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Gustave Flaubert: Salambo - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
titleSalambo
authorGustave Flaubert
translatorArthur Schurig
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
senderhille@abc.de
created20040117
correctorreuters@abc.de
corrected20120901
firstpub1904
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In Sikka

[Sikka ist das heutige Keff, 180 Kilometer südwestlich von Karthago. Der dort betriebene zynische Venuskult war berüchtigt.]

Zwei Tage später verließen die Söldner Karthago. Man hatte einem jeden ein Goldstück gezahlt, unter der Bedingung, daß sie ihr Standquartier nach Sikka verlegten. Auch hatte man ihnen allerlei Schmeicheleien gesagt:

»Ihr seid die Retter Karthagos! Doch ihr würdet es in Hungersnot bringen, wenn ihr hier bliebet. Ihr machtet es zahlungsunfähig. Marschiert ab! Die Republik wird euch einstens für diese Willfährigkeit Dank wissen. Wir werden unverzüglich Steuern erheben. Euer Sold soll euch auf Heller und Pfennig ausgezahlt werden. Dazu wird man Galeeren ausrüsten, die euch in eure Heimat zurückbringen.«

Sie wußten nicht, was sie auf solchen Wortschwall erwidern sollten. Zudem langweilte die kriegsgewohnten Männer der Aufenthalt in der Stadt. Und so waren sie ohne große Mühe zu überreden. Das Volk stieg auf die Mauern, um sie abziehen zu sehen.

Der Abmarsch erfolgte durch die Khamonstraße und das Kirtaer Tor. Bunt durcheinander zogen sie ab: leichte Bogenschützen neben Schwerbewaffneten, Offiziere neben Gemeinen, Lusitanier neben Griechen. Stolzen Schritts marschierten sie vorbei und ließen ihre schweren Stahlstiefel auf dem Pflaster klirren. Ihre Rüstungen trugen Beulen von Katapultgeschossen, und ihre Gesichter waren vom Schlachtenbrand geschwärzt. Rauhe Rufe drangen aus ihren dichten Bärten. Ihre zerfetzten Panzerhemden klapperten über den Schwertergriffen, und durch die Löcher im Erz sah man ihre nackten Glieder, drohend wie Geschütz. Die langen Lanzen, die Streitäxte, die Speere, die Filzhauben und ehernen Helme, alles wogte im Takt in gleicher Bewegung. Die Straße war von dem Zuge derartig angefüllt, daß die Mauern dröhnten. Zwischen den hohen sechsstöckigen Häusern, die mit Asphalt getüncht waren, wälzte sich der Strom der gewappneten Krieger hin. Hinter den Fenstergittern aus Eisen oder Rohr saßen verschleierte Frauen und sahen schweigend dem Vorbeimarsch der Barbaren zu.

Terrassen, Festungswälle, Mauern, alles verschwand unter der Masse der schwarz gekleideten Karthager. Die Jacken der Matrosen leuchteten in dieser dunklen Menge wie Blutflecke. Halbnackte Kinder, auf deren blendender Haut sich kupferne Armringe abhoben, schrien von den Blattornamenten der Säulen und von den Zweigen der Palmen herab. Mehrere der »Alten« hatten sich auf die flachen Dächer der Türme gestellt, aber man wußte nicht, warum diese langbärtigen Gestalten in bestimmten Abständen so nachdenklich dort oben wachten. Von weitem gesehen, hoben sie sich vom Hintergrunde des Himmels unheimlich wie Gespenster ab und unbeweglich wie Steinbilder.

Alle bedrückte die gleiche Besorgnis: man fürchtete, die Barbaren könnten, da sie sich so stark sahen, auf den Einfall kommen, bleiben zu wollen. Doch sie zogen so vertrauensselig ab, daß die Karthager Mut schöpften und sich zu den Söldnern gesellten. Man überhäufte sie mit Beteuerungen und Freundschaftsbezeugungen. Einige redeten ihnen sogar aus übertriebener Berechnung und verwegener Heuchelei zu, die Stadt nicht zu verlassen.

Man warf ihnen Parfümerien, Blumen und Geldstücke zu. Man schenkte ihnen Amulette gegen Krankheiten, hatte aber vorher dreimal darauf gespien, um den Tod herbeizubeschwören, oder Schakalhaare hineingetan, die das Herz feig machen. Laut rief man Melkarths Segen auf die Abziehenden herab, leise indessen seinen Fluch.

Es folgte das Gewirr des Trosses, der Lasttiere und Nachzügler. Kranke saßen stöhnend auf Dromedaren. Andre hinkten vorüber, auf einen Lanzenstumpf gestützt. Trunkenbolde schleppten Weinschläuche mit sich, Gefräßige Fleisch, Kuchen, Früchte, Butter in Feigenblättern, Eis in Leinwandsäcken. Etliche sah man mit Sonnenschirmen in der Hand und Papageien auf den Schultern. Andre wurden von Hunden, Gazellen und Panthern begleitet. Frauen libyschen Stammes ritten auf Eseln. Sie verhöhnten die Negerweiber, die den Soldaten zuliebe die Bordelle von Malka verlassen hatten. Manche säugten Kinder, die in Ledertragen an ihren Brüsten hingen. Die Maultiere, die man mit den Schwertspitzen anstachelte, vermochten die Last der ihnen aufgepackten Zelte kaum zu erschleppen. Ein Schwarm Knechte und Wasserträger, hager, fiebergelb und voller Ungeziefer, die Hefe des karthagischen Pöbels, hängte sich den Barbaren an.

Als alle hinaus waren, schloß man die Tore. Das Volk blieb auf den Mauern. Der Söldnerzug füllte alsbald die ganze Breite der Landenge. Er teilte sich in ungleiche Haufen. Die Lanzen sahen nur noch wie hohe Grashalme aus. Schließlich verlor sich alles in Staubwolken. Wenn von den Söldnern einer nach Karthago zurückblickte, sah er nichts denn die langen Mauern, deren verlassene Zinnen in den Himmel schnitten.

Plötzlich vernahmen die Barbaren lautes Geschrei. Da sie nicht einmal wußten, wie viele ihrer waren, dachten sie, daß einige von ihnen in der Stadt zurückgeblieben seien und sich das Vergnügen machten, einen Tempel zu plündern. Diese Vermutung belustigte sie, und sie setzten ihren Marsch fort. Sie freuten sich, wieder wie einst die weite Ebene gemeinsam zu durchziehen. Die Griechen stimmten den alten Sang der Mamertiner an:

»Mit meiner Lanze und meinem Schwert pflüg ich und ernt ich. Ich bin der Herr des Hauses. Der Waffenlose fällt mir zu Füßen und nennt mich Herr und Großkönig."

Sie schrien und hüpften. Die Lustigsten fingen an Geschichten zu erzählen. Die Zeiten der Not waren vorüber. Als man Tunis erreichte, bemerkten einige, daß ein Fähnlein balearischer Schleuderer fehlte. »Die werden nicht weit sein! Sicherlich!« Weiter gedachte man ihrer nicht.

Die einen suchten Unterkunft in den Häusern, die andern kampierten am Fuße der Mauern. Die Leute aus der Stadt kamen heraus und plauderten mit den Soldaten.

Die ganze Nacht hindurch sah man am Horizont in der Richtung auf Karthago Feuer brennen. Der Lichtschein – wie von Riesenfackeln – spiegelte sich auf dem regungslos liegenden Haff. Keiner im Heere wußte zu sagen, welches Fest man dahinten feierte.

Am nächsten Tag durchzogen die Barbaren eine allenthalben bebaute Gegend. An der Straße folgten die Meierhöfe der Patrizier, einer auf den andern. Durch Palmenhaine rannen Wassergräben. Olivenbäume standen in langen grünen Reihen. Rosiger Duft schwebte über dem Hügelland. Dahinter dämmerten blaue Berge. Ein heißer Wind ging. Chamäleons schlüpften über die breiten Kaktusblätter.

Die Barbaren verlangsamten ihren Marsch.

Sie zogen in Abteilungen oder schlenderten einzeln in weiten Abständen voneinander hin. Man pflückte sich Trauben am Rande der Weinberge. Man streckte sich ins Gras und betrachtete erstaunt die mächtigen, künstlich gewundenen Hörner der Ochsen, die zum Schutze ihrer Wolle mit Häuten bekleideten Schafe, die Bewässerungsrinnen, die sich in Rhombenlinien kreuzten, die Pflugschare, die Schiffsankern glichen, und die Granatbäume, die mit Silphium gedüngt waren. Die Üppigkeit des Bodens und die Erfindungen kluger Menschen kamen allen wunderbar vor.

Am Abend streckten sie sich auf die Zelte hin, ohne sie aufzuschlagen. Das Gesicht den Sternen zugekehrt, schliefen sie ein und träumten von dem Feste in Hamilkars Gärten.

Am Mittag des dritten Tages machte man in den Oleanderbüschen am Gestade eines Flusses halt. Die Soldaten warfen hurtig Lanzen, Schilde und Bandoliere ab und wuschen sich unter lautem Geschrei, schöpften die Helme voll Wasser oder tranken, platt auf dem Bauche liegend, inmitten der Maultiere, denen das Gepäck vom Rücken glitt.

Spendius, auf einem aus Hamilkars Ställen geraubten Dromedare, erblickte von weitem Matho, der, den Arm in der Binde, barhäuptig und kopfhängerisch ins Wasser starrte, indes er sein Maultier trinken ließ. Sofort eilte der Sklave mit dem Rufe: »Herr, Herr!« schnurstracks durch die Menge auf ihn zu. Matho dankte kaum für den Gruß. Spendius nahm ihm das nicht übel, begann vielmehr seinen Schritten zu folgen und warf nur von Zeit zu Zeit einen besorgten Blick nach Karthago zurück.

Er war der Sohn eines griechischen Lehrers der Redekunst und einer kampanischen Buhlerin. Anfangs hatte er durch Mädchenhandel Geld verdient, dann aber, als er bei einem Schiffbruch sein ganzes Vermögen verloren, hatte er mit den samnitischen Hirten gegen Rom gekämpft. Man hatte ihn gefangen genommen; er war entflohen. Wiederergriffen, hatte er in den Steinbrüchen gearbeitet, in den Bädern geschwitzt, unter Mißhandlungen geschrien, vielfach den Herrn gewechselt und allen Jammer des Daseins erfahren. Aus Verzweiflung hatte er sich einmal vom Bord der Triere, auf der er Ruderer war, ins Meer gestürzt. Matrosen Hamilkars hatten ihn halbtot aufgefischt und nach Karthago ins Gefängnis von Megara gebracht. Weil die Überläufer an Rom ausgeliefert werden mußten, hatte er die allgemeine Verwirrung benutzt, um mit den Söldnern zu entfliehen.

Während des ganzen Marsches blieb er bei Matho. Er brachte ihm zu essen, half ihm beim Absitzen und breitete nachts eine Decke unter sein Haupt. Durch diese kleinen Dienste ward Matho schließlich gerührt, und nach und nach sprach er mit dem Griechen.

Matho war an der Großen Syrte geboren. Sein Vater hatte ihn auf einer Pilgerfahrt zum Ammontempel mitgenommen. Dann hatte er in den Wäldern der Garamanten Elefanten gejagt. Später war er in karthagischen Söldnerdienst gegangen. Bei der Einnahme von Drepanum war er zum Offizier befördert worden. Die Republik schuldete ihm vier Pferde, zwölfhundert Liter Getreide und den Sold für einen Winter. Er war gottesfürchtig und wünschte, dermaleinst in seiner Heimat zu sterben.

Spendius erzählte ihm von seinen Reisen, von den Völkern und Tempeln, die er besucht hatte. Er verstand sich auf viele Dinge. Er konnte Sandalen, Jagdgerät und Netze anfertigen, wilde Tiere zähmen und Gifte bereiten.

Bisweilen unterbrach er sich und stieß einen heisern Schrei aus. Daraufhin beschleunigte Mathos Maultier seinen Gang, und die andern beeilten sich zu folgen. Dann erzählte Spendius weiter, aber immer voll Angst und Furcht. Erst am Abend des vierten Tages ward er ruhiger.

Die beiden ritten nebeneinander her, seitwärts rechts vom Heer, auf dem Abhang eines Hügelzuges. Drunten dehnte sich die weite Ebene, in den Nebeln der Nacht verloren. Die Reihen der tiefer dahinmarschierenden Soldaten sahen im Dunkeln wie Wellen aus. Von Zeit zu Zeit kamen sie über mondbeglänzte Anhöhen. Dann sprühten Sterne an den Spitzen der Lanzen, und das Mondlicht gleißte auf den Helmen. Ein paar Augenblicke lang, dann verschwand alles, und immer neue Trupps kamen. In der Ferne blökten aufgeschreckte Herden. Es war, als ob unendlicher Friede auf die Erde herabsänke.

Mit zurückgebogenem Kopfe und halbgeschlossenen Lidern sog Spendius in tiefen Zügen den frischen Wind ein. Er streckte die Arme aus und spreizte die Finger, um den kosenden Hauch, der seinen Körper umströmte, noch besser zu spüren. Seine Hoffnung auf Rache war wiedergekehrt und begeisterte ihn. Er preßte die Hand auf den Mund, um ein Jauchzen zu ersticken, und halb bewußtlos in seinem Glücksrausch, überließ er die Zügel seinem Dromedar, das mit geräumigen gleichmäßigen Schritten vorwärts ging. Matho war in seine Schwermut zurückgesunken. Seine Beine hingen bis zur Erde hinab, und seine Panzerstiefel fegten mit stetem Geräusch das Gras.

Indessen zog sich der Weg in die Länge, als wolle er kein Ende nehmen. Hatte man ein Stück Ebene durchschritten, so kam man jedesmal auf ein rundes Hochland, und dann ging es wieder in eine Niederung hinab. Die Berge, die den Horizont zu begrenzen schienen, wichen beim Näherkommen immer von neuem in die Ferne. Von Zeit zu Zeit blinkte ein Bach zwischen dem Grün von Tamarisken, aber schon hinter dem nächsten Hügel verkroch er sich wieder. Hier und da ragte ein Felsblock auf, der wie ein Schiffsbug aussah oder wie der Sockel eines verschwundenen Kolosses.

In regelmäßigen Abständen traf man auf kleine viereckige Kapellen: Raststätten für die Pilger, die gen Sikka wanderten. Die Libyer, die Einlaß begehrten, klopften mit starken Schlägen an die Pforten: doch niemand im Innern antwortete.

Dann wurden die bebauten Felder seltener. Unvermittelt folgten Sandstrecken, mit Dornengestrüpp bewachsen. Schafherden weideten zwischen großen Steinen. Eine Frau – ein blaues Schurzfell um die Hüften – hütete sie. Sobald sie die Lanzen der Soldaten zwischen den Felsen erblickte, entfloh sie kreischend.

Der Marsch ging durch ein breites Tal, das von zwei rötlichen Hügelketten eingesäumt wurde. Ein ekelhafter Geruch drang dem Heere entgegen, und an der Krone eines Johannisbrotbaumes hing etwas Seltsames: ein Löwenkopf, der über den Wipfel hinausragte.

Sie liefen näher. Es war ein Löwe, den man an allen vieren wie einen Verbrecher ans Kreuz genagelt hatte. Der riesige Kopf hing auf die Brust herab, und die zwei Vordertatzen, die unter der üppigen Mähne zur Hälfte verschwanden, waren weit auseinandergespreizt wie die Flügel eines Vogels. Die Rippen traten unter der stark gespannten Haut einzeln hervor. Die Hinterbeine waren übereinander genagelt und ein wenig emporgezogen. Schwarzes Blut war am Fell herabgesickert und am Ende des Schweifes, der senkrecht herabhing, zu dicken Klumpen geronnen. Die Söldner standen lachend rundherum, nannten den toten Löwen »Konsul« und »Römischer Bürger« und warfen Steine nach seinen Augen, um die Fliegen aufzuscheuchen. [Die Erwähnung der gekreuzigten Löwen stützt sich auf Plinius c. 18, wo erzählt wird, daß Scipio Aemilianus und Polybios auf einem gemeinsamen Spazierritt in der Umgebung Karthagos solche gekreuzigte Tiere sahen.]

Hundert Schritte weiter kamen zwei andre Kreuze. Und mit einem Male tauchte ihrer eine ganze Reihe auf. An jedem ein Löwe. Manche waren schon so lange tot, daß nur noch die Reste ihrer Gerippe am Holze hingen: andere, zur Hälfte zernagt, verzerrten den Rachen zu furchtbaren Grimassen. Etliche waren ungeheuer groß. Die Stämme der Kreuze bogen sich unter ihnen. Sie schaukelten im Winde, während Rabenschwärme unablässig über ihren Köpfen kreisten. So rächten sich die karthagischen Bauern an den Raubtieren, die sie fingen. Sie hofften, die andern durch dieses Beispiel zu schrecken. Die Barbaren lachten nicht mehr. Tiefes Staunen ergriff sie. »Welch ein Volk,« dachten sie, »das zu seinem Vergnügen Löwen kreuzigt!«

Übrigens waren sie, besonders die Nordländer, eigentümlich nervös erregt und halbkrank. Ihre Hände waren wund von den Stacheln der Aloe. Große Stechmücken summten ihnen um die Ohren. Die Ruhr brach im Heere aus. Man war verdrossen, daß Sikka noch immer nicht sichtbar ward. Man bekam Angst, sich in die Wüste zu verirren, in die Regionen des Sandes und des Schreckens. Viele wollten nicht mehr weiter marschieren. Ein Teil machte sich auf den Rückweg nach Karthago.

Endlich am siebenten Tage, nachdem man lange am Fuße eines Berges hingewandert war, bog der Weg plötzlich scharf nach rechts ab, und ein Mauerstreifen, auf weißen Felsen ruhend und gleichsam eins geworden mit ihnen, tauchte auf. Alsbald grüßte die ganze Stadt. Blaue, gelbe, weiße Schleier wehten im Abendrot über den Mauern. Es waren die Priesterinnen der Tanit, die zum Empfange der Söldner herbeigeeilt kamen. Sie standen in langen Reihen auf dem Walle, schlugen Handtrommeln und Zithern und Kastagnetten. Die letzten Strahlen der Sonne, die hinter den numidischen Bergen versank, spielten an den Harfensaiten und den nackten Armen. Von Zeit zu Zeit schwiegen die Instrumente plötzlich, und ein schriller, grausiger, wilder, langgezogener Schrei erklang, eine Art Geheul, das durch eine vibrierende Zungenbewegung hervorgebracht ward. Etliche der Priesterinnen lagen mit aufgestützten Ellbogen, das Kinn in der Hand, unbeweglicher denn Sphinxe, und starrten aus großen schwarzen Augen das herannahende Heer an.

Obgleich Sikka ein Wallfahrtsort war, vermochte es eine solche Menschenmenge nicht zu bergen. Der Tempel allein mit seinen Nebengebäuden nahm die Hälfte der Stadt ein. Die Barbaren lagerten sich daher ganz nach Belieben in der Ebene, die Disziplinierten in regelmäßigen Abteilungen, die andern nach Völkern oder wie es ihnen just gutdünkte.

Die Griechen schlugen ihre Zelte aus Fellen in gleichlaufenden Reihen auf. Die Iberer bauten ihre Leinendächer im Kreise. Die Gallier errichteten sich Bretterbuden, die Libyer Hütten aus Steinhaufen, und die Neger scharrten sich mit ihren Nägeln Gruben in den Sand, darin sie schliefen. Viele, die sich nicht unterzubringen wußten, trieben sich zwischen den Packwagen umher und verbrachten in ihren zerschlissenen Mänteln die Nächte auf dem Erdboden.

––––––––

Die Ebene dehnte sich im weiten Kreise, rings von Bergzügen begrenzt. Hier und dort neigte sich ein Palmbaum über einen Sandhügel. Fichten und Eichen sprenkelten die Abhänge mit grünen Flecken. Bisweilen hing ein Gewitterregen in langen Fransen vom Himmel herab, der blau und klar über der Landschaft lachte. Dann wirbelte ein warmer Wind Staubwolken auf, und ein Gießbach stürzte in Kaskaden von Sikkas Felsenhöhe herab, auf der sich der Tempel der karthagischen Venus, der Herrin des Landes, mit seinen ehernen Säulen und seinem goldenen Dache erhob. Sie erfüllte die Landschaft mit ihrer Seele. Das Übermaß ihrer Kraft offenbarte sich in den Erschütterungen des Bodens, im jähen Wechsel von Wärme und Kälte, und die Schönheit ihres ewigen Lächelns im Spiele der Beleuchtung. Die Berggipfel hatten die Form von Mondsicheln, oder sie glichen vollen Frauenbrüsten. Die Barbaren verspürten vor dieser Augenweide bei aller Ermüdung vom Marsche wonnevolles Wohlgefühl.

Spendius hatte sich für den Erlös seines Kamels einen Sklaven gekauft. Den ganzen Tag lang schlief er, vor Mathos Zelt ausgestreckt. Oft schreckte er empor. Er wähnte im Traume das Sausen der Peitsche zu hören. Dann strich er lächelnd mit der Hand über die Narben an seinen Beinen, an den Stellen, wo so lange die Eisen gedrückt hatten, und schlief wieder ein.

Matho duldete seine Gesellschaft. Wenn er ausging, begleitete ihn Spendius wie ein Trabant, mit einem langem Schwert an der Seite; oder Matho stützte nachlässig den Arm auf seine Schulter, denn Spendius war klein.

Eines Abends, als sie zusammen durch die Lagergassen gingen, erblickten sie Männer in weißen Mänteln; unter ihnen Naravas, den numidischen Fürsten. Matho erbebte.

»Dein Schwert!« rief er. »Ich will ihn töten!«

»Noch nicht!« bat Spendius und hielt ihn zurück.

Naravas trat bereits an Matho heran.

Er küßte seine beiden Daumen zum Zeichen seiner kameradschaftlichen Gesinnung und entschuldigte seinen neulichen Zorn mit der trunkenen Feststimmung. Sodann sagte er allerhand Feindseliges gegen Karthago, doch verriet er nicht, was ihn eigentlich zu den Barbaren geführt hatte.

»Will er uns verraten oder die Republik?« fragte sich Spendius. Da er aber aus allem Bösen Vorteil zu ziehen gedachte, so war ihm jedwede zukünftige Verräterei des Naravas nur angenehm.

Der numidische Häuptling blieb bei den Söldnern. Er schien sich mit Matho befreunden zu wollen, sandte ihm gemästete Ziegen, Goldstaub und Straußenfedern. Der Libyer, über diese Aufmerksamkeiten erstaunt, schwankte, ob er sie erwidern oder darüber in Zorn geraten sollte. Doch Spendius besänftigte ihn, und Matho ließ sich von dem Sklaven leiten. Er war ein Mensch, der nie wußte, was er wollte, und jetzt zumal in einem Zustande unbezwinglicher Teilnahmlosigkeit wie jemand, der einen Trank genommen hat, an dem er sterben muß.

Eines Morgens, als alle drei zur Löwenjagd aufbrachen, verbarg Naravas einen Dolch in seinem Mantel. Spendius blieb ihm beständig auf den Fersen, und sie kehrten zurück, ohne daß der Numidier seinen Dolch gezückt hatte.

Ein andermal lockte Naravas die beiden weit fort, bis an die Grenzen seines Reiches. Sie kamen in eine enge Schlucht. Da erklärte Naravas lächelnd, er wisse den Weg nicht mehr. Spendius fand ihn wieder.

Meistens jedoch brach Matho, tiefsinnig wie ein Augur, schon bei Sonnenaufgang auf, um in der Gegend umherzustreifen. Er streckte sich auf den Sand hin und blieb bis zum Abend unbeweglich liegen.

Er befragte nacheinander alle Wahrsager des Heeres: die den Lauf der Schlangen beobachteten, die in den Sternen lasen und die auf die Asche der Toten bliesen.

Er nahm Galbanum, Sesel und herzversteinerndes Viperngift ein. Negerweiber, die im Mondschein barbarische Lieder sangen, ritzten ihm die Stirnhaut mit goldnen Dolchen. Er behängte sich mit Halsbändern und Amuletten. Abwechselnd rief er Khamon, Moloch, die sieben Kabiren, Tanit und die Aphrodite der Griechen an. Er grub einen Namen in eine Kupferplatte und verscharrte sie im Sande an der Schwelle seines Zeltes. Spendius hörte ihn seufzen und mit sich selbst reden. [Über die Kabiren (d.h. die Mächtigen) und die Kabirenmysterien vgl. L. Preller, Griechische Mythologie, 4. Aufl., Berlin, 1894, Bd. l, 847-864.]

Eines Nachts trat er in sein Zelt.

Matho lag auf einer Löwenhaut hingestreckt, nackt wie ein Leichnam, das Gesicht in beide Hände vergraben. Eine Hängelampe beleuchtete seine Waffen, die ihm zu Häupten am Zeltmaste hingen.

»Hast du Schmerzen?« fragte der Sklave. »Was fehlt dir? Antworte mir!« Dabei schüttelte er ihn an der Schulter und rief immer wieder: »Herr, Herr!« Endlich schaute Matho mit großen verstörten Augen zu ihm auf.

»Weißt du?« flüsterte er, einen Finger auf die Lippen legend. »Es ist die Rache der Götter. Hamilkars Tochter verfolgt mich! Ich fürchte mich vor ihr, Spendius!« Er drückte die Fäuste gegen die Augen, wie ein Kind, dem vor einem Gespenste graust. »Rede mit mir! Ich bin krank! Ich will gesund werden! Alles habe ich versucht! Doch du, du kennst vielleicht mächtigere Götter oder irgend eine Beschwörung, die wirklich hilft.«

»Wogegen?« fragte Spendius.

Matho schlug sich mit beiden Fäusten gegen die Stirn. »Um mich aus Salambos Bann zu erlösen!« Und wie zu sich selber sagte er in abgebrochenen Sätzen:

»Gewiß bin ich das Opfer einer Sühne, die sie den Göttern gelobt hat.... Sie hält mich gefesselt ... mit einer unsichtbaren Kette.... Gehe ich, so schreitet sie voran ... bleibe ich stehen, so verweilt sie.... Ihre Augen verzehren mich ... ich höre ihre Stimme ... sie umgibt mich und durchdringt mich.... Mir ist, als ob sie meine Seele geworden sei.... Und doch droht etwas zwischen uns wie die unsichtbaren Fluten eines grenzenlosen Meeres.... Sie ist mir fern und ganz unerreichbar.... Der Schimmer ihrer Schönheit umfließt sie mit Strömen von Licht, und bisweilen ist mir's, als hätt ich sie nie gesehen ... als lebte sie nicht ... als sei alles nur ein Traum!..."

So durchjammerte Matho die Nacht.

Alles schlief. Spendius betrachtete ihn, und er erinnerte sich an jene Jünglinge, die ihn ehemals mit goldenen Gefäßen in den Händen angefleht hatten, wenn er seine Buhlerinnen durch die Städte geführt hatte. Mitleid ergriff ihn, und er sprach:

»Sei stark, Herr! Wende dich an deinen eigenen Willen und flehe nicht mehr zu den Göttern, denn die Gebete der Menschen rühren sie nicht. Du weinst wie ein Feigling! Demütigt es dich nicht, daß du um ein Weib so leidest?«

»Bin ich ein Kind?« gab Matho zur Antwort. »Glaubst du, daß mich das Gesicht und der Gesang eines Weibes noch rühren? Wir hatten in Drepanum ihrer genug. Sie fegten die Ställe. Ich hab ihrer besessen während des Sturmes auf Städte, unter stürzenden Dächern, und wenn die Geschütze vom Rückschlag noch zitterten!... Doch dieses Weib, dieses Weib!«

Der Sklave unterbrach ihn:

»Wenn sie nicht Hamilkars Tochter wäre....«

»Nein!« schrie Matho. »Sie hat nichts mit den andern Töchtern der Menschen gemein! Hast du ihre großen Augen unter den großen Brauen gesehen? So leuchten Sonnen unter Triumphbögen. Erinnere dich: als sie erschien, verloren alle Fackeln ihren Glanz. Zwischen den Diamanten ihrer Halskette schimmerten Stellen ihres blanken Busens. Wo sie gegangen, duftete es wie nach dem Weihrauch eines Tempels, und ihrem ganzen Wesen entströmte etwas, süßer als Wein und schrecklicher als der Tod. So schritt sie hin, und dann blieb sie stehen....«

Offnen Mundes und gesenkten Hauptes stand Matho da und starrte vor sich hin.

»Aber ich will sie haben! Ich muß sie besitzen! Sonst sterbe ich! Bei dem Gedanken, sie an meine Brust zu drücken, ergreift mich wilde Freude. Und doch hasse ich sie, Spendius, ich möchte sie schlagen! Was soll ich tun? Ich habe Lust, mich zu verkaufen, um ihr Sklave zu werden. Du warst es! Du durftest um sie sein! Erzähle mir von ihr! Allnächtlich, nicht wahr, besteigt sie das Dach ihres Palastes? Ach, die Steine müssen erbeben unter ihren Sandalen und die Sterne sich neigen, um sie zu schauen!«

Er fiel wie in Raserei zurück und röchelte wie ein verwundeter Stier.

Dann sang er: »Er verfolgte im Walde die Unholdin, deren Schweif sich über das dürre Laub schlängelte wie ein silberner Bach.« Mit langgezogenen Tönen ahmte er dabei Salambos Stimme nach, indes die Finger seiner ausgestreckten Hände Bewegungen machten, als spielten sie in den Saiten einer Lyra.

Auf alle Trostworte des Spendius antwortete er mit den gleichen Reden. So vergingen den beiden die Nächte unter Klagen und Trostworten.

Matho wollte sich mit Wein betäuben. Doch nach der Trunkenheit war er noch trauriger. Er versuchte, sich beim Würfelspiel zu zerstreuen, wobei er nach und nach die Goldmünzen seiner Halskette verlor. Er ließ sich zu den heiligen Hetären führen; aber schluchzend kam er den Hügel wieder herab, wie jemand, der von einem Begräbnis heimkehrt.

Spendius hingegen wurde immer kühner und heiterer. Man sah ihn in den aus Reisig errichteten Schenken mitten unter den Soldaten reden. Er flickte alte Rüstungen aus, ließ sich als Gaukler mit Dolchen sehen und suchte aus den Feldern Heilkräuter für die Kranken. Er war lustig, schlau, beredt und hatte tausend gute Einfälle. Die Barbaren gewöhnten sich an seine Dienste. Er machte sich bei ihnen beliebt.

Indessen warteten sie auf einen Gesandten aus Karthago, der ihnen auf Maultieren Körbe voll Gold bringen sollte. Immer wieder überschlugen sie die alte Rechnung und malten mit den Fingern Ziffern in den Sand. Ein jeder schmiedete Pläne für die Zukunft. Die einen wollten sich Dirnen, Sklaven und Landgüter kaufen. Andre wollten ihre Schätze vergraben oder sie im Seehandel aufs Spiel setzen. Aber bei dieser Untätigkeit erhitzten sich die Gemüter. Fortwährend kam es zu Zwistigkeiten zwischen Reitern und Fußvolk, zwischen Barbaren und Griechen, und unaufhörlich gellten die schrillen Stimmen der Weiber.

Täglich langten Scharen fast nackter Männer an, die zum Schutz gegen die Sonne Gras auf dem Haupte trugen. Es waren Schuldner reicher Karthager, von ihren Gläubigern zum Frondienst auf den Feldern gezwungen und nun entronnen. Libyer strömten herbei, Bauern, die durch die Steuern zugrunde gerichtet waren, Geächtete und Missetäter. Der Troß der Krämer, die Wein- und Ölhändler, wütend darüber, daß sie nicht bezahlt wurden, begannen sich allesamt gegen Karthago zu ereifern. Spendius hielt Brandreden gegen die Republik. Bald wurden die Lebensmittel knapp. Man sprach davon, vereint auf Karthago zu marschieren und die Römer herbeizurufen.

––––––––

Eines Abends, zur Stunde der Mahlzeit, vernahm man ein dumpfes, verworrenes Geräusch, das allmählich näher kam. In der Ferne, im welligen Gelände, tauchte etwas Rotes auf.

Es war eine große Purpursänfte, die an ihren Ecken mit Büscheln von Straußenfedern geschmückt war. Kristallketten und Perlengirlanden schlugen gegen die geschlossenen Vorhänge. Kamele folgten, und die großen Glocken, die ihnen um die Hälse hingen, läuteten lärmend durcheinander. Zu beiden Seiten ritten Reiter, vom Fuße bis zum Halse in goldnen Schuppenpanzern.

Dreihundert Schritt vor dem Lager machten sie Halt, um den Behältern hinter den Sätteln ihren runden Schild, ihr breites Schwert und ihren böotischen Helm zu entnehmen. Einige blieben bei den Kamelen, die andern setzten sich wieder in Bewegung. Schließlich erschienen die Feldzeichen der Republik: blaue Holzstangen, die ein Pferdekopf oder ein Pinienapfel krönte. Die Barbaren sprangen alle auf und klatschten Beifall. Die Weiber liefen den Gardereitern entgegen und küßten ihnen die Füsse.

Die Sänfte nahte auf den Schultern von zwölf Negern, die mit kleinen, raschen Schritten im Takte liefen. Sie mußten bald nach rechts, bald nach links ausbiegen, behindert durch die Zeltschnüre, herumlaufende Tiere und die Feldkessel, in denen das Fleisch kochte. Ein paarmal schob eine fette, reichgeschmückte Hand die Vorhänge ein wenig auseinander, und eine rauhe Stimme stieß ärgerliche Worte aus. Da machten die Träger Halt und schlugen einen andern Weg quer durch das Lager ein. Nun wurden die purpurnen Vorhänge geöffnet, und man erblickte auf einem breiten Kopfkissen einen aufgedunsenen Menschenkopf mit unbeweglichen Zügen. Die Augenbrauen sahen wie zwei Bogen von Ebenholz aus, die mit den Enden aneinander stießen. Goldflitter blinkten in dem krausen Haar, und das Gesicht war bleich, wie mit Marmorstaub gepudert. Der übrige Körper verschwand unter einer Menge von Fellen.

Die Soldaten erkannten in dem Mann den Suffeten Hanno. Sie hatten noch wohl im Gedächtnisse, daß seine Langsamkeit schuld war am Verluste der Schlacht bei den Ägatischen Inseln. Und wenn er sich nach seinem Siege über die Libyer bei Hekatompylos milde gezeigt hatte, so war dies nach ihrer Meinung nur aus Habgier geschehen, denn er hatte sämtliche Gefangene auf eigene Rechnung verkauft, der Republik aber ihren Tod gemeldet.

Nachdem sich der Suffet eine Weile nach einem bequemen Platz für eine Anrede an die Soldaten umgesehen hatte, gab er einen Wink. Die Sänfte machte Halt, und auf zwei Sklaven gestützt, stieg er unbeholfen heraus.

Er trug schwarze Filzschuhe mit silbernen Monden besät. Seine Beine waren wie die einer Mumie mit Binden umwickelt, und das Fleisch quoll zwischen den sich kreuzenden Leinenstreifen hervor. Sein Bauch hing über den Scharlachschurz herab, der seine Schenkel bedeckte, und die Falten seines fetten Halses hingen ihm – wie einem Stier die Wampe – bis auf die Brust. Seine mit Blumen bestickte Tunika krachte in den Achselhöhlen. Er trug ein Bandolier, eine Feldbinde und einen schwarzen Mantel mit doppelten Puffärmeln. Der Pomp seines Anzuges, sein breites Halsband aus blauen Steinen, die goldenen Spangen und die schweren Ohrgehänge machten seine Mißgestalt noch abstoßender. Er sah aus wie ein aus Stein gehauenes plumpes Götzenbild. Das leblose Aussehen verlieh ihm der weiße Aussatz, der seinen ganzen Körper bedeckte. Lediglich seine Nase, krumm wie ein Geierschnabel, bewegte sich heftig, beim Einatmen, und seine kleinen Augen mit den klebrigen Wimpern schimmerten in hartem, metallischem Glanze. In der Hand hielt er einen Spatel aus Aloeholz, um sich die Haut zu kratzen.

Nunmehr stießen zwei Trompeter in ihre silbernen Hörner. Der Lärm legte sich, und Hanno fing an zu sprechen. Er begann mit einer Lobrede auf die Götter und auf die Republik. Die Barbaren sollten sich glücklich preisen, ihr gedient zu haben. Man müsse vernünftig sein, die Zeiten seien schwer – »und wenn ein Herr nur drei Oliven hat, ist es nicht recht, daß er zwei für sich behalte?«

Derart vermischte der alte Suffet seine Rede mit Sprichwörtern und Gleichnissen und nickte dabei in einem fort mit dem Kopfe, als wolle er damit Beifall hervorrufen.

Er sprach punisch, aber die Umstehenden (die Hurtigsten, die ohne ihre Waffen herbeigeeilt waren) waren Kampaner, Gallier und Griechen, so daß ihn von den vielen Leuten kein einziger verstand. Hanno bemerkte es, hielt inne und wiegte sich schwerfällig und nachdenklich von einem Bein auf das andre.

Er kam auf den Einfall, die Hauptleute zusammenzurufen, und seine Trompeter riefen diesen Befehl auf griechisch aus. Seit Xanthipp war Griechisch die Kommandosprache im karthagischen Heere.

Die Gardisten trieben die herandrängenden Söldner mit Peitschenhieben zurück, und alsbald nahten die Hauptleute der nach spartanischem Muster gebildeten Phalanx und die Offiziere der Barbarenkompagnien in ihren nationalen Rüstungen und mit ihren Rangabzeichen. Die Nacht war herabgesunken, und lautes Getöse erscholl ringsum in der Ebene. Da und dort brannten Lagerfeuer. Man ging von einem zum andern und fragte einander: »Was soll das? Weshalb zahlt der Suffet nicht das Geld aus?«

Hanno rechnete den Hauptleuten die außerordentlichen Lasten der Republik vor. Der Staatsschatz sei leer. Der Tribut an die Römer sei erdrückend.... »Wir wissen nicht mehr aus noch ein.... Karthago ist wirklich beklagenswert!«

Von Zeit zu Zeit kratzte er sich die Glieder mit dem Aloespatel, oder er unterbrach sich, um aus einer silbernen Schale, die ein Sklave ihm reichte, einen Trank aus Wieselasche und in Essig gekochten Spargeln zu schlürfen. Dann wischte er sich die Lippen mit einem Scharlachtuch und hub wieder an:

»Was früher einen Sekel Silber wert war, gilt jetzt drei Sekel Gold. Die während des Krieges verwahrlosten Äcker bringen nichts ein. Unsre Purpurfischereien sind fast zugrunde gerichtet, und selbst die Perlen werden äußerst selten. Kaum haben wir noch Salben genug zum Gottesdienste! Was die Nahrungsmittel anbetrifft, so will ich gar nicht davon reden.... Das ist ein Elend! Aus Mangel an Galeeren bekommen wir keine Gewürze, und wegen der Aufstände an der Grenze von Kyrene kann man sich nur mit Mühe und Not Silphium verschaffen. Sizilien, das uns viele Sklaven lieferte, ist uns jetzt verschlossen. Gestern erst habe ich für einen Badeknecht und vier Küchenjungen mehr gezahlt als für ein Paar Elefanten!«

Er entrollte ein langes Papyrusstück und verlas, ohne eine einzige Ziffer zu übergehen, alle Ausgaben, die von der Regierung gemacht worden waren: so viel hatte die Wiederherstellung der Tempel gekostet, so viel die Straßenpflasterung, so viel der Bau der Kriegsschiffe, so viel die Korallenfischerei, so viel die Vergrößerung der Syssitien und so viel die Maschinen in den Bergwerken im Lande der Kantabrer.

Aber die Hauptleute verstanden ebensowenig Punisch wie die Gemeinen, wiewohl sich die Söldner in dieser Sprache begrüßten. Man pflegte in den Barbarenheeren einige karthagische Offiziere anzustellen, die als Dolmetscher dienten. Doch hatten sich diese nach dem Kriege aus Furcht vor der Rache der Söldner unsichtbar gemacht, und Hanno hatte nicht daran gedacht, welche mitzunehmen. Überdies verlor sich seine dumpfe Stimme im Winde.

Die Griechen mit ihren ehernen Waffengehenken um den Leib lauschten gespannt und bemühten sich, Hannos Worte zu erraten, während die Bergbewohner, in Pelze gehüllt wie Bären und auf ihre mit Eisennägeln beschlagenen Keulen gestützt, ihn mißtrauisch anblickten oder gähnten. Die unaufmerksamen Gallier schüttelten grinsend ihren hohen Haarschopf, und die Wüstensöhne, in graue Wollkittel gemummt, hörten unbeweglich zu. Andre kamen von hinten herzu. Die Gardisten, von dem Schwarme gedrängt, schwankten auf ihren Pferden. Die Neger hielten brennende Fichtenzweige hoch, aber der dicke Karthager, der auf einen Rasenhügel getreten war, fuhr in seiner Ansprache fort.

Indessen wurden die Barbaren ungeduldig. Murren erhob sich. Ein jeder rief Hanno etwas zu. Der gestikulierte mit seinem Spatel. Die einen wollten die andern zum Schweigen bringen, überschrien einander und vermehrten dadurch den Tumult.

Plötzlich sprang ein Mann von dürftigem Aussehen vor Hannos Füße, entriß einem Herold die Trompete und stieß hinein. Spendius war es. Er erklärte, daß er etwas Wichtiges zu sagen hätte. Auf diese Erklärung hin, die er rasch in fünf Sprachen – griechisch, lateinisch, gallisch, libysch, balearisch – wiederholte, antworteten die Hauptleute halb belustigt, halb überrascht:

»Sprich! Sprich!«

Spendius zauderte. Er zitterte. Endlich wandte er sich an die Libyer, die am zahlreichsten anwesend waren, und sagte:

»Ihr habt alle die furchtbaren Drohungen dieses Mannes gehört!«

Hanno widersprach nicht. Somit verstand er kein Libysch, und Spendius wiederholte, um die Probe fortzusetzen, den nämlichen Satz in den andern barbarischen Sprachen.

Man blickte erstaunt einander an. Sodann aber nickten alle, in der Einbildung, Hannos Rede doch verstanden zu haben, zum Zeichen ihrer Zustimmung wie in stummer Übereinkunft mit den Köpfen.

Da begann Spendius mit gewaltiger Stimme:

»Zunächst hat er gesagt, die Götter der übrigen Völker seien neben Karthagos Göttern nur Phantasiegebilde. Er hat euch Feiglinge, Gauner, Lügner, Hunde und Söhne von Hündinnen genannt! Ohne euch – so hat er gesagt – wäre die Republik nicht gezwungen, den Römern Tribut zu zahlen, und durch eure Ausschreitungen hättet ihr die Vorräte an Wohlgerüchen, Gewürzen, Sklaven und Silphium erschöpft, denn ihr wäret im Einvernehmen mit den Nomaden an der Grenze von Kyrene! Aber die Schuldigen sollen bestraft werden! Er hat das Verzeichnis dieser Strafen verlesen. Man will sie beim Straßenpflastern, beim Schiffsbau und bei der Ausschmückung der Syssitien arbeiten lassen. Die übrigen sollen im Lande der Kantabrer in den Bergwerken Frondienste tun!«

Das gleiche wiederholte er den Galliern, den Kampanern, den Baleariern. Da die Söldner mehrere von den Eigennamen, die ihr Ohr bei Hannos Rede getroffen hatte, wieder heraushörten, so waren sie überzeugt, daß Spendius die Rede des Suffeten wortgetreu wiedergegeben habe. Etliche schrien ihm zwar zu: »Du lügst!« Doch der Lärm der übrigen verschlang ihre Stimmen.

Spendius begann abermals:

»Habt ihr nicht gesehen, daß er da draußen vor dem Lager eine Schwadron Reiter zurückgelassen hat? Auf ein Signal stürmen sie herbei, um euch alle zu erwürgen!«

Die Barbaren wandten sich nach der bezeichneten Richtung. Da, als sich die Menge gerade teilte, tauchte aus ihrer Mitte, langsam wie ein Gespenst, ein menschliches Wesen auf: tiefgebückt, abgemagert, völlig nackt, bis zu den Hüften mit langen Haaren bedeckt, die von vertrockneten Blättern, Staub und Dornen starrten. Lenden und Knie waren mit Lehm, Stroh und Leinwandfetzen verbunden. Die welke erdfarbene Haut hing um seine entfleischten Glieder wie Lumpen auf dürren Zweigen. Seine Hände zitterten und bebten beständig. Beim Gehen stützte er sich auf einen Olivenstock.

Bei den fackeltragenden Negern blieb er stehen, grinste wie ein Blödsinniger und ließ dabei sein blasses Zahnfleisch sehen. Mit großen verstörten Augen schaute er die Menge der umstehenden Barbaren an.

Plötzlich stieß er einen Schrei des Entsetzens aus, stürzte hinter sie und suchte Deckung hinter ihren Leibern. »Da sind sie! Da sind sie!« stammelte er, auf die Leibwache des Susseten weisend, die in ihrer glänzenden Rüstung unbeweglich harrte. Die Pferde, geblendet vom Scheine der Fackeln, die in der Dunkelheit sprühten, stampften mit den Hufen. Das menschliche Gespenst wand sich im Krampf am Boden und heulte:

»Sie haben alle erschlagen!«

Bei diesen Worten, in balearischer Sprache hervorgestoßen, traten die Balearier näher und erkannten in ihm einen Kameraden namens Zarzas. Ohne ihnen zu antworten, wiederholte er:

»Ja, erschlagen, alle, alle! Zerquetscht wie Trauben! Die schönen Jungen! Die Schleuderer! Meine Kameraden, meine und eure!«

Man flößte ihm Wein ein. Er heulte. Endlich fand er Worte.

Spendius vermochte seine Freude kaum zu bezwingen, indes er den Libyern und Griechen die grauenhaften Dinge verdolmetschte, die Zarzas berichtete. Er glaubte selbst kaum daran, so gelegen kamen sie ihm.

Die Balearier erbleichten, als sie vernahmen, wie ihre Landsleute umgekommen waren.

Eine Schar von dreihundert Schleuderern, die erst am Tage vorher ausgeschifft worden waren, hatte die Stunde des Abmarsches verschlafen. Als sie auf den Khamonplatz kam, waren die Barbaren schon ausgerückt, und sie sah sich wehrlos, da ihre Tonkugeln mit dem übrigen Gepäck auf die Kamele verladen waren. Man ließ sie durch die Sathebstraße marschieren bis zu dem doppelten, mit Erzplatten beschlagenen Tore aus Eichenholz. Dort hatte sich das Volk wie ein Mann auf sie geworfen.

Die Söldner entsannen sich nun, nach ihrem Abmarsch Geschrei vernommen zu haben. Spendius, der bei der Spitze der Marschkolonne geritten war, hatte nichts gehört.

Die Leichen waren in die Arme der Götterbilder gelegt worden, die um den Khamontempel herumstanden. Man schob den Ermordeten alle Verbrechen der Söldner in die Schuhe: ihre Gefräßigkeit, ihre Diebstähle, ihre Freveltaten, ihre Übergriffe und den Mord der Fische im Garten Salambos. Man verstümmelte die toten Leiber auf die schimpflichste Weise. Die Priester verbrannten das Haar, um die Seelen zu martern. Schließlich hängte man sie zerstückelt bei den Fleischhändlern auf. Einige bissen sogar hinein, und am Abend zündete man Scheiterhaufen an den Straßenecken an, um die letzte Spur von ihnen zu vertilgen.

Das waren die Feuer, die so weithin über den See geleuchtet hatten! Da dabei einige Häuser in Brand geraten waren, hatte man die Reste der Toten und Sterbenden flugs über die Mauern geworfen. Zarzas hatte sich bis zum nächsten Tage im Schilf am Seeufer verborgen gehalten. Dann war er auf den Feldern herumgeirrt und den Spuren des Heeres im Sande gefolgt. Tagsüber verbarg er sich in Höhlen; aber abends nahm er seinen Marsch immer wieder auf, mit blutenden Wunden, ausgehungert und krank, nur von Wurzeln und Aas genährt. Eines Tages endlich bemerkte er Lanzen am Horizont. Willenlos war er gefolgt, denn sein Verstand war durch Schreck und Not verstört.

Solange er erzählte, bezwangen die Soldaten ihre Entrüstung. Nun brach sie wie ein Gewitter los. Am liebsten hätten sie die Gardisten samt dem Suffeten niedergemetzelt. Einige aber legten sich ins Mittel und sagten, man müsse Hanno erst hören, zum mindesten um zu erfahren, ob sie bezahlt werden sollten. Da schrien alle: »Unser Geld!« Hanno erwiderte, er habe es mitgebracht.

Man stürzte zum Lager hinaus, und die Kamele mit dem Gepäck, von den Barbaren vorwärts getrieben, gelangten bis in die Mitte des Lagers. Ohne auf die Sklaven zu warten, öffnete man eiligst die Körbe. Man fand darin hyazinthenblaue Gewänder, Schwämme, Rasiermesser, Bürsten, Parfümerien und Antimonstifte zum Ummalen der Augen, – alles den Gardisten gehörig, reichen Leuten, die an solche Luxusdinge gewöhnt waren. Ferner entdeckte man auf einem Kamel eine große kupferne Wanne. Sie gehörte dem Suffeten, der unterwegs darin badete. Er hatte für sich jedwede Bequemlichkeit vorgesehen und sogar Wiesel aus Hekatompylos in Käfigen mitgenommen, die man lebendig verbrannte, um Arznei für ihn zu bereiten. Und da die Krankheit seine Eßlust sehr gesteigert hatte, führte er auch eine Menge von Eßwaren und Wein mit sich, Salzlake, Fleisch und Fische in Honig, Eingemachtes aus Kommagene und geschmolzenes Gänsefett, das mit Schnee und Häcksel bedeckt war. Die Vorräte waren bedeutend. Mit jedem Korbe, den man aufmachte, kam etwas Neues zum Vorschein. Die Zuschauer schüttelten sich vor Lachen.

Was den Sold betraf, so füllte er kaum zwei Spartomattenkörbe. In dem einen erblickte man sogar die runden Lederstücke, deren sich die Republik zur Ersparnis von Metallgeld bediente. Als der Suffet das große Erstaunen der Barbaren darüber merkte, erklärte er ihnen, die Prüfung ihrer Rechnungen sei sehr umständlich. Die Alten hätten noch keine Zeit dazu gehabt. Einstweilen schickten sie ihnen dies.

Da ward alles über den Haufen gerannt: Maultiere, Diener, Sänfte, Vorräte, Gepäck. Die Söldner ergriffen die Geldbeutel, um Hanno damit zu erschlagen.

Mit knapper Not erkletterte er einen Esel und entfloh, sich an die Mähne klammernd, heulend und weinend, gestoßen und gequetscht, indes er den Fluch aller Götter auf das Heer herabflehte. Sein breites Halsgehänge aus Edelsteinen flog ihm um die Ohren. Mit den Zähnen hielt er seinen zu langen Mantel fest, der hinter ihm herschleifte. Noch aus der Ferne schrien die Barbaren ihm nach: »Pack dich! Feigling! Schwein! Abschaum Molochs! Schwitze in deinem Gold und deiner Pest! Fort! Fort!« Die Leibwache galoppierte neben ihm her.

Die Wut der Barbaren besänftigte sich nicht. Man entsann sich, daß mehrere von ihnen, die sich wieder nach Karthago gewandt hatten, nicht zurückgekehrt waren. Ohne Zweifel hatte man auch sie ermordet. So viele Untaten erbitterten die Söldner. Sie begannen die Zeltpfähle auszureißen, ihre Mäntel zu rollen und die Pferde aufzuzäumen. Ein jeder griff nach Helm und Schwert, und im Nu war alles marschbereit. Wer keine Waffe hatte, eilte in die Gehölze, um sich Knüppel zu schneiden.

Der Tag brach an. Die Einwohner von Sikka erwachten und füllten die Straßen. »Sie marschieren gegen Karthago!« sagte man, und bald verbreitete sich dies Gerücht durch die ganze Gegend.

Auf jedem Fußsteige, aus jedem Hohlwege strömten Menschen herbei. Man sah die Hirten von den Bergen herabeilen.

Als die Barbaren bereits aufgebrochen waren, kam Spendius auf einem punischen Hengste von einem Ritt durch die Ebene zurück. Sein Sklave folgte ihm mit einem dritten Pferde zur Hand.

Ein einziges Zelt war stehen geblieben. Spendius trat hinein.

»Aus, Herr! Mach dich bereit! Wir marschieren!«

»Wohin?« fragte Matho.

»Nach Karthago!« rief Spendius.

Matho sprang auf das Pferd, das der Sklave vor der Tür am Zügel hielt.

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