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Gustave Flaubert: Salambo - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
titleSalambo
authorGustave Flaubert
translatorArthur Schurig
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
senderhille@abc.de
created20040117
correctorreuters@abc.de
corrected20120901
firstpub1904
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Im Zelte

Der Mann, der Salambo führte, ritt mit ihr in der Richtung nach der Totenstadt, erst bergauf, über den Leuchtturm hinaus, dann durch die langgestreckte Vorstadt Moluya mit ihren abschüssigen Gassen. Der Himmel begann hell zu werden. Balken aus Palmenholz, die aus den Mauern herausragten, zwangen sie bisweilen, sich zu bücken. Obwohl die beiden Pferde im Schritt gingen, glitten sie doch oft aus. So gelangten sie endlich an das Tevester Tor.

Die schweren Torflügel standen halb auf. Die beiden ritten hindurch. Dann schloß sich das Tor hinter ihnen.

Zuerst zogen sie eine Zeitlang am Fuße der Festungswerke hin. Auf der Höhe der Zisternen angelangt, nahmen sie die Richtung nach der Taenia, einer schmalen Nehrung aus gelbem Sande, die den Golf vom Haff trennt und sich bis nach Rades erstreckte.

Kein Mensch war zu sehen, weder in Karthago, noch auf dem Meer oder in der Ebene. Die schiefergraue Flut brandete leise, und der leichte Wind, der mit dem Schaum spielte, jagte weiße Flocken meerwärts. Trotz aller ihrer Kleider und Schleier fröstelte Salambo in der Morgenkühle. Die Bewegung und die frische Luft betäubten sie. Dann aber ging die Sonne auf. Bald brannte sie ihr auf den Hinterkopf und machte sie schläfrig. Die beiden Pferde trotteten im Paß nebeneinander her. Ihre Hufe versanken lautlos im Sande.

Als sie den Berg der Heißen Wasser hinter sich hatten, wurde der Boden fester. Nun ritten sie in flotterer Gangart weiter.

Obwohl es die Zeit des Ackerns und Säens war, dehnten sich die Felder, soweit der Blick reichte, doch öde hin wie eine Wüste. An einzelnen Stellen lagen Haufen von Getreide unordentlich da. Anderswo fielen die Körner aus überreifen Ähren. Am hellen Horizont hoben sich Dörfer in losen, zackigen, schwarzen Umrissen ab.

Hin und wieder standen rauchgeschwärzte Mauerreste am Rande des Weges. Die Dächer der Hütten waren eingestürzt, und im Innern sah man Topfscherben, Kleiderfetzen, allerlei Hausrat und Gegenstände zerbrochen und kaum noch kenntlich umherliegen. Oft kroch ein in Lumpen gehülltes Wesen mit erdfahlem Antlitz und flammenden Augen aus den Trümmern hervor, lief aber schleunigst wieder davon oder verschwand in irgendeinem Loche. Salambo und ihr Führer machten nirgends Halt.

Verödete Ebenen folgten einander. Weite Flächen hellgelben Bodens waren strichweise mit Kohlenstaub bedeckt, der hinter den Hufen der Pferde aufwirbelte. Bisweilen kamen sie auch an friedsamen Stätten vorüber, wo ein Bach zwischen hohen Gräsern rann; und wenn sie am andern Ufer wieder hinaufritten, riß Salambo feuchte Blätter ab, um sich die Hände damit zu kühlen. An der Ecke eines Oleandergebüsches machte ihr Pferd einmal einen großen Satz vor dem Leichnam eines Mannes, der am Boden lag.

Der Sklave setzte sie sofort wieder auf ihrem Sattelkissen zurecht. Er war einer von den Tempeldienern, ein Mann, den Schahabarim gelegentlich zu gefährlichen Sendungen gebrauchte.

Der Sicherheit halber lief er fortan zu Fuß zwischen den Pferden neben Salambo hin und trieb die Tiere mit dem Ende eines um den Arm geschlungenen Lederriemens an. Mitunter entnahm er einem an seiner Brust hängenden Körbchen kleine Kügelchen, die aus Weizen, Datteln und Eidotter bereitet und in Lotosblätter gewickelt waren. Er reichte sie Salambo im Gange, ohne ein Wort zu sagen.

Gegen Mittag kreuzten drei mit Tierfellen bekleidete Barbaren ihren Weg. Nach und nach tauchten noch andre auf. Sie streiften in Trupps von zehn, zwölf bis fünfundzwanzig Mann herum. Manche trieben eine Ziege oder eine lahme Kuh. Ihre schweren Stöcke waren mit Eisenspitzen versehen. Große Messer blitzten unter ihren verwahrlosten, schmutzigen Kleidern. Sie rissen die Augen auf, halb drohend, halb verblüfft. Im Vorüberziehen riefen die einen den alltäglichen Gruß, andre zweideutige Scherzworte aus, und Salambos Begleiter antwortete einem jeden in seiner Sprache. Manchen erzählte er, er begleite einen kranken Knaben, der zu seiner Heilung nach einem fernen Tempel wallfahre.

Inzwischen ward es Abend. Fern erscholl Hundegebell. Sie ritten darauf zu.

Im Dämmerschein erblickten sie eine Umfriedung aus lose aufgehäuften Steinen um ein fragwürdiges Gebäude herum. Ein Hund lief auf dem Geröll hin. Der Sklave verjagte ihn mit ein paar Steinwürfen. Sie traten in ein geräumiges Gewölbe.

Mitten darin hockte eine Frau und wärmte sich an einem Reisigfeuer, dessen Rauch durch Löcher in der Decke abzog. Ihr weißes Haar, das ihr bis auf die Knie herabreichte, verbarg sie zur Hälfte. Sie wollte keine Antwort geben und murmelte mit blöder Miene Verwünschungen gegen die Karthager wie gegen die Barbaren.

Der Läufer stöberte rechts und links herum. Dann trat er wieder zu der Alten und forderte etwas zu essen. Sie schüttelte den Kopf und murmelte, in die Kohlen starrend:

»Ich war die Hand.... Die zehn Finger sind abgeschnitten.... Der Mund ißt nicht mehr....«

Der Sklave zeigte ihr eine Handvoll Goldstücke. Die Alte stürzte sich darüber her, nahm aber alsbald ihre unbewegliche Haltung wieder an.

Da setzte er ihr den Dolch, den er im Gürtel trug, an die Kehle. Alsbald schickte sie sich zitternd an, einen großen Stein aufzuheben. Schließlich brachte sie eine Amphora voll Wein, dazu in Honig eingemachte Fische herbei, die aus Hippo-Diarrhyt bezogen waren.

Salambo wies diese unreine Speise von sich und schlief auf den Pferdedecken ein, die ihr Begleiter in einer Ecke des Gemachs auf den Boden gebreitet hatte.

Vor Tagesanbruch weckte er sie.

Der Hund heulte. Der Sklave schlich leise an ihn heran und hieb ihm mit einem einzigen Messerschlage den Kopf ab. Mit seinem Blute bestrich er die Nüstern der Pferde, um sie zu erfrischen. Die Alte schleuderte ihm aus dem Winkel einen Fluch nach. Salambo hörte ihn und drückte das Amulett, das sie an der Brust trug, fest an sich.

Sie setzten ihren Marsch fort.

Von Zeit zu Zeit fragte sie, ob sie noch nicht bald da seien. Der Weg hob und senkte sich über kleine Anhöhen hin. Man hörte nichts als das Zirpen der Grillen. Die Sonne dörrte das vergilbte Gras. Der Boden war kreuz und quer von Rissen durchzogen, so daß er aussah wie aus großen Platten zusammengefügt. Bisweilen kroch eine Schlange vorbei. Adler flogen über sie hinweg. Der Sklave eilte immer weiter. Salambo träumte unter ihrem Schleier, lockerte ihn aber trotz der Hitze nicht, aus Furcht, ihre schönen Gewänder könnten beschmutzt werden.

In regelmäßigen Abständen erhoben sich Türme, von den Karthagern erbaut, um die Stämme zu überwachen. Die beiden traten ein, um ein wenig im Schatten zu rasten, und setzten dann ihren Weg fort.

Am Tage vorher hatten sie aus Vorsicht einen weiten Umweg gemacht. Nun aber begegneten sie niemandem. Die Gegend war unfruchtbar, und die Barbaren hatten sie darum nicht durchstreift.

Allmählich aber wurden abermals Spuren von Verwüstung bemerkbar. Bisweilen lag mitten auf einem Felde eine Mosaik, der einzige Überrest eines verschwundenen Schlosses. Auch kam man an entblätterten Ölbäumen vorüber, die von ferne aussahen wie große kahle Dornbüsche. Einmal ritten die beiden durch eine Ortschaft, deren Häuser bis auf den Grund niedergebrannt waren. An den Mauern erblickte man menschliche Skelette, auch solche von Dromedaren und Maultieren. Halbzernagtes Aas versperrte die Straßen.

Die Nacht sank herab. Der Himmel hing tief und war mit Wolken bedeckt.

Noch zwei volle Stunden ritten sie in westlicher Richtung bergan, dann erblickten sie plötzlich vor sich eine Anzahl kleiner Feuer.

Sie brannten in der Tiefe eines Talkessels. Hier und da blitzten goldne Flecken auf, die sich hin und her bewegten. Das waren die Panzer der Klinabaren im punischen Lager.

Dann unterschieden sie in weiten Kreisen noch andre zahlreichere Lichter, denn die jetzt vereinigten Heere der Söldner nahmen viel Raum ein.

Salambo wollte geradeaus reiten. Doch der Läufer führte sie stark seitwärts. Bald ritten sie längs des Walles hin, der das Barbarenlager umschloß. An einer Stelle war ein Durchlaß. Der Sklave verschwand.

Auf der Krone des Walles schritt ein Posten auf und ab, einen Bogen in der Hand, eine Lanze über der Schulter.

Salambo ritt auf ihn zu. Der Barbar kniete nieder, und ein langer Pfeil durchbohrte den Saum ihres Mantels. Als sie daraufhin unbeweglich stehen blieb, rief der Posten sie an und fragte nach ihrem Begehr.

»Ich will mit Matho reden!« antwortete sie. »Ich bin ein Überläufer aus Karthago.«

Der Soldat stieß einen Pfiff aus, der sich von Posten zu Posten wiederholte.

Salambo wartete. Ihr Pferd wurde unruhig und drehte sich schnaubend im Kreise.

Als Matho kam, ging der Mond gerade hinter Salambo auf. Doch da sie ihren gelben Schleier, auf dem schwarze Blumen gestickt waren, vor dem Gesicht und so viele Gewänder um ihren Leib trug, war sie unerkennbar. Von der Höhe des Walles herab betrachtete der Libyer die formlose Gestalt, die ihm im Abendzwielicht wie ein Gespenst erschien.

Endlich sprach sie zu ihm:

»Führe mich in dein Zelt! Ich will es!«

Eine unklare Erinnerung schoß ihm durch den Kopf. Er fühlte, wie sein Herz pochte. Der gebieterische Ton schüchterte ihn ein.

»So folge mir!« sagte er.

Die Schranke fiel. Salambo war im Lager der Barbaren.

Lauter Lärm und Menschenmengen erfüllten es. Helle Feuer loderten unter aufgehängten Kesseln. Ihr purpurner Widerschein beleuchtete grell einzelne Stellen, während er andre in schwarzem Dunkel ließ. Man schrie und rief. Pferde standen in langen geraden Reihen angehalftert, in der Mitte des Lagers. Die Zelte waren rund oder viereckig, aus Leder oder Leinwand. Dazwischen sah man Schilfhütten oder auch einfache Löcher im Sande, wie sie sich die Hunde scharren. Die Soldaten fuhren Faschinen, lagen mit aufgestütztem Ellbogen auf der Erde oder schickten sich, in Decken gewickelt, zum Schlafen an. Um über sie hinwegzugelangen, mußte Salambos Pferd mehrere Male springen.

Sie entsann sich, alle diese Leute schon gesehen zu haben. Nur waren ihre Bärte jetzt länger, ihre Gesichter schwärzer und ihre Stimmen rauher. Matho schritt vor ihr her und machte ihr mit Gesten des Armes, die seinen roten Mantel lüfteten, den Weg frei. Manche der Soldaten küßten ihm die Hände. Andre sprachen ihn in ehrfürchtiger Haltung an, um Befehle zu empfangen. Er war jetzt der wirkliche einzige Feldherr der Barbaren. Spendius, Autarit und Naravas hatten den Mut verloren. Er dagegen hatte so viel Kühnheit und Ausdauer an den Tag gelegt, daß ihm alle gehorchten.

Salambo ritt hinter ihm durch das ganze Lager. Mathos Zelt lag am Ende, nur noch dreihundert Schritte entfernt von Hamilkars Verschanzungen.

Zur Rechten bemerkte sie eine breite Grube, und es kam ihr vor, als ob über ihrem Rande dicht am Boden Gesichter auftauchten. Sie sahen wie abgeschnittene Köpfe aus, doch ihre Augen bewegten sich, und ihren halbgeöffneten Lippen entflohen Klagen in punischer Sprache.

Zwei Neger mit Harzfackeln standen an beiden Seiten der Zelttür. Matho schlug hastig die Leinwand zurück. Salambo folgte ihm.

Es war ein längliches Zelt mit einem Mast in der Mitte. Eine große Lampe in Form einer Lotosblüte erleuchtete es. Sie war bis zum Rande mit gelbem Öl gefüllt. Dicke Wergflocken schwammen darauf. Im Dunkel erkannte man blinkendes Kriegsgerät. Ein bloßes Schwert lehnte neben einem Schilde an einem Schemel. Peitschen aus Flußpferdhaut, Zimbeln, Schellen und Halsketten lagen bunt durcheinander auf geflochtenen Körben. Schwarze Brotkrumen bedeckten eine Filzdecke. In einer Ecke auf einer runden Steinplatte lagen Kupfermünzen nachlässig aufgehäuft, und durch die Risse in der Leinwand blies der Wind von draußen Staub und den Geruch der Elefanten herein, die man fressen und mit ihren Ketten rasseln hörte.

»Wer bist du?« fragte Matho.

Salambo blickte sich langsam nach allen Seiten um, ohne zu antworten. Dann wandten sich ihre Augen nach dem Hintergrund des Zeltes und blieben auf einem bläulich glitzernden Gegenstand haften, der über einem Lager aus Palmzweigen hing. Sofort schritt sie darauf zu. Ein Schrei entfuhr ihr. Matho blieb hinter ihr und stampfte mit dem Fuße.

»Was führt dich her? Wozu kommst du?«

Sie wies auf den Zaimph und erwiderte.

»Um das da zu holen!«

Mit der andern Hand riß sie den Schleier von ihrem Gesicht. Matho wich zurück, betroffen, fast erschrocken, die Arme nach hinten gestreckt.

Sie fühlte sich von göttlicher Kraft beseelt. Auge in Auge schaute sie ihn an und forderte den Zaimph. Sie verlangte ihn zurück mit beredten hochmütigen Worten.

Matho hörte nicht. Er betrachtete sie. Ihre Gewänder waren in seinen Augen eins mit ihrem Leibe. Die schillernden Stoffe waren ihm ebenso wie ihre schimmernde Haut etwas ganz Besonderes, das nur ihr eigen war. Ihre Augen blitzten im Feuer ihrer Diamanten, und der Glanz ihrer Fingernägel war der Widerschein der funkelnden Steine, die ihre Finger umstrahlten. Die beiden Spangen ihrer Tunika zwängten ihren Busen ein wenig in die Höhe und preßten die beiden Brüste näher aneinander. Mathos Gedanken verloren sich in dem engen Raume zwischen diesen beiden Hügeln, wo an einer Schnur ein smaragdbesetztes Medaillon herabhing. Etwas tiefer lugte es unter der violetten Gaze hervor. Als Ohrgehänge trug sie zwei kleine Schalen aus Saphir, deren jede eine hohle, mit wohlriechender Flüssigkeit gefüllte Perle trug. Durch winzige Löcher in den Perlen sickerte von Zeit zu Zeit ein Tröpfchen des Parfüms herab und benetzte ihre nackten Schultern. Matho sah eins fallen.

Unbezähmbare Neugier ergriff ihn, und wie ein Kind, das nach einer unbekannten Frucht greift, berührte er Salambo zitternd mit der Spitze eines Fingers oben am Busen. Das kühle Fleisch gab mit elastischem Widerstand nach.

Diese kaum fühlbare Berührung erregte Matho bis in das Mark feiner Knochen. Eine wilde Wallung durchflutete seinen ganzen Körper und drängte ihn jäh nach ihr hin. Er hätte sie umschlingen, sie in sich saugen, sie trinken mögen. Seine Brust keuchte, seine Zähne klapperten aufeinander.

Er ergriff Salambo bei den Handgelenken und zog sie sanft an sich. Dann ließ er sich auf einen Harnisch neben dem Lager aus Palmzweigen nieder, auf dem ein Löwenfell ausgebreitet war. Salambo blieb aufrecht stehen. Er hielt sie zwischen seinen Schenkeln und schaute sie vom Kopf bis zu den Füßen an. Immer wieder sagte er.

»Wie schön bist du! Wie schön bist du!«

Seine Blicke, die unablässig auf ihre Augen gerichtet waren, taten ihr weh, und dieses Mißbehagen, dieser Widerwille wurde ihr so schmerzhaft, daß sie an sich halten mußte, um nicht aufzuschreien. Schahabarim fiel ihr ein. Sie fügte sich.

Matho hielt ihre kleinen Hände immerfort in den seinen, aber von Zeit zu Zeit wandte Salambo trotz des priesterlichen Gebotes den Kopf weg und versuchte, sich durch eine Armbewegung loszumachen. Er sog mit weitgeöffneten Nasenflügeln den Duft ein, der von ihr ausströmte, einen unbestimmbaren Geruch, frisch und doch betäubend wie Weihrauch, einen Duft von Honig, Gewürz, Rosen und allerlei Seltsamkeiten.

Aber wie kam sie zu ihm? In sein Zelt, in seine Gewalt? Ohne Zweifel hatte jemand sie dazu angestiftet. War sie wegen des Zaimphs gekommen? Seine Arme fielen schlaff herab. Er neigte den Kopf und versank in schwermütige Träumerei.

Um ihn zu rühren, sagte sie mit klagender Stimme:

»Was habe ich dir getan, daß du meinen Tod willst?«

»Deinen Tod?«

Sie fuhr fort:

»Ich sah dich eines Abends im Schein meiner brennenden Gärten, zwischen rauchenden Bäumen und meinen erschlagenen Sklaven, und deine Wut war so groß, daß du auf mich lossprangst und ich fliehen mußte! Dann ist der Schrecken in Karthago eingezogen. Man schrie über die Verwüstung der Städte, die Verheerung der Äcker, das Hinmorden von Soldaten, – und du, du hattest verwüstet, verheert, gemordet! Ich hasse dich! Der bloße Klang deines Namens frißt an mir wie bittere Reue! Du bist verfluchter als die Pest, als der Krieg mit Rom! Die Provinzen zittern vor deinem Zorn, die Felder sind voller Toten. Ich bin der Spur deiner Brandfackeln gefolgt, als ob ich hinter Moloch herginge!«

Matho sprang auf. Ungeheurer Stolz schwellte sein Herz. Er fühlte sich erhaben wie ein Gott.

Mit bebenden Nasenflügeln und zusammengepreßten Zähnen fuhr sie fort:

»Als ob dein Tempelraub nicht schon genug wäre, kamst du zu mir, während ich schlief, in den Zaimph gehüllt. Deine Worte habe ich nicht verstanden, aber ich habe wohl gefühlt, daß du mich zu etwas Schändlichem verführen, mich in einen Abgrund stürzen wolltest....«

Matho rang die Hände und rief:

»Nein, nein! Ich wollte ihn dir schenken! Ihn dir zurückgeben! Mir war, als hätte die Göttin ihr Gewand für dich hergegeben, als gehörte es dir! In ihrem Tempel oder in deinem Hause, – ist das nicht dasselbe? Bist du nicht allmächtig, rein, glänzend und schön wie Tanit?«

Und mit einem Blick voll unendlicher Anbetung fuhr er fort:

»Vielleicht bist du Tanit selbst!«

»Ich, Tanit?« flüsterte Salambo wie zu sich selbst.

Sie schwiegen beide. Donner rollten in der Ferne. Vom Gewitter erschreckt, blökten Schafe.

»Komm näher!« hub er wieder an. »Komm näher! Fürchte nichts!

»Ehedem war ich nur ein gemeiner Soldat im großen Haufen der Söldner. Ich war so sanftmütig, daß ich für die andern das Holz auf dem Rücken schleppte. Was kümmert mich eigentlich Karthago! Sein Menschengewühl wimmelt wie verloren im Staube deiner Sandalen, und nach all seinen Schätzen, all seinen Provinzen, Flotten und Inseln gelüstet mich weniger als nach der Frische deiner Lippen und der Rundung deiner Schultern. Ich wollte seine Mauern brechen, um zu dir zu gelangen, um dich zu besitzen! Inzwischen habe ich mich gerächt. Ich zertrete jetzt die Menschen wie Muschelschalen, ich werfe mich auf die Regimenter, ich stoße mit den Händen die Lanzen beiseite, ich packe die Hengste an den Nüstern. Mich tötet das schwerste Geschütz nicht! O, wenn du wüßtest, wie ich mitten im Kampfe an dich denke! Zuweilen ergreift mich plötzlich die Erinnerung an eine Gebärde von dir, an eine Falte deines Gewandes. Das umschlingt mich wie ein Netz. Ich sehe deine Augen in den Flammen der Brandpfeile und auf dem Gold der Schilde. Ich höre deine Stimme im Schalle der Zimbeln. Wende ich mich um, und du bist nicht da, – dann stürze ich mich von neuem ins Schlachtgewühl!«

Er reckte die Arme hoch, an denen sich die Adern kreuzten, wie Efeuranken am Stamme eines Baumes. Schweiß rann zwischen den mächtigen Muskeln seiner Brust hinab. Sein Atem erschütterte seine Rippen und den ehernen Gürtel mit dem Riemenbesatz, der ihm herabreichte bis auf die Knie, die fester waren als Marmor. Salambo, die nur Eunuchen gesehen hatte, ward von der Kraft dieses Mannes hingerissen. Das war die Strafe der Göttin oder der Zauber Molochs, der um sie her in fünf Heeren sein Wesen trieb! Mattigkeit ergriff sie. Halb betäubt hörte sie kaum noch den Ruf der Posten draußen, die in Intervallen einander zuriefen.

Die Flammen der Lampe flackerten unter dem stoßweise eindringenden heißen Winde. Zuweilen zuckten grelle Blitze. Hinterher ward die Dunkelheit immer um so tiefer, und sie sah nichts mehr als Mathos Augen wie zwei glühende Kohlen durch die Nacht leuchten. Eins fühlte sie: daß das Schicksal sie hierher geleitet hatte, daß sie vor einer wichtigen unwiderruflichen Entscheidung stand. Sich aufraffend, ging sie auf den Zaimph zu und hob die Hände, um ihn zu ergreifen.

»Was tust du?« rief Matho.

»Ich kehre nach Karthago zurück!« erwiderte sie ruhig. Er schritt mit verschränkten Armen und so furchtbarer Miene auf sie zu, daß sie wie angewurzelt stehen blieb. »Du kehrst nach Karthago zurück?« stammelte er. Und zähneknirschend wiederholte er: »Du kehrst nach Karthago zurück? So, du kamst also, mir den Zaimph zu rauben, mich wehrlos zu machen und dann zu verschwinden! Nein, nein! Du gehörst mir! Und niemand soll dich mir wieder entreißen! Ach, ich habe den Hochmut deiner großen stillen Augen nicht vergessen, noch, wie du mich mit deiner hehren Schönheit zu Boden schmettertest! Jetzt ist die Reihe an mir! Du bist meine Gefangene, meine Sklavin, meine Magd! Rufe, soviel du willst, deinen Vater und sein Heer, die Alten, die Patrizier und dein ganzes verruchtes Volk! Ich bin der Herr über dreimalhunderttausend Soldaten! Und noch mehr werde ich herbeiholen aus Lusitanien, aus Gallien und aus dem Schoße der Wüste, um deine Stadt zu zerstören und alle ihre Tempel zu verbrennen! Die Kriegsschiffe sollen auf einem Meere von Blut schwimmen! Kein Haus, kein Stein, kein Palmbaum soll von Karthago übrig bleiben! Und wenn mir die Menschen fehlen, so hole ich die Bären aus den Gebirgen und treibe die Löwen in den Kampf. Versuche nicht zu entfliehen! Ich töte dich!«

Bleich und mit geballten Fäusten stand er da und bebte wie eine Harfe, deren Saiten zu zerspringen drohen. Plötzlich aber erstickte seine Stimme in Schluchzen, und er sank in die Knie:

»O, vergib mir! Ich bin ein Ruchloser und weniger wert als ein Skorpion, als Kot und Staub! Eben als du sprachst, wehte dein Atem über mein Gesicht, und ich erquickte mich daran wie ein Verschmachtender, der am Rand eines Baches liegt und trinkt. Zertritt mich! Wenn ich nur deine Füße fühle! Verfluche mich! Wenn ich nur deine Stimme höre! Geh nicht fort! Habe Mitleid! Ich liebe dich! Ich liebe dich!«

Er lag vor ihr auf den Knien, den Kopf zurückgeneigt, und umschlang ihre Hüften mit beiden Armen, mit zuckenden Händen. Die Goldmünzen an seinen Ohren glänzten auf seinem bronzefarbenen Hals. Dicke Tränen quollen aus seinen Augen wie silberne Kugeln. Er seufzte verliebt und murmelte sinnlose Worte, die leiser als ein Hauch und süßer als ein Kuß waren.

Salambo ward von einer weichen Wollust ergriffen, die ihr alles Bewußtsein raubte. Etwas Innigmenschliches und doch Hocherhabenes, ein Gebot der Götter zwang sie, sich darein zu verlieren. Wolken trugen sie empor, und halb ohnmächtig sank sie nieder auf das Lager, in das Löwenfell. Matho ergriff sie an den Füßen. Da zersprang das goldne Kettchen, und die beiden Enden raschelten gegen die Leinwand wie zwei zuckende Schlangen. Der Zaimph fiel herab und umhüllte Salambo. Sie sah Mathos Antlitz sich über ihre Brüste neigen.

»Moloch, du verbrennst mich!«

––––––––

Die Küsse des Soldaten überliefen sie verzehrender als Flammen. Es war, als ob ein wilder Sturm sie fortriß, als ob die Glut der Sonne sie durchlodere.

Er küßte alle ihre Finger, ihre Hände, ihre Arme, ihre Füße, die langen Flechten ihres Haars.

»Nimm den Mantel mit!« sprach er. »Was liegt mir daran! Entführe aber auch mich! Ich will das Heer verlassen! Will auf alles verzichten! Dort hinter Gades, zwanzig Tageslängen weit im Meere, da liegt eine Insel, übersät von Goldstaub, Bäumen und Vögeln. Auf den Bergen wiegen sich große Blumen, voll Düften, die emporwirbeln wie der Rauch heiliger ewiger Lampen. Von Limonenbäumen, die höher ragen als Zedern, werfen milchweiße Schlangen mit diamantenen Zähnen die Früchte hinunter auf den Rasen. Die Luft ist so mild, daß man nicht sterben kann. O, diese Insel will ich finden, du sollst sehen! Wir werden in Kristallgrotten leben, am Fuße der Hügel. Noch wohnt niemand dort, und ich werde König des Landes werden!«

Er wischte den Staub von ihren Schuhen. Er wollte ihr ein Stück Granatapfel zwischen die Lippen stecken. Er schob ihr Decken unter den Kopf, um ein Kissen für sie zu schaffen. Er suchte ihr auf alle Weise dienstbar zu sein und breitete schließlich den Zaimph über ihre Füße wie eine gewöhnliche Decke.

»Hast du noch die kleinen Gazellenhörner, an denen deine Halsbänder hingen?« fragte er. »Die sollst du mir schenken! Ich habe sie so gern!«

Er plauderte, als ob der Krieg beendet wäre. Fröhliches Gelächter entquoll ihm. Die Söldner, Hamilkar, alle Hindernisse waren jetzt verschwunden. Der Mond kam zwischen zwei Wolken hervor. Sie erblickten ihn durch ein Loch des Zeltes.

»Ach, wie viele Nächte habe ich verbracht, in seinen Anblick versunken! Es war mir, als sei er ein Schleier, der dein Antlitz verbarg. Du blicktest mich durch ihn an. Die Erinnerung an dich ward eins mit seinem Licht. Ich unterschied euch nicht mehr!«

Sein Kopf ruhte zwischen ihren Brüsten. Er weinte ohne Ende.

»Das ist er also!« dachte Salambo. »Der furchtbare Mann, vor dem Karthago zittert!«

Er schlief ein. Sie entwand sich seinen Armen und setzte einen Fuß auf die Erde. Da bemerkte sie, daß ihr Kettchen zersprungen war.

Man gewöhnte die Jungfrauen der vornehmen Häuser daran, diese Fessel als etwas nahezu Heiliges anzusehn. Errötend knüpfte Salambo die Kette um ihre Knöchel wieder zusammen.

Karthago, Megara, das väterliche Schloß, ihre Kemenate, die Gegend, die sie durchritten, alles das tauchte in wildem bunten Wirrwarr vor ihr auf, aber doch in klaren Bildern. Ein tiefer Abgrund hatte plötzlich alles das von ihr getrennt und in unendliche Ferne gerückt.

Das Gewitter verzog sich. Ab und zu klatschte noch ein Regentropfen auf das Zeltdach und brachte es in leise zitternde Bewegung.

Matho lag wie ein Trunkener schlafend auf der Seite. Ein Arm von ihm hing über den Rand des Lagers hinab. Seine perlengeschmückte Binde hatte sich ein wenig verschoben und ließ seine Stirn frei. Ein Lächeln umspielte seine halbgeöffneten Lippen. Die Zähne glänzten zwischen seinem schwarzen Barte, und um seine nicht ganz geschlossenen Augen lachte stille Heiterkeit, die Salambo beinahe kränkte. Sie stand vor seinem Lager und blickte ihn unbeweglich an, mit gesenktem Haupt und übereinandergelegten Händen.

Am Kopfende des Bettes lag auf einem Tisch von Zypressenholz ein Dolch. Der Anblick der funkelnden Klinge erregte in Salambo ein blutdürstiges Verlangen. Es war ihr, als klagten ferne Stimmen durch die Nacht, ein sie beschwörender Geisterchor. Sie trat näher, sie faßte den Stahl beim Griff. Ihre Gewänder streiften den Schläfer. Da öffnete Matho die Augen. Er berührte mit seinen Lippen ihre Hände, und der Dolch fiel zu Boden.

Draußen erhob sich Geschrei. Erschreckende Helle leuchtete hinter dem Zelt auf. Matho schlug die Leinwand am Eingang zurück: das Lager der Libyer stand in Flammen.

Die Schilfhütten brannten. Die Rohrstäbe krümmten sich, platzten im Qualm und schossen wie Pfeile davon.

Am blutroten Horizont sah man schwarze Schatten wirr durcheinander laufen. In den Hütten heulten drin Verbliebene. Elefanten, Rinder und Pferde jagten mitten durch das Getümmel und zertraten Menschen, Kriegsgerät und das aus den Flammen gerettete Gepäck. Dazu Trompetensignale. Alles rief: »Matho! Matho!« Man wollte in sein Zelt eindringen. »Komm! Hamilkar verbrennt Autarits Lager!«

Er stürmte hinaus. Salambo blieb allein zurück.

Sie betrachtete den Zaimph, und als sie ihn sattsam angeschaut hatte, war sie erstaunt, das Glück nicht zu fühlen, das sie sich davon ersehnt hatte. Schwermütig stand sie vor ihrem unerfüllten Traume.

Da ward der Saum des Zeltes aufgehoben, und eine unförmige Gestalt erschien. Salambo erkannte anfangs nichts als zwei Augen und einen langen weißen Bart, der bis zur Erde hinabhing, denn der übrige Körper kroch über den Boden, durch die Lumpen eines gelbroten Gewandes behindert. Bei jeder Bewegung des Vorwärtskriechenden verschwanden die beiden Hände im Barte und kamen dann wieder hervor. So schleppte sich die Gestalt bis vor Salambos Füße. Jetzt erkannte sie den alten Gisgo.

Die Söldner hatten den gefangenen Gerusiasten, damit sie nicht entflohen, mit Eisenstangen die Beine zerschmettert und ließen sie alle durcheinander in der Grube im Unrat verkommen. Nur die Stärksten richteten sich schreiend hoch, wenn sie das Klappern der Kochgeschirre vernahmen. So hatte Gisgo Salambo bemerkt. An den kleinen Achatkugeln, die an ihre Schuhe schlugen, hatte er erraten, daß es eine Karthagerin sein müsse, und ergriffen von der Ahnung eines wichtigen Geheimnisses, war es ihm mit Hilfe seiner Leidensgefährten gelungen, aus der Grube hinauszuklettern. Dann hatte er sich auf Ellbogen und Händen die zwanzig Schritte weiter bis zu Mathos Zelt geschleppt. Zwei Stimmen sprachen darin. Er hatte draußen gelauscht und alles gehört.

»Du bist's!« sagte sie nach einer Weile, ganz entsetzt.

Gisgo richtete sich auf den Händen empor und erwiderte:

»Ja, ich bin's! Man hält mich wohl für tot, sag?«

Sie senkte den Kopf. Er redete weiter:

»O, warum haben mir die Götter diese Gnade nicht erwiesen?« Dabei kroch er so nahe an sie heran, daß er sie streifte. »Sie hätten mir den Schmerz erspart, dich verfluchen zu müssen!«

Salambo wich hastig zurück. Ihr graute es vor diesem schmutzigen Wesen, das scheußlich war wie ein Gespenst und schrecklich wie ein Ungeheuer.

»Ich bin fast hundert Jahre alt,« fuhr er fort. »Ich habe Agathokles gesehen und Regulus. Hab es erlebt, daß die römischen Adler die Ernte der punischen Felder zertraten. Hab alle Greuel des Krieges geschaut und das Meer bedeckt gesehen mit den Trümmern unsrer Flotte! Barbaren, deren Feldherr ich war, haben mich nun an Händen und Füßen gefesselt wie einen Sklaven, der einen Mord begangen hat. Meine Gefährten sterben einer nach dem andern um mich her. Der Gestank ihrer Leichen läßt mich nachts nicht schlafen. Ich wehre die Vögel ab, die ihnen die Augen aushacken wollen. Und dennoch: nicht einen Tag hab ich an Karthago verzweifelt! Und hätte ich alle Heere der Welt im Kriege gegen die Stadt gesehen, und wären die Feuer der Belagerer höher als die Giebel seiner Tempel aufgelodert, – ich hätte doch an Karthagos Ewigkeit geglaubt! Jetzt aber ist alles zu Ende, alles verloren! Die Götter verabscheuen es! Fluch über dich, die du durch deine Schandtat seinen Untergang beschleunigt hast!«

Sie wollte reden....

»Ich war hier!« rief er aus. »Ich habe dich in girrender Liebe gesehen wie eine Dirne! Ein Barbar hat dir seine Geilheit gezeigt, und du hast ihm deine Hände zum Kusse gereicht! Und wenn du deiner schamlosen Liebeswut auch nachgabst, so mußtest du wenigstens dem Beispiel der wilden Tiere folgen, die sich bei der Paarung verbergen, nicht aber deine Schande angesichts deines Vaters zur Schau stellen!«

»Ich verstehe dich nicht!« versetzte Salambo.

»So! Wußtest du nicht, daß die beiden Heereslager nur sechzig Ellen voneinander entfernt sind? Und daß dein Matho im Übermaß seiner Frechheit sein Zelt unmittelbar vor den Augen Hamilkars aufgeschlagen hat? Dein Vater steht dort hinter dir, und wenn ich den Steg hinaufsteigen könnte, der auf den Wall hinaufführt, so würde ich ihm zurufen: Komm und sieh deine Tochter in den Armen des Barbaren! Um ihm zu gefallen, hat sie das Kleid der Göttin angelegt, und mit ihrem Leibe gibt sie ihm den Ruhm deines Namens preis und die Majestät unsrer Götter und die Rache des Vaterlandes, ja das Heil Karthagos!«

Bei den Bewegungen seines zahnlosen Mundes flatterte sein langer Bart. Seine Augen starrten Salambo an, wie um sie zu verschlingen, und im Staube kriechend, wiederholte er keuchend:

»Gottlose! Verflucht seist du! Verflucht! Dreimal verflucht!«

Salambo hatte die Leinwand aufgehoben und hielt sie mit ausgestrecktem Arme hoch. Stumm blickte sie nach Hamilkars Lager hinüber.

»Dort drüben, nicht wahr?« fragte sie.

»Was kümmerts dich! Hebe dich von hinnen! Weg von hier! Wühle dein Antlitz lieber tief in den Boden ein! Das dort ist ein heiliger Ort, den dein Blick entweiht!«

Sie warf sich den Zaimph um die Schultern, raffte hastig ihren Schleier, ihren Mantel und ihr Schultertuch auf und rief:

»Ich will hin!«

Damit schlüpfte sie hinaus und verschwand.

Zunächst schritt sie durch das Dunkel, ohne jemandem zu begegnen, denn alles eilte zur Brandstätte. Der Lärm ward immer heftiger. Große Flammen röteten den Himmel hinter ihr. Der lange Wall versperrte ihr den Weg.

Ziellos wandte sie sich nach rechts und nach links, suchte eine Leiter, einen Strick, eine Treppe, irgend etwas, was ihr hinaufhelfen könne. Sie hatte Furcht vor Gisgo, und es kam ihr vor, als ob Schreie und Schritte sie verfolgten. Der Morgen dämmerte. Da gewahrte sie einen Fußsteig, der schräg an der Schanze hinaufführte. Sie nahm den Saum ihres Gewandes, der sie behinderte, zwischen die Zähne und gelangte mit drei Sprüngen auf den Wall hinauf.

Ein lauter Ruf erklang unter ihr im Dunkeln, der nämliche, den sie jüngst am Fuße der Galeerentreppe vernommen hatte. Sie beugte sich vor und erkannte den Diener Schahabarims mit den beiden Pferden, die er an den Zügeln hielt.

Er war die ganze Nacht zwischen den beiden Lagern hin und her gestreift. Schließlich war er, durch die Feuersbrunst beunruhigt, an den Wall herangegangen und hatte versucht, zu erspähen, was in Mathos Lager vorgehe. Da er wußte, daß diese Stelle Mathos Zelt am nächsten lag, so hatte er sie, dem Gebote des Priesters getreu, nicht wieder verlassen.

Er stellte sich aufrecht auf eins der Pferde. Salambo glitt vom Walle zu ihm hinunter. Dann umritten sie galoppierend das punische Lager, um einen Eingang zu finden.

––––––––

Matho war in sein Zelt zurückgekehrt. Die qualmende Lampe erhellte es schwach. Er glaubte, Salambo schliefe. Behutsam tastete er mit der Hand über das Löwenfell auf dem Palmenlager. Er rief. Keine Antwort. Da riß er heftig ein Stück aus der Leinwand des Zeltes, damit das Licht eindringe: der Zaimph war verschwunden.

Der Erdboden erbebte unter zahllosen Tritten. Lautes Geschrei, Pferdegewieher und Waffengeklirr scholl durch die Luft. Trompetensignale riefen zu den Alarmplätzen. Wie ein Orkan wirbelte es um den Rebellenführer her. In maßloser Wut griff er nach seinen Waffen und stürzte hinaus.

In langen Kolonnen stiegen die Barbaren den Hang hinab, während ihnen die punischen Karrees in schwerfälligem, taktmäßigem Marsche entgegenrückten. Der Nebel war eben von den ersten Sonnenstrahlen zerrissen worden.

Kleine tanzende, allmählich höher fliegende Wölkchen flatterten um die Standarten, Helme und Lanzenspitzen, die mehr und mehr sichtbar wurden. Bei der raschen Bewegung der Truppenmassen schien es, als ob sich ganze Teile des Bodens, die noch im Schatten lagen, mit einem Male verschöben. An andern Stellen war es, als ob sich Gießbäche kreuzten, aus denen unbewegliche stachlige Massen herausragten. Matho konnte die Hauptleute, die Soldaten, die Herolde erkennen, sogar die Troßknechte auf ihren Eseln. Mit einem Male sah er, wie Naravas seine bisherige Stellung, in der er die Flanke des Fußvolks decken sollte, verließ und nach rechts abschwenkte, als wolle er sich von den Puniern in seine eigne Flanke fallen lassen.

Seine Reiter galoppierten über die Elefanten hinaus, die nunmehr langsamer vorrückten. Die Pferde der Numidier verstärkten ihr Tempo. Mit weit vorgestreckten zügellosen Hälsen stürmten sie in so wilder Fahrt dahin, daß ihre Bäuche die Erde zu berühren schienen. Plötzlich ritt Naravas geradenwegs auf eine der feindlichen Patrouillen los, warf Schwert, Lanze und Wurfspeere von sich und verschwand alsbald unter den Karthagern. Als der Numidierfürst in das Zelt Hamilkars trat, wies er rückwärts auf seine Schwadronen, die Halt gemacht hatten, und sagte:

»Barkas! Ich führe sie dir zu! Sie sind dein!«

Dann warf er sich zum Zeichen der Unterwürfigkeit vor Hamilkar nieder, und um ihm seine Treue zu beweisen, erinnerte er ihn an alle Einzelheiten seines Verhaltens seit dem Ausbruche des Krieges.

Nach seiner Behauptung hatte er die Belagerung von Karthago [Einzelheiten über die Belagerung Karthagos durch die Söldner sind uns nicht überliefert. Flaubert kam es darauf an, das typische Bild einer Städtebelagerung jener Zeit zu geben. Über die Geschütze und Belagerungsmaschinen der Alten vgl. W. Rüstow und H. Köchly, Geschichte des griechischen Kriegswesens, Aarau, 1852, und Adolf Bauer, Die griechischen Kriegsaltertümer, 2. Aufl., München, 1892.] und die Niedermetzelung der Gefangenen verhindert. Ferner hätte er den Sieg über Hanno nach der Niederlage bei Utika nicht ausgenutzt. Was die tyrischen Städte beträfe, so befänden sie sich ja an den Grenzen seines Reiches. Endlich hätte er sich an der Schlacht am Makar nicht beteiligt, ja, sich absichtlich entfernt, um nicht gegen den Marschall kämpfen zu müssen.

In Wahrheit hatte Naravas sein Reich durch Einfälle in die punischen Provinzen vergrößern wollen und daher die Söldner je nach den Siegesaussichten bald unterstützt, bald im Stiche gelassen. Weil er jetzt aber einsah, daß Hamilkar am Ende doch triumphieren würde, ging er zu ihm über. Vielleicht lag seinem Abfall auch persönlicher Groll gegen Matho zugrunde, sei es wegen des Oberbefehls oder wegen seiner alten Liebe.

Der Suffet hörte ihn an, ohne ihn zu unterbrechen. Der Mann, der sich derart in ein Heer hineinwagte, dessen Rache er gewärtig sein mußte, war kein zu verachtender Bundesgenosse. Sofort erkannte Hamilkar die Nützlichkeit des Bündnisses mit ihm für seine großen Pläne. Mit Hilfe der Numidier vermochte er die Libyer in Schach zu halten. Dann konnte er die westlichen Völker bei der Eroberung Spaniens mit verwenden.

Ohne ihn zu fragen, warum er nicht früher gekommen sei, und ohne eine seiner Lügen zu widerlegen, küßte er Naravas und umarmte ihn dreimal.

Um eine Entscheidung herbeizuführen, lediglich aus Verzweiflung, hatte er das Lager der Libyer in Brand gesteckt. Die Numidier kamen ihm wie eine von den Göttern gesandte Hilfe. Er verbarg aber seine Freude und erwiderte:

»Mögen die Götter dir gnädig sein! Ich weiß nicht, was die Republik für dich tun wird, aber Hamilkar ist kein Undankbarer!«

Das Getöse nahm zu. Stabsoffiziere traten ein. Während Hamilkar seine Rüstung anlegte, sagte er:

»Rasch! Mache Kehrt! Treibe mit deinen Reitern ihr Fußvolk zwischen deine und meine Elefanten! Vorwärts! Vernichte sie!«

Naravas wollte hinausstürzen, da erschien Salambo. Sie sprang von ihrem Pferde, öffnete ihren weiten Mantel, breitete die Arme aus und entfaltete den Zaimph.

Vom Lederzelt aus, das an den Ecken hochgeschlagen war, übersah man den ganzen Umkreis des von Soldaten erfüllten Gebirgskessels, und da Salambo gleichsam im Mittelpunkte stand, so erblickte man sie von allen Seiten. Ein ungeheurer Lärm brach aus, ein langer Triumph- und Hoffnungsschrei. Die vorrückenden Kolonnen standen still. Sterbende stützten sich auf ihre Ellbogen auf, schauten hin und segneten sie. Auch alle Barbaren wußten nun, daß sie den Zaimph zurückgeholt hatte. Sie sahen Salambo von ferne oder glaubten sie zu sehen. Von neuem ertönten Rufe, Schreie der Wut und der Rache, dem Jubel der Karthager zum Trotz. So stampften und brüllten fünf Heere aus ihren an den Hängen gestaffelten Stellungen.

Keines Wortes mächtig, dankte Hamilkar mit einem Nicken des Hauptes. Seine Augen richteten sich bald auf den Zaimph, bald auf seine Tochter. Da bemerkte er, daß ihre Fußkette zerrissen war. Er schauderte zusammen, von furchtbarem Argwohn gepackt. Doch rasch nahm er seine gleichgültige Miene wieder an und blickte Naravas, ohne den Kopf zu wenden, von der Seite an.

Der Numidierfürst war in bescheidener Haltung zurückgetreten. Auf seiner Stirn lag noch etwas von dem Staube, den er beim Niederfallen berührt hatte. Nach einer Weile trat der Marschall auf ihn zu und sagte in feierlicher Weise:

»Zum Lohne für die Dienste, die du mir geleistet, Naravas, gebe ich dir meine Tochter zum Weibe! Sei mir Sohn und Bundesgenosse!«

Mit einer Gebärde der größten Überraschung, beugte sich Naravas über Hamilkars Hände und bedeckte sie mit Küssen.

Salambo stand unbeweglich wie eine Bildsäule da. Sie tat, als verstünde sie den Vorgang nicht. Sie errötete aber leicht und schlug die Augen nieder. Und ihre langen geschweiften Wimpern warfen Schatten über ihre Wangen.

Hamilkar ließ auf der Stelle die Zeremonie des unlösbaren Verlöbnisses vollziehen. Man legte Salambo eine Lanze in die Hand, die sie Naravas reichte. Dann band man die Daumen der Verlobten mit einem Riemen aus Rindsleder zusammen und streute ihnen Korn auf die Häupter, das um sie her niederfiel und wieder aufsprang wie Hagelschlag.

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