehrlichen Mann zu verfolgen und sein Haus zu beschreyen. Allein der junge Mensch blieb standhaft, und da ihm der Zutritt in das Haus nicht mehr gestattet wird, so sucht er durch geheime Briefe, oder, wenn die Schwestern zuweilen durch die Finger sehen, bey nächtlicher Weile durch das Fenster sich mit seiner Geliebten zu unterhalten.

Der Vater plagt sich, und das Kind grämt sich, sagte sie, mir thut beydes wehe, und ich kann doch nicht helfen; deßhalb möchte ich eine Zeitlang in die Ferne. Da der Vater ein eben so großes Vertrauen zu Euch hat als ich, so wird es nur auf Eure Einwilligung ankommen, um seine Erlaubniß zu erhalten.

Bey aller Achtung und Freundschaft für dieses treffliche Geschöpf kam mir doch der Antrag bedenklich vor; ich ging das Zimmer auf und nieder, und wußte nicht was ich sagen sollte. Allein sie stellte sich mit 140 Thränen in den Augen und sanfter Würde vor mich hin: Lieber Vetter, ich muß fort; Gott im Himmel ist mein Zeuge, daß mein Vorhaben weder Leichtsinn noch Schwärmerey ist! Zählt auf meine Ehre, wie ich mich auf die Eurige verlasse, und glaubt mir, daß ich noch andre Gründe habe, die ich Euch erst unter Weges entdecken kann; wenn Ihr sie dann nicht selbst billigt, so soll mich nichts abhalten, auf der Stelle zurückzukehren. Aber jetzt müßt Ihr mich mitnehmen; benutze ich diese Gelegenheit nicht, so wird sich sobald keine wieder zeigen!

Sie stand da wie das Bild der Traurigkeit. Mich rührte ihr Ernst; so sey's denn, sagte ich fast unwillkührlich, wenn der Vater zufrieden ist.

Kaum gesagt, so war alles Leid verschwunden, sie hüpfte um mich herum wie ein Kind; ich meinte, sie wolle mir vor Freuden um den Hals fallen. Aber in Einem Sprunge war sie die Treppe hinunter.

Wie könnte ich es dem Vater abschlagen, wenn er's begehrt? sagte ich zu mir selbst, und unterdrückte einige kleinliche Hauszweifel, die sich regen wollten. Sie mag in der Freundschaft Nahmen kommen, an gutem Willen soll sie wenigstens keinen Mangel finden, wenn wir gleich sonst nicht viel anderes aufzutischen haben! – Aber was mag sie denn noch für Gründe haben?

Beym Nachtessen wurde die Sache vollends in Richtigkeit gebracht; sie erhielt die Erlaubniß auf 141 unbedingte Zeit mit mir nach Hause zu gehen, und bekam von dem Vater noch manche weise Lehre auf den Weg.


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