Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ulrich Hegner >

Saly's Revolutionstage

Ulrich Hegner: Saly's Revolutionstage - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleSaly's Revolutionstage
authorUlrich Hegner
year1828
firstpub1814
publisherG. Reimer
addressBerlin
titleSaly's Revolutionstage
pages260
created20130527
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Beym Auskleiden wollte ich nach den mir anvertrauten Briefen sehen, und fand auch das Heft Schriften, welches mir die Männer in Meilen gegeben hatten, noch in der Tasche. Ich hatte nicht mehr an diese Schriften gedacht, und sah nun beym Durchblättern, daß es eine aus neuen Rechtsgrundsätzen und alten Urkunden hergeleitete Abhandlung wäre, nach Art einer bekannten vor einigen Jahren herumgebothenen Denkschrift, worin der Verlust unsrer Freyheit bewiesen, bedauert, und Weisung zu neuen Einrichtungen gegeben wird. Allein der Schlaf war mächtiger in mir als die Wißbegierde, und so ließ ich die Papiere aus den Händen fallen.

Als ich sie des Morgens wieder zusammennehmen wollte, fiel mir ein offener Brief in die Augen, der ohne Tag und Nahmen war; sein Inhalt schien mir unbedeutend, er mußte aus Versehen unter diese Schriften gekommen seyn. Da ist ein Brief, der nicht hieher gehört, sagte ich.

51 Ha! bist du es? rief mein Reisegefährte, der den Brief in die Hände nahm, und sogleich wieder auf den Tisch warf; den hab ich unlängst selbst von Basel gebracht. – Versteht Ihr aber auch seinen Inhalt? setzte er mit einer Miene voll Geheimniß hinzu.

Wie seyd Ihr denn zu der Kenntniß seines Inhalts gekommen? fragte ich.

Er wollte zuerst nicht mit dem Wort heraus, jedoch nach einigem Zureden und dem Versprechen, ihn nicht zu verrathen, vertraute er mir folgende Geschichte:

»Auf meiner Rückreise von Basel aß ich in Arau mit einem Unbekannten zu Nacht, der erst wenig sprach, als er aber aus meinen Maximen meine Gesinnungen merkte, nun auch kein Blatt mehr für den Mund nahm, so daß wir recht vertraulich mit einander wurden. Als ich ihm eröffnete, wer ich sey, nickte er mir zu und sagte leise: da habt Ihr gewiß Briefe aus Basel bey Euch, gewisse Leute daselbst haben mir schon viel Gutes von Euch gesagt. – Ich sahe, daß er mich und die Brüder kannte, und gut für die Freyheit gestimmt war, und so wäre es unfreundschaftlich gewesen, ihm die Frage nicht zu beantworten. – Das ist ganz recht, sagte er, aber, mein Lieber, wenn Ihr nur das Schreiben wohl verwahrt habt, denn in solchen Fällen ist Vorsicht durchaus nöthig; auch ich habe schon geheime Briefe vertragen, und sie bald in die Kleider eingenäht, bald in die Schuhe verborgen. – Weder in die Kleider noch in 52 die Schuhe, sondern hierherum, antwortete ich, indem ich meinen Stock, der hinter mir lag, ein wenig aufhob. – Er klopfte mir auf die Achseln, sagte aber nichts mehr, weil noch mehr Leute am andern Tische saßen. Als wir aber auf unser Zimmer kamen, konnte er meinen Einfall, das Schreiben in den Stock zu verbergen, nicht genug loben, und ich mußte ihm zeigen, wie solches geschehen. Beym Hervorziehen aus dem hohlen Stocke wurde aber das Siegel ein wenig beschädigt; das sollte nicht seyn, sagte er erschrocken: man möchte glauben, Ihr hättet den Brief aufgemacht, und Euch nachher nichts mehr anvertrauen! – Ich wollte das Siegelwachs am Feuer wieder zusammendrücken, er fiel mir aber in die Hand: Nicht so, man würde gleich sehen, daß etwas damit vorgegangen! Um das Siegel wieder in Ordnung zu bringen, müsse man es erst ganz lösen; er wolle es mir weisen, ich könne dabey zugleich lernen, wie man einen Brief ingeheim auf und wieder zumache, welches in gegenwärtigen Zeiten einem klugen Manne sehr nützlich seyn könne. – Er nahm hierauf ein Federmesser, machte es über dem Lichte heiß, und schnitt so geschickt unter dem Wachs durch, daß das Siegel selbst unverletzt blieb, und übergab mir so den geöffneten Brief, ohne die mindeste Lust merken zu lassen, ihn zu lesen, worauf ich genau Achtung gab.

»Es ging mir aber wie Euch, ich fand nichts von Bedeutung darin; daher trug ich kein Bedenken, ihn 53 auch dem Fremden zu weisen. Ich mußte jedoch recht in ihn dringen, ehe er ihn las; Neugier in solchen Dingen war nicht seine Sache. Als er aber gelesen hatte, sah er mich ernsthaft an; Freund, sprach er, dieser Brief enthält mehr, als Ihr glaubt; ich kenne den Verfasser wohl, heißt er nicht A.? – Nein, sagte ich, B. hat mir ihn übergeben. – Nun, erwiederte er, so kann ihn doch A. geschrieben haben. – Er erklärte mir nun seinen Inhalt: unter dem Scheine von einem Privatgeschäfte betrifft er die Unterhandlung unsrer Brüder in Basel mit dem Agenten der französischen Regierung. Dieß sage ich Euch deßwegen, fuhr er fort, damit Ihr den Brief wieder wohl verwahret, und ja keinem Menschen merken laßt, daß Ihr ihn gelesen, sonst möchtet Ihr wohl lange nicht wieder nach Basel kommen! – Ich begehrte nun, daß er den Brief wieder zumache; er fand aber, dieß lasse sich morgen besser thun, als jetzt bey Nacht, und legte ihn offen auf den Tisch hin. Ich ging zu Bette; er aber zeichnete noch etwas in seine Brieftasche auf.

»Als ich Tags darauf erwachte, war der Brief schon wieder zugemacht, so daß kein Mensch etwas merken konnte; welches mich jedoch nicht wenig verdroß, denn so hatte ich nur das Aufmachen, nicht aber das Zumachen gelernt. Er entschuldigte sich lachend, daß ich zu spät aufgestanden; ein ander Mahl wolle er mich auch das Zumachen lehren.«


 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.