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Saly's Revolutionstage

Ulrich Hegner: Saly's Revolutionstage - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleSaly's Revolutionstage
authorUlrich Hegner
year1828
firstpub1814
publisherG. Reimer
addressBerlin
titleSaly's Revolutionstage
pages260
created20130527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Da hat der Landvogt Unrecht, sagte ich.

Der Beamte schüttelte den Kopf und sprach: Guter Freund, man sollte heut zu Tage bedenken, was man redet!

Die Einen lächelten, die Andern erschraken; alle aber schwiegen. Mir schien es eben so verächtlich, daß keiner von denen, die sonst die Mäuler immer zum Schmählen offen haben, sich jetzt vor dem Beamten ein Wort zu sagen getraute, als es mich nichts Gutes erwarten ließ, daß zu dieser Zeit jede schuldlose Rede in bedenklichem Sinne genommen werden sollte.

Wer es nicht böse meint, sollte unter Seinesgleichen wohl die Wahrheit sagen dürfen, versetzte ich, und verließ die Gesellschaft.

Unter Seinesgleichen? brummte mir der Beamte nach.

In meinem Dorfe – es mag in anderen auch so seyn – gab es, die LumpenDieß Wort bedeutet in der Schweiz einen liederlichen Menschen, der die Sorge für seinen häuslichen Wohlstand aufgegeben hat. abgerechnet, von 2 jeher drey Arten Leute. Die ersten waren Augendiener der Obern, größtentheils Beamte, Schreiber, Lehenleute und dergleichen. Diese zeigten sich mir nie sonderlich geneigt, weil ich keine Schulden bey ihnen machte; doch auch nicht gänzlich abgeneigt, weil ich vor ihnen immer den Hut abnahm.

Die Andern waren die geheimen Räthe des Pfarrhauses, als Küster, Schulmeister, Hebammen und Scheinheilige. Diese haßten mich, weil der Pfarrer bisweilen über mich murrte; denn wo der Herr und Meister nicht segnet, da fluchen die Jünger. Der Pfarrer meinte es sonst ehrlich und gut, aber er äußerte manchmahl seine Unzufriedenheit, daß ich nicht genug zur Kirche ginge, und lobte aus diesem Grunde meine Frau auf meine Unkosten.

Die dritte Art endlich waren die ehrlichen, treuherzigen Bauern von altem Schrot und Korn, denen Haus und Hof ihre Welt, und Arbeit ihr Leben war; zufriedene, sorgenfreye Leute, die, ohne fromm seyn zu wollen, ihren Nächsten liebten wie sich selbst, treu und kalt, und ihr Vieh beinahe wie ihren Nächsten. Sie mochten mir wohl; nur fanden einige, ich arbeite nicht genug, weil ich Bücher im Hause hatte, und zuweilen Stadtleute zu mir herauskamen. Oft fragten sie mich über ihre häuslichen Angelegenheiten und Zwistigkeiten um Rath, weil sie glaubten, man lerne die Klugheit aus Büchern, und weil ich ihnen meinen Rath 3 weniger breit und weitschweifig, oder auch wohlfeiler gab, als die Beamten.

Doch auch die zuerst Erwähnten erkundigten sich manchmal nach meiner Meinung, etwa was ich in diesem oder jenem Falle dem Gerichtsherrn antworten würde? Oder sie legten mir unter fremdem Namen Rechtsfragen vor, die meistens sie selbst betrafen; das alles jedoch unter der Hand und selten auf geradem Wege, es sey denn, wo es der Drang des Gewissens erheischte. Ich habe auf diese Weise schon seltene Gewissensfälle behandelt, und manchen getröstet, der seinen Umständen nach zehenmal glücklicher hätte seyn können als ich, wenn das Glück von außen herein käme.

Von den Lumpen sage ich nichts. Wiewohl viele lustige Brüder und Schälke unter ihnen waren, die mich ehemals durch ihre Spaßmacherey anzogen, so hatte ich doch mit reiferm Alter gefunden, daß ihre Gesellschaft nichts tauge und Flecken zurücklasse.

Mich selbst kann ich unter keine von diesen Klassen ordnen, ob ich gleich manchmal wünschte, mit Leib und Seele einer anzugehören; denn das Alleinstehen hat auch seine Leiden. Allzufrühe meiner Aeltern, die weit vom Vaterlande gestorben, so wie ihrer bessern Erziehung beraubt, und durch einen liederlichen Vormund um mein kleines Vermögen gebracht, wurde ich als ein verlassener Knabe von einem Freunde meines Vaters mitleidig aufgenommen. Er war Offizier, 4 verließ aber bald nachher den Dienst, und zog sich nach Hause auf ein Landgut zurück, wo er nach seiner Phantasie lebte, und mich auch so leben ließ. Ich wurde zu keinem Beruf angehalten, und konnte machen was ich wollte, wenn des Herrn kleine Angelegenheiten besorgt waren; so gerieth ich über seine Bücher, und las Jahre lang, was mir unter die Hände kam. Als er aber starb, und von seinem Nachlasse mir nichts blieb als die Bücher, sah ich wohl, daß diese ihren Mann nicht erhielten, und mußte nun arbeiten um zu leben, und da ich nichts besseres konnte, suchte ich im Sommer mein Brot mit Gartenarbeit im benachbarten Städtchen, winterszeit mit Holzfällen in den Waldungen desselben zu verdienen. Dabei ging es mir wohl, ich war gesund und fröhlich, brauchte wenig, und konnte darum täglich von meinem Verdienste etwas beyseit legen, bald einen kleinen Holzhandel anfangen und des Sonntags meine Bücher wieder vornehmen.

Die Bürgersleute in dem Städtchen hatten mich gerne, weil ich fleißig war und einen ordentlichen Wandel führte, weil ich oft mit ihren Kindern scherzte, die Männer geduldig anhörte und mit den Weibspersonen zutraulich plauderte.

Sobald ich soviel zusammen gespart, daß ich ein Stück Wiese kaufen konnte, heirathete ich ein Mädchen, auf welches ich schon lange ein Auge hatte, und baute aus ihrem und etwas entlehntem Geld ein 5 Häuschen in die Wiese. Die Frau besorgte nun mit ihrer Mutter untadelhaft das Gütchen, und setzte sich zum Spinnrade, wenn sie draußen nichts zu thun hatte, indessen ich in der Stadt meinem Erwerbe nachging.

So lebte ich mit mir selbst und aller Welt im Frieden.


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