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Saly's Revolutionstage

Ulrich Hegner: Saly's Revolutionstage - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleSaly's Revolutionstage
authorUlrich Hegner
year1828
firstpub1814
publisherG. Reimer
addressBerlin
titleSaly's Revolutionstage
pages260
created20130527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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62 Unsre Reise ging nicht so geschwind, als wir geglaubt hatten, weil uns über den Berg ein tiefer Schnee irre machte, und wir in einer abgelegenen Bauerhütte übernachten mußten, nachdem wir lange herumgeirrt, und vor Müdigkeit und Frost kaum mehr lebendig waren.

Als wir des folgenden Tages nach Stein kamen, wollte ich, bis das Mittagessen bereitet wäre, das vor uns liegende Kloster Sectingen sehen. Der Reisegefährte ging auch mit, aus Gefälligkeit, wie er sagte, denn seiner Meinung nach sollte man alle Klöster vernichten, weil sie der Aufklärung im Wege stehen.

Was ist denn Aufklärung? fragte ich.

Er zog ein geschriebenes Buch aus der Tasche, das, wie ich nachher erfuhr, seine Maximen enthielt, und gab mir daraus zur Antwort: was die Vernunft lehrt und die Erfahrung bestätigt.

Wenn aber meine Erfahrung sagt, daß es mir in Klosterkirchen wohl gefalle?

So . . . so seyd Ihr nicht aufgeklärt, stotterte er.

Dann kann mir auch dieser Besuch nichts schaden, versetzte ich. – Er steckte seinen Katechismus genügsam wieder ein, als ein Kleinod, das ich nicht zu sehen würdig sey.

Wir waren so auf die Klosterbrücke gekommen, als sich ein wohlgekleideter Mann näherte, der uns aufmerksam ansah. – Seht doch, rief mein Reisegefährte plötzlich, das ist der Mann, von dem ich Euch 63 gestern erzählte, der die Briefe aufmachen kann! – Er ging auf ihn zu. Sogleich erkannte ihn der Mann auch, und that sehr vertraulich. Als er hörte, daß wir in Stein zu Mittag essen wollten, freute er sich, indem er auch da speise, sobald er seine Geschäfte hier im Städtchen abgethan.

Das war mir aber nicht recht; denn ich habe es nicht, wie der alte Herr von Bremgarten, ich kann die Spione nicht leiden. Zudem war ich in Verlegenheit wegen meines Begleiters; entdeckte ich diesem, wer der Mann sey, so konnte er leicht einen unnützen Lärm anfangen, ließ ich ihm aber die Decke vor den Augen, so setzte ich ihn neuen Unvorsichtigkeiten aus. Ich wußte also keinen andern Rath, als die Kirche schnell, ohne die gehoffte Herzenserhebung zu durchlaufen, und so bald möglich von Stein wegzueilen, noch ehe der Spion zum Essen hinkäme.

Allein in Wirthshäusern geht die Uhr selten nach dem Wunsche des Reisenden; das Fleisch wollte um meiner Eilfertigkeit willen nicht geschwinder weich werden, der Wirth machte ein sauer Gesicht dazu, und mein Gefährte, der einen tüchtigen Hunger hatte, meinte, wir sollten von dem Fremden noch sein Geheimniß mit den Briefen ganz zu lernen suchen. Er kam, ehe wir noch gegessen hatten, und verwunderte sich, daß wir so eilfertig seyen; als er aber hörte, daß wir heute noch nach Basel wollten, zuckte er bedenklich die Achseln und sagte: Ich weiß nicht, ob die Herren 64 wohl thun, wenn sie jetzt nach der Stadt gehen, bey den unruhigen Bewegungen, die dort herrschen.

Ich schwieg still; mein Begleiter aber fragte, was es denn für Unruhe gebe?

Die Landleute, antwortete er, haben sich gestern zusammen gerottet, ein Schloß überfallen und geplündert, und drohen mit Feuer und Schwert auf Basel selbst loszuziehen. Ohne Noth geht jetzt niemand in die Stadt. Es ist auch die Frage, ob die Herren nur einmahl hinein kommen könnten, da die Thore wirklich gesperrt seyn sollen.

Ich lächelte zu dieser Nachricht, weil ich dachte, es ist dem Spitzbuben nur um unsre Briefe zu thun. Der Gefährte sah mich mit erschrockenen Augen an, und sagte auch nichts. Mein ruhiges Stillschweigen gefiel dem Fremden nicht; wir sollen thun was wir wollen, sagte er, aber rathen möchte er uns, noch einige Stunden zu verweilen, weil in dieser Zeit wohl jemand von dorther kommen würde, der nähern Bericht geben könnte.

Bey dergleichen Auftritten, bemerkte ich, sind die Berichte immer unzuverlässig, weil Schrecken oder Absicht sie vergrößert. Am beßten ist, wir sehen selbst nach; kommen wir nicht in die Stadt hinein, so bleiben wir haußen; da wir auch Landleute sind, so werden wir von den Bauern nicht viel zu besorgen haben. – Er machte noch mancherley Einwendungen; als er aber sah, daß ich fest auf meinem Vorsatze 65 beharrte, so schlich er noch vor uns weg, ohne Abschied zu nehmen.

Es waren noch viele Bauern in der Stube, welche das Gerücht von dem Aufstand in dem Basler Gebieth hieher gezogen hatte, die aber alle nichts Bestimmtes wußten, sondern sich nur in Muthmaßungen über die Möglichkeiten erschöpften und erhitzten, und es damit in kurzer Zeit so weit brachten, daß die ganze Stadt schon in vollen Flammen stand, und von Zeit zu Zeit einer hinausging, ob er nicht den Rauch sähe.

Wir machten uns auf den Weg, sobald wir gegessen hatten; als aber mein Gefährte seinen Stock nehmen wollte, war er fort. Mein Argwohn fiel sogleich auf den Spion, weil er vermuthlich darin wieder einen Brief zu finden geglaubt; als ich aber hörte, daß nichts darin und es nur ein gewöhnlicher Stab sey, so sagte ich zum voraus, daß wir ihn wieder bekommen würden. Wirklich waren wir kaum eine Viertelstunde gegangen, als uns ein Junge damit nachgelaufen kam, und sagte, der fremde Mann, welcher im Wirthshause mit uns gesprochen, lasse sich entschuldigen, er habe den Stock beim Weggehen aus Versehen als den seinigen mitgenommen.

Der ehrliche Mann! rief ich; und meinem Reisegefährten war es, wie wenn er sich schämen sollte.


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