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Salon Geisterberg

Walther Kabel: Salon Geisterberg - Kapitel 7
Quellenangabe
authorWalther Kabel
titleSalon Geisterberg
publisherVerlag moderner Lektüre G. m. b. H.
year0.J.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Talmifabrik

1. Kapitel. Professor Termoolen

»... Er schmeißt nu mit Klamotten,« sagte Moritz und säuberte seine verbogene Nickelbrille. »Glauben Se nu an den Kerl, Herr Harst?«

Der zweite Stein flog so dicht über Moritz' Kopf hinweg, daß der bucklige Hausierer sich tief verbeugte. »Hm – ob er uns kann sehn von oben?!« meinte er verwundert.

Harst packte ihn beim Arm und zog ihn dicht an den nächsten Lärchenstamm heran. Hier standen wir geschützt. »Sie sind ein seltenes Exemplar Ihrer Art, Herr Seligfeld,« rief Harst etwas außer Atem. »Der Kerl hätte Sie beinahe getroffen, und ...«

»Beinah' is nich ganz, – da, Nummer drei!«

Das Felsstück zerplatzte auf kahlem Gestein, und ein Splitter zog eine rote Furche über Moritzens Wange.

»Wenn er nur nich mit's Pixtol schießen tät,« sagte Seligfeld leicht besorgt. »Wissen Se, er hatt' auf sein Pixtol so e Trichter drauf. Ich glaub', mann nennt das Knallschlucker oder so ähnlich ... Aha – sagt' ich's doch! Er schießt, der Lump!«

Ja – er schoß ... – Da der Baum uns drei nicht genügend deckte, wechselte ich den Platz. Meine Lärche war sehr dick, und als ich vorsichtig fast senkrecht nach oben spähte, sah ich droben vor der Hütte in dem Steinwall lediglich einen Arm mit einer Pistole, auf deren Lauf ein Maxim-Knallschlucker steckte. Von den Schüssen war nichts zu hören. Nur die Kugeln spürten wir.

Harst spähte ebenfalls nach oben, zog dann seine Klement hervor und hob den Arm.

»Lassen Se das!« meinte Moritz jetzt fast befehlend. »Lassen Se das, Herr Harst. Ihre Schüsse werden unten rufen hervor e richt'gen Alarm ... – Kommen Se, – da is e Felsblock ... Rasch – und von da werden wer den Kerl schon anders eins wischen aus ...«

Der Schütze gab nun das zwecklos gewordene Feuern auf. Moritz mit seinen zerfetzten Hosen, die er notdürftig mit Sicherheitsnadeln zusammengesteckt hatte, kroch wie ein Wiesel vor uns her zum Rande des Abhangs und sprang von hier zu meinem Erstaunen auf denselben Grat hinab, den ich vorhin entdeckt hatte.

»Folge Se mir nur,« meinte er schlicht.

Daß er diesen zweiten Zugang zu Oberspahns Höhentuskulum besser kannte als wir, konnte uns kaum mehr überraschen. Auf dem in die Tiefe führenden Grat waren wir vollkommen gedeckt, und nach einer Viertelstunde eiligsten Kletterns standen wir genau über dem Dache der Hütte hinter mehreren flachen Steinen, die hier wohl nur deshalb aufgestellt waren, damit man vom Tale aus nicht etwa zufällig mit einem Glase jemand hier erspähte.

»Scheene Aussicht,« meinte Moritz leise. Und ihm war von Atemnot nichts anzumerken, während mir der Schweiß aus allen Poren drang und meine Lungen wie Blasebälge arbeiteten. – Er zog ein kleines Fernglas aus seiner Jacke, stellte es auf die Spielzeughäuschen von St. Moritz-Dorf ein und nickte nach einer Weile befriedigt. »Is gut so ... Niemand hat nix bemerkt.«

»Sie sind der hartgesottenste Lügner, der mir je begegnete,« sagte Harst noch leiser, aber doch ziemlich scharfen Tones. »Lady Gwendolyn Hooy suchen Sie mit Ihrem Perspektiv, Sie Schwindler! Lady Hooy war die Springerin. Sie trug denselben Reitanzug, mit dem sie schon einmal den Tattersall im Badteil besuchte.«

Seligfeld steckte sein Glas ein. »Sie wissen immer alles besser, Herr Harst ...! Gor nix wissen Se, gor nix ... Se wollen mer ausholen ... Da haben Se lang was dran. Der Moritz läßt sich eher die Zung' ausreißen! Aber – so was is ja abjeschafft, es gibt nix mehr, keine Folter mehr ... Also: Ich war's! Beweisen Se das Gegenteil, he?!«

»Die Sachlage eignet sich wenig für derartige kleine Meinungsverschiedenheiten,« lenkte Harald gutmütig lächelnd ein. »Glauben Sie, der Kerl ist noch in der Hütte?«

Moritz Seligfeld blickte auf das Hüttendach hinab. Es war mit Balken gedeckt, in denen sich nur ein kleines Dachfenster befand – neben dem kurzen, dicken Schornstein. Auf dem Dache lagen Felsstücke, Moos und Steingeröll.

»Bin ich e Detektiv?!« erwiderte Seligfeld flüsternd. »Ich bin e armer kleiner Jidd, und mei' Unglick is mein Herz ... Aber ich denk', er is noch da ... Weil er nix kann weg von hier. Er kennt dissen Pfad hier nich – bestimmt nich ... Und der andere da, den jeder kennen tut, den wird er, denk ich, nix runterklettern. Da sitzt der Professor Termoolen mit seiner Staffelei und pinselt Farb' auf die Leinwand ... Wenn Se die Bilder sehn, werd'n Se lachen. Den See malt er rot und die Gletscher grün und die Häuser blau und die Bäume lila ... Man kriegt Magenschmerzen, aber 's is modern.«

Der Holländer ein Maler?! – auch Harst flüsterte erstaunt: »Sie sind geradezu verblüffend gut über jede Kleinigkeit orientiert, lieber Moritz.«

Ich wollt', ich wär's,« murmelte Seligfeld mehr für sich. »Wär ich's, dann kennten wir nu abfassen den Kerl. Aber wir werd'n ihm nix finden, dem Gannef, dem, fürcht' ich, und außerdem würd' er uns eins auf 'n Pelz brennen, mein' ich, denn keiner will gern gehn im Zuchthaus, denk' ich ... – Vielleicht läßt sich da aufmache das Dachfenster ...«

Es ließ sich öffnen. Aber der Vogel war ausgeflogen. Wir durchsuchten die Hütte und die hinter ihr in der Steilwand liegende Grotte, die Oberspahn für uns vor Tagen als Gefängnis bestimmt hatte, so sorgfältig, daß wir unserer Sache völlig sicher waren.

»Hm – ich fürcht', ich fürcht' ...« sagte Seligfeld mißmutig, als wir draußen auf der Terrasse standen ...

»Was denn?«

»Nu, ich fürcht', der Professor lebt nix mehr ... – Gehen wir, Herr Harst ...«

Wir beeilten uns beim Abstieg auf dem bequemeren Pfad nach Kräften, – Moritz war immer zehn Schritt voraus. Als wir an die obere Grenze des Waldes kamen, sahen wir schon von weitem unter uns auf einem riesigen Felsblock, auf dem sich drei Lärchen erhoben, eine Klappstaffelei und ein Stühlchen stehen. Fünf Schritt weiter am Rande des allseitig sehr abschüssigen Blockes lag auf dem Gesicht ein Mann in einem Sportanzug. Als Moritz ihn umdrehte, prallte er zurück.

»Gott der Gerechte! Das ist der Lewis Brance, der, wo immer Forellen angelt!«

Er starrte Harst hilflos an. »Ob er noch lebt, Herr Harst?«

»Ja ... Aber es ist höchste Zeit, daß er verbunden wird,« – und Harst riß von seinem Oberhemd breite Streifen ab. – Ich half. Brance hatte einen Brustschuß über dem Herzen und schon viel Blut verloren. Er war ohne Besinnung, und sein blutloses, hartes Gesicht war fahl und verfallen.

Moritz packte die Staffelei zusammen und schnallte das angefangene Bild auf den Malkasten. »Herr Harst, – Se haben mer vorhin gefragt, ob ich den Kerl kenn', der in der Hütte war,« meinte er sehr geistesabwesend. »Ich sagt', ich kenn' ihm nix, und das is so ... Se haben mer genannt e Schwindler: Das is so! Ich war wieder Lady Hooy gefolgt, aber ich war zu weit zurück ... Sie kletterte den Grat rauf, und dann kamen Sie beide, und – na, ich hab' also gelogen, gut. Ich wollt', ich kennt' dem Kerl ...« Er schaute grüblerisch auf Brance's stille Gestalt. »Möglich, er war's ... Vielleicht muß er's sein gewesen ... Vielleicht hat der Professor schneller abgedrückt ... Ich bin nix kein Detektiv ... Ich find' mer da nix zurecht. Eigentlich muß es ja gewesen sein der Brance.«

Harst meinte nur: »Später erörtern wir das alles ... Packen Sie mit an ...«

Wir hatten aus Aesten und aus unseren Jacken eine Tragbahre hergestellt. Eine Stunde drauf lag Brance sorgsam gebettet in der Meierei oberhalb von St. Moritz-Dorf. Ein Arzt war telephonisch herbeigerufen worden. Mit ihm zugleich trafen zwei Polizeibeamte ein, darunter der kleine quecksilbrige Polizeichef, der nun völlig den Kopf verlor. Ein Mordversuch hier in diesem Gebirgsparadies, – das war so unerhört, daß das Männchen beinahe überschnappte.

»Herr Harst,« flehte er immer wieder, »nehmen Sie um Gotteswillen diese Banditen fest, die hier stehlen und morden und ...«

Wir schritten zu viert jetzt zu Tal: Der Chef, Moritz, wir beide. Harst unterbrach den verstörten kleinen Herrn: »Werfen Sie nicht alles in einen Topf ...! Ob Brance zu der Diebesbande gehört, ist durch nichts erwiesen. Wir werden sein Zimmer durchsuchen.«

Wir kamen am Wildpark vorüber. Am Gatter drängten sich die zahmen Hirsche und Rehe zusammen, und Moritz hüstelte und meinte bescheiden: »Hier hat der Herr Professor Termoolen auch mit seine Staffelei gesessen, und die Hirsch waren grün auf die Leinwand, – schad' um die Farb' ... – Wo ist er nu?!«

Termoolen war nicht zu finden. Auch sein Zimmer im Hause Deister wurde durchsucht. Weder bei ihm noch bei Brance fanden wir irgend etwas Belastendes. Inzwischen war es Mittag geworden. Als wir jetzt eine Treppe höher in Moritzens Mansardenstübchen emporkletterten, nur wir drei, denn der Polizeichef wollte telephonisch alle Wege sperren, damit Termoolen noch erwischt würde, bevor er etwa italienischen Boden erreichte, kam uns auf der Treppe ein dürrer, gebückter älterer Mann entgegen, der einen Ballen Wäsche schleppte. Durch das breite Glasfenster des Daches fiel das Sonnenlicht auf sein gebräuntes, vergnügtes Gesicht. Moritz grüßte tief.

»Erlauben Se, Herr Deister, – hier dies sind die Herren aus 'm Albana, die Berliner ... Herr Harst und Herr Schraut, – und da, das is der alte Herr Deister ...«

Nach einigen höflichen Redensarten betraten wir Moritzens ärmliches Gelaß, und Deister Senior stapfte die Treppe hinab.

Moritz hatte die Tür zugedrückt und lauschte.

»Nu – er geht, – gut ... Wie gefellt er Ihnen, he?!«

»Ausgezeichnet,« meinte Harald und trat an das schmale Fenster und beugte sich hinaus, wandte sich uns wieder zu und sagte mit einem bedrohlichen Ernst: »Freund Moritz, jetzt werden Sie endlich Farbe bekennen ... Sie sind jener Angestellte des Berliner Detektivinstituts Sollux, von dem Kommissar Lücke uns erzählte.«

Seligfeld schüttelte wehmütig lächelnd den Kopf. »Herr Harst, ich bin e bettelarmer Jidd ... Denken Se, ich bin verkleidet?! An mir is alles echt, Buckel, die Nos, – – alles ... – Ich wollt', ich wär' verkleidet ... Mit mein Ponem und mit mein'n angewachsenen Rucksack nimmt mer kan Institut ... – Setzen Se sich ...«

Von der Straße herauf erscholl ein so gellender Schrei, daß wir ans Fenster stürzten.

Unten vor dem Hotel Albana war Frau Gilda Tomahsen ohnmächtig dem patenten Oberkellner in die Arme gesunken.

Harst sagte dazu, indem er Moritz scharf musterte: »Haben Sie die Talmi-Imitation der Brosche der Frau Billinx wirklich im Rinnstein gefunden?«

Seligfeld betrachtete gesenkten Kopfes seine zerplatzten, geflickten Schuhe. »Nein, Herr Harst ... Was einer wegschmeißt und was mann dann hebt auf, das is nicht Finden. Frau Tomahsen schmiß die Talmibrosche am See weg ... Jetzt lüg' ich nich' ...«

»Das weiß ich,« nickte Harst.

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