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Saly's Revolutionstage

Ulrich Hegner: Saly's Revolutionstage - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleSaly's Revolutionstage
authorUlrich Hegner
year1828
firstpub1814
publisherG. Reimer
addressBerlin
titleSaly's Revolutionstage
pages260
created20130527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dem Mann lag seine Sache wirklich am Herzen, und noch nicht lange in diesem weiten Wirkungskreise sich tummelnd, hatte er auch die mittheilende Geselligkeit, der sich ein gutes Gemüth beym Antritt einer neuen Bahn so gern überläßt. So erfuhr ich manches, das mir bisher noch verborgen war, über die wahre Lage des Vaterlandes, und wurde wenigstens zur historischen Kenntniß dieses neuen Bundes unparteyischer und gründlicher eingeweiht, als es von den Freunden in Meilen bey ihrer leidenschaftlichen Stimmung möglich gewesen wäre.

Er setzte mir außer allen Zweifel, daß es im Rathe der Götter Frankreichs unwiderruflich beschlossen sey, die Schweiz müße revolutionirt werden; von der Gewißheit dieses Rathschlusses überzeugt, sagte er, was bleibt dem rechtlichen Schweizer übrig, als Unterziehung oder Widersetzlichkeit? Im Unterziehen ist freylich weniger Ehre, aber der Vortheil besteht darin, daß, wenn wir selbst Hand ans Werk legen, wozu uns Freyheit gelassen ist, gewaltthätige fremde Einmischung verhindert werden kann. Widersetzen wir uns aber, so haben wir Krieg, und wer soll ihn führen?

Die Regierungen mit Hülfe des Volkes, antwortete ich.

98 Das ist bald gesagt, erwiederte er, aber auf der einen Seite arbeitet der Französische Geschäftsträger, Ihr wißt selbst mit welchem Erfolge, durch goldne Versprechungen und listige Herumschleicher unermüdet daran, das Volk ungehorsam zu machen; auf der andern Seite mangelt es den meisten Regierungen an der Kraft und Einheit des Willens. Die Landsgemeinden wissen nichts und wollen nichts kennen, als die einfachen Bedürfnisse ihres alten Herkommens, sie halten sich in ihren Bergen vor allem sicher, und wiegen sich in ihrem alten Heldenglauben ein, Heere von Tausenden mit leichter Mühe von sich abzuhalten; so lachen sie heimlich über die Verlegenheit der andern. Diese Andern hingegen – – o wie gerne wollten sie, wenn sie könnten! Nehmt hiezu noch unsre alte in langem Frieden verrostete Kriegseinrichtung! was will man da ausrichten, womit will man einen krieggeübten zehnmahl stärkern Feind schlagen?

Mit dem Landsturme vielleicht, sagte ich.

Der Landsturm, erwiederte er, braucht Zeit und Ordnung, und die haben wir nicht. Ohne dieses aber was ist er, als der Ausbruch einer wüthenden wilden Menge, die ohne Bahn und Plan, wie ein Wolkenbruch, eine schnelle Verheerung um sich her verbreitet, und wenn sie geschlagen wird, die Waffe gegen den Führer kehrt. Oder es ist ein verzweifelter Versuch, ungeübte Bürger und Bauern schleunig zum Streit einzugliedern, und sie, im Vertrauen auf ihre Zahl, 99 sieggewohnten Legionen und ihrem niederschmetternden Geschütze als Schlachtopfer entgegen zu stellen. Was kann dabey herauskommen?

Die Alten wußten den Tod fürs Vaterland zu sterben! rief ich.

Man will uns ja das Vaterland nicht nehmen, versetzte er ungeduldig. Frankreichs Entschluß ist unser altes Gebäude umzustürzen, um ein tüchtigeres oder ihm bequemeres an seinen Platz zu stellen – freylich hätte es erst das seinige ausbauen können, das in zehen Jahren noch nicht fertig geworden – und unser vor Gott geprüftes Vorhaben ist, das kleinere Uebel zu wählen, und auch die Eydsgenossen dazu zu vermögen, um innern und äußern Krieg zu verhüthen; gelingt das nicht, dann ist es immer noch Zeit, für das Vaterland zu sterben. Hüthet euch aber, mein Freund, zu viel von diesem schönen Tode zu reden! Wenn er schon von Vielen im Munde geführt wird, so wissen ihn doch nur Wenige in der That zu sterben; man ist nicht gleich dessen fähig, was man etwa in begeisternder Anwandlung empfindet. – Oder im Lesen bewundert, setzte ich für mich selbst hinzu.

Indessen biethen wir um so viel eher unsre Hände zu diesem Geschäfte, fuhr er fort, weil wir überzeugt sind, daß unser altes Staatsgebäude ohnehin der Zeit weicht, und nur noch auf den schwachen Stützen der herkömmlichen Gewohnheit und angebornen Gemächlichkeit ruht, an denen nun Frankreich eben am 100 meisten rüttelt. Hingegen läßt uns die vorgeschlagene Einheit der Republik einen Weg sehen, worauf den zahllosen Mängeln und Mißbräuchen der alten Verfassungen abgeholfen, und unsrer Völkerschaft die alte Kraft und Ehre wieder hergestellt werden kann, – in sofern es nämlich möglich ist, eine allgemeine Zusammenstimmung zu diesem Einheitszwecke zu bewirken. Erst hielten wir das für ein Leichtes, aber täglich zeigen sich uns mehr Schwierigkeiten, und unterdessen rückt die Noth mit drohender Eile immer näher.

Aber hat es denn so Noth? fragte ich? die kleinste Unternehmung will doch auch ihre Zeit haben; warum eine so wichtige nicht? Würden die Franzosen ihre Absicht nicht besser erreichen, wenn sie gerade und offen an die Schweizerregierungen gelangen ließen, worin ihr Wunsch und Wille bestehe, und wenn den Regierungen selbst Zeit gelassen würde, sich des Bessern zu besinnen, die Neuerung zu prüfen, und solche, da schon so viel Volk vorbearbeitet ist, vor die Gemeinden des Landes, wie ehmahls Bündnisse und Kriegs- und Friedensverhandlungen, zur Annahme oder Verwerfung zu bringen?

Eure Ehrlichkeit macht mich lachen, antwortete er, wenn ich über anderweitige Unehrlichkeiten weinen möchte. Das ist eben ein Kreuz; das französische Directorium will, die Schweiz soll ohne Ueberlegung wählen, als wenn hundertjährige Gewohnheiten, sie seyen gut oder schlimm, sich so geschwind ablegen 101 ließen, wie ein altes Kleid! Und darum kömmt uns auch die drohende Eile so viel verdächtiger vor, weil diese Droher die Unmöglichkeit, in so kurzer Zeit auf ein ganzes Volk zu wirken, wohl einsehen müssen, und inzwischen ihre Heere doch immer näher rücken lassen.

Vermag denn, sagte ich, die freye und kühne Sprache der Wahrheit nichts auf den Geschäftsträger und durch ihn auf seine Obern?

Nichts! erwiederte er; sie stellen sich zwar nicht böse darüber, aber sie haschen listig einzelne Ausdrücke auf, und beweisen, daß das nicht die Sprache der Wahrheit sey. Der Geschäftsträger schmeichelt schriftlich und drohet mündlich. O was für ein Abgrund ist zwischen den Worten und Thaten dieser Menschen! – Doch genug hievon, sagte er traurig und stand auf. Die Sache schien dem guten Manne wirklich mehr an sein stilles Herz zu greifen, als er beym Anfang der Unternehmung gedacht haben, oder als es für seine Gemüthsruhe zuträglich seyn mochte.

Was thun denn aber unsre gnädigen Herren?

Die wissen alles, war seine Antwort, und sind deßwegen in Arau versammelt; aber leider weniger, die Neuerungen, wie Ihr vorhin wünschtet, zu prüfen, als um Maßregeln zu treffen, wie sie die angeborne rechtmäßige Herrschaft erhalten können, weil sie sich überzeugt glauben, daß ohne dieselbe nur bleibende Verwirrung unter uns komme. In Zeiten der Noth täuscht man oft sich selbst; die größern Stände 102 verhehlen ihre Besorgnisse den kleinern, um sich an ihrer Furchtlosigkeit zu erhohlen; sie denken an Widerstand. Sollte aber auch gegen alle Wahrscheinlichkeit Widerstand möglich seyn, sollte es ihnen gelingen, mit bewaffneter Faust Verfassung und Unabhängigkeit zu vertheidigen, was wäre bey der schon herrschenden Erbitterung die Folge? Vernünftige, der Zeit angemessene Staatsverbesserung, oder strengere, der Zeit widerstrebende Gewalt?

Wäre nur die Liebe der Schweizer zu ihren Obern so stark, wie die Liebe zu ihrer Verfassung, dachte ich, es wäre wohl noch Rath!


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