Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gustave Flaubert: Salambo - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
titleSalambo
authorGustave Flaubert
translatorArthur Schurig
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
senderhille@abc.de
created20040117
correctorreuters@abc.de
corrected20120901
firstpub1904
Schließen

Navigation:

Die Schlacht am Makar

Schon am folgenden Tage entnahm Hamilkar den Syssitien anderthalb Millionen Mark in Gold und legte jedem Mitgliede der dreihundert Patriziergeschlechter eine Kopfsteuer von zehn Talern auf. Selbst die Frauen und Kinder wurden besteuert. Ja, die Priesterschaften – etwas Unerhörtes nach karthagischer Sitte – zwang er, Geld herzugeben.

Er beschlagnahmte alle Pferde, alle Maultiere, alle Waffen. Manche wollten ihren Reichtum verheimlichen: ihre Güter wurden einfach verkauft. Um den Geiz der andern einzuschüchtern, lieferte er selber sechzig Rüstungen und siebenhundertundfünfzig Metzen Mehl. Das war allein soviel, wie die Elfenbeingesellschaft zu geben hatte.

Er sandte Bevollmächtigte nach Ligurien, um Söldner anzuwerben: dreitausend Bergbewohner, die mit Bären zu kämpfen gewohnt waren. Man zahlte ihnen im voraus auf sechs Monate den Sold.

Man brauchte unbedingt ein Heer. Gleichwohl nahm er nicht, wie Hanno, jeden Bürger an. Zunächst wies er alle Leute mit sitzender Lebensweise zurück, ferner solche, die einen dicken Bauch oder ein ängstliches Aussehen hatten. Dagegen nahm er Ehrlose, Vagabunden aus Malka, Barbarenabkömmlinge und Freigelassene. Den Neukarthagern versprach er als Belohnung das volle Bürgerrecht.

Seine erste Sorge war die Erneuerung der Garde. Diese Truppe von schönen jungen Männern, die sich für die kriegerische Blüte der Republik hielt, wählte sich ihre Führer selbst. Er verabschiedete ihre bisherigen Offiziere und faßte die Mannschaft hart an, ließ sie laufen, springen, in einem Atem den Abhang des Burgbergs erklettern, Speere werfen, ringen und nachts auf den öffentlichen Plätzen biwakieren. Ihre Angehörigen kamen sie besuchen und beklagten sie.

Er rüstete die Garde mit kürzeren Schwertern und stärkerem Schuhwerk aus, beschränkte die Zahl der Burschen und das Gepäck. Im Molochtempel bewahrte man dreihundert römische Lanzen. Er nahm sie trotz des Einspruchs des Oberpriesters.

Aus den Elefanten, die bei Utika entkommen waren, und andern aus Privatbesitz bildete er ein Regiment von zweiundsiebzig Tieren, die er bis an die Zähne bewaffnete. Ihre Führer rüstete er mit Hämmern und Meißeln aus, damit sie nötigenfalls im Handgemenge wütend gewordenen Tieren die Schädel spalten konnten.

Er gestattete dem Großen Rat nicht, die Unterführer zu ernennen. Die Alten versuchten, ihm die Gesetze entgegenzuhalten, aber er ging nicht darauf ein. Da wagte man nicht mehr zu murren. Alles beugte sich der Gewalt seines Geistes.

Er übernahm ganz selbständig Krieg, Verwaltung und Finanzen. Um Beschwerden vorzubeugen, forderte er den Suffeten Hanno zum Nachprüfen der Rechnungen auf.

Er ließ an den Wällen arbeiten und, um Steine zu bekommen, die längst zwecklos gewordenen alten Binnenmauern niederreißen. Der Unterschied im Vermögen, der an Stelle der Rassenvorherrschaft getreten war, hielt die Söhne der Eroberer und der Besiegten auch weiterhin getrennt. Deshalb sahen die Patrizier die Zerstörung der alten, schon halbzerfallenen Mauern mit scheelen Augen an, während sich das Volk darüber freute, ohne recht zu wissen warum.

Die Truppen zogen vom Morgen bis zum Abend in voller Bewaffnung durch die Straßen. Aller Augenblicke vernahm man Trompetensignale. Wagen mit Schilden, Zelten und Lanzen fuhren vorüber. Die Höfe waren voller Weiber, die Leinwand zupften. Der Eifer der einen teilte sich den andern mit. Hamilkars Geist beseelte die Republik. Er hatte seine Soldaten in gradzahlige Glieder abgeteilt und Sorge getragen, daß in den Langreihen abwechselnd immer ein Starker neben einem Schwachen stand, so daß der Minderkräftige oder Feigere stets von zwei Tüchtigen geführt und mit vorwärts gebracht wurde. Mit seinen dreitausend Ligurern und der Elite der Karthager konnte er freilich nur eine einfache Phalanx von viertausendsechsundneunzig Gepanzerten bilden, die eherne Helme trugen und mit einundzwanzig Fuß langen Lanzen aus Eschenholz, sogenannten Sarissen, bewaffnet waren.

Zweitausend junge Leute waren mit Schleudern, Dolchen und Sandalen ausgerüstet. Er verstärkte sie durch achthundert andre, die Rundschilde und Römerschwerter bekamen.

Die schwere Reiterei bestand aus neunzehnhundert Mann, dem Reste der Garde. Sie waren wie die assyrischen Klinabaren mit vergoldeten Erzschienen gepanzert. Ferner hatte er über vierhundert berittene Bogenschützen, die man Tarentiner nannte, mit Mützen aus Wieselfell, Doppeläxten und Lederwamsen. Endlich sollten zwölfhundert Neger aus dem Karawanenviertel, unter die Klinabaren verteilt, neben den Pferden herlaufen, indem sie sich mit der Hand an den Mähnen festhielten. Alles war marschbereit, und dennoch rückte Hamilkar nicht aus.

Oft verließ er Karthago nachts ganz allein und wagte sich über die Lagune hinaus bis zur Mündung des Makar. Suchte er mit den Söldnern Fühlung? Die Ligurer, die in der Straße der Mappalier lagen, schützten sein Haus.

Die Befürchtungen der Patrizier schienen gerechtfertigt, als man eines Tages dreihundert Barbaren den Mauern näher kommen sah. Der Suffet öffnete ihnen die Tore. Es waren Überläufer. Sie kehrten zu ihrem General zurück, von Furcht oder Treue getrieben.

Hamilkars Rückkehr hatte die Söldner keineswegs überrascht. Dieser Mann konnte in ihrer Vorstellung überhaupt nicht sterben. Er kehrte endlich zurück, um sein Versprechen zu erfüllen. Das war eine Hoffnung, die nichts Widersinniges hatte. So tief war die Kluft zwischen Volk und Heer. Überdies war man sich keiner Schuld bewußt. Das Gelage hatte man vergessen.

Aufgegriffene Spione belehrten die Barbaren eines andern. Das war ein Triumph für die Unzufriednen, und sogar die Lauen wurden wütend. Dazu kam, daß die beiden Belagerungen höchst langweilig wurden. Man brachte es nicht vorwärts. Eine Schlacht war vonnöten. Viele hatten sich vom Heere getrennt und durchstreiften das Land. Bei der Kunde von den Rüstungen der Karthager kehrten sie zurück. Matho tanzte vor Freude. »Endlich! endlich!« rief er aus.

Der Groll, den er gegen Salambo hegte, wandte sich nun gegen Hamilkar. Jetzt sah sein Haß ein bestimmtes Opfer vor sich. Und da seine Rachgier vielleicht doch Befriedigung finden konnte, so wähnte er die Beute schon in seinen Händen und weidete sich bereits an ihr. Gleichzeitig ward er von immer größerer Sehnsucht ergriffen, von immer heftigerer Begierde verzehrt. Bald sah er sich inmitten seiner Soldaten, wie er den Kopf des Suffeten auf einer Pike durch die Luft schwenkte, bald im Schlafgemache auf dem Purpurbette, wo er die Jungfrau an sich drückte, ihr Gesicht mit Küssen bedeckte und mit den Händen über ihr langes schwarzes Haar strich. Er wußte, daß dieser Traum nie Wirklichkeit werden konnte. Das peinigte ihn. Seine Kameraden hatten ihn zum Schalischim ernannt, und so schwor er sich, den Krieg auf das beste zu leiten. Die Überzeugung, daß er daraus nicht zurückkehren würde, reizte ihn dazu, ihn erbarmungslos führen zu wollen.

Er kam zu Spendius und sprach zu ihm:

»Nimm deine Leute zusammen! Ich werde die meinen herbeiführen! Benachrichtige Antarit! Wir sind verloren, wenn Hamilkar uns angreift! Verstehst du mich? Steh auf!«

Spendius war über dieses gebieterische Gebaren verblüfft. Matho ließ sich gewöhnlich leicht leiten, und wenn er zuweilen auch heftig erregt gewesen war, so war dieser Zustand stets schnell wieder vergangen. Jetzt erschien er ruhig, aber doch unheimlich. Aus seinen Augen loderte ein Stolzer Wille, gleich der Flamme eines Opferfeuers.

Der Grieche hörte nicht auf seine Vorstellungen. Er wohnte jetzt in einem perlenbesetzten Punierzelte, trank kühle Getränke aus Silberbechern, spielte Kottabos, ließ sein Haar wachsen und leitete die Belagerung mit Muße. Übrigens hatte er geheime Verbindungen in der Stadt angeknüpft. Er dachte gar nicht daran, abzurücken, überzeugt, daß man ihm in wenigen Tagen die Tore öffnete.

Naravas, der zwischen den drei Heeren Streifzüge machte, befand sich gerade bei ihm. Er unterstützte seine Meinung, ja, er tadelte den Libyer, daß er den Feldzugsplan aus Tollkühnheit aufgeben wolle.

»Geh nur wieder, wenn du Furcht hast!« schrie ihn Matho an. »Du hast uns Pech, Schwefel, Elefanten, Fußvolk und Pferde versprochen! Wo sind sie?«

Naravas erinnerte ihn daran, daß er Hannos letzte Kompagnien vernichtet hatte. Was die Elefanten anbelange, so jage man zurzeit in den Wäldern danach. Das Fußvolk würde mobil gemacht. Die Pferde seien unterwegs.

Dabei rollte der Numidier seine Augen wie ein Weib, streichelte die Straußenfedern, die ihm auf die Schultern herabwallten, und lächelte in verletzender Weise. Matho wußte ihm nichts zu antworten.

Da trat ein unbekannter Mann in das Zelt, schweißbedeckt, mit verstörter Miene, blutenden Füßen und offenem Gürtel, ganz außer Atem. Seine mageren Flanken schlugen. In unverständlicher Mundart berichtete er etwas. Dabei riß er die Augen weit auf, als ob er von einer Schlacht erzähle. Der Numidierfürst stürzte hinaus und rief seine Reiter.

Sie ordneten sich in der Ebene in einem Kreis um ihn herum. Naravas bestieg sein Pferd. Gesenkten Hauptes starrte er vor sich hin und biß sich auf die Lippen. Endlich teilte er seine Mannschaft in zwei Hälften und gebot der einen, zu bleiben. Der andern gab er mit herrischer Gebärde das Zeichen zum Galopp, und bald war er in der Richtung nach den Bergen am Horizont verschwunden.

»Herr,« murmelte Spendius, »ich liebe solch unerwartete Zufälle nicht! Hamilkar kehrt zurück, Naravas verläßt uns....«

»Was tut das?« versetzte Matho verächtlich.

Es war ein Grund mehr, Hamilkar durch eine Vereinigung mit Autarit zuvorzukommen! Doch wenn man die Belagerungen jetzt aufhob, kamen die Einwohner wahrscheinlich aus ihren Städten heraus und fielen ihnen in den Rücken, während man die Karthager vor der Front hatte. Nach vielem Hin- und Herreden wurden folgende Maßregeln beschlossen und unverzüglich ausgeführt.

Spendius rückte mit fünfzehntausend Mann bis zur Makarbrücke, zwölf Kilometer vor Utika. Die Brücke war durch ein Kastell gedeckt. Es wurde durch Schanzen verstärkt und mit vier großen Geschützen besetzt. Alle Wege und Pässe in den Bergen dicht südlich des Makar wurden durch Baumstämme, Felsblöcke, Heckenhindernisse und Steinwälle gesperrt. Aus den Berggipfeln wurde Heu gehäuft, um Signalfeuer anzünden zu können, und in großen Abständen stellte man Hirten, die besonders gute Augen hatten, als Beobachtungsposten auf.

Ohne Zweifel war Hamilkars Vormarsch nicht wie der Hannos über den Berg der Heißen Wasser zu erwarten. Er mußte sich sagen, daß ihm Autarit als Beherrscher des Binnenlandes den Weg verlegen würde. Auch mußte ihn eine Niederlage zu Beginn des Feldzuges vernichten, während eine Scharte bald wieder auszuwetzen war, wenn die Söldner erst weiter entfernt standen. Er konnte allerdings auch am Vorgebirge der Trauben landen und von da gegen eine der beiden Städte vorrücken. Dann aber kam er zwischen die beiden Belagerungsheere. Allerdings war er dieser Unvorsichtigkeit bei seinen geringen Streitkräften kaum fähig. Folglich mußte er dicht südlich der arianischen Berge hinmarschieren, dann nach links schwenken, um nicht in das Morastgebiet des Makar [Makar ist der punische Name für den Bagradas (heute: Medscherda). Er mündete damals 18 Kilometer südlicher denn jetzt, so daß seine Mündungsstelle nur 12 Kilometer von Karthago entfernt war. Der Golf drang ehedem zwischen Kap Sidi Ali el Mekki und Kap Kamart in drei großen Ausbuchtungen tief (bis zu mehr denn 10 Kilometer) in das Land ein, so daß Utika (heute: Bu Schater) am Meere lag.] zu geraten, und gerade auf die Brücke losgehen. Dort wollte ihn Matho erwarten.

Nachts bei Fackelschein überwachte er die Erdarbeiten. Er eilte nach Hippo-Diarrhyt, besichtigte die Arbeiten im Gebirge, kam zurück und ruhte keinen Augenblick. Spendius beneidete ihn um seine Kraft. Alles, was die Aussendung von Aufklärern und Spionen, die Wahl der Vorpostenstellungen, den Bau von Maschinen und sonstige Verteidigungsmaßregeln betraf, überließ Matho willig seinem Gefährten. Von Salambo sprachen beide nicht mehr. Der eine dachte nicht an sie, und den andern machte eine Art Scham schweigsam.

Oft unternahm Matho Wanderungen in der Richtung nach Karthago, in der Hoffnung, Hamilkars Annäherung zu erspähen. Mit starrem Blicke schaute er nach dem Horizont, oder er legte sich flach auf den Boden und wähnte, in den Schlägen seines Pulses den Anmarsch eines Heeres zu vernehmen.

Er erklärte Spendius, wenn Hamilkar nicht binnen dreier Tage erscheine, würde er ihm mit seiner ganzen Mannschaft entgegenrücken und ihm die Schlacht anbieten. Zwei Tage verstrichen darüber hinaus. Spendius hielt ihn zurück. Am Morgen des sechsten aber brach Matho auf.

––––––––

Die Karthager waren nicht weniger auf eine Schlacht erpicht als die Barbaren. In den Zelten und in den Häusern herrschte der gleiche Wunsch, die gleiche Besorgnis. Jedermann fragte sich, was Hamilkar zum Zauderer mache.

Der Suffet stieg von Zeit zu Zeit auf die Kuppel des Eschmuntempels zu dem Mondbeobachter und schaute nach dem Winde.

Eines Tages – es war der dritte im Monat Tibby – sah man ihn hastigen Schritts von der Burg herabkommen. In der Straße der Mappalier entstand lauter Lärm. Bald ward es auf allen Straßen lebendig, und überall begannen sich die Soldaten zu wappnen, umringt von schluchzenden Weibern, die sich ihnen an die Brust warfen. Dann eilten sie rasch nach dem Khamonplatz, um sich in Reih und Glied zu stellen. Niemand durfte ihnen folgen, noch gar mit ihnen reden, noch sich den Befestigungswerken nähern. Eine Weile war die ganze Stadt still wie ein Grab. Die Soldaten standen nachdenklich an ihre Lanzen gelehnt. Die Menschen in den Häusern seufzten. Bei Sonnenuntergang rückte das Heer durch das Westtor ab. Anstatt aber den Weg nach Tunis einzuschlagen oder in Richtung auf Utika gegen die Berge zu marschieren, zog man am Meeresufer hin. Bald erreichte man die Lagune, um die herum runde, über und über mit weißem Salz bedeckte Stellen wie riesige Silberschüsseln schimmerten, die man am Strande liegen gelassen hatte.

Bald mehrten sich die Wasserlachen. Der Boden wurde immer sumpfiger. Hamilkar wandte sich nicht um. Er ritt stets bei der Vorhut, und sein Pferd, das gelb gescheckt war wie ein Drache und Schaum um sich warf, trat geräumigen Schritts immer tiefer in den Morast. Die Nacht sank herab, eine mondlose Nacht. Stimmen jammerten, man renne ins Verberben. Der Suffet entriß den Schreiern die Waffen und gab sie den Troßknechten. Der Schlamm wurde immer grundloser. Man mußte die Lasttiere besteigen. Manche klammerten sich an die Schweife der Pferde. Die Starken zogen die Schwachen, und die ligurischen Schwadronen stießen das Fußvolk mit den Lanzenspitzen vorwärts. Die Dunkelheit nahm zu. Man hatte den Weg verloren. Alles machte Halt. [Polybios gibt zwar im ersten Buche seiner »Geschichte« einen verhältnismäßig langen Bericht über die Schlacht am Bagradas, indessen genügt er nicht, den taktischen Verlauf der Schlacht klar zu rekonstruieren. Hans Delbrück, unsre Autorität in der Kenntnis der antiken Schlachten, übergeht daher in seiner »Geschichte der Kriegskunst« (II. Teil: Das Altertum, 2. Aufl., Berlin 1908) den ersten punischen Krieg gänzlich. Flauberts anschauliche Schilderung gibt gerade im Charakteristikum eine unmögliche Schlacht. Hamilkar marschierte mit seinen 10000 Mann nach dem genialen Übergang über den Fluß stromauf auf dem linken Bagradasufer. Während sich seine Vorhut gegen die Söldner am verschanzten Brückenkopf entwickelte, verblieb er mit seinen Kerntruppen in Marschkolonnen. Denn ehe ihm die feindlichen Kräfte vor Utika ihr Vorhaben nicht durch ihre taktischen Maßnahmen verraten hatten, konnte er an eine vollständige Entwicklung seiner numerisch geringeren Truppen gar nicht denken. Nach Polybios lag es in der Absicht der beiden Söldner-Detachements, die Karthager »in die Mitte« zu bekommen. Nur in der Übereilung kam es zu der taktisch falschen Vereinigung beider Abteilungen. Die Scheinentwicklung der punischen Vorhut hatte somit ihren Zweck überraschend bald erreicht. Während sie ein sogenanntes hinhaltendes Gefecht führte und die gesamten gegnerischen Kräfte zur Entwicklung verlockte, verlor sich die Gefahr, in der Hamilkar zunächst geschwebt hatte: ein gegen seine rechte Flanke gerichteter Angriff des von Utika herankommenden Detachements. Nunmehr durfte Hamilkar alle seine Kräfte einsetzen. Er ließ höchst wahrscheinlich nach rechts aufmarschieren und bildete seine Phalanx rechts rückwärts der im Gefecht befindlichen Vorhut, vielleicht im stumpfen Winkel zur Frontlinie des Gefechts vor ihm. Als die Phalanx dann vorrückte, gingen die Vortruppen langsam zurück, bis sie in die gleiche Höhe mit ihr kamen. Sodann konnten sie sich wieder ordnen und von neuem an der Schlacht teilnehmen. Die Idee Flauberts, daß die längst aufgelösten, bereits im Gefecht gewesenen und dann zurückbefohlenen Vortruppen (Schützen, Reiterei, Elefanten) durch die Intervalle der hinter ihnen aufmarschierten und vorrückenden Phalanx durchgelassen worden seien, ist eine taktische Unmöglichkeit. Dergleichen wagt kein Feldherr, und es gelänge auch keinem. Es ist undenkbar, einmal entwickelte und fechtende Truppenteile wieder aus dem Gefecht loszulösen und sie gar noch auf so gekünstelte Art und Weise in genau vorgeschriebenen Richtungen zurückzudirigieren. Selbst wenn eine derartige Rückwärtsbewegung exerzierplatzmäßig halbwegs zu stande käme, würde sie doch die zum Hauptangriff vorgehenden Hauptmassen verwirren und ihnen jeden Elan nehmen.]

Nun eilten die Ordonnanzen des Suffeten vor, um die Merkzeichen zu suchen, die vorher auf seinen Befehl in bestimmten Abständen eingerammt worden waren. Sie riefen durch die Dunkelheit, und das Heer folgte ihnen von weitem.

Endlich fühlte man wieder festen Boden unter den Füßen. Bald ließ sich eine krumme, weißliche Linie deutlich erkennen. Man befand sich am Ufer des Makar. Trotz der Kälte wurden keine Feuer angezündet.

Um Mitternacht erhoben sich Windstöße. Hamilkar alarmierte die Soldaten, doch ohne Trompetensignale: die Unteroffiziere klopften ihnen leise auf die Schultern.

Ein besonders großer Mann stieg ins Wasser. Es reichte ihm nicht bis zum Gürtel. Man konnte also hindurchwaten.

Der Suffet befahl, zweiunddreißig Elefanten hundert Schritte oberhalb im Flusse aufzustellen, während die übrigen ein Stück unterhalb etwa vom Strome fortgerissene Leute aufhalten sollten. Derart durchschritt das ganze Heer, die Waffen über den Kopf hochhaltend, den Fluß wie zwischen zwei Mauern. Hamilkar hatte nämlich beobachtet, daß der Westwind den Sand vor sich hertrieb und den Fluß hemmte, so daß in seiner ganzen Breite eine natürliche Straße entstand, eine Barre.

Nunmehr befand man sich am linken Ufer südöstlich von Utika, in einer weiten Ebene, – ein Vorteil für die Elefanten, die Hauptkraft des punischen Heeres.

Der geniale Übergang begeisterte die Soldaten. Das vollste Vertrauen kehrte zurück. Sie wollten sich unverzüglich auf die Barbaren werfen. Der Suffet ließ sie aber erst zwei Stunden rasten. Sobald die Sonne aufging, rückte man in der Ebene in drei Treffen vor: die Elefanten voran, dann das leichte Fußvolk mit der Reiterei und schließlich die Phalanx.

Die Utika belagernden Barbaren und die fünfzehntausend an der Brücke nahmen voll Erstaunen wahr, daß sich der Boden in der Ferne bewegte. Der Wind blies sehr stark und trieb Sandwirbel vor sich her. Sie erhoben sich, wie vom Boden losgerissen, stiegen in breiten gelben Streifen empor, zerflatterten dann und wuchsen immer wieder von neuem, so daß sie das punische Heer verbargen. Da die Karthager hochragende Hörner an den Helmen trugen, glaubten manche von den Söldnern, eine Rinderherde zu sehen. Andre, durch das Wehen der Mäntel getäuscht, behaupteten, Flügel zu erkennen, und Wüstenkenner zuckten die Achseln und erklärten das Ganze für eine Luftspiegelung. Inzwischen aber rückte etwas Ungeheures immerfort näher. Kleine Wölkchen, dünn wie dampfender Atem, liefen über den Wüstenboden hin. Die höhersteigende Sonne leuchtete stärker. Ein grelles zitterndes Licht rückte das Himmelsgewölbe scheinbar mehr in die Höhe, durchleuchtete die Gegenstände und machte eine Schätzung der Entfernungen unmöglich. Die weite Ebene dehnte sich unabsehbar nach allen Seiten, und die kaum merklichen Bodenwellen zogen sich bis zum äußersten Himmelsrand, durch eine lange blaue Linie begrenzt: das Meer, wie man wußte. Die Heere hatten ihre Zeltlager verlassen und hielten Umschau. Die Einwohner von Utika standen, um besser zu sehen, in Scharen auf den Wällen.

Endlich unterschied man mehrere parallele Linien, von gleichhohen Buckeln überragt. Sie wurden immer dichter und größer. Schwarze Hügel schaukelten auf und ab. Plötzlich erkannte man viereckige Büsche. Das waren Elefanten und Lanzen! Ein einziger Ruf erscholl: »Die Karthager!« Und ohne Signal, ohne Befehl, ohne Ordnung eilten die Belagerer von Utika und die Brückenbesatzung heran, um sich gemeinsam auf Hamilkar zu werfen.

Spendius erbebte bei diesem Namen. »Hamilkar! Hamilkar!« wiederholte er, nach Atem ringend. Und Matho war nicht da! Was sollte er machen! Keine Möglichkeit zu fliehen! Die Überraschung, seine Furcht vor dem Suffeten, vor allem aber der Zwang eines sofortigen Entschlusses verwirrte ihn. Schon sah er sich von tausend Schwertern durchbohrt, enthauptet, tot. Indessen rief man nach ihm. Dreißigtausend Mann harrten seiner Befehle. Eine Wut gegen sich selbst ergriff ihn. Er klammerte sich an die Hoffnung auf Sieg und die Fülle von Glück, die ein Sieg mit sich brachte. Da wähnte er sich kühner als Epaminondas. Um seine Blässe zu verdecken, schminkte er seine Backen mit Zinnober, dann schnallte er sich seine Beinschienen und seinen Küraß an, goß eine Schale Wein hinunter und galoppierte seinen Truppen nach, die denen von Utika eiligst entgegenzogen. Diese Vereinigung geschah so schnell, daß der Suffet nicht Zeit hatte, seine Schlachtordnung zu verändern. Er verlangsamte nur allmählich seinen Vormarsch. Die Elefanten machten Halt, wiegten ihre schweren mit Straußenfedern geschmückten Köpfe und schlugen sich mit den Rüsseln gegen die Schultern.

Durch die Abstände hindurch erblickten die Söldner die Kompagnien der Leichtbewaffneten und weiterhin die großen Helme der Klinabaren, in der Sonne blitzende Waffen, Panzer, Helmbüsche und flatternde Banner. Das karthagische Heer, elftausenddreihundertsechsundneunzig Mann, erschien nicht so stark, weil es ein langes in sich zusammengedrängtes Rechteck mit schmalen Flanken bildete. [Nach Polybios standen 10000 Mann am Brückenkopf und 15000 vor Utika. Flaubert wechselt diese Zahlen, absichtlich oder aus Irrtum.]

Angesichts eines so schwachen Gegners wurden die Barbaren, die dreimal stärker waren, von unbändiger Freude ergriffen. Man erblickte Hamilkar nicht. War er in der Stadt geblieben? Vielleicht gar! Was lag übrigens daran? Die Verachtung, die man gegen die Krämer von Karthago hegte, verstärkte den Mut. Kaum hatte Spendius den Angriffsbefehl gegeben, so war er allerorts auch aufgefaßt und schon ausgeführt.

Man entwickelte sich zu einer langen geraden Linie, die über die Flügel des punischen Heeres hinausging, um es zu umfassen. Doch als sich beide Heere auf dreihundert Schritt genähert hatten, machten die punischen Elefanten, anstatt weiter vorzurücken, Kehrt. Darauf taten die Klinabaren ein gleiches und gingen ebenfalls rückwärts. Das Erstaunen der Söldner verdoppelte sich aber, als sie auch die feindlichen Schützen zurücklaufen sahen, um wieder zu den andern zu stoßen. Die Karthager hatten also Angst! Sie flohen! Ein ungeheures Hohngeschrei erscholl aus dem Heere der Barbaren, und von seinem Dromedar herab rief Spendius: »Ha, das wußt ich wohl! Vorwärts! Vorwärts!«

Da schwirrten die Pfeile, die Wurfspieße, die Schleuderkugeln alle auf einmal durch die Luft. Die Elefanten, in den Kruppen von Pfeilen getroffen, begannen schneller zu laufen. Dichte Staubmassen hüllten sie ein, und sie verschwanden wie Schatten in einer Wolke.

Indessen vernahm man dahinter ein Dröhnen von Tritten, übertönt von dem gellenden Klang der Trompeten, die wie wütend geblasen wurden. Der Raum, den die Barbaren vor sich hatten, voll von wirbelndem Staub und wildem Gewühl, zog sie an wie ein Strudel. Manch einer rannte hinein. Gepanzerte Massen tauchten auf, fest in sich geschlossen, und gleichzeitig sah man auf den Flügeln das leichte Fußvolk wieder im Laufschritt heranstürmen und Reiterscharen im Galopp der Attacke.

Hamilkar hatte nämlich der Phalanx den Befehl gegeben, die Intervalle zu öffnen und die Elefanten, die Leichtbewaffneten und die Reiterei in ihrer Rückwärtsbewegung durchzulassen. Sie sollten sich alsdann rasch auf die beiden Flügel der Phalanx begeben und diese verlängern. Er hatte den Abstand von den Barbaren so gut berechnet, daß die Karthager in dem Augenblick, wo sie mit ihnen zusammenstießen, ebenfalls eine lange gerade Schlachtlinie bildeten.

In der Mitte starrte die Phalanx in den ihr eigentümlichen Unterabteilungen, das heißt in Karrees, je sechzehn Mann tief und ebenso breit. Die Vorderleute der Rotten standen umstarrt von Lanzenspitzen, die weit über sie vorragten. Die ersten fünf Glieder hielten ihre Lanzen so gefaßt, daß die Spitzen alle in gleicher Höhe zur Wirkung kamen. Die elf hinteren Glieder legten die Lanzen auf die Schultern der vor ihnen stehenden Rotte. Aller Gesichter verschwanden zur Hälfte unter den Helmblenden. Eherne Beinschienen schützten den rechten Schenkel. Die langen halbzylinderischen Schilde reichten bis zu den Knien herab. Das ganze schreckliche Rechteck rückte wie ein einziger Mann vor. Es schien lebendig wie ein Tier und bewegte sich zuverlässig wie eine Maschine. Zwei Elefanten-Schwadronen deckten die Phalanx auf beiden Seiten. Die Tiere schüttelten sich, um die Pfeilsplitter los zu werden, die in ihrer schwarzen Haut stecken blieben. Die Indier hockten auf den Widerristen zwischen weißen Federbüschen und hielten sie mit dem Löffel ihrer Harpunen im Zug, während in den Türmen Schützen, bis an die Schultern gedeckt, große Bogen spannten und eiserne Spindeln, mit brennendem Werg umwickelt, als Pfeile einlegten. Rechts und links von den Elefanten schwärmten die Schleuderer, eine Schleuder um die Hüften geschlungen, eine zweite um den Hals, eine dritte in der rechten Hand. Ihnen schlossen sich die Klinabaren an, jeder einen Neger neben sich. Sie steckten ihre Lanzen zwischen den Ohren ihrer Pferde hindurch, die wie sie in Gold strotzten. Noch weiter nach den Seiten kamen weit ausgeschwärmt die Leichtbewaffneten mit Schilden aus Luchsfell, hinter denen die Spitzen der Wurfspieße hervorsahen, die sie in der Linken trugen. Schließlich bildeten die Tarentiner, die neben ihrem Sattelpferde noch ein Handpferd führten, die beiden Schlußsteine dieser Soldatenmauer.

Das Barbarenheer dagegen hatte seine Schlachtlinie nicht festgeschlossen erhalten können. In ihrer übermäßigen Ausdehnung waren Bogen und Lücken eingetreten. Alles keuchte, atemlos vom Laufen.

Die punische Phalanx setzte sich schwerfällig in Bewegung und machte mit gefällten Lanzen einen Vorstoß im Laufschritt. Unter ihrem wuchtigen Anprall gab die allzu dünne Linie der Söldner alsbald in der Mitte nach.

Jetzt holten die Flügel der Karthager aus, um den Gegner zu umfassen. Die Elefanten folgten ihnen. Die Phalanx aber durchbrach nunmehr durch eine nochmalige Lanzenattacke die Linie der Barbaren. Die beiden langen Hälften wurden nach links und rechts abgedrängt, aber die karthagischen Flügel warfen sie mit ihren Schleuderkugeln, Wurfspießen und Pfeilen gegen die eingedrungene Phalanx zurück. Um den Geschoßangriff abzuschlagen, fehlte es den Barbaren an Reiterei. Die wenige, die da war, zweihundert Numidier, attackierte die auf dem rechten Flügel stehenden Schwadronen der Klinabaren. So war alles festgekeilt, und kein Teil konnte aus den feindlichen Massen loskommen. Die Gefahr war drohend und ein Entschluß dringend notwendig.

Spendius befahl, die Phalanx gleichzeitig auf beiden Flanken anzugreifen, um sie quer zu durchstoßen. Aber die Flügelrotten manöverierten so geschickt, daß die Phalanx sich auch hier gegen die Barbaren wandte, ebenso furchtbar auf den Flanken, wie sie es vorher in der Front gewesen war.

Die Barbaren hieben auf die Schäfte der Lanzen ein, doch die Reiterei störte sie von hinten im Angriff, und die Phalanx, an die Elefanten gelehnt, schloß sich bald zusammen, bald dehnte sie sich wieder aus, bald bildete sie ein Viereck, bald einen Kegel, einen Rhombus, ein Trapez oder eine Pyramide. Eine doppelte Bewegung flutete beständig von der Front nach der Queue. Die nämlich, die in den hintern Gliedern standen, drängten nach vorn, und die vorderen, wenn sie ermüdet oder verwundet waren, zogen sich zurück. Die Barbaren sahen sich gegen die Phalanx gedrückt. Aber auch diese konnte unmöglich vorwärts. Sie glich einem Meer, in dem die roten Federbüsche und die blitzenden Metallschuppen wogten und wallten, und die schimmernden Schilde wie Silberschaum auf und nieder brandeten. Zuweilen stürzten breite Ströme von einem Ende zum andern und fluteten dann wieder zurück, während in der Mitte eine schwarze unbewegliche Masse brodelte. Die Lanzen hoben und senkten sich abwechselnd. Anderswo zuckten blanke Schwerter in so hastiger Bewegung, daß man nur die Spitzen erkannte, und Reiterschwärme brachen durch die Masse, die sich hinter ihnen rasch wieder wirbelnd zusammendrängte. [Im Gegensatz zu der modernen Kavallerie attackierte die Reiterei der Alten nicht im stärksten Tempo, sondern im Schritt, höchstens im kurzen Trabe. Wir müssen uns schwergepanzerte Ritter, nicht behende Reiter vorstellen. Anders vielleicht die Numidier, die Spahis von damals!]

Durch die Kommandorufe der Hauptleute, die Signale der Trompeten und den schrillen Klang der Leiern pfiffen die Blei- und Tonkugeln, um die Schwerter aus den Händen und das Hirn aus den Schädeln zu schmettern. Verwundete deckten sich mit einem Arm unter ihrem Schild und streckten die Schwerter vor, den Knauf auf den Boden gestemmt. Andre wälzten sich in Blutlachen, um den Gegner in die Fersen zu beißen. Die Masse stand so gedrängt, der Staub war so dicht, das Gewühl so stark, daß man nichts zu unterscheiden vermochte. Feiglinge, die sich ergeben wollten, wurden nicht einmal gehört. Wenn man keine Waffen mehr hatte, rang man Leib an Leib. Die Brustkörbe krachten gegen die Panzer, und Leichname hingen mit zurückgesunkenem Haupt zwischen zwei sie umklammernden Armen. Eine Kompagnie von sechzig Umbriern marschierte festen Tritts, die Lanzen eingelegt, zähneknirschend und unerschütterlich vor und zwang zwei Karrees der Phalanx auf einmal zum Weichen. Epirotische Hirten stürmten gegen die Klinabarenschwadronen des linken Flügels vor, packten die Pferde bei den Mähnen und ließen ihre Stöcke kreisen. Die Tiere warfen ihre Reiter ab und jagten über die Ebene hin. Die ausgeschwärmten punischen Schleuderer standen verblüfft da. Die Phalanx begann zu wanken. Die Hauptleute liefen ratlos umher. Die hinteren Glieder drängten die vorderen aus der Reihe. Die Barbaren aber hatten sich wieder geordnet. Sie griffen von neuem an: der Sieg war ihnen!

Da erscholl ein Geschrei, ein furchtbares Geheul, ein Gebrüll von Schmerz und Wut. Das waren die zweiundsiebzig Elefanten, die in zwei Treffen anstürmten. Hamilkar hatte nur gewartet, bis die Söldner auf einem einzigen Punkt zusammengeknäuelt waren, um sie dann loszulassen. Die Indier hatten die Tiere so gewaltsam gestachelt, daß ihnen das Blut über die breiten Ohren rann. Ihre mit Mennige bestrichenen Rüssel standen senkrecht empor wie rote Schlangen, ihre Brust war mit einem Spieße bewehrt, ihr Rücken gepanzert, ihre Stoßzähne durch eiserne Klingen verlängert, die wie Säbel gekrümmt waren. Um sie wilder zu machen, hatte man sie mit einer Mischung von Pfeffer, Wein und Weihrauch berauscht. Brüllend schüttelten sie ihre Schellenhalsbänder, und die Elefantenführer duckten die Köpfe vor den über sie hinwegschwirrenden Brandpfeilen, die jetzt von den Türmen herabzufliegen begannen.

Um mehr Wucht zu haben, stürzten die Barbaren den Ungetümen in dichten Haufen entgegen. Die Elefanten stürmten ungestüm mitten in sie hinein. Die Spieße an ihrer Brust spalteten wie Schiffsschnäbel die Heerscharen, die in großen Wogen zurückfluteten. Sie erdrückten die Kämpfer mit den Rüsseln oder rissen sie empor und reichten sie über ihre Köpfe hinweg den Soldaten in den Türmen. Mit ihren Stoßzähnen schlitzten sie den Gegnern die Bäuche auf und schleuderten sie hoch in die Luft. Lange Eingeweide hingen an ihren Elfenbeinhauern wie Tauwerk an Masten. [Über die überaus interessante Verwendung der Elefanten als Gefechtstruppe vgl. H. Delbrück, loc. cit. Wahrscheinlich hatte man im ersten Punischen Kriege keine Gefechtstürme auf diesen Tieren.] Die Barbaren suchten den Tieren die Augen auszustechen oder die Kniekehlen durchzuschneiden. Manche krochen ihnen unter den Bauch, stießen ihnen das Schwert bis zum Heft hinein und wurden dann von ihnen zermalmt. Die Tapfersten klammerten sich an das Riemenzeug und sägten mitten in Flammen, Kugeln und Pfeilen die Gurtung durch, bis der Weidenturm umklappte wie ein Turm aus Stein. Vierzehn Elefanten vom rechten äußersten Flügel, durch ihre Wunden in Wut versetzt, wandten sich um, gegen das zweite Treffen. Da griffen die Indier zu ihren Hämmern, setzten die Meißel auf die Schädeldecken und schlugen mit aller Kraft zu. Die riesigen Tiere brachen zusammen und fielen übereinander. Sie bildeten Berge. Auf solch einem Haufen von Kadavern und Rüstzeug lag ein ungeheurer Elefant, »Zorn Baals« genannt, die Beine in Ketten verstrickt, einen Pfeil im Auge. Er brüllte bis zum Abend.

Wie Eroberer, die sich an der Vernichtung weiden, zermalmten, zerstampften und zertrümmerten die übrigen Tiere alles und ließen ihren Zorn an den Toten und Überbleibseln aus. Um die Reihen von Soldaten zurückzudrängen, von denen die Kolosse umringt wurden, drehten sie sich auf den Hinterfüßen in einem fort im Kreise herum, wobei sie immer vorwärts zu kommen verstanden. Die Karthager fühlten sich wieder stark und frisch, und die Schlacht begann von neuem.

Die Barbaren ermatteten. Von den griechischen Schwerbewaffneten warf ein Teil die Waffen weg. Schrecken ergriff die übrigen. Man sah Spendius, auf seinem Dromedar hockend, wie er es an den Schultern mit zwei Speeren anstachelte. Da stürzte alles nach den Flügeln und eilte auf Utika zu.

Die Klinabaren, deren Pferde erschöpft waren, machten keinen Versuch, die Söldner zu verfolgen. Die Ligurer, von Durst verzehrt, schrien und wollten nach dem Flusse. Nur die Karthager, die in der Mitte der Karrees gestanden und weniger auszuhalten gehabt hatten, stampften vor Begier, weil ihnen die Gelegenheit zur Rache zu entgehen drohte. Schon machten sie sich zur Verfolgung der Söldner auf, – da erschien Hamilkar.

Er hielt sein schweißbedecktes, getigertes Pferd an silberbeschlagenen Zügeln. Die an den Hörnern seines Helmes flatternden Bänder wehten hinter ihm im Winde. Seinen ovalen Schild hatte er unter den linken Schenkel geschoben. Mit einem Zeichen seiner dreizackigen Lanze gebot er dem Heere Halt.

Die Tarentiner sprangen schnell von den Sattelpferden auf ihre Handpferde und galoppierten in verschiedenen Richtungen nach der Stadt und nach dem Flusse zu.

Die Phalanx vernichtete gemächlich alles, was von den Barbaren noch übrig war. Gegnerischen Schwertern nah, hielten die Söldner die Kehle hin und schlossen die Augen. Andre verteidigten sich verzweifelt. Man warf sie aus der Ferne mit Steinen tot wie tolle Hunde. Hamilkar hatte befohlen, Gefangene zu machen. Doch die Karthager gehorchten ihm nur mit Groll. Es gewährte ihnen Vergnügen, ihre Schwerter in die Leiber der Barbaren zu stoßen.

Da es ihnen zu heiß wurde, begannen sie, wie Schnitter, mit entblößten Armen zu arbeiten. Wenn sie innehielten, um Atem zu schöpfen, folgten sie mit den Augen den Reitern, die in der Ebene hinter Söldnern herjagten, und sahen zu, wie es ihnen gelang, die Flüchtlinge bei den Haaren zu packen, wie sie sie eine Zeitlang festhielten und dann mit Axthieben niederschlugen.

Die Nacht brach an. Karthager wie Barbaren waren verschwunden. Flüchtige Elefanten jagten am Horizont mit brennenden Türmen umher. Da und dort leuchteten sie durch die Finsternis wie halb im Nebel verlorene Blinkfeuer. In der weiten Ebene bemerkte man keine andre Bewegung als das Wogen des Flusses, der durch die vielen Leichen geschwollen war, die er dem Meere zutrug.

––––––––

Zwei Stunden später kam Matho an. Beim Schein der Sterne sah er lange, unregelmäßige Haufen auf dem Boden liegen.

Es waren die Reihen der Barbaren. Er bückte sich. Sie waren alle tot. Er rief. Keine Stimme gab ihm Antwort.

Er hatte am nämlichen Morgen mit seinen Truppen Hippo-Diarrhyt verlassen, um gegen Karthago zu marschieren. Als er Utika erreichte, war das Heer des Spendius bereits abgezogen, und die Einwohner waren eben dabei, die Belagerungsmaschinen zu verbrennen. Man hatte sich auf beiden Seiten mit Erbitterung geschlagen. Doch als das Getöse, das man in der Richtung auf die Brücke hörte, in unbegreiflicher Weise zunahm, war Matho auf dem kürzesten Wege über die Berge geeilt. Niemand begegnete ihm, da die Barbaren in die Ebene flohen.

Vor ihm im Dunkel erhoben sich kleine pyramidenartige Massen, und diesseits des Flusses, noch näher, brannten dicht über dem Boden unbewegliche Lichter. Die Karthager hatten sich hinter die Brücke zurückgezogen. Um die Barbaren jedoch zu täuschen, hatte der Suffet zahlreiche Wachtposten am linken Ufer aufgestellt.

Matho schritt weiter. Er glaubte punische Feldzeichen zu erkennen. Es waren regungslose Pferdeköpfe auf den Spitzen von Lanzenpyramiden, die er undeutlich sah. In der Ferne hörte er starken Lärm, laute Lieder und Becherklang.

Er wußte nicht, wo er war, noch wo er Spendius finden könne. Von Angst befallen, verwirrt und im Dunkel verloren, kehrte er in noch größerer Hast auf demselben Wege zurück. Der Morgen graute, als er von der Berghöhe Utika erblickte, davor die Gerippe der vom Feuer geschwärzten Belagerungsmaschinen, die wie Riesenskelette an den Stadtmauern lehnten, und südlicher das Söldnerlager.

Alles ruhte in seltsamer Stille und Ermattung. Zwischen den Soldaten, dicht an den Zelten, schliefen halbnackte Männer, auf dem Rücken liegend oder die Stirn auf den Arm gelegt, der auf ihrem Panzer ruhte. Einige wickelten blutige Binden von ihren Beinen. Sterbende rollten sacht den Kopf. Andre schleppten sich umher und brachten ihnen zu trinken. In den engen Lagergassen gingen die Posten auf und ab, um sich zu erwärmen, oder sie standen mit der Lanze an der Schulter in trotziger Haltung da, die Augen nach dem Horizont gerichtet. Matho fand Spendius unter einer zerrissenen Leinwand, die über zwei in die Erde gerammten Stöcke gespannt war. Er saß da, die Hände um die Knie geschlungen, mit gesenktem Haupte.

Lange verharrten beide in Stillschweigen.

Endlich murmelte Matho: »Besiegt!«

»Ja, besiegt!« wiederholte Spendius dumpf.

Auf alle weiteren Fragen antwortete er nur mit verzweifelten Gebärden.

Stöhnen und Röcheln drang bis zu ihnen. Matho schlug die Leinwand zurück. Der Anblick der Soldaten gemahnte ihn an ein andres Unglück an nämlicher Stätte, und zähneknirschend rief er aus:

»Elender! Schon einmal ...«

»Damals warst du auch nicht da!« unterbrach ihn Spendius.

»Ein Fluch lastet auf mir!« klagte Matho. »Aber am Ende werd ich ihn doch erreichen! Ihn besiegen! Ihn töten! Ach, wär ich dagewesen!«

Der Gedanke, die Schlacht verfehlt zu haben, erbitterte ihn noch mehr als die Niederlage an sich. Er riß sein Schwert ab und schleuderte es zu Boden.

»Aber wie, auf welche Weise haben die Karthager euch geschlagen?«

Der ehemalige Sklave begann den taktischen Hergang der Schlacht zu erzählen. Matho sah im Geiste alles vor sich und geriet in große Aufregung. Das Heer, das vor Utika lag, hätte Hamilkar in den Rücken fallen müssen, statt zur Brücke zu eilen, meinte er.

»Ach, ich weiß es wohl,« gab Spendius zu.

»Du hättest deine Schlachtstellung noch einmal so tief nehmen müssen! Die Leichtbewaffneten nicht gerade gegen die Phalanx führen! Und Lücken für die Elefanten offen halten! Noch im letzten Moment wäre alles wieder zu gewinnen gewesen! Nichts zwang zur Flucht!«

Spendius entgegnete:

»Ich sah ihn in seinem roten Mantel mit erhobenem Arm aus dem Staub emporragen. Wie ein Adler flog er an den Flanken der Bataillone hin. Bei jedem Winke seines Hauptes ballten sie sich zusammen oder dehnten sich aus. Das Gewühl brachte uns nahe aneinander. Er hat mich angeblickt und mir war zumute, als dränge mir kalter Stahl ins Herz!«

»Sollte er sich den Tag ausgesucht haben?« dachte Matho bei sich.

Sie erörterten beide, was den Suffeten gerade unter den ungünstigsten Umständen herbeigeführt haben könnte. Dann kamen sie auf die Kriegslage zu sprechen. Spendius, der seinen Fehler beschönigen oder sich selber ermutigen wollte, behauptete, es sei immer noch Hoffnung.

»Und wenn auch keine mehr bliebe, was tut's!« rief Matho. »Ich ganz allein werde den Krieg fortsetzen!«

»Und ich gleichfalls!« schrie der Grieche und sprang auf. Mit großen Schritten ging er auf und ab. Seine Augen blitzten, und ein seltsames Lächeln verzog sein Schakalgesicht.

»Wir werden wieder von vorn anfangen. Verlaß mich nur nicht wieder! Ich habe kein Geschick für die offnen Feldschlachten. Der Glanz der Schwerter trübt meinen Blick. Das ist krankhaft an mir. Ich habe zu lange im Kerker gelebt. Aber gib mir bei Nacht Mauern zu ersteigen, und ich will in die Festungen eindringen und die Insassen sollen kalt sein, ehe noch die Hähne krähen!

Zeig mir ein Wesen, eine Sache, einen Feind, einen Schatz, ein Weib ...«, er wiederholte: » ein Weib, und wäre sie eine Königstochter, – ich bringe dir schleunigst, was du begehrst, und leg es dir zu Füßen! Du wirfst mir vor, daß ich die Schlacht gegen Hanno verloren hätte. Aber ich habe sie ja dann doch wiedergewonnen! Gesteh nur, meine brennenden Schweine haben uns mehr genützt als die spartanische Phalanx!« Und indem er dem Bedürfnis nachgab, sich herauszustreichen und Rache zu üben, zählte er alles auf, was er für die Sache der Söldner getan hatte. »Ich war's, der in den Gärten des Suffeten den Gallier antrieb! Dann, in Sikka, habe ich sie mit der Furcht vor der Republik toll gemacht! Gisgo leuchtete ihnen heim, – ich ließ die Dolmetscher gar nicht zu Worte kommen! Ha, wie ihnen die Zungen aus dem Halse hingen! Entsinnst du dich noch? Ich habe dich nach Karthago hineingebracht! Ich habe den Zaimph geraubt! Ich habe dich zu ihr geführt. Und ich werde noch mehr tun! Du sollst sehen!«

Er brach in ein tolles Gelächter aus.

Matho blickte ihn mit großen Augen an. Er empfand Grauen vor diesem Manne, der so feig und dabei so schrecklich war.

Der Grieche schnippte mit den Fingern und fuhr in heiterem Tone fort:

»Evoe! Auf Regen folgt Sonnenschein! Ich hab in den Steinbrüchen Fronarbeit getan und unter goldnem Sonnendache auf einem Schiffe, das mein war, Massiker geschlürft wie ein Ptolemäer. Unglück hat den Zweck, uns schlauer zu machen. Das Glück will überlistet werden. Es liebt die Schlauköpfe. Es läßt sich fangen!«

Er trat auf Matho zu und faßte ihn am Arme.

»Herr, jetzt sind die Karthager ihres Sieges sicher. Du hast ein ganzes Heer, das noch nicht gekämpft hat. Deine Leute gehorchen dir! Stelle sie in das Vortreffen! Die meinen werden folgen, um Rache zu nehmen. Ich habe noch dreitausend Karier, zwölfhundert Schleuderer und Bogenschützen, ganze Kompagnien. Man kann sogar eine Phalanx formieren. Kehren wir um!«

Matho, durch das Unglück betäubt, war bis jetzt noch nicht zu der Überlegung gekommen, wie er es vielleicht wieder gutmachen könne. Er hörte mit offenem Munde zu, und die Erzschuppen, die seine Brust umspannten, drohten unter den Schlägen seines Herzens zu zerspringen. Er hob sein Schwert auf und rief:

»Folge mir! Vorwärts!«

Doch die Aufklärer meldeten bei ihrer Rückkehr, daß die Toten der Karthager fortgeschafft, die Brücke zerstört und Hamilkar verschwunden sei.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.