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Salon Geisterberg

Walther Kabel: Salon Geisterberg - Kapitel 2
Quellenangabe
authorWalther Kabel
titleSalon Geisterberg
publisherVerlag moderner Lektüre G. m. b. H.
year0.J.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Salon Geisterberg

1. Kapitel. Die Gletschermadonna

Das Schwalbennest von Balkon vor unserem Zimmer Nr. 49 im Hotel Albana bot immerhin zwischen zwei Hauswänden hindurch einen schmalen Durchblick auf den smaragdgrünen See von St. Moritz auf den Piz Rosatsch mit seinen grün bewaldeten, von Schneefeldern durchzogenen Abhängen und auf den in fleckenloser weißer Reinheit strahlenden Gipfel. Die Morgensonne hatte das St. Moritz-Tal bereits mit fast tropischer Hitze erfüllt. Mein seidener Schlafanzug war dieser Temperatur durchaus angemessen. Ich hatte das Fernglas eingestellt und erkannte ganz deutlich droben die Blockhütte an der Steilwand, in der sich der letzte Akt des goldenen Waschtisches, überreich an Ueberraschungen, abgespielt hatte. Kriminalkommissar Alarich Gepp war gestern abgereist, die Verbrecher waren nach Chur unterwegs, und die beiden Arndts und Blauveilchen genossen fraglos schon italienische Luft.

»Ich würde dich bitten, deine Toilette zu beenden,« rief Harst mir aus dem Zimmer zu. »Ich habe Hunger.«

»Ich auch ... Aber zwei zugleich können sich vor dem Spiegel unmöglich rasieren.«

Als ich mich dann einseifte, sagte Harst unvermittelt: »Wie gefällt dir Frau Gilda Tomahsen? Würdest du als Ehemann eine Frau von so berückendem Charme allein reisen lassen?!«

Frau Gilda aus Kopenhagen hatten wir gestern abend im überfüllten Speisesaal des Albana kennen gelernt: Tischgemeinschaft, erzwungen durch die Amerikanerinvasion, auf die St. Moritz im Juni nicht eingestellt war. Die Riesenhotels waren noch geschlossen. Die Sommersaison beginnt erst im Juli.

»Du redest wie ein Dichter, Harald ...« Ich schrabte meine linke Backe ab. »Berückender Charme ist Schmalz ... Eine ganz nette Frau, ohne Frage. Nur für meinen Geschmack zu melancholisch. Es fehlt das Feuer ...«

»Oder es ist zu viel Feuer da, mein Alter, nur von anderer Art ... – Wiedersehen ... Beeile dich.«

Als ich im Lift zum Erdgeschoß hinabrutschte, hatte ich Begleitung: Drei von den Yankees. – Die Invasion war eine Reisegesellschaft, die mit einer Luxusjacht von Neuyork herübergekommen war, alles Millionäre, hatte der kleine patente Oberkellner uns erklärt.

Im Speisesaal, dessen Fenster den See und die drei weißen Berghäupter zu bewundern gestatten, reichte mir Gilda Tomahsen die schmale Hand. »Guten Morgen, Herr Schraut.« Ihr Deutsch klang etwas fremd. Sie selbst war entzückend. Frauen zur Morgenstunde sind, wenn jung, Delikatesse.

Lautlos bedienten die flinken Mädels mit den weißen Häubchen, lautlos dirigierte der Herr Ober im tadellosen Smoking das Ganze, weniger lautlos benahm sich die Invasion. All der Brillantschmuck, der hier zur Schau gestellt wurde, mußte einige Millionen wert sein.

»Karawanen folgen die Aasgeier,« meinte Harst und füllte seine Tasse.

Gilda schaute ihn seltsam starr an. Sie hatte dunkle Augen mit langen Wimpern, die wie ein Schleier waren.

»Sie denken an Hoteldiebe?« fragte sie etwas unsicher.

»Ja ... Es sollte mich wundern, wenn nicht einige Vertreter dieser Langfingerzunft bereits zur Stelle wären.«

Gilda nickte zerstreut. »Man sagt, die Amerikaner hätten zwei Detektive mitgebracht.«

»Wer sagt das?«

»Der Ober ...«

»Also ein Eingeweihter.« Harst blickte träumerisch durch das Fenster zum Piz Rosatsch empor. »Das wäre etwas für Alderspohn gewesen, gnädige Frau.«

Sie schloß die Augen, und die zart gepuderten Wangen überflog flüchtige Röte. »Wer ist das?!«

»Ein Zuchthauskandidat ... Ein Verbrecher ganz großen Formats. Er hatte hier Pech ... Er ist auf dem Wege nach Chur, und dann wird er nach Berlin ausgeliefert werden.«

»Pech – durch Sie, Herr Harst?« Gilda öffnete die herrlichen Augen ganz weit.

»Nein, mehr durch einen Herrn Alarich Gepp, einen Berliner Detektiv. Sein Amtstitel lautet Kriminalkommissar.«

»Oh – das klingt bedrohlich. Detektiv ist romantischer,« lächelte sie müde. »Sie sind doch auch Detektiv, sagte der Ober.«

»Der Mann sollte den Meldezettel genauer einsehen: Doktor juris Harald Harst, Gerichtsassessor a. D., Berlin, – von Detektiv steht da nichts. Schraut und ich werden hier angeln, kraxeln, uns erholen. Ich finde, dieses Alpenparadies wird schon allein durch das Wort Detektiv entweiht.«

Gilda Tomahsen nahm ihre Lorgnette und betrachtete die Oelgemälde an den Wänden. »Mittelware ...« kritisierte sie kühl. »Mein Mann ist Maler ...«

Sie sprach sehr selten über ihren Gatten.

»... Leider nur Maler, nicht Künstler. Er ist den modernen Richtungen abgeneigt und heutzutage verlangt Kritik und Publikum eine eigene Note. Holger könnte viel Geld verdienen, wenn er ... – aber das interessiert sie kaum ...« Sie hüstelte, drückte ihr Spitzentüchlein an die Lippen, und ein schmerzliches Zucken lief über ihr Gesicht.

Das Gespräch glitt abermals in andere Bahnen. Wir wollten vormittags nach Sils Maria hinüber und den Fex-Gletscher ersteigen. – »Da kann ich nicht mithalten,« meinte Gilda traurig. »Meine Lunge ist nicht ganz in Ordnung. Ich werde im Liegestuhl unten am See faulenzen.« Sie lächelte schwach. »Und ich werde einen Kriminalroman lesen ... Der Arzt gibt mir noch zwei Jahre ... Menschen, deren Daseinsfaden bereits halb zerschnitten ist, flüchten in das Reich der Sensationen.«

Harst nickte ihr aufmunternd zu. »Ihr Arzt in Kopenhagen hat sich arg geirrt, verehrteste gnädige Frau. Ich gebe Ihnen das biblische Alter, es sei denn, daß ...«

Sie wehrte fast schroff ab. »Trösten ist eine Untugend – verzeihen Sie ... Man hört stets dieselben Redensarten. Ich fürchte den Tod nicht. Ich möchte nur eins noch vom Leben als Geschenk erbitten: Wirkliches Erleben! Ich habe einen Heißhunger nach allem, was die dunklen, düsteren und romantisch-unwirklichen Seiten des Daseins streift. Herr Harst, sollten Sie hier zufällig ein Abenteuer aufspüren, bitte, lassen Sie mich daran teilhaben!« Sie gab ihm die Hand, hielt die seine fest ... »Sie versprechen es mir?«

»Gern, gnädige Frau, nur dürfte das Abenteuer ausbleiben.« –

Da unsere Koffer noch in Bayern am Chiemsee lagerten, hatten wir noch eine Unmenge einzukaufen. Vor der Post in St. Moritz-Dorf stand im grellen Sonnenschein neben seinem Ständer mit Postkarten, ein buckliger Händler, der durch seine Nickelbrille trostlos geradeaus starrte, wo ein paar Arbeiter die Zementstufen des Postamts ausbesserten. Dieser Mann mit der roten Hakennase, dem blassen Gesicht und dem unglaublich schäbigen Anzug konnte trotz seines schwarzen Hängeschnurrbarts und trotz der schwarzen gelockten Tolle, auf der ein verflecktes Hütchen mit melancholischer weicher Krempe balancierte, kaum ein Schweizer oder Italiener sein. Sein Stoppelbart auf Wangen und Kinn machte dieses verhungerte, schweißige Gesicht noch hagerer. Aus Mitleid trat ich näher, und hinter den Brillengläsern glotzten mich nun ein Paar trübe glanzlose Fischaugen verdiensthungrig an.

»Kaafen Se 'm armen Jidd wos af ...« sprudelten die dicken Lippen ... »Signore, sechs Korten for vierzig Centimes ... Kaafen Se, Signore ...«

Der arme Teufel, den das Schicksal ausgerechnet hier in dieses Tal des Luxus und des selbstverständlichen Nepps verschlagen hatte, tippte mit den schmierigen Fingern, deren Nägel von Feile und Politur nichts ahnten, auf eine Reihe Karten ... »Nor vierzig Centimes, Signore ... Disse hier sein Phottograflichen, Signore, – Stück fufzehn Centimes.«

Harst, wie ich, mit zwei Paketen beladen, fragte den Galizier verwundert: »Welche ungnädige Woge hat Sie denn hierher gespült?!«

Der Schwarze feixte und hob die Schultern.

»Man muß leben, Herr ... Man verdient ... E' Berliner?« Seine Blicke leuchteten auf. »Natierlich, e Berliner, Herr ... Scheene Stadt ... Ich hob' gehabt e Stand am Nollendorfplatz mit Zeitungen, Herr ... St. Moritz is besser ... Man verdient ...«

»Wie heißen Sie?« – Harst suchte zehn Postkarten aus.

»Herr, Se werde lache ... Ich heiß Moritz Seligfeld, – e scheiner Name ... Paßt hierher, Moritz in St. Moritz.«

Wir lachten in der Tat und Moritz verdiente zwei Franc fünfzig Centimes, betrachtete gerührt die blanken Münzen, krächzte wie ein Rabe und ... bespuckte sie diskret.

»E guter Anfang for heite,« meinte er dankbar.

Harst musterte ihn nochmals, und dann verschwanden wir im Albana, zogen uns um und fuhren nachher in einem Mietwagen nach Sils Maria. Oben im Val Fex hinter dem Hotel Curtins lehnte an einem Felsblock ein dunkelbärtiger strammer Bergführer, die Pfeife im Munde, neben sich Eispickel, Seil und Rucksack. Wir wurden mit ihm rasch einig und eine halbe Stunde darauf staksten wir bereits durch Steingeröll und über blinkende Eisflächen mit den neuen genagelten Schuhen. Der Führer sprach leidlich deutsch, war jedoch ein sehr schweigsamer Mann, und erst als wir in einer Höhe mit dem Piz Corvatsch waren und die berühmte Gletscherspalte vor uns hatten, seilte er uns an.

Es war bitter kalt hier in 3500 Meter Höhe. Der Winterschnee lag noch unberührt in hohen Wehen und Brücken über dem Eisschlund, in dessen Tiefen der Gletscherbach unheimlich gurgelte und schäumte.

Der Einstieg in die Spalte erforderte größte Vorsicht. Als wir dann aber auf dem Eisbalkon über dem Eisbache standen, als das wundervolle bläuliche Licht, eine zarte Dämmerung, uns einhüllte, bemerkten wir zu unserem Erstaunen rechts von uns auf einer zweiten Eisnase eine Frauengestalt, die dort zusammengeduckt saß und die Hände vor das Gesicht gedrückt hatte und ... weinte. Daß sie weinte, sahen wir nur an den Bewegungen ihres Kopfes.

Der Führer brüllte uns zu: »Sie wollte keinen Führer. All diese Engländer sind geizig ...«

Er brüllte, und doch mußte ich ihm die Worte von den bärtigen Lippen ablesen. Das Tosen des Gletscherbaches übertönte jeden Laut. – Die Frau ahnte unsere Nähe nicht. Sie trug ein dunkles Lodenkostüm. Zu ihren Füßen lagen Bergstock, Pickel und ihr flacher grüner Hut, und auf diesem Hut lag noch etwas Weißes, – es konnte ein Brief sein.

Die Fremde, völlig versunken in ihren Schmerz, fuhr mit einem leisen Schrei empor, als Harst, der auf schmalem Eisgrat zu ihr hinübergeturnt war, ihre Schulter berührte. Sie stieß gegen ihr Hütchen, – Harst griff zu spät zu, es flog hinab in das schäumende Wasser und verschwand.

Was Harst mit ihr verhandelte, war lediglich aus den erregten Gesten und dem Mienenspiel der blonden Engländerin zu entnehmen. Offenbar war sie entrüstet, daß man sie hier störte, – offenbar wirkten jedoch Harsts eindringliche Worte, denn sie kam nun zu uns herüber, und da erst konnte ich ihr Gesicht deutlicher erkennen: Nicht mehr ganz jung, weder hübsch noch häßlich, aber wunderschönes aschblondes Haar, das hinten zu losem Knoten geschlungen und glatt gescheitelt, dem schmalen Antlitz etwas madonnenhaftes verlieh. –

Lady Gwendolyn Hooy dinierte mit uns im Hotel Kurtins, und die Unterhaltung drehte sich um so belanglose Dinge, daß ich mir sehr bald klar darüber war, wie oft Worte nur dazu dienen, Gedanken zu verschleiern.

Um sechs Uhr waren wir wieder in St. Moritz-Dorf. Gwendolyn Hooy wohnte ebenfalls im Albana und hatte zwei Zimmer nach der Seeseite hinaus.

Als Harst seine Bergstiefel aufschnürte, sagte er so nebenbei: »Nun gib mir mal den Brief aus der Außentasche meiner Joppe. Myladys Hut schwimmt talwärts. Der Brief wurde von mir geschnappt.«

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