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Saly's Revolutionstage

Ulrich Hegner: Saly's Revolutionstage - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleSaly's Revolutionstage
authorUlrich Hegner
year1828
firstpub1814
publisherG. Reimer
addressBerlin
titleSaly's Revolutionstage
pages260
created20130527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Jetzt suchten wir das Haus der Herrn Q. auf, an den unser Brief gerichtet war. Ungeachtet des kalten Morgens standen doch allenthalben in den Gassen Bürger in Schlafröcken und Nachtmützen beysammen, und schienen ängstlich aufmerksam auf alles was vorging; wiewohl nichts vorging, als daß dann und wann ein Mitglied des Raths mit bedeutender Wichtigkeit in die Versammlung schritt, oder ein Landmann mit listigem Gesichte vorbeyschlenderte. Mit forschenden Augen wurden die Vorübergehenden geprüft, und jeder schien seine Wünsche oder seine Besorgnisse in ihren Mienen lesen zu wollen.

Auch wir besonders mußten diese Musterung passiren, weil sie aus unsrer Kleidung erkannten, daß wir aus einem andern Bundeskreis wären, und wahrscheinlich schon wußten, daß wir bey dem patriotischen Wirthe abgetreten seyen, und Briefe an die Volksführer haben. Es giebt in allen Schweizerstädten solche politische Luntenriecher, die beständig auf Kundschaft ausgehen, nicht sowohl um neue Ereignisse mit Verstand zu würdigen, als um die Ersten zu seyn, solche wieder zu erzählen.

Ich weiß nicht, was ein Unerschrockener aus so einem Schlafmützenhaufen widriges an uns fand, denn er rief, als wir vorbeygingen: Da sind auch so zwey. Und sogleich fingen alle an, verächtliche Blicke und hörbare Verwünschungen auf uns zu werfen.

91 Diese, sagte mein Begleiter laut, werden die Volksregierung weder fördern noch hindern.

Wie könnt Ihr das wissen? fragte ich.

Habt Ihr die Frösche noch nie gehört, versetzte er, wenn einer anfängt zu quacken, so thun es alle nach, und kömmt doch nichts dabey heraus.

Die Bürger schwiegen, und ich war verwundert, daß dieser Mensch den neuen Ton der Zeit schon so gut aufzufassen wußte. Es bestätigte meine öfters gemachte Erfahrung, daß gemeinen Köpfen treffende Grobheiten schneller zu Gebothe stehen als den bessern.

Q. war schon von unserm Besuche benachrichtigt und erwartete uns. Nachdem er das Päckchen geöffnet, und den Brief, der an ihn war, gelesen hatte, fragte er uns, ob wir die zwey andern selbst abgeben oder ihm überlassen wollten, und da mein Begleiter sagte, er wolle den Brief an X., der sein Vetter sey, selbst überbringen, hieß er ihn geschwind machen, sonst träfe er denselben den ganzen Tag nicht mehr zu Hause an. Wir werden uns schon wiedersehen, that er halb verächtlich hinzu.

Kaum war er weggeeilt, so sagte Q.: Es ist doch ärgerlich, daß Eure Leute uns schon wieder diesen Tropf zuschicken, da wir ihnen doch zu verstehen gegeben, sie möchten ihn daheim lassen; wahrscheinlich haben sie Euch zur Aufsicht zugeordnet, da werdet Ihr auch Eure Noth mit ihm haben! Letzthin hat er uns mit seiner Schwatzhaftigkeit beynahe alles verdorben, 92 indem einer unsrer wichtigsten Schritte durch ihn, wir wissen nicht wie, verrathen worden.

Es war leicht zu erachten, daß dieses durch den Brief, welchen der welsche Spion zu lesen bekommen, müsse geschehen seyn; ich sagte aber nichts davon.

Jetzt kann er freylich nicht mehr viel verderben, fuhr er mit trockener Gleichgültigkeit fort.

Dann steht es sehr gut oder sehr schlimm mit Eurer Sache, erwiederte ich.

Es kömmt auf den Gesichtspunkt an, war seine Antwort. Ich lese so eben (er sahe wieder in den Brief), daß Ihr ein Mann seyd, auf den man sich verlassen kann, ein Neugeworbener, aber noch kein Eingeweiheter, wie sie schreiben, würdig jedoch, daß ihm nichts unbekannt bleibe; ich mache mir also Offenheit gegen Euch zum Verdienst. – Allein jetzt muß ich ausgehen, speiset mit mir zu Mittag, so werden wir schon Zeit zum Sprechen finden; unterdessen steht Euch all dieß Zeug (auf einen Tisch voll Schriften weisend) zum Durchlesen offen, woraus Ihr nach Herzenslust erfahren könnet, warum es zu thun ist und seyn wird.

Einen Neugeworbenen hörte ich mich nicht gern nennen, und vor der Einweihung durch dieses Schriftengemengsel graute mir; allein das beständige Hinweisen auf den Standpunkt, aus welchem man angesehen seyn will, ist auch eine widrige Sache, und sieht aus wie Anmaßung, ich hatte es schon zu Hause und 93 in Meilen erfahren, und mein Mann hier schien kein Freund von vielen Worten zu seyn. – Euer Mittagessen, antwortete ich demnach, nehme ich noch lieber an, als die Einweihung; indessen sehe ich wohl, ich muß da hinein; ich weiß nicht, was für ein Stern oder Unstern mich mit Gewalt in diesen Irrgang zieht. Ich weiß bereits zu wenig und zu viel, um stille stehen zu können; wenn mir nur diese Geheimnisse nicht zu schwer werden!

Ey was! versetzte er, einen vernünftigen Mann drückt kein Geheimniß; was einem zu schwer ist, das läßt man liegen.

Ich sahe, daß ich mit einem wackern, aber etwas derben Mann zu thun hatte, ließ ihn allein weggehen, und setzte mich an den Tisch, um eine Schrift nach der andern geduldig zu durchlesen. Es waren einladende und abrathende, glückwünschende und drohende Briefe; abgebrochene Berichte von Unterredungen mit dem französischen Geschäftsträger und mit obrigkeitlichen Personen; Entwürfe zu Aufrufungen an das Volk, worin demselben bewiesen wird, daß es über seine Staatseinrichtung Meister sey; Untersuchungen oder vielmehr Zweifel über das Recht des Zehnten; endlich auch die Menschenrechte, wovon mein Reisegefährte so gerne spricht, in siebzehn Artikeln, die mir, die Wahrheit zu gestehen, auch nicht übel gefielen; und dann eine darauf gebaute neue Verfassung der Schweiz unter Einer allgemeinen Regierung, mit 94 Beleuchtungen über das künftige Glück derselben, eine neue Welt für unser Vaterland, aber in ein Schlaraffenland ausgemahlt, an dessen dauernde Wirklichkeit ich nicht glauben konnte. Das lag alles so bunt durcheinander, daß mir der Kopf schwindlich vom Lesen wurde. Wie wird es erst dem seyn, der es nicht nur lesen, sondern ausführen muß, dachte ich; wie muß es gar einem Staatsminister zu Muthe seyn, der Jahr aus Jahr ein mit Projekten umgeben und mit Ausführungen beängstigt ist! Vielleicht geht es aber in der großen Welt zu, wie in meiner kleinen, wo ich schon oft, Leute betreffend, die gern regieren und allenthalben an der Spitze stehen wollten, fragte: Wo nehmen sie denn den Verstand dazu her? Und von der Erfahrung die Antwort erhielt: »Man thut etwas, vieles gibt sich von selbst, und das Uebrige vertraut man dem guten Glücke.«

Ich wollte eben eine Pause machen, als ein halbmilitärisch gekleideter Mensch mit einem freundlich-heimlichen Gesichte herangeschlichen kam, und nach Herrn Q. fragte. Wie ich antwortete, daß er erst gegen Mittag zurückkomme, und der Mensch mich so vertraut in desselben Papieren blättern sah, sagte er, ich sey wahrscheinlich ein guter Freund von Herrn Q., auch er stehe in genauer Bekanntschaft mit ihm, ich solle daher nur mit dem Lesen fortfahren, er wolle sich indessen zu mir hinsetzen bis Q. komme. Da ich aber in seiner krummen Annäherung nichts als eine 95 kleinliche Neugier nach den Papieren sah, so stellte ich mich zwischen ihn und den Tisch hin, entschlossen seinen unregelmäßigen Trieb nicht zu befriedigen.

Wir führten nun eine elende Unterredung mit einander, wobey er sich immer bemühte zu erfahren wer ich sey, und ich mich befließ, es ihm nicht zu sagen; welches er endlich merkte, und, um seiner Person mehr Gewicht zu geben, von sich selbst zu sprechen anfing: er sey gestern von einer Reise an den Genfersee zurückgekommen, die er, mir dürfe er's wohl sagen, mit wichtigen Aufträgen im Nahmen der hiesigen Vaterlandsfreunde habe machen müssen.

Das war also weiter nichts als jener Schneider meines Reisegefährten! So gehts, wenn man sich durch Großsprechen helfen will, man erscheint nur desto kleiner. – Ehe ich ihm aber etwas verbindliches über diese Eröffnung sagen konnte, erschien eine dritte Person auf dem Zimmer, ein Mann von mittlerm Alter, mit klugen aber düstern Gesichtszügen, der, obgleich nicht besser gekleidet, doch in Gestalt und Wort einen ganz andern Mann zeigte. Er schickte den politischen Schneider, der ihm viele Verbeugungen machte, fort: Meister N., sagte er, geh er jetzt an seine Geschäfte! – Mit mir fing er sogleich ein Gespräch über die vor uns liegenden Schriften an, und fragte, ob ich schon Kenntniß von allen diesen Sachen gehabt habe?

Nicht von dem zehnten Theil, antwortete ich; wie 96 wäre es auch möglich, da ich vor vier Tagen noch nicht einmahl wußte, was bey uns vorgeht, wo man erst anfängt, und überdieß Geheimnissen eher ausweiche als sie aufsuche.

Es scheint doch, erwiederte er, Eure Landsleute setzen ein großes Zutrauen in Euch, weil sie uns melden, man dürfe und solle Euch alles offenbaren.

Zutrauen erwirbt man sich oft am meisten, wenn man es nicht sucht, versetzte ich. Uebrigens kann es seyn, daß mich meine Landsleute für einen ehrlichen Mann halten, und es mag ihnen daran liegen zuverlässige Menschen in ihre Sache zu ziehen, wenn sie gut gehen soll.

Ja wohl, sagte er mit einem Seufzer, brauchen wir ehrliche Leute! Ließen sich diese nur erkaufen, sie wären uns um keinen Preis zu theuer; denn Bosheit und Selbstsucht biethen sich uns haufenweise umsonst an. Ach Gott. was haben wir in dieser kurzen Zeit schon für Erfahrungen gemacht!

Ihr werdet erfahren haben, sagte ich, daß der Redliche sein Glück mehr in sich selbst, als in Neuerungen außer sich sucht, und daher bey solchen lieber zuschaut, als eine Rolle mitspielt.

Und daß der Weise, fügte er hinzu, lieber allein und aus eigner Kraft als nach den Plänen andrer handelt; vereinte Wirksamkeit macht abhängig und ehrgeizig. Uns aber ist der Plan vorgezeichnet, und hat die Nothwendigkeit einen einzigen Weg zur 97 Rettung des Vaterlandes offen gelassen, den wir noch dazu im Laufe zurücklegen müssen, ob er gleich zwischen Abgründen durchgeht, und wir sein Ende nicht sehen.


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