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Salon Geisterberg

Walther Kabel: Salon Geisterberg - Kapitel 6
Quellenangabe
authorWalther Kabel
titleSalon Geisterberg
publisherVerlag moderner Lektüre G. m. b. H.
year0.J.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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5. Kapitel. Moritz springt ..

Im Geschäftszimmer saßen eine Menge Leute, zum Teil ratlos, zum Teil verzweifelt oder in gereiztester Stimmung. Frau Mabel Billinx war mit dabei, und sie war die Dame mit der Brosche.

Zwei pomadige Herren in praktischen Sportanzügen entpuppten sich als die beiden Beschützer der amerikanischen Invasion, und ein kleines Männchen von zappeliger Eilfertigkeit war der Polizeigewaltige von St. Moritz.

Außer Frau Billinxs Brosche mit den drei Prachtsteinen waren noch von den unbekannten Dieben folgende Schmucksachen in der verflossenen Nacht vertauscht worden: Eine Vorstecknadel aus Platin mit fünf Diamanten, eine zweite mit sieben Diamanten, ein Anhänger mit vierzehn Diamanten und eine Perlenkette. – Die geschädigten Damen behaupteten sämtlich, ihre Schmucksachen abends beim Schlafengehen unter die Kopfkissen gelegt zu haben. Zimmertüren und Fenster waren verschlossen und verriegelt gewesen, und nirgends hatten sich Spuren gewaltsamen Eindringens in die Schlafzimmer feststellen lassen. Mr. Billinx, Gatte der Broschen-Dame, betonte, er habe einen sehr leisen Schlaf. Der eine der Detektive wieder machte darauf aufmerksam, daß das eigenartigste Moment dieser Diebstähle wohl der Umstand sei, daß unter den Kopfkissen doch auch noch anderer Schmuck gelegen habe.

Man redete auf Harst von allen Seiten ein. Tränen flossen, – der Polizeichef schwitzte vor Erregung, – die Detektive starrten düster vor sich hin, – der elegante Ober rang die Hände wie ein Schmierenkomödiant. – – Harst stand wie ein Fels in der Brandung und sagte nur tröstend: »Warten wir ab ... Die Hauptsache bleibt: Lassen Sie niemand von hier abreisen, Herr Tossani.« Und der kleine Polizeichef schwor, weder aus St. Moritz noch den Nachbarorten käme vorläufig keine Maus ins Freie! –

Wir schritten zum See hinab. Moritz mit seinem Stühlchen und seinem Postkartengestell war verschwunden. Dafür trafen wir unten am Ufer in einem Liegestuhl im Baumschatten Frau Gilda, unsere Freundin, mit der wir schon morgens zusammen gefrühstückt hatten. Sie las einen dicken Kriminalroman mit farbigem Umschlag, und in ihren schönen Augen schimmerte ein märchenhafter Glanz.

»Oh – das Kapitel soeben war sehr aufregend,« meinte sie seufzend: »Denken Sie: Der Detektiv sollte in einem Betonschacht ertränkt werden, und ...«

»Alle Detektive, die nichts taugen, sollten ersäuft werden,« sagte Harald und setzte sich in das spärliche Gras. »Wozu kriecht Ihr Detektiv in den Betonschacht?! War das nötig, gnädige Frau?!«

»Pfui, zerstören Sie mir doch nicht die Illusion,« meinte Gilda Tomahsen und schlug mit ihrer Lorgnette auf den Roman.

»Das ganze Leben ist Illusion,« erklärte Harst und zog Moritzens Päckchen aus der Tasche, öffnete die Papierhülle und breitete das feine Batisttüchlein auf seinen Knieen aus.

Gilda beugte sich vor. »Oh – woher haben Sie das ... das Taschentuch?« rief sie verwirrt. »Es gehört mir ... Ich muß es verloren haben. Geben Sie es mir, Herr Harst. Es ist so unschön mit den roten Flecken ...«

»Blut ...« murmelte Harst und blickte an Gilda vorüber zum Murail empor, wo gerade die Bahn den Berg emporkletterte. »Blut verfärbt sich, gnädige Frau ... Es tut mir leid: Dies ist kein Blut, dies ist gewöhnliche Farbe ...« Und ohne auf ihr tödliches Erbleichen zu achten, nahm er von ihrem Schoße eine flache silberne Schachtel, öffnete sie und ...

»Das ... ist eine Unverschämtheit!« fuhr Frau Tomahsen auf ...

Harst hatte einen der Bonbons schon aus der Papierhülle gelöst und zerbrach ihn. Außen sah dieser Bonbon wie ein durchaus alltäglicher Hustenbonbon aus ... Innen aber war er hohl, und über Harsts Finger floß eine dicke rote Masse, die er mit dem Tüchlein abwischte.

»Weshalb täuschen Sie hier die Lungenkranke vor, Frau Tomahsen?« fragte er vorwurfsvoll und blickte sie lange an. »Wo haben Sie übrigens die Brosche, – das Andenken. – Sie wissen schon ... Die Imitation der Brosche der Frau, Mabel Billinx ...?«

Gilda lag mit geschlossenen Augen im Liegestuhl. Ihre Wangen waren farblos, ihre Lippen zitterten, der Roman glitt ihr vom Schoße ... Dann riß sie die Augen ganz weit auf. »Was – denken Sie von mir?« flüsterte sie und mit einem Male richtete sie sich auf, griff nach dem Handtäschchen, öffnete es und schleuderte die Brosche Harst vor die Füße.

»Bitte!! – Und jetzt verlassen Sie mich! Sie haben mich so schwer beleidigt, daß ich ...«

»Wodurch?« meinte Harst unschuldig. »Haben Sie nicht das gleiche Interesse wie wir, die Diebstähle in unserem Hotel schleunigst aufzuklären?!«

Gilda errötete jetzt. Aber ihre Blicke verrieten ein so grenzenloses Entsetzen, daß mir ihr ganzes Verhalten immer rätselvoller erschien.

»Diebstähle?« – sie brachte das Wort nur mit Mühe über die Zunge. »Mehrere Diebstähle ...?! Ich ... ich ... weiß nichts davon – nichts ...!«

»Verzeihung, dann hätte es auch keinen Zweck, noch weiter darüber zu reden, Frau Tomahsen, obwohl ich fürchte, daß Ihr Gedächtnis zur Zeit getrübt ist.« Er hob die Talmibrosche auf und ließ die Steine im Sonnenlicht funkeln. »Vorhin sah ich genau dieselbe Talmibrosche im Büro des Albana ... Frau Billinx hatte sie unter ihrem Kopfkissen gefunden anstelle der echten ... Türen und Fenster hatten den Dieb nicht durchgelassen. Ist das alles nicht sehr merkwürdig, Frau Tomahsen?!«

Sie sprang auf. »Kein Wort mehr! Ich ... ich werde ...«

»Sie werden sich böse Angelegenheiten bereiten, ganz bestimmt ... Fahren Sie häufiger mit Professor Jan Termoolen spät abends in der Gondel?«

Sie warf ihm einen Blick unverhohlenen Hasses zu, raffte ihr Buch auf und schritt davon.

»Eine eigentümliche Frau,« sagte Harst nur und steckte das Batisttuch und die Brosche in die Tasche. »Wenn wir uns beeilen, können wir noch vor Tisch Professor Oberspahns Hütte besuchen ... Du wirst etwas schwitzen, aber ich möchte nicht allein nach oben. Man kann nie wissen, ob nicht zwei Pistolen und vier Hände gebraucht werden.«

Er legte ein Tempo vor, daß ich all meinen Atem zum Klettern brauchte. Zum Fragen kam ich nicht. Dort, wo der vielfach gewundene steile Waldweg über St. Moritz-Bad plötzlich rechts abbiegt und sich in kahlen Felsschründen verliert, mußten wir auf gut Glück nach links hin unser Heil versuchen. Für geübte Bergsteiger mag ein solches Unterfangen nicht weiter gefährlich sein. Wir hatten nur Spazierstöcke mit starken Eisenzwingen bei uns und trugen halbhohe braune Schuhe, ungenagelt. Nach zehn Minuten machte Harst vor einem Abhang halt, der nur zu umgehen war. Hinter uns hatten wir die letzten dürftigen Reihen von Lärchen, vor uns den Abgrund, rechts und links himmelhohe Wände. Und an der rechten Steilwand erkannten wir gerade noch die Vorderseite des Daches der Blockhütte.

Harst beugte sich über den Rand des Abgrundes und schien nach einer gangbaren Stelle zu suchen. Ich entdeckte sie früher als er. Es zog sich da ein schmaler Grat wie eine schräge Leiste in die Tiefe, vorüber an Felsnasen, auf denen noch Schnee lag, und allem Anschein nach handelte es sich hier um einen Weg, der von Menschenhand an besonders schwierigen Stellen durch Felsbrocken, die man in Spalten und Risse festgekeilt hatte, noch verbreitert worden war. Ich wollte Harst gerade auf meine Entdeckung aufmerksam machen, als hoch über uns ein schriller Schrei ertönte, – wir blickten empor und bemerkten auf dem Steinwall der Terrasse vor der Blockhütte einen Mann, der in den Händen einen jener großen Gartenschirme hielt, wie sie in grellen Farben so oft in neuester Zeit selbst die idyllischsten Gebirgsgasthäuser verunzieren.

Dieser aufgespannte riesige Schirm dort droben war freilich einfarbig und dunkelgrün. Ich erinnerte mich, ihn in dem Flur der Blockhütte bemerkt zu haben, als wir den »Professor Oberspahn« so gründlich hineingelegt hatten.

Der Mann hoch über uns schien mit diesem Fallschirm den Sprung in die Tiefe wagen zu wollen. Irgend jemand, von dem wir nur flüchtig eine vorgereckte Hand sahen, die den tollkühnen Menschen packen wollte, führte die Entscheidung herbei: Der Mann mit dem Schirm tat einen Satz ins Leere, stieg sich kraftvoll mit dem einen Fuße ab und schoß zunächst mit bedrohlicher Geschwindigkeit abwärts.

Uns blieb das Herz vor Entsetzen stehen.

Doch der Schirm, der offenbar sehr kräftige Rohrstangen hatte, klappte zum Glück nicht nach oben um, – der Mann fiel ziemlich sanft kaum zwanzig Meter seitwärts von uns in die hohen Lärchen, – wir hörten die Zweige brechen und krachen und stürmten ohne Besinnung dorthin, wo der Springer nun vielleicht zwischen den Baumästen hing. Als wir eine schroff abfallende Wasserrinne durchklettert und uns mühsam zwischen Gestrüpp durchgedrängt hatten, sahen wir zunächst den völlig zerfetzen Schirm und dann auf dem grünen Moosboden eine vertraute bucklige Gestalt: Moritz Seligfeld!

Moritz rückte seine Brille zurecht und lächelte uns sichtlich verlegen an.

»Glück muß der Mensch haben,« sagte er mit vorbildlicher Kaltblütigkeit. »Ohne Glück is nix zu machen ... – Schad' nur um meine Hos' ...«

Allerdings, seine ohnehin schon traurigen Beinkleider zeigten die Spuren der Baumäste in so drastischer Form, daß diese Hosen nicht einmal mehr als Schwimmhosen genügt hätten. Moritz nahm schnell seinen verwitterten Filz ab und benutzte ihn als Feigenblatt.

»Entschuld'gen Se, – ich kann nix dafor,« meinte er mit flüchtigem Erröten.

Harst betrachtete dieses Häuflein Unglück mit auffälliger Sorgfalt.

»Freund Moritz, Sie werden uns nun wohl einiges erklären müssen,« sagte er merkwürdig ironisch. »Wollen Sie sich als Fallschirmkünstler ausbilden?! Ich denke, derartiger Sport ist kaum etwas für Sie, mein lieber Seligfeld oder wie Sie sonst noch heißen mögen.«

Moritz grinste beschämt: »Herr Harst, ob Sie's glauben oder nich: Bloß die Neugier hat mich gelockt da nach oben. Ich wollt' mir emol besehn die Hütte, und als ich die Tür fand offen, kam da ein Kerl aus 's eine Zimmer und da hab' ich aus Angst vor sein Pixtol genommen den großen Schirm, –- na, und das is alles ... Is war e Kerl wie 'n Riese, und er hätt' mir umbringen getan, wenn ich nicht wär gesprungen ... – ob Se's glauben oder nicht ...«

Er schielte zu Harst empor und kniff die Rattenaugen noch kleiner.

»Nein, ich glaube es nicht,« erwiderte Harst sehr bestimmt. »Sie sind gar nicht der Mann gewesen, der mit dem Schirm den Sprung wagte ... Ihre Hosen haben Sie mit dem Taschenmesser zerschnitten ... das sind keine Risse sondern Schnitte ... Außerdem: Der Springer trug einen grauen Sportanzug mit weichledernen Gamaschen. Sie lügen, Moritz ... Sie suchen hier lediglich einen ohnedies recht dunklen Tatbestand noch mehr zu verwirren. – Wer war der Springer?«

Moritz' Miene zeigte bitterste Enttäuschung. Er zuckte die Achseln, grinste wieder, um sein enttäuschtes Gesicht zu bemänteln, und meinte trotzig: »Was Sie da reden, das sein allens nur Finten, Herr Harst ... Ich war's, und dabei bleib' ich, da is nix zu ändern ...«

Ein Felsstück von gut anderthalb Zentner kam durch die Aeste gesaust, schlug dicht neben uns auf einen verfaulten Baumstumpf auf und bespritzte uns drei von oben bis unten mit Baummoder.

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