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Saly's Revolutionstage

Ulrich Hegner: Saly's Revolutionstage - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleSaly's Revolutionstage
authorUlrich Hegner
year1828
firstpub1814
publisherG. Reimer
addressBerlin
titleSaly's Revolutionstage
pages260
created20130527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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54 Wer war denn dieser Fuchs? fragte ich mein Schaf, lachend über die tolle Erzählung. Er wußte aber nichts weiter von ihm anzugeben, als daß er etwas Fremdes in seiner Aussprache habe.

Wie wir noch mit einander redeten, trat der ehrwürdige Alte, den ich über Nacht nicht vergessen hatte, in das Zimmer, grüßte mich und meinen Gefährten wieder mit Nahmen, und fragte, ob ich nicht einen Auftrag nach Basel übernehmen wolle, der ein Familiengeschäft betreffe, welches ihm sehr nahe liege, und auch mich vielleicht ohne mein Wissen angehen könnte.

Wiewohl mich seine Erscheinung freute, so war mir doch die Vertraulichkeit des gänzlich Unbekannten seltsam; sie war aber mit einer ungezwungenen Würde verbunden, die keinem Mißtrauen Platz gab. Und da er im Tone gebiethender Gewißheit versicherte, daß er mich wohl kenne, und mit einem Blick auf meinen Reisegefährten, wodurch er zu verstehen gab, daß ihm dieser im Wege sey, mich einlud, auf eine Viertelstunde mit ihm nach Hause zu kommen, um das Weitere zu vernehmen, so ging ich mit ihm, und hieß meinen Reisegefährten indessen frühstücken, und die Rechnung bezahlen.

In seinem Häuschen fiel mir sogleich eine große Reinlichkeit und tiefe Stille auf. Wie sollte es aber auch nicht stille gewesen seyn, da außer ihm kein lebendiges Wesen das Haus bewohnte, als eine blinde Katze, der er das Gnadenbrot gab, und die, wie ich späterhin 55 erfuhr, viele Leute des Ortes für einen Hausgeist hielten, der ihm ihre Geheimnisse offenbare.

In der Stube waren Landkarten aufgemacht, und Bücher und Schriften lagen auf Tischen herum. Indem er den Kaffé aus der Küche hohlte, sah ich in einem offnen Nebenstübchen zwey Bildnisse hängen, von denen ich eines auch schon gesehen zu haben fühlte, ohne zu wissen wo. Ich wollte aber gar nichts fragen, sondern erst ihn reden lassen.

Er langte ein kleines Päckchen hervor. Herr N., sagte er, oder Saly, wie ich weiß, daß Ihr Euch lieber nennen hört, wenn Ihr Euch mit diesen Schriften beladen wollt, so werdet Ihr in Basel Freunde finden, die vielleicht weniger Aufsehen in der Welt machen, aber an echter Freundschaft denen, an welche Ihr die Briefe von Meilen abzugeben habt, gewiß nicht nachstehen.

Ehe ich Euch antworten kann, unbekannter Mann, sagte ich, müßt Ihr mir, wo nicht wer Ihr seyd, doch wenigstes sagen, woher Ihr mich kennt, denn Euer geheimnißvolles Betragen plagt mich.

Mich auch, versetzte er mit freundlichem Ernst, aber hier in Bremgarten soll ich mich niemand offenbaren; in Basel werdet Ihr meine kleine Geschichte hören, und auf Eurer Rückreise sollt Ihr mehr davon wissen. Woher ich aber Euch kenne, darf ich wohl sagen, und eben weil ich Euch kenne, um so viel sicherer. Ich habe, fuhr er fort, einige Bekannte, die in 56 der Nähe und Ferne herumkommen, und sich angelegen seyn lassen, Kunde von braven Leuten zu nehmen; diese haben mir schon mehrmahls Nachrichten von dem Wald- und Gartenfreunde Saly und seiner einfachen Haushaltung gegeben, die mir desto erfreulicher waren, weil ich sah, daß der Sohn meines Freundes seinem Vater keine Schande macht.

Ich, der Sohn Euers Freundes? rief ich erstaunt und betroffen, weil ich in dem Bilde an der Wand nun wirklich meinen Vater zu erkennen glaubte.

Er umarmte mich freudig; seine Zähre der Liebe netzte meine Wange. – Er nahm mich bey der Hand, und noch eine Thräne wegtrocknend sprach er: Ja, alter, naher, inniger Freunde Sohn bist du! Gottlob, daß mir alten Manne diese Empfindung noch zu Theil ward! – doch laßt uns ruhig seyn, fuhr er fort, indem er mich neben sich setzte, und redend uns näher kennen; ich habe Euch manches zu sagen, aber mit Weile! ein hitziger Angriff taugt nur im Kriege, nicht in der Freundschaft. Vielleicht kann ich Euch auch rathen, wenn Ihr wollt?

Zählt auf mein unerschütterliches Zutrauen, ehrwürdiger Mann! war meine Antwort.

Gestern, sagte er, kam ich von ungefähr dazu, wie Euer Reisegefährte dem Wirth Eure Nahmen angab; daraus lernte ich Euer Hierseyn, und aus dem Nahmen des jungen Menschen Euer schlüpfriges Geschäft kennen.

57 Welches ich aber noch nicht lange treibe, versetzte ich.

Das ist mir lieb, sagte er; auch haltet Ihr es wahrscheinlich nicht für so bedenklich als es ist; indessen hätte Euer Gefährte Euch warnen können. Und nun erzählte er, der mir bald selbst einen Geist der Offenbarung zu haben schien, ebendieselbe Geschichte von der Briefentsieglung, die ich vor einer halben Stunde von meinem Begleiter gehört hatte. Der Fremde war, was ich vermuthete, ein Spion, ein Schweizer aus den wälschen Vogteyen, der sich schon mehrere Jahre hier im Lande aufhielt, immer zu geheimen Geschäften gebraucht wurde, und jetzt den Befehl hatte, in der Nähe aufrührischen Bewegungen nachzuspüren. Er traf meinen Reisegefährten in Arau an, merkte bald aus seiner läppischen Wichtigkeit, daß er einen geheimen Auftrag hätte, den herauszulocken dem listigen Mann ein kleines war.

Das konnte ich wohl begreifen, aber mein Befremden konnte ich nicht bergen, wie der alte verehrliche Mann mit einem Spion auf so vertrautem Fuße stehe, um solche Dinge von ihm zu erfahren. Dieses, sagte er mit Ruhe, ging wenigstens von meiner Seite auf eine ganz unschuldige Art zu. Die Regierung, welche nicht ohne Grund Spuren von Meuterey entdeckt zu haben glaubt, und deßwegen auf alles Ungewöhnliche aufmerksam und gegen alles Geheime mißtrauisch ist, fand auch meine besondere Lebensart und 58 meinen Briefwechsel in die Ferne ihrer Aufmerksamkeit werth, und beorderte daher den wälschen Spion, mich auszukundschaften. Er suchte unter einem nichtigen Vorwand meine Bekanntschaft; ich merkte aber ungeachtet seiner Gewandtheit bald seine Absicht und seinen Beruf, und da ich von Natur neugierig bin, und manches von ihm zu erfahren hoffte, so suchte ich ihn zu gewinnen, welches mir auch in kurzer Zeit gelang, indem ich mit der offenen Aeußerung, daß ich ihn für einen Ausspäher halte, ein fortgesetztes freundliches Betragen gegen ihn verband. So erfuhr ich bald alles, auch die Geschichte mit dem Briefe, und mehr als ich wollte; denn gleichwie Diebe erst den rechten Genuß von ihren Schelmenstreichen haben, wenn sie solche einander erzählen können, so haben auch geheime Kundschafter ein dringendes Bedürfniß nach einem vertrauten Ohre, dem sie die Last ihrer Geheimnisse und die Kunstgriffe ihres Verstandes anvertrauen können. Ich machte ihm jedoch über manches Böse ernstliche Vorstellungen, und suchte ihn überhaupt nach und nach von seinem Handwerke abzubringen, allein vergebens, denn er gestand mir, daß ihm diese Spürhunderey so zur Natur geworden, daß er nicht mehr davon lassen könne. – Doch das gehört nicht zu unserer Sache; die Zeit verstreicht; laßt mich Euch noch ein Wort der Warnung auf den Weg geben, wozu ich als Freund Eurer Aeltern berechtigt bin.

Ach, ich bin schon genug gewarnt, sagte ich; 59 erzählt mir lieber von meinen Aeltern, väterlicher Freund!

Er hieß mich aber noch ein Paar Tage Geduld haben, bis zu meiner Rückkunft; für dieß Mahl solle ich ihn erst über meine Sendung beruhigen. Ich that es auch, ward aber durch die Erzählung und sein stilles Zuhören selbst unruhig, und der Trieb zur Umkehr erwachte von neuem in mir.

Nein, sagte er, macht Euch keine Grillen; Ihr habt den Auftrag als ein ehrlicher Mann übernommen – ohne denselben wären wir auch noch nicht zusammen gekommen – was man verantworten kann, muß man muthig enden! Ich denke die Vorsehung will Euch in Basel haben.

Mein Reisegefährte kam mich abzuholen; aus der Viertelstunde war eine ganze geworden, und wir hatten heute noch weit. – Ich umarmte meinen neuen Freund, und machte mich auf den Weg.


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